Flucht aus Afghanistan Familien in Sorge und Angst   

Rund 120 Menschen wurden mit dem zweiten Evakuierungsflug der Bundeswehr vor den Taliban gerettet. Auch Frauen und Kinder waren darunter. Nach einem Zwischenstopp in Usbekistan geht es für viele von ihnen weiter nach Deutschland.

Nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul und ihrer Rückkehr an die Macht, versuchen viele Afghan*innen außer Landes zu kommen. Von Zehntausenden ist die Rede. Einige Bundesländer, darunter auch Hamburg und Schleswig-Holstein haben die Aufnahme Geflüchteter angekündigt und bereits gestartet. Doch es liegt Vieles noch im Unklaren. Einordnungen von Expert*innen der Geflüchtetenarbeit in der evangelischen Kirche in Hamburg.

„Viele unserer afghanischen Brüder und Schwestern in unserer Gemeinde sind in Sorge um ihre Angehörigen“, sagt Carsten Hokema, Pastor in der Christuskirche Altona. In seiner Gemeinde gibt es eine Gemeinschaft Afghanischer Christen. „In unseren Gottesdiensten haben wir für die Menschen in Afghanistan gebetet. Mehr können wir leider im Moment nicht tun.“

Tatsächlich sind die Möglichkeiten zu helfen derzeit noch sehr begrenzt, Sorgen und Ängste groß. „Viele Afghan*innen sprechen uns an in Angst um Familie und Freund*innen. Ihre Verzweiflung und Ohnmacht mitzuerleben, ist schwer“, erzählt Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der evangelischen Kirche in Hamburg und Norddeutschland.  Bei Diakonie und Caritas gehen viele Hilfegesuche von Menschen ein, deren Familien in Teilen in Afghanistan leben. Konkret jedoch lässt sich im Moment nichts tun.

 

Recht auf Evakuierung gilt nicht für alle Menschen

Denn nicht alle Menschen dürfen derzeit evakuiert werden. Nach aktueller Rechtslage sind es deutsche Staatsbürger*innen sowie ihre unmittelbaren Angehörigen (Ehegatten, minderjährige Kinder) sowie Ortskräfte und deren Familien.

Dazu kommen noch afghanische Journalist*innen, Menschenrechtler*innen sowie Mitarbeitende von NGO, jeweils samt ihren Familien. Bisher aber ist nicht geplant, Personen, die berechtigt sind, den Familiennachzug zu einem in Deutschland lebenden Verwandten zu beantragen, bei der Evakuierung zu berücksichtigen, teilt das Auswärtige Amt mit.

Jochims beobachtet die Entwicklungen mit großer Sorge um die Menschen in Afghanistan. „Noch geben sich viele Taliban auffallend gemäßigt. Gleichzeitig aber hören wir von ersten Hinrichtungen und Berufsverboten. In einem willkürlich-gewaltvollen Klima von Angst und Unterdrückung ist im Grunde jede*r gefährdet.“ Die derzeitige Priorisierung an Schutzbedürftigkeit sei schwierig, sagt Jochims. Auch weil die wenigsten Menschen der als besonders schutzbedürftig Identifizierten überhaupt noch die Möglichkeit hätten, zum Flughafen in Kabul zu gelangen. „Keine Priorisierung mehr vorzunehmen, hieße aber, dass die ‚Stärksten und Schnellsten‘ im Zweifelsfall den verzweifelten Wettlauf um Schutz gewinnen. Priorisierung und Entbürokratisierung sind notwendig.“

 

Vergleiche mit 2015 nicht angemessen

Angesichts der Bilder aus Kabul waren Anfang der Woche schnell Parallelen zu 2015 gezogen. Jochims: „Die Situation ist insofern ähnlich, als dass es eine große Zahl von Menschen gibt, die aus begründeter Angst um ihr Leben ihr Land zu verlassen versuchen. Allerdings gibt es so gut wie keine Wege, auf die sie sich noch machen können. Die Grenzen sind größtenteils geschlossen, Deals wie mit der Türkei hindern die Menschen zusätzlich.“

Dirk Hauer vom Diakonischen Werk Hamburg vermutet, dass die Flüchtlingszahlen nicht so hoch sein werden wie 2015. „Aber eigentlich ist das auch egal: Man kann den Menschen ja nicht verbieten zu fliehen oder in einem Kriegs- und Krisengebiet eine Quote festlegen.“ Entschieden kritisieren Jochims und Hauer Aussagen wie `2015 dürfe sich nicht wiederholen´. Wer einen solchen Satz äußere, sagt im Prinzip entweder, dass er oder sie die Rechte Geflüchteter aushebeln möchte oder aber dass Geflüchtete gar nicht erst nach Deutschland kommen sollen, so Hauer. „Beides legt die Axt an die Rechtsstaatlichkeit und humanitäre und menschenrechtliche Grundorientierung in unserem Land.“

 

Hamburg will mehr als 200 Afghan*innen aufnehmen

In einer Twitter-Nachricht von Dienstag teile Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher mit: „Die Bundeswehr ist unterwegs, um bis zu 250 Gerettete aus Afghanistan mit 13 Bussen vom Frankfurter Flughafen in die Erstaufnahme nach Hamburg zu bringen“. Das Aufnahmeprogramm von Schleswig-Holstein nimmt vor allem auf Frauen und Kinder in den Blick.

„In vielen Bundesländern gibt es Bereitschaft zur Aufnahme. Jetzt wird es darauf ankommen, schnell von der Solidaritätsbekundung ins Handeln zu kommen“, sagt Jochims. Mit entsprechendem Willen sei es möglich, bereits geschlossene Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg  wieder zu öffnen. „Auch lebt in Hamburg die größte afghanische Exil-Community in Deutschland. Viele warten seit langem auf den Nachzug von Familienmitgliedern, die hier aufgenommen werden würden. Und es gibt in Hamburg nach wie vor ein Netz von zivilgesellschaftlich und kirchlich Engagierten, die die Stadt umgehend und gern unterstützen würden bei Aufnahme und Begleitung.“

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Kundgebung am Sonntag: Die Flüchtlingsorganisation "Seebrücke Hamburg" lädt zu einer Demonstration "Solidarität mit der afghanischen Bevölkerung - Für Bleiberecht und sichere Fluchtwege" an diesem Sonntag ein. Auftakt ist um 17 Uhr am Jungfernstieg.

Der Flüchtlingsrat Niedersachsen hat eine Reihe von Anlaufstellen und Kontakte für hilfesuchende Afghan*innen zusammengefasst.

Infos und Anlaufstellen zur aktuellen Situation in Afghanistan bei hamburgasyl