Gedanken am Altjahrsabend 2020 und für ein neues Jahr 2021

Losung: Der HERR hört mein Flehen, mein Gebet nimmt der HERR an. Psalm 6, Vers 10

Liebe Gemeinde,

Gott hat sich in diesem zu Ende gehenden Jahr 2020 nicht verändert. Das klingt beim ersten Lesen vielleicht sehr banal. Aber für mich ist dieser Satz tröstlich und hilfreich. Gerade am Ende dieses Jahres, über das ich so wenig Gutes sagen könnte. Ich meine all die Einschränkungen, Einschnitte und Verluste durch das Corona-Virus, das wir vor einem Jahr zwar schon kannten. Aber nie im Leben hätten wir gedacht, dass uns diese Pandemie so nahe kommen und unser aller Leben so stark bestimmen und einschränken würde – wie es in den letzten Monaten und Wochen der Fall war. 

Aber auch wenn Gott selbst sich nicht ändert, so muß doch unser Reden von und über ihn immer auf die jeweilige Zeit und ihre speziellen Herausforderungen bezogen sein. Nur so kann Gottes Wort in der Zeit überhaupt wirken. Das ist unsere Aufgaben als Christen: so von Gott zu reden, dass er uns jetzt und heute etwas bedeutet, zu sagen hat. Die Kirche darf dabei nicht zu einer Projektionsfläche für zutiefst Verunsicherte werden. Wie oft haben wir das in der vergangenen Zeit gehört: Ihr müßt Euch viel stärker für Lockerungen im gottesdienstlichen und gemeindlichen Leben einsetzen. Wie kann es sein, dass die Kirchen in der Passionszeit und an Ostern geschlossen haben – und jetzt schon wieder? Oder auch: Setzt euch doch viel stärker für die Älteren, Pflegebedürftigen und Sterbenden ein. Die Frage, mit der wir uns auch in der Christus-Kirche permanent auseinandersetzen mussten, lautete: Wie viel Nähe ist vertretbar, welcher Abstand gefährdet mehr als das er uns nützt?

Gleichzeitig spüren wir alle eine große Sehnsucht nach einer wahrhaften Gottesrede in diesen aufgewühlten Zeiten. Mich überzeugt die Rede von einem strafenden Gott nicht, der seiner vielfach geplünderten und ruinierten Schöpfung die rote Karte zeigt. Genauso wenig kann ich mich mit einem teilnahmslos dem Treiben der Welt zuschauenden Gott anfreunden, der uns unserem Schicksal überlässt. Er ist es doch – so sagt es unsere Losung für den heutigen Tag – der unser Flehen erhört und uns annimmt.

Ich möchte vielmehr den biblischen Spuren folgen, die die Risse in der Schöpfung ebens ernst nehmen wie die Risse in jeder menschlichen Existenz.

Hören Sie sich einmal das Lied „Anthem“ (Hymne) des Songwriters Leonard Cohen auf seiner 1992 erschienenen Platte: The Future (Die Zukunft) an. Dort singt er die Zeile: Forget your perfect offering. There is a crack everything. That´s how the light get´s in (Vergiss deine wohlfeilen Gaben. Es ist ein Riss in allem. Durch diesen Riss fällt Licht).

Bei aller Frage nach Gottes guter Schöpfung dürfen wir ihre dunkle und chaotische Seite nicht vergessen und übersehen. Die Geschichte von der Sintflut im ersten Buch Mose macht es deutlich: Der Mensch hat durch sein Handeln eigentlich seine Zukunft verspielt. Das Licht in diesem Riss ist der Regenbogen. Gottes Versprechen an Noah, das Leben auf der Erde zu erhalten.

Später werden weitere Risse im Leben Jesu, seinem Scheitern am Kreuz durch seine Auferstehung erhellt. Gott behält doch das letzte Wort. Und das ist der gleiche Gott des Alten Testaments, der einen neuen Himmel und eine neue Erde versprochen hat. Durch solche Spuren, die sich bis in unser eigenes Leben hineinziehen, können wir Vertrauen in Gottes unvergessliche Güte gewinnen.

Die Schmerze über die Risse in unserem eigenen Leben und auch die Wut über die Risse in unserer Schöpfung sind damit nicht klein- oder gar weggeredet. Auch nicht die Ängste über die Ungewissheit, wie es im neuen Jahr weitergehen wird. Aber Trost in diesen krisenhaften Zeiten und Ermutigung für ein neues Leben aus der Krise möchte und will ich Ihnen gerne zusprechen.

Unser Gott ist und bleibt uns treu. Er hört unser Flehen. Unsere Gebete nimmt er an. Bleiben Sie gesund und behütet.

Ihr Pastor Steffen Storck  

 

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