Schnecke

Zur sommerlichen Lektüre empfohlen!
Elisabeth Tova Bailey, Das Geräusch der Schnecke beim Essen
(Piper Taschenbuch, 176. S., 10,00 Euro)

 

„Warum, fragte ich mich, sollte ich an einer Schnecke Freude haben? Was in aller Welt sollte ich mit ihr anfangen? Aufstehen und sie in den Wald zurückbringen konnte ich nicht.“ Nach einer Virusinfektion erkrankt die Journalistin und Schriftstellerin Elisabeth Tova Bailey schwer. Monatelang ist sie ans Bett gefesselt. Eine Freundin bringt ihr bei einem Besuch, zusammen mit einem Topf wilder Veilchen, eine Schnecke mit. Ausgerechnet! Kein Wunder, dass sie sich fragt, was sie mit diesem Tierchen anfangen soll. Noch ahnt sie nicht, dass die Schnecke, ein Exemplar der Gattung Neohelix albolabris, wie sie später herausfindet, ihre treueste Begleiterin in der Zeit der Krankheit werden wird. Und sie wird ihr die Tür öffnen zu einer völlig neuen Sicht auf das Leben.
Ich bin sicher, wer dieses Buch zu lesen beginnt, wird es nicht aus der Hand legen können, so spannend und anrührend ist es geschrieben! Mensch und Tier in einer sehr besonderen Lebensgemeinschaft, einer Ausnahmesituation. Bailey schreibt darüber, wie es ist, von einem Tag auf den anderen nicht mehr das Leben führen zu können, das man mal sein eigen nannte. „Auch wenn man immer noch ist, wer man war, kann man nicht wirklich sein, wer man ist.“  Und sie erzählt, wie – ausgerechnet! – eine Schnecke ihr hilft, diese Situation zu meistern. „… die Schnecke verhinderte, dass mein Lebensmut sank. Wir zwei bildeten eine ganz eigene Gemeinschaft, und das nahm der Isolation die Schärfe.“ Nebenbei erfahren die Leser*innen viele erstaunliche Details über diese Tiere. Denn wie bei jeder Freundschaft, wächst die Neugier auf den anderen. Und so beginnt Elisabeth Tova Bailey ihre eigenen Beobachtungen durch Recherchen aus der Fachliteratur zu ergänzen. All das präsentiert sie uns in ihrem 2010 erstmals erschienenen Buch „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“. Wie das klingt? Klar, auch darauf gibt es eine Antwort, aber die verrate ich nicht. Nur so viel: Sie stimmt!! Ich habe es selbst überprüft – mit Hilfe der Schnecke auf dem Foto!        

 


Aus der Predigt am 20. Juni 2021 (3.n.Trin – Lk 15, 1-10)

Ein Schaf geht verloren. Und der Hirte kann nicht anders. Er muss es suchen. Ein Groschen geht verloren, und die Frau stellt das ganze Haus auf den Kopf, um ihn zu finden.

Es ist nicht die große Welt, die Jesus zum Bild für das Himmelreich macht. Es ist unsere kleine, alltägliche, banale Welt. Es ist die Welt der Arbeit und der Unvollkommenheit. Die Welt, in der die einen auf die anderen zeigen und fragen: Warum der? Warum die? Und nicht ich? Die Welt, in der wir entweder alles über einen Kamm scheren – oder viel Wert darauf legen, dass wir nicht mit anderen zusammen in einen Topf geworfen werden …

Die Welt, in der Jesus mal wieder zwischen den Stühlen sitzt, die Pharisäer und Schriftgelehrten auf der einen Seite, die Zöllner und Sünder auf der anderen. Die einen wollen mit den anderen nichts zu tun; die anderen dürfen es nicht mehr, weil sie sich ihre Zugehörigkeit (vermeintlich) verspielt haben.

Es gibt so viele Unterscheidungen, so viele Differenzen in unserem Denken und Fühlen, … Doch, nein, ich glaube, im Fühlen, gibt es sie tatsächlich viel seltener! Das Gefühl, davon bin ich überzeugt, baut eher Brücken, als dass es Grenzen zieht. Das erlebt jeder, der sich vom Mitgefühl bewegen lässt, einem anderen zu helfen oder beizustehen, - auch wenn er oder sie sich sonst eher aus dem Weg gingen.

Apropos: Gefühl!

Was stellt Jesus in den Mittelpunkt seiner Gleichnisse vom Verlieren und Wiederfinden?

Richtig, das Gefühl!! Und zwar das ganz große Gefühl, nämlich die überschwängliche Freude über das Wiederfinden eines Schafes, eines Groschens … Sieh mal an! Da bricht in unserer manchmal kleinlich genauen, auf Differenz und Verhältnismäßigkeit der Dinge bedachten Welt, etwas auf, das alle Verhältnisse auf den Kopf zu stellen scheint: das ganz große Gefühl.

Und die große Freude überstrahlt alles. Sie lässt ihre Sonne aufgehen über Fromme und Sünder, über Verlorene und Treue, … über Geimpfte und Ungeimpfte,  … und lädt alle zu sich ein.

Überschwänglich ruft der Hirte Freunde und Nachbarn zusammen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Überschwänglich ist auch die Freude der Frau über ihren verlorenen Groschen.

Und genauso, sagt Jesus, „… wird auch Freude im Himmel sein". Ja, im Himmel, der gerade in diesem Moment der Freude die Erde berührt. Himmlische Freude findet ihr Gleichnis in der irdischen Freude. „Wie im Himmel“ ist es dort, wo wir uns nicht nur unterscheidend aus-einander-setzen oder kleinlich gegeneinander aufrechnen, wer wir sind und was wir haben im Unterschied zu anderen, sondern wo wir unsere Stühle zusammenrücken und miteinander zu tun bekommen. Der Himmel bricht an, wo wir erkennen: Du bist nicht Ich, aber das ist kein Grund, nein, ganz im Gegenteil, das ist ein guter Anfang, um ein „Wir“ zu werden! Und wo das gelingt, da „wird Freude sein vor den Engeln Gottes“.