Gedanken über Mt 4, 1 -11 – Jesus in der Wüste – zum 1.Sonntag in der Passionszeit „Invokavit“
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“

In die Krisen unseres Lebens gehen wir nicht freiwillig. Wir werden in sie hineingeworfen, manche sagen auch: „geschickt“. Aber das sagt man meist erst im Nachhinein, wenn die Krise einen nicht völlig aus der Bahn geworfen hat und / oder man „in der Wüstenzeit“ etwas gelernt hat über sich selbst und das Leben, das man nicht mehr aufgeben möchte.

Die Wüste ist auf den ersten Blick ein lebensfeindlicher Ort, ein Ort des Todes. Aber wir wissen auch: Es braucht nur wenig, nur einige Tropfen lebenspendendes Wasser, und „die Wüste lebt“.
Die Wüstengeschichten der Bibel erzählen von Menschen, die in schwierigen Situationen, Situationen der Krise oder des Übergangs, sich selbst begegnen und den Kräften, die sie beherrschen.
Das Volk Israel wandert 40 Jahre durch die Wüste. Es hofft, feiert und besingt seine Rettung und hadert wenig später mit den Herausforderungen, Zumutungen und Schwierigkeiten auf dem Weg in die Freiheit. - Der Prophet Elia flüchtet in die Wüste und wünscht sich den Tod, weil er meint, seinem Anspruch an sich selbst als tapferer Gottverteidiger nicht gerecht werden zu können. – Und auch zu Jesu Weg gehört ein Aufenthalt in der Wüste, wie das Evangelium erzählt, das die Passionszeit einleitet.

Auch Jesus geht nicht freiwillig in die Wüste, sondern er wird ‚geschickt‘, und zwar ausgerechnet vom Geist Gottes, der ihm gerade in der Taufe versichert hat: „Du bist mein geliebter Sohn.“
Die Versuchungsgeschichte (Matthäus 4, 1- 11) erzählt von einer Wüstenzeit Jesu am Beginn seines Wirkens, die ihn an den Rand seiner Kräfte gebracht hat, die gleichwohl aber auch wegweisend, ja entscheidend für alles war, was danach noch kommen sollte. Es geht um ein inneres Geschehen, eine Art Reifungsprozess. Nach der Taufe, in der Gott Jesus zu seinem Sohn erklärt, erfolgt in der Wüste sozusagen die Konfirmation, in der Jesus seine Verbindung mit Gott bestätigt. Das geschieht, indem er einer Reihe von Versuchungen widersteht. Versuchungen, die allesamt darauf zielen, dass Jesus seine besondere Beziehung zu Gott zu seinen vermeintlich eigenen Gunsten ausspielt. Zuerst wird ihm angeboten, seinen Hunger zu stillen, indem er Steine in Brot verwandelt. Dann soll er Gottes rettende Liebe zu ihm auf die Probe stellen, indem er sich von einem Turm stürzt („Er wird doch seinen Engeln befehlen, dass sie dich auf Händen tragen.“). Am Ende werden ihm sogar „alle Reiche der Welt“ zu Füßen gelegt, wenn er Gott verrät.

Das alles ist kein Spiel, sondern was hier erzählt wird, ist die wohl wichtigste Erfahrung, die Jesus am Anfang seines Weges gemacht hat: Am Rande seiner Kräfte, am Ende einer langen Fastenzeit, begegnet er sich selbst, den elementaren Kräften seines Lebens, den düsteren, dämonischen wie auch den guten, den heilsamen. Und er muss sich entscheiden.

Nach 40 Tagen des Fastens tritt der Versucher an seine Seite und rät ihm, seinen Hunger zu stillen, indem er Steine in Brot verwandelt. 40 Tagen oder 40 Jahre - manchmal bleibt es Menschen über lange Zeiten ihres Lebens hinweg verborgen, wonach sie hungern, was ihnen fehlt, was sie wirklich brauchen. Und dann?

Wo der Hunger nach Leben sich meldet, ist die Versuchung nicht fern, ihn schnell zu stillen. ‚Nimm doch die Steine hier‘, sagt der Teufel zu Jesus, ‚und verwandle sie in Brot!‘ Ein verlockendes Angebot! Und Jesus könnte es tun. Er hat die Kraft, Wunder zu vollbringen. Die Kraft, die wir uns manchmal wünschen. Doch gerade er widersteht. Warum? Ich glaube, weil er weiß, dass sich der Hunger nach Leben so einfach nicht stillen lässt. Ja, dass es beizeiten vielmehr darauf ankommt, ihn überhaupt erst einmal (wieder) zu spüren, um wahrzunehmen, was wir wirklich brauchen.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Und das sagt der, der 40 Tage gefastet hat! Der Kollege Horst Gorski hat einmal in einer Predigt geschrieben: „Jesus war nach diesen 40 Tagen (in der Wüste) an einem Nullpunkt seines Lebens angekommen. Nur weil er diesen Nullpunkt kannte und erlebt hatte, was ihn in diesem Moment noch trug, nur deshalb konnte er später Menschen, die sich am Nullpunkt ihres Lebens
befanden, etwas geben, was sie trägt; und so konnte er auch seine eigenen späteren Tiefpunkte im Leiden durchstehen.“

Der Hunger und die Bedürftigkeit, deren wir uns in den Wüstenzeiten unseres Lebens bewusst werden, können uns zur Quelle des Lebens werden, das uns (wieder) mit uns selbst und mit Gott verbindet. Wir müssen uns ihrer nicht schämen. Ganz im Gegenteil. In unserem Predigttext heißt es am Ende von Jesus: „Und siehe, Engel kamen zu ihm und dienten ihm. “ Das ist das Geschenk Gottes, das uns in Wüstenzeiten zuteilwerden kann: Dass Gott selbst sich an unsere Seite stellt und mit uns durch die Krise geht, - wenn wir ihm erlauben, uns zu zeigen, was wir wirklich brauchen.


Gedanken zum Predigttext (2. Sonntag vor der Passionszeit) – Lukas 8, 4 - 15

 

Worte haben eine große Macht. Einmal in die Welt gesetzt, kann ein Wort alles verändern. Es kann einen Menschen erlösen von der Last einer unerträglichen Schuld, wie es z. B. die Brecht’sche Weihnachtsgeschichte „Das Paket“ erzählt. Es kann befreien aus einer lähmenden, ohnmächtig und krank machenden Lebenssituation. „Ich habe keinen, der mir hilft“, klagt ein Mensch Jesus sein Leid. Jesus sagt ihm:  Du brauchst keine Hilfe. Du hast die Kraft, die du brauchst: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Eine Zu-MUTung im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sie bleibt nicht ungehört. Im Gegenteil, sie scheint gerade recht zu kommen. Sie trifft auf offene Ohren und ‚fruchtbaren‘ Boden. Der Mensch wagt es und kommt tatsächlich wieder auf die Beine.

 

Worte können aber auch anders. Ja, sie können genau das Gegenteil von dem bewirken, was ich eben geschildert habe. Sie können Menschen klein machen oder klein und ohnmächtig halten. Dazu braucht es nur Sätze wie z.B. „Das kannst du nicht!“ oder „Das schaffst du nicht!“ – Ich habe eine Frau gekannt, die aufgrund eines Unfalls in der Kindheit schmerzhafte Behandlungen durchstehen musste. Zeit ihres Lebens verfolgte sie der Satz ihres Vaters „Reiß Dich zusammen!“ Das Grausame an diesen Worten war, dass sie genau das wiederholten, was der Schmerz ihr ohnehin schon zufügte!

 

So können Worte, kurz gesagt, beides: Leben schaffen und am Leben hindern, ja es sogar zerstören! Und das liegt nicht allein an Intention oder Absicht des Sprechenden, sondern auch und gerade daran, ob und wie sie aufgenommen werden.

Worte, einmal in die Welt gesetzt, nehmen ihren Lauf! Sie lassen sich nicht mehr zurücknehmen. „Das habe ich so nie gesagt!“, beteuert der eine. Der andere aber besteht darauf: „Doch! Hast Du!“ Worte, einmal in die Welt gesetzt, sind also frei gelassen. Man kann nur hoffen, dass der andere hört, wie es gemeint ist, dass er versteht. Manchmal, und das geschieht gar nicht so selten, sind es nicht einmal die bewussten, die gewichtigen Botschaften, die treffen, sondern es ist das Wort, das eher beiläufig, vielleicht sogar einfach nur so dahin gesagt wurde. „Du hast mal gesagt … erinnerst Du Dich noch?“ – „Ehrlich gesagt, nein!“ – „Aber das war es, was mich auf den Weg gebracht hat …!“ – Oder: „Das ist es, was ich Dir nicht vergeben kann…“. So kann es gehen. Jedes Wort ist also ein Wagnis. Es birgt Chancen in sich, aber auch Risiken, auf die wir keinen Einfluss mehr haben. Und das gilt für den Sprechenden ebenso wie für den Hörenden.

 

Es gilt auch für Gott, der sein Wort in unsere Welt und unser Leben schickt. Gott gibt uns sein Wort. So erzählt es die Bibel am Anfang. Er spricht nur ein Wort, und es entsteht eine ganze Welt voller Leben und Lebendigkeit! Er spricht ein anderes, enttäuscht darüber, was die Menschen aus seiner Schöpfung machen, - und das Chaos bricht herein!

Und doch bleibt Gottes Wort ein Wort des Lebens. Dazu verpflichtet Gott sich selbst und macht es ganz deutlich, indem er sein Wort Fleisch werden lässt. Da gibt es kein Zurück mehr. Gott „setzt sich aufs Spiel im gewagtesten und gefährlichsten seiner Geschöpfe“ (Kurt Marti), indem er uns sein Wort anvertraut. Es fällt in unser Leben, wie die Saat auf den Acker im Gleichnis, das Jesus im Predigttext erzählt:

 

Ein Sämann geht übers Feld und wirft seine Saat aus. Und beim Auswerfen fallen einige Körner auf den Weg nebenbei. Und Vögel kommen und picken sie auf. Andere Körner fallen auf felsigen Grund, wo nicht viel Erde ist. Da sprießt die Saat gleich auf. Aber sie hat keine Wurzeln in der Erde und die Sonne verdorrt sie schnell. Einige Körner fallen unter das Dornengestrüpp. Und alles, was aufwächst, erstickt unter den Dornen.

 

Die erste, die einfache Erklärung hat der Evangelist ausdrücklich dazugeschrieben: der Samen, der ausgesät wird, ist das Wort Gottes. Es trifft auf unterschiedliche Zuhörer:

Die einen sind wie ein Weg: da wird alles schnell zertreten, nichts kann da wachsen. Durchs eine Ohr rein, durchs andere wieder raus, so könnte man auch sagen. Nichts bleibt haften oder kommt wirklich an. Ähnlich ergeht es dem Wort, das wie die Saat auf Felsen oder unter Dornengestrüpp fällt: es dringt nicht ein. Es wird nicht aufgenommen. Es geht unter im Gestrüpp der Sorgen und Zerstreuungen.   

Nur bei einigen wenigen trifft das Wort Gottes auf offene Ohren und aufmerksame Herzen. Nur bei einigen wenigen fällt der lebendige Geist Gottes auf fruchtbaren Boden, entfaltet sich und reift wirklich zur Frucht. 

Dieses Gleichnis ist wie viele Gleichnisse des Evangeliums weniger eine Feststellung über Menschen als eine Frage an ihn. Die Frage lautet: Was bist du für ein Zuhörer? Bist du ein guter Boden für Gottes Wort? Bist ist du ein Weg, auf dem alles schnell vorübergeht? Ist dir vor allem bewusst, dass du auch selber darüber entscheidest?

 

Die Pointe des Gleichnisses lautet aber nicht: Seht mal, wie wenig nur ankommt bei uns! Sondern im Gegenteil, sie lautet: Und ist auch nur ganz wenig, was auf fruchtbaren Boden fällt bzw. auf offene Ohren und Herzen trifft, es bringt doch viel Frucht.

Jede Liebesmüh, jedes gute Wort, jeder Gedanke, jeder Trost, jede Hilfe, jede Bitte und jedes Gebet, aber auch jedes offene Wort, dass die Wahrheit nicht verschweigt, jedes Ringen, jede Kritik, die den Anderen weiterzubringen versucht – kann aufgehen und wirken, kann einen Menschen weiterbringen, wachsen lassen, manchmal sogar verwandeln. Genau so, sagt Jesus, wirkt auch Gott unter uns.

 

Gott gibt uns sein Wort. Er spricht es, oft schlicht und unauffällig, mitten hinein in unsere Worte und Gedanken. Und wie alle Worte, so unterliegt auch Gottes Wort den natürlichen, menschlichen Widerständen. Wo Gott sich den Menschen offenbart oder Menschen in seinem Geist leben und handeln, geht viel Mühe verloren, und mancher Ansatz kommt nicht zur Frucht. Aber es fällt immer auch etwas auf guten Boden. Und das wächst. Das bringt Frucht, gute, reiche Frucht, - manchmal mehr als erwartet.

 

Erstaunlich, worauf Gott sich da einlässt! Wir sind, trotz allem, was gegen uns spricht, für Gott unentbehrlich! Er lässt sich auf uns ein, voraussetzungslos. Doch: Er erwartet auch etwas von uns. Er traut uns auch etwas zu – nämlich, dass wir zuhören und dass wir seinem Geist den Boden bereiten in uns, so dass wachsen kann, was er mit uns und dieser Welt Sinn hat. Gottes spricht kein Machtwort, das Zustimmung erzwingt, sondern gibt uns seinen Geist, der sich nur in einem Milieu von Freiheit und Vertrauen entfaltet kann. Da z. B., wo ein Mensch bittet: „Sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund!“


Gedanken zum Predigttext Matthäus 17, 1-9 für den letzten Sonntag nach Epiphanias (31. Januar 2021)

Im Predigttext für den letzten Sonntag der Epiphaniaszeit nimmt uns Jesus mit auf einen „hohen Berg“. Obwohl namentlich nicht genannt, wird es wohl der Berg Tabor am Ortsrand der Jesreelebene sein. Nicht wirklich ein Gigant unter den Bergen, sondern gerade mal 588 Meter hoch, überragt er doch deutlich die ihn umgebende Landschaft und war schon in vorchristlicher Zeit ein heiliger Ort.

Der Berg gilt als Ort der Gottesbegegnung. Moses geht auf den Berg Sinai und erhält dort die 10 Gebote. Elia, ein Prophet in der Zeit der Könige Israels, wird vom Engel auf den Horeb geschickt, um dort zu erleben, wie Gott selbst an ihm vorüberzieht. – Und genau mit diesen beiden trifft sich Jesus auf dem Berg während seiner „Verklärung“. Doch anders als sie, ist er nicht allein auf den Berg gegangen, sondern hat einige seiner Freunde mitgenommen, nämlich Petrus, Jakobus, Johannes. Sie – und mit ihnen wir – sollen sehen, was geschieht, nämlich: Jesus, wie er im Gespräch ist mit den großen Gottesmänner Mose und Elia. Das heißt, er ist einer von ihnen! Sein Angesicht leuchtet wie das des Moses auf dem Berg Sinai. Seine ganze Gestalt erscheint wie verwandelt in Licht und Glanz. Und Gott spricht zu ihm, wie er schon bei seiner Taufe zu ihm gesprochen hat: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und ergänzt für die Anwesenden: „Auf den sollt ihr hören!“

Ergriffen fallen die anwesenden Jünger zu Boden - und begreifen! Sie erkennen, was es mit diesem Jesus auf sich hat, dem Sohn des Zimmermanns, dem Wanderprediger, der ein Mensch wie sie und doch noch viel mehr ist. Sie erkennen: Er gehört in die Reihe der Menschen, die von Gott berufen sind. Mehr noch, er ist der „HERR“, den Gott seinen Sohn nennt, dem er alle Macht geben wird über Himmel und Erde, Leben und Tod. Für einen kurzen Moment leuchtet all das auf, wird es ihnen „klar“! Ein Offenbarungsereignis ist das. Ein Gipfelerlebnis besonderer Art!

Man beachte: Kurz vor diesem Text steht bei Matthäus die erste Leidensankündigungen Jesu, gefolgt von einigen nicht gerade erbaulichen Worten zum Thema Nachfolge („Wer mir nachfolgen wird, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich…“, Kap. 16, 24). Im Anschluss an unseren Abschnitt folgt dann eine Heilungsgeschichte, in der die Jünger scheitern und wegen ihres Unglaubens von Jesus gescholten werden, woraufhin es die zweite Leidensankündigung gibt. Der Kontext, so könnte man sagen, gleicht also in gewisser Weise der Topographie des Geschehens: Da sind die Niederungen des Lebens mit seinen Anforderungen, Härten und Hürden, dem Scheitern und dem unausweichlichen Leid. Aus all dem aber hebt sich der Moment heraus‚ in dem sich auf einmal zeigt: All das ist nicht vergeblich. All das ist vielmehr und buchstäblich ‚aufgehoben‘ in der Liebe Gottes. Das sollen wir wissen, genauso wie die Jünger! Deshalb nimmt Jesus sie – und uns – mit auf den Berg und zeigt es uns.

Was fangen wir nun damit an?

Wie so oft bei Matthäus, ist es Petrus, der gleich eine Idee hat, was man damit anfangen könnte. Ergriffen von diesem „Gipfelerlebnis“ will er für Jesus und seine Gefährten Moses und Elia auf dem Berg „drei Hütten bauen“. Man könnte auch sagen: Er will sie dort festhalten. Dahinter verbirgt sich sicherlich auch der verständliche Wunsch, diesen Moment der Klarheit selbst irgendwie festzuhalten, zu fixieren … Aber das ist nicht möglich.

Bergsteiger wissen, es gibt kein Bleiben dort oben, der nächste Weg führt wieder hinunter. So ist es auch mit jenen Momenten der Klarheit, in denen uns etwas einleuchtet, das für uns und unser Leben wichtig ist – oder wird. Und auch mit jenen Momenten, in denen ein Mensch sich wie ‚heraus-gehoben‘ fühlt aus den Niederungen der „dürren Lebens-Au“ oder dem „Tränengrund“ (vgl. das Wochenlied EG 450), weil ihn etwas ergreift, eine Zuversicht, ein Glaube, der alles noch einmal in ein anderes Licht stellt …

Solche Momente lassen sich nicht festhalten, nicht fixieren. Was wäre damit auch gewonnen? Oder, um es einmal bildlich auszudrücken: Welchen Nutzen hätten die Hütten auf dem Berg? Pilgerstätten könnten sie bestenfalls sein. Und doch wären sie nicht mehr als letztlich leere Erinnerungsorte!

Nein, worauf es ankommt, das formuliert Jesus selbst im Predigttext, wenn er sagt: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“ Mit diesen Worten leitet er seinen - und unseren - Abstieg vom Berg ein. Nicht anders lässt sich der besondere Moment ‚festhalten‘ als so, dass wir ihn ‚mitnehmen‘ auf den Weg zurück in unser Leben. Darin besteht die Kunst des Lebens.

Ich bin sicher, es gibt für jeden von uns lichte, schöne und erhebende Momente, die uns etwas zeigen können von der weihnachtlichen und auch österlichen Qualität unseren Lebens, dem Gott sich unbedingt verbunden hat. Die in diesen Momenten gewonnene Kraft aber will von uns nicht einfach nur gefeiert werden, sondern vielmehr: Sie will mitgenommen werden in unsere manchmal „dürre Lebens-Au“. Nur so, glaube ich, bleibt sie uns. Sie bleibt uns, indem sie uns verwandelt, unseren Blick, unsere Haltung und unser Handeln.

Wie heißt es doch in dem schönen Lied von Joe Cocker: „Love lift’s us up where we belong.“ (Die Liebe hebt uns hoch, wohin wir gehören). Aber sie tut es gerade deshalb, um uns zu zeigen, welche Kraft in ihr steckt. Damit wir ihr vertrauen, - auch ganz unten!

Mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias endet die Weihnachtszeit. Was aber an Weihnachten, einem unserer christlichen Berg- bzw. Hoch-Feste, geschehen ist, nämlich die Menschwerdung Gottes, - das hat längst kein Ende! Der Weg geht weiter. Kirchenjahreszeitlich gehen wir nun auf die Passionszeit zu. Von der Höhe des Berges geht der Weg also wieder hinunter in die Niederungen des Lebens. Ein Weg, den Jesus mit uns geht. „Steht auf und fürchtet euch nicht!“


Gedanken zum Predigttext am Sonntag, 24. Januar aus dem Buch Ruth 1, 1 -19a

Vielleicht liegt es an der gegenwärtigen Situation oder daran, dass ich selbst eher zu den ‚Wankelmütigen‘ gehöre, die ihre Entscheidungen gern noch einmal überdenken. Oder es liegt ganz einfach an der Kraft, die diese Worte ausstrahlen, dass sie mich so ‚anfassen‘. Die Rede ist von dem Versprechen, das die biblische Ruth ihrer Schwiegermutter No´omi gibt:

„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen;

wo du bleibst, da bleibe ich auch.

Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Wo du stirbst, da sterbe ich auch,

da will ich auch begraben werden.“

 

No´omi erkennt sofort, hier ist nichts mehr zu machen. Ruth ist entschlossen. Sie wird mit ihr gehen. Kurz sei an dieser Stelle erzählt, in welcher Situation diese Worte ausgesprochen werden:

Eine Hungersnot hat die aus Bethlehem in Juda stammende No‘omi mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in das Land der Moabiter gebracht. Etwa 10 Jahre leben sie in der Fremde. Die Söhne heiraten moabitische Frauen. Eine von ihnen ist Ruth.

Der Traum vom besseren Leben aber hat einen hohen Preis. Sowohl No‘omis Ehemann als auch ihre Söhne sterben in der Fremde. Ohne männlichen Versorger bleibt der Witwe No‘omi nur die Rückkehr in ihre eigene Heimat. Ihre Schwiegertöchter wollen sie nicht allein gehen lassen. Während es Naomi gelingt, die eine zum Bleiben zu überreden, ist die andere, nämlich Ruth, fest entschlossen, ihre Schwiegermutter zu begleiten. Diesen Entschluss formuliert sie eindrücklich mit den oben zitierten Worten.

Ruth macht keine halben Sachen. Sie sagt nicht etwa: Lass uns schauen, wie es läuft. Notfalls gehe ich wieder zurück, wenn sich zeigt, dass es für mich keine Perspektive gibt. Sie macht ihren Entschluss nicht von bestimmten Bedingungen oder Umständen abhängig. Sie wägt auch nicht ihre Chancen und Grenzen ab, sie spekuliert nicht über Erfolg (oder möglichen Misserfolg) ihrer Entscheidung. Sie verlässt sich ganz allein auf sich und ihren Entschluss. Er gilt – unbedingt. Genau das macht ihn für mich so kraftvoll. Das klare „ICH mach das jetzt! Ich gehe mit dir.“

Woher kommt diese Entschlossenheit? Sie rührt wohl auch aus der engen Verbindung, ja Zuneigung her, die zwischen Ruth und ihrer Schwiegermutter gewachsen zu sein scheint. Doch wird auch diese nicht ins Kalkül gezogen, nicht in ein Verhältnis gegenseitiger Verpflichtung verwandelt, die die eine Frau an die andere bindet. Wohl fühlen sich die beiden verantwortlich füreinander - und das jede auf ihre eigene Weise -, aber sie berufen sich nicht darauf. Im Gegenteil: No’omi sagt ihren Schwiegertöchter ausdrücklich: „Ich kann nichts mehr für euch tun. Ich habe Euch nichts mehr zu bieten.“ Damit entbindet sie die jungen Frauen von allen Verbindlichkeiten, die diese ihr gegenüber verspüren mögen. No’omi fordert sie auf, in ihrem eigenen Land zu bleiben, um dort einen Neuanfang zu machen, wo es für die jungen Frauen wenigstens einen Rückhalt an Familie, Heimat und eigener Kultur gibt. Das gilt auch für Ruth, aber Ruth entscheidet sich anders.

So ist der Weg frei, weil letztlich auch beide Frauen ‚frei‘ sind, frei von offenen (oder geheimen) Erwartungen aneinander. Sie können ihren Weg gemeinsam gehen, - der noch manche Hürden für sie bereithalten wird. Aber auch Chancen, denen sie mutig und mit viel weiblichem Geschick begegnen! Tatsächlich werden die beiden noch ordentlich ‚tricksen‘, um ans Ziel ihrer Wünsche zu kommen. Aber das ist ja nichts Neues in der Bibel! Und gerade Frauen blieb in der von Männern und männlichen Vorrechten dominierten Umwelt in biblischen Zeiten oft auch nichts anderes übrig … Ich will jetzt nicht ‚spoilern‘, wie man so sagt, sondern empfehle an dieser Stelle einfach mal die Lektüre des Buch Ruths. Es hat auch nur 4 Kapitel!

Und Gott? Wo kommt Gott vor in dieser Geschichte? Von Gott ist tatsächlich nur sehr indirekt die Rede. Ruth will sich und ihr Leben demselben Gott anvertrauen, zu dem auch No’omi sich bekennt. Ist das schon ein ‚Beweis‘ ihres Glaubens? Oder stellt sie damit nicht einfach nur fest, dass sie bereit ist, sich wirklich auf allen Gebieten, also auch was die Religion betrifft, zu ‚integrieren‘? Vergessen wir nicht, es blieb ihr in einer Welt, in der es viele Götter gab, auch gar nichts anderes übrig. Beim Wechsel von einem Land ins andere, wechselte man zugleich auch vom Machtbereich eines Gottes in den eines anderen.      

Ich bin sicher, Ruths Versprechen, sich Gott anzuvertrauen, hat den vorliegenden Text in die Reihe der Predigttexte für den 3. Sonntag nach Epiphanias befördert. Denn dieser Sonntag ist dem Thema der Offenbarung Gottes an die ‚Heiden‘ gewidmet, anders gesagt: Es geht um die grenzüberschreitende Kraft des Glaubens. Dabei ist sicherlich theologisch nicht unerheblich, dass die Fremde, die „Heidin“ Ruth in die Geschichte Israels eingeht als Urgroßmutter des Königs David und somit auch als Urahnin von Jesus. Der bekommt so nicht nur einen Migrationshintergrund, sondern wird sich seinerseits mit ganzer Vollmacht für die grenzüberschreitende Wirklichkeit Gottes unter den Menschen einsetzen.

Das alles mindert aber nicht die Kraft, die in den Worten selbst liegt, mit denen Ruth berühmt geworden ist. Es ist die Kraft der Entschlossenheit, die einen Menschen über die vertrauten Grenzen hinausführt, - aus Liebe zu einem anderen Menschen und im Vertrauen auf einen Gott, der sich erst noch zeigen wird.  


Gedanken zur Jahreslosung 2021

Jesus Christus spricht:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6, 36)

In diesen Tagen krieche ich am Morgen gern noch einmal unter die warme Decke. Was für ein Luxus, denke ich oft! Wenn man keinen frühen Termin hat, keine Verabredung, auch nicht per Zoom!, wenn man sich die Zeit einteilen kann und vor allem nicht raus muss, wo es gerade sehr nass und auch winterlich kalt ist. Fünf Menschen sind dieser Tage in Hamburg schon gestorben, weil sie keine warme Decke hatten und nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Die Nässe, heißt es, sei das Schlimmste.

Vor einigen Jahren habe ich mit Konfirmanden einen Rundgang durch die Hamburger Innenstadt gemacht. Unser „Reiseführer“ war ein Experte in puncto: Wir überlebe ich auf der Straße. Er war ein Obdachloser. Er zeigte uns beliebte Schlafplätze – und ihr Tücken, wie zum Beispiel die kleine Spritzdüse im Eingangsbereich eines großen Bekleidungsgeschäftes. Sie versprüht nachts in regelmäßigem Abstand Wasser auf die überdachte Eingangsfläche. Die ist beliebt bei Obdachlosen. Doch Nässe ist, wie gesagt, das Schlimmste: Wer im Schlaf nass wird, dem kann die Kälte den Tod bringen. Heute las ich in der Zeitung, dass die Caritas fordert, Obdachlosen wieder Hotelübernachtungen zu ermöglichen. In Zeiten von Corona dürfte das doch machbar sein. Viele Zimmer und Betten sind nicht belegt. Und so teuer kann das doch nicht sein. Oder anders gefragt: Was ist es wert, das Leben eines Menschen?

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“, lautet die Losung für dieses Jahr. Sie stammt aus dem „Evangelium der Armen“, wie das Lukasevangelium manchmal genannt wird. Bei Lukas sind die einfachen Leute, die Randständigen und Armen, wie die Hirten in der Weihnachtsgeschichte, die ersten Adressaten der Heilsbotschaft Gottes. Bei Lukas findet sich auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dem Jesus sagt: Frag nicht: „Wer ist mein Nächster?“, sondern: Tu, was dein Mitgefühl dir sagt zu tun und „werde zum Nächsten!“

Die „Jahreslosung“ ist ein biblischer Leitsatz, der, anders als die „Tageslosungen“, nicht per Zufall „ausgelost“ wird, sondern der von einer Kommission, nämlich, der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB), bereits mehrere Jahre im Voraus ausgewählt wird. Die Jahreslosung … geht (aber) zurück auf den Kirchenkampf im Dritten Reich. Initiator war der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1939), der Mitglied der Bekennenden Kirche war. Er wollte den NS-Schlagworten Bibelverse entgegenstellen. Deshalb begründete er 1930 die Tradition der Jahreslosungen. Die erste Jahreslosung 1930 war „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ (Römer 1,16).

Die Jahreslosungen stehen eigentlich immer etwas „quer“ zu den Schlagworten und Leitmotiven der Zeit, in die sie hineinsprechen. Und das nicht etwa, weil sie selbst einer ganz anderen Zeit entstammen. Wäre es nur das, hätten sie uns kaum etwas zu sagen. Was eine Jahreslosung aber zeitlos besonders macht, ist der Geist, der aus diesen Worten der Bibel spricht. Es ist der Geist des Glaubens, der unsere Welt und was darin geschieht, immer auch aus dem Blickwinkel Gottes betrachtet, und zwar eines Gottes, der seiner Schöpfung nicht fern und abständig gegenübersteht, sondern der jedem Menschen, jeder Kreatur, jeder Faser des Lebens zutiefst verbunden ist. „Barmherzig“ ist dieser Gott. 

„Barmherzig“, heißt es, leite sich entweder vom althochdeutschen Stammwort armherzi ab und bedeute dann soviel wie „ein Herz für Arme“ haben oder sei eine Zusammensetzung der beiden Worte barm (althochdeutsch, verwandt mit dem altenglischen bearm: „Schoß, Busen“) und herzi. Die zweite Erklärung weist eine große Nähe zu der im Gleichnis vom bamherzigen Samariter auftauchenden Wendung auf: „es jammerte ihn“ auf! Im Griechischen steht hier nämlich wörtlich übersetzt: „Es fuhr ihm in die Eingeweide!“, womit ebenfalls zum Ausdruck kommt: Barmherzigkeit wurzelt im Mitgefühl. Und das ist eine tief im „Schoß“ unserer Existenz verankerte Regung.

Mitgefühl und Erbarmen machen den Menschen zum Menschen. Sie sind die „in uns eingebaute Schranke zum Unmenschlichen“ (Arno Gruen). Mit-fühlend treten wir in Beziehung zu Anderen, - allen anderen Gemüts- und Gedankenbewegungen voraus. Mitgefühl und Erbarmen machen auch Gott zu dem, der er ist, unseren Vater im Himmel.

So weckt der Verletzte am Straßenrand das Mitgefühl des Samariters. Der Schmerz des Einen fährt dem Anderen „in die Eingeweide“. Entscheidend ist, was nun geschieht: nämlich, dass der Samariter sich von eben diesem Gefühl in seinem Handeln auch leiten lässt. So packt er an und hilft, ohne nachzudenken. Er fragt nicht: „Bin ich zuständig?“, sondern „wird zum Nächsten“, indem er hilft. Er sucht keine Ausflucht, sondern tut das Not-wendige. Er ist barmherzig, „wie auch euer Vater barmherzig ist“.  

Nacht für Nacht sind Menschen unterwegs und helfen denen, die in Nässe und Kälte zu erfrieren drohen. Sie brauchen nicht mehr als ein Dach über dem Kopf und eine warme Decke für ihre Schützlinge. Der barmherzige Samariter hatte Glück: Er hat beides gefunden in der Gaststätte, in der er seinen Schützling abliefern konnte.


Gedanken am Beginn des neuen Jahres

Wie heißt es doch: „Eine Stimme sprach zu mir: Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen! – Und es kam schlimmer!“

Ich gebe zu, es gab da einen ganz kleinen Moment während des Jahreswechsels, irgendwann so rund um 0.00 Uhr, da dachte ich mir: Was wäre wenn … jetzt wirklich eine neue Zeit anbräche. Wenn auf einmal alles weg wäre, was das Jahr, das sich gerade verabschiedet, so anstrengend gemacht hat … Ein Traum!

Aber so ist es nicht. Wir müssen uns weiterhin üben in Geduld, in Vorsicht, Achtsamkeit und Rücksicht. So ist es nun einmal!

Ein Gebet kam mir da wieder in den Sinn, von dem ich nur ein paar Zeilen noch in Erinnerung hatte. Wie so oft konnte das Internet helfen. Antoine de Saint-Exupéry soll dieses Gebet verfasst haben. Mehr an „Quellenverweis“ habe ich nicht gefunden (vielleicht weiß jemand von Ihnen / Euch etwas dazu?!).

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr,
sondern um die Kraft für den Alltag.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

 

Mach mich findig und erfinderisch,
um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig
meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren,
von denen ich betroffen bin.

 

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung.
Schenke mir das Fingerspitzengefühl,
um herauszufinden, was erstrangig und
was zweitrangig ist.

 

Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen,
weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft.
Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und
die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

 

Bewahre mich vor dem naiven Glauben,
es müsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind,
durch die wir wachsen und reifen.

 

Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen
den Verstand streikt.
Schick mir im rechten Augenblick jemand,
der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
 

Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten
Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie,
im rechten Augenblick ein Päckchen Güte,
mit oder ohne Worte,
an der richtigen Stelle abzugeben.

 

Mach aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen,
die „unten“ sind.

 

Bewahre mich vor der Angst,
ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche,
sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!

 

Alles Gute für die Zeit, die Gott uns schenkt mit dem Beginn des neuen Jahres!

Pastorin Birgit Vočka