1. Sonntag nach Ostern: Mit Petrus am See

(Erzählung nach Johannes 21, 1ff, Lukas 5, 1ff und Motiven aus „Die letzte Versuchung“ von N. Kazantzakis)

Die aufgehende Morgensonne breitet langsam ihr Licht über den See aus. Noch ist es kalt. Die Netze sind leer. Das Boot schaukelt auf dem Wasser, dem Ufer entgegen.

Wieder zuhause. Wieder auf dem See. Wieder da, wo alles angefangen hat. Wo sie sich das erste Mal trafen. Simon, der Fischer, und Jesus, der Menschensohn. Simon ist zurückgekehrt in seine alte Heimat, zu seinem alten Beruf. Und mit ihm die anderen: Thomas, Nathanael … Schuster, bleib bei deinen Leisten. Fischer, bleib bei deinen Netzen.

„Ich will dich zu einem Menschenfischer machen“, hatte Jesus mal zu ihm gesagt. Da ließ   Simon die Netze liegen. Verließ sein Boot, sein Haus, seine Familie. Ließ alles hinter sich und ging mit ihm. Verrückt – so haben sie ihn genannt. Verrückt, aber er hat es gemacht.

„Du bist der Fels, auf den ich baue“, hatte Jesus mal zu ihm gesagt. „Fels“ – das wurde sein zweiter Name. Simon, der „Fels“: Simon Petrus. Felsenfest war er davon überzeugt gewesen, dass alles schon irgendwie gut ausgehen würde, - nicht zuletzt auch mit seiner Hilfe. Aber dann packte ihn die Angst. In jener Nacht im Gerichtshof, als man ihn erkannte. „Bist du nicht auch einer von denen, die zu ihm gehören?“ – Noch heute läuft ihm ein Schauer über den Rücken, wenn er daran denkt. Wie feige war er doch gewesen! Auch er: ein Verräter. Nicht besser als der Andere. Nicht einmal, nicht zweimal, nein gleich dreimal verleugnete Simon seinen Freund Jesus. Und lief dann davon. 

Simon zieht das Ruder ein wenig zu sich. Das Boot segelt nun dem Licht entgegen. Die Kreuzigung, die Grablegung – er wollte nicht dabei sein. Das war zu viel. Was soll’s, es ist vorbei!

„Ich gehe fischen“, sagt Simon, „Das ist mein Leben! Netze auswerfen, Fische fangen, essen, schlafen, den neuen Tag heraufkommen sehen und wieder die gleiche Arbeit beginnen Tag um Tag, Jahr um Jahr, - bis zum Tod. Das ist und bleibt mein Beruf.“

Das Boot erreicht das Ufer.

„Seht mal, da steht einer!“

Tatsächlich, da steht einer am Ufer und wartet auf sie.

Der spricht:

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

„Nein!“

Er schickt sie wieder zurück auf den See.

„Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“

Und sie gehorchen. Wie selbstverständlich folgen sie seinen Worten. Wie im Traum. Wie einst, als er ihnen das erst Mal begegnete. Sie werfen die Netze noch einmal aus. Was werden sie finden? Was gibt es schon anderes zu finden als Fische, - wenn man Glück hat?! Da füllt sich die Leere. Das Netz wird immer schwerer. Sie können es kaum ins Boot ziehen.

Simon Petrus sieht die Fische in den Netzen zappeln und in der Sonne glänzen. Wie gebannt schaut er sie an. Da verschwimmt alles vor seinen Augen, das Netz, die Fische … und verwandelt sich: kein Netz mehr, keine Fische, stattdessen „Menschen, tausende von Menschen, die glücklich tanzen“ … Sie schauen auch ihn an, als warteten sie auf ihn, auf Simon Petrus, den „Menschenfischer“!

Mit vereinten Kräften holen die Jünger die Netze ein. Immer wieder wirft einer von ihnen einen Blick ans Ufer. „Es ist der Herr!“ flüstert einer dem anderen zu. Da rafft Petrus sein Gewand zusammen und springt über Bord, stemmt sich gegen das Wasser und watet dem Ufer entgegen. Die anderen folgen in den Booten.

Am Ufer brennt schon ein Feuer über den Kohlen.

„Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! – Kommt und haltet das Mahl!, spricht der Auferstandene.

Sie setzen sich ans Feuer. Jesus nimmt das Brot und gibt es ihnen und desgleichen auch die Fische.

Da sind sie wieder beisammen, wie früher – und doch ist es ganz anders. Niemand unter den Jüngern wagt, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wissen: Es ist der Herr! Keiner will ihn zerstören, diesen wunderbaren Moment, diesen Augenblick der Gegenwart, die alles in sich vereint: was war, was ist und was noch sein wird.

Petrus ist erleichtert. Er weiß nun, wo sein Platz ist. Er hat das Netz noch einmal, ein letztes Mal, ausgeworfen, und er hat seine Berufung (wieder-)gefunden!

Die Sonne leuchtet hell über dem See, die Welt erstrahlt in einem neuen Licht.

 

Pastorin Dr. Birgit Vočka


An der Seite von Maria Magdalena

(Ostererzählung nach Johannes 20, 11ff)

 

Ganz früh am Morgen läuft sie los. Zum Grab. Wohin auch sonst mit all ihrer Trauer? Immer noch aufgewühlt von den letzten Tagen. Doch jetzt ist alles vorbei. Das Leiden hat ein Ende. Der Schmerz hat ein Ende. Auch alles Bangen und Hoffen. Als Jesus starb, – das war auch eine Erlösung. Es war vollbracht.

„Maria, du musst loslassen“, hört sie sich selber sagen. Aber so einfach ist das nicht. Er hat ihr so viel bedeutet. Er hat ihrem Leben eine neue Richtung gegeben, einen Sinn. Am liebsten hätte sie das alles wieder zurück. Sie will ihr altes Leben wieder zurück, so, wie es war.   

Nun steht sie da am Ziel ihres Weges, am Grab. Aber das Grab ist leer!

Und wir stehen neben Maria Magdalena. Der Evangelist Johannes hat es so eingerichtet. So machen es alle Ostergeschichten der Bibel: Sie holen uns an die Seite derer, die sich am Ostermorgen auf den Weg machen. Sie lassen uns mit ihnen gehen, mit ihnen fühlen, mit ihnen hineinblicken in die Leere des Grabes, bis auch uns schwarz vor Augen wird. So geht es, wo immer wir Abschied nehmen müssen von einem geliebten Leben, das wir teilen durften. Lassen wir uns darauf ein und bleiben an Marias Seite. So lange, bis das Dunkel sich lichtet, bis das Unmögliche geschieht und das Leben sich wieder erhebt, bis es aufsteht, ruft!

„Maria!“ – ruft eine Stimme hinter ihr. Maria dreht sich um, weg vom Grab, hin zum aufgehenden Licht des Ostermorgens, aus dem die Stimme kommt. So nah liegt (steht) manchmal der Trost, nach dem wir suchen. Er wartet längst. Es braucht nur eine Wendung. Und es wird Ostern.

Maria bekommt ihr altes Leben nicht zurück. Aber sie wendet sich einem neuen zu. „Maria!“, ruft der Auferstandene ihr zu – und meint auch uns: „Ich lebe! Und du sollst auch leben!“

Frohe Ostern!


Gedanken über Mt 4, 1 -11 – Jesus in der Wüste – zum 1.Sonntag in der Passionszeit „Invokavit“
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“

In die Krisen unseres Lebens gehen wir nicht freiwillig. Wir werden in sie hineingeworfen, manche sagen auch: „geschickt“. Aber das sagt man meist erst im Nachhinein, wenn die Krise einen nicht völlig aus der Bahn geworfen hat und / oder man „in der Wüstenzeit“ etwas gelernt hat über sich selbst und das Leben, das man nicht mehr aufgeben möchte.

Die Wüste ist auf den ersten Blick ein lebensfeindlicher Ort, ein Ort des Todes. Aber wir wissen auch: Es braucht nur wenig, nur einige Tropfen lebenspendendes Wasser, und „die Wüste lebt“.
Die Wüstengeschichten der Bibel erzählen von Menschen, die in schwierigen Situationen, Situationen der Krise oder des Übergangs, sich selbst begegnen und den Kräften, die sie beherrschen.
Das Volk Israel wandert 40 Jahre durch die Wüste. Es hofft, feiert und besingt seine Rettung und hadert wenig später mit den Herausforderungen, Zumutungen und Schwierigkeiten auf dem Weg in die Freiheit. - Der Prophet Elia flüchtet in die Wüste und wünscht sich den Tod, weil er meint, seinem Anspruch an sich selbst als tapferer Gottverteidiger nicht gerecht werden zu können. – Und auch zu Jesu Weg gehört ein Aufenthalt in der Wüste, wie das Evangelium erzählt, das die Passionszeit einleitet.

Auch Jesus geht nicht freiwillig in die Wüste, sondern er wird ‚geschickt‘, und zwar ausgerechnet vom Geist Gottes, der ihm gerade in der Taufe versichert hat: „Du bist mein geliebter Sohn.“
Die Versuchungsgeschichte (Matthäus 4, 1- 11) erzählt von einer Wüstenzeit Jesu am Beginn seines Wirkens, die ihn an den Rand seiner Kräfte gebracht hat, die gleichwohl aber auch wegweisend, ja entscheidend für alles war, was danach noch kommen sollte. Es geht um ein inneres Geschehen, eine Art Reifungsprozess. Nach der Taufe, in der Gott Jesus zu seinem Sohn erklärt, erfolgt in der Wüste sozusagen die Konfirmation, in der Jesus seine Verbindung mit Gott bestätigt. Das geschieht, indem er einer Reihe von Versuchungen widersteht. Versuchungen, die allesamt darauf zielen, dass Jesus seine besondere Beziehung zu Gott zu seinen vermeintlich eigenen Gunsten ausspielt. Zuerst wird ihm angeboten, seinen Hunger zu stillen, indem er Steine in Brot verwandelt. Dann soll er Gottes rettende Liebe zu ihm auf die Probe stellen, indem er sich von einem Turm stürzt („Er wird doch seinen Engeln befehlen, dass sie dich auf Händen tragen.“). Am Ende werden ihm sogar „alle Reiche der Welt“ zu Füßen gelegt, wenn er Gott verrät.

Das alles ist kein Spiel, sondern was hier erzählt wird, ist die wohl wichtigste Erfahrung, die Jesus am Anfang seines Weges gemacht hat: Am Rande seiner Kräfte, am Ende einer langen Fastenzeit, begegnet er sich selbst, den elementaren Kräften seines Lebens, den düsteren, dämonischen wie auch den guten, den heilsamen. Und er muss sich entscheiden.

Nach 40 Tagen des Fastens tritt der Versucher an seine Seite und rät ihm, seinen Hunger zu stillen, indem er Steine in Brot verwandelt. 40 Tagen oder 40 Jahre - manchmal bleibt es Menschen über lange Zeiten ihres Lebens hinweg verborgen, wonach sie hungern, was ihnen fehlt, was sie wirklich brauchen. Und dann?

Wo der Hunger nach Leben sich meldet, ist die Versuchung nicht fern, ihn schnell zu stillen. ‚Nimm doch die Steine hier‘, sagt der Teufel zu Jesus, ‚und verwandle sie in Brot!‘ Ein verlockendes Angebot! Und Jesus könnte es tun. Er hat die Kraft, Wunder zu vollbringen. Die Kraft, die wir uns manchmal wünschen. Doch gerade er widersteht. Warum? Ich glaube, weil er weiß, dass sich der Hunger nach Leben so einfach nicht stillen lässt. Ja, dass es beizeiten vielmehr darauf ankommt, ihn überhaupt erst einmal (wieder) zu spüren, um wahrzunehmen, was wir wirklich brauchen.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Und das sagt der, der 40 Tage gefastet hat! Der Kollege Horst Gorski hat einmal in einer Predigt geschrieben: „Jesus war nach diesen 40 Tagen (in der Wüste) an einem Nullpunkt seines Lebens angekommen. Nur weil er diesen Nullpunkt kannte und erlebt hatte, was ihn in diesem Moment noch trug, nur deshalb konnte er später Menschen, die sich am Nullpunkt ihres Lebens
befanden, etwas geben, was sie trägt; und so konnte er auch seine eigenen späteren Tiefpunkte im Leiden durchstehen.“

Der Hunger und die Bedürftigkeit, deren wir uns in den Wüstenzeiten unseres Lebens bewusst werden, können uns zur Quelle des Lebens werden, das uns (wieder) mit uns selbst und mit Gott verbindet. Wir müssen uns ihrer nicht schämen. Ganz im Gegenteil. In unserem Predigttext heißt es am Ende von Jesus: „Und siehe, Engel kamen zu ihm und dienten ihm. “ Das ist das Geschenk Gottes, das uns in Wüstenzeiten zuteilwerden kann: Dass Gott selbst sich an unsere Seite stellt und mit uns durch die Krise geht, - wenn wir ihm erlauben, uns zu zeigen, was wir wirklich brauchen.


Gedanken zum Predigttext (2. Sonntag vor der Passionszeit) – Lukas 8, 4 - 15

 

Worte haben eine große Macht. Einmal in die Welt gesetzt, kann ein Wort alles verändern. Es kann einen Menschen erlösen von der Last einer unerträglichen Schuld, wie es z. B. die Brecht’sche Weihnachtsgeschichte „Das Paket“ erzählt. Es kann befreien aus einer lähmenden, ohnmächtig und krank machenden Lebenssituation. „Ich habe keinen, der mir hilft“, klagt ein Mensch Jesus sein Leid. Jesus sagt ihm:  Du brauchst keine Hilfe. Du hast die Kraft, die du brauchst: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Eine Zu-MUTung im wahrsten Sinne des Wortes. Aber sie bleibt nicht ungehört. Im Gegenteil, sie scheint gerade recht zu kommen. Sie trifft auf offene Ohren und ‚fruchtbaren‘ Boden. Der Mensch wagt es und kommt tatsächlich wieder auf die Beine.

 

Worte können aber auch anders. Ja, sie können genau das Gegenteil von dem bewirken, was ich eben geschildert habe. Sie können Menschen klein machen oder klein und ohnmächtig halten. Dazu braucht es nur Sätze wie z.B. „Das kannst du nicht!“ oder „Das schaffst du nicht!“ – Ich habe eine Frau gekannt, die aufgrund eines Unfalls in der Kindheit schmerzhafte Behandlungen durchstehen musste. Zeit ihres Lebens verfolgte sie der Satz ihres Vaters „Reiß Dich zusammen!“ Das Grausame an diesen Worten war, dass sie genau das wiederholten, was der Schmerz ihr ohnehin schon zufügte!

 

So können Worte, kurz gesagt, beides: Leben schaffen und am Leben hindern, ja es sogar zerstören! Und das liegt nicht allein an Intention oder Absicht des Sprechenden, sondern auch und gerade daran, ob und wie sie aufgenommen werden.

Worte, einmal in die Welt gesetzt, nehmen ihren Lauf! Sie lassen sich nicht mehr zurücknehmen. „Das habe ich so nie gesagt!“, beteuert der eine. Der andere aber besteht darauf: „Doch! Hast Du!“ Worte, einmal in die Welt gesetzt, sind also frei gelassen. Man kann nur hoffen, dass der andere hört, wie es gemeint ist, dass er versteht. Manchmal, und das geschieht gar nicht so selten, sind es nicht einmal die bewussten, die gewichtigen Botschaften, die treffen, sondern es ist das Wort, das eher beiläufig, vielleicht sogar einfach nur so dahin gesagt wurde. „Du hast mal gesagt … erinnerst Du Dich noch?“ – „Ehrlich gesagt, nein!“ – „Aber das war es, was mich auf den Weg gebracht hat …!“ – Oder: „Das ist es, was ich Dir nicht vergeben kann…“. So kann es gehen. Jedes Wort ist also ein Wagnis. Es birgt Chancen in sich, aber auch Risiken, auf die wir keinen Einfluss mehr haben. Und das gilt für den Sprechenden ebenso wie für den Hörenden.

 

Es gilt auch für Gott, der sein Wort in unsere Welt und unser Leben schickt. Gott gibt uns sein Wort. So erzählt es die Bibel am Anfang. Er spricht nur ein Wort, und es entsteht eine ganze Welt voller Leben und Lebendigkeit! Er spricht ein anderes, enttäuscht darüber, was die Menschen aus seiner Schöpfung machen, - und das Chaos bricht herein!

Und doch bleibt Gottes Wort ein Wort des Lebens. Dazu verpflichtet Gott sich selbst und macht es ganz deutlich, indem er sein Wort Fleisch werden lässt. Da gibt es kein Zurück mehr. Gott „setzt sich aufs Spiel im gewagtesten und gefährlichsten seiner Geschöpfe“ (Kurt Marti), indem er uns sein Wort anvertraut. Es fällt in unser Leben, wie die Saat auf den Acker im Gleichnis, das Jesus im Predigttext erzählt:

 

Ein Sämann geht übers Feld und wirft seine Saat aus. Und beim Auswerfen fallen einige Körner auf den Weg nebenbei. Und Vögel kommen und picken sie auf. Andere Körner fallen auf felsigen Grund, wo nicht viel Erde ist. Da sprießt die Saat gleich auf. Aber sie hat keine Wurzeln in der Erde und die Sonne verdorrt sie schnell. Einige Körner fallen unter das Dornengestrüpp. Und alles, was aufwächst, erstickt unter den Dornen.

 

Die erste, die einfache Erklärung hat der Evangelist ausdrücklich dazugeschrieben: der Samen, der ausgesät wird, ist das Wort Gottes. Es trifft auf unterschiedliche Zuhörer:

Die einen sind wie ein Weg: da wird alles schnell zertreten, nichts kann da wachsen. Durchs eine Ohr rein, durchs andere wieder raus, so könnte man auch sagen. Nichts bleibt haften oder kommt wirklich an. Ähnlich ergeht es dem Wort, das wie die Saat auf Felsen oder unter Dornengestrüpp fällt: es dringt nicht ein. Es wird nicht aufgenommen. Es geht unter im Gestrüpp der Sorgen und Zerstreuungen.   

Nur bei einigen wenigen trifft das Wort Gottes auf offene Ohren und aufmerksame Herzen. Nur bei einigen wenigen fällt der lebendige Geist Gottes auf fruchtbaren Boden, entfaltet sich und reift wirklich zur Frucht. 

Dieses Gleichnis ist wie viele Gleichnisse des Evangeliums weniger eine Feststellung über Menschen als eine Frage an ihn. Die Frage lautet: Was bist du für ein Zuhörer? Bist du ein guter Boden für Gottes Wort? Bist ist du ein Weg, auf dem alles schnell vorübergeht? Ist dir vor allem bewusst, dass du auch selber darüber entscheidest?

 

Die Pointe des Gleichnisses lautet aber nicht: Seht mal, wie wenig nur ankommt bei uns! Sondern im Gegenteil, sie lautet: Und ist auch nur ganz wenig, was auf fruchtbaren Boden fällt bzw. auf offene Ohren und Herzen trifft, es bringt doch viel Frucht.

Jede Liebesmüh, jedes gute Wort, jeder Gedanke, jeder Trost, jede Hilfe, jede Bitte und jedes Gebet, aber auch jedes offene Wort, dass die Wahrheit nicht verschweigt, jedes Ringen, jede Kritik, die den Anderen weiterzubringen versucht – kann aufgehen und wirken, kann einen Menschen weiterbringen, wachsen lassen, manchmal sogar verwandeln. Genau so, sagt Jesus, wirkt auch Gott unter uns.

 

Gott gibt uns sein Wort. Er spricht es, oft schlicht und unauffällig, mitten hinein in unsere Worte und Gedanken. Und wie alle Worte, so unterliegt auch Gottes Wort den natürlichen, menschlichen Widerständen. Wo Gott sich den Menschen offenbart oder Menschen in seinem Geist leben und handeln, geht viel Mühe verloren, und mancher Ansatz kommt nicht zur Frucht. Aber es fällt immer auch etwas auf guten Boden. Und das wächst. Das bringt Frucht, gute, reiche Frucht, - manchmal mehr als erwartet.

 

Erstaunlich, worauf Gott sich da einlässt! Wir sind, trotz allem, was gegen uns spricht, für Gott unentbehrlich! Er lässt sich auf uns ein, voraussetzungslos. Doch: Er erwartet auch etwas von uns. Er traut uns auch etwas zu – nämlich, dass wir zuhören und dass wir seinem Geist den Boden bereiten in uns, so dass wachsen kann, was er mit uns und dieser Welt Sinn hat. Gottes spricht kein Machtwort, das Zustimmung erzwingt, sondern gibt uns seinen Geist, der sich nur in einem Milieu von Freiheit und Vertrauen entfaltet kann. Da z. B., wo ein Mensch bittet: „Sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund!“