Vor 120 Jahren: Einweihung der ersten Hinschenfelder Kirche

Vor 120 Jahren: Einweihung der ersten Hinschenfelder Kirche

Hinschenfelde – erstmals urkundlich 1336 erwähnt – gehörte bis 1904 zum Kirchspiel Altrahlstedt in der Propstei Stormarn. Sein Name ist abgeleitet von Hinrizenvelde = Heinrichs Feld.
Im 1900 vorwiegend von Arbeitern u. Handwerkern bewohnten Dorf mit kleinen Häusern und Kathen lebten etwa 2.300 Gemeindeglieder, für die 1892 in Altrahlstedt eine zweite Predigtstätte eingerichtet und zunächst mit Pastor Andreas Andresen besetzt wurde. Gottesdienste fanden in der Hinschenfelder Schule (heute „Schule am Eichtalpark“) statt.
Familie Luetkens aus Wandsbek (Eichtal), Besitzer der Gerberei und Lederfabrik, überließ der Gemeinde kostenlos ein Grundstück am Dorfplatz, (heute die Ecke Walddörferstr.300 / Hinschenfelder Stücken – vormals Volksdorfer Str. / Ludwigstr.)
Hier wurde eine für 200 Personen fassende Kapelle gebaut und am 9. April 1893 eingeweiht.
Es war die zehnte Kirche auf dem Gebiet der Propstei Stormarn, die neun Kirchspiele mit jeweils einer Kirche hatte: Bergstedt, Steinbek, Rahlstedt, Trittau, Eichede, Bargteheide, Siek, Woldenhorn-Ahrensburg und Wandsbek (aufgezählt in der Reihenfolge ihrer Entstehung).

Kaiserin Auguste Viktoria stiftete eine prachtvolle in Leder gebundene und mit Silber beschlagene Bibel mit folgender Widmung: Der Kirche zu Hinschenfelde zur Einweihung am 9.April 1893. Johannes 11,25: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Auguste Viktoria Kaiserin und Königin

Mit Urkunde vom 23. April 1894 wurde ein Pastorat mit Amtssitz in Hinschenfelde errichtet.
Am 15. Mai wurde Pastor Johannes Heyer die Pfarrstelle übertragen.
Für die Kirche war die Gemeinde auf weitere Spenden angewiesen:

  • 1895 mit Unterstützung des Königlichen Konsistoriums eine Kirchenglocke
  • 1896 von den Konfirmanden eine neue „Altarbekleidung“, von Fam. Luetkens ein Taufstein mit Taufbecken
  • von den Konfirmanden 1899 ein Teppich und
  • 1900 ein Antependium und Velum sowie
  • 1901 ein Kelch und sechs Gesangbücher

L o t t e r i e   für ein Harmonium

Um ein Harmonium anzuschaffen, wurde eine „Verloosung“ durchgeführt, die 400 Mark erbrachte.
Dies alles ist festgehalten in den Protokollen der jährlich stattfindenden Propsteisynoden. Ihr gehörten 20 Laien aus den zehn Kirchengemeinden und die elf Pastoren an. Über den Kirchenbesuch wird berichtet: „Bei Festgottesdiensten ist die Kapelle überfüllt, an gewöhnlichen Sonntagen ist der Besuch nicht auf der früheren Höhe geblieben und nicht unerheblichen Schwankungen unterworfen… Mit Ausnahme des Hochsommers werden regelmäßige Nachmittagsgottesdienste gehalten, die überwiegend von Kindern besucht werden. Jetzt sind sie als Kindergottesdienste eingerichtet, der Besuch schwankt zwischen 120 und 260 Teilnehmern… “

K i r c h e n a u s t r i t t e

Auch sie werden im Synodalbericht besonders erwähnt: „Von den 59.246 Gemeindegliedern der gesamten Propstei Stormarn traten 14 Personen aus: aus der Kirche in Hinschenfelde fünf, in der Steinbeker Gemeinde neun Personen und zwar aus sozialdemokratischen Beweggründen … Die sozialdemokratische Bewegung macht sich, wie vorauszusehen war, immer noch in allen Gemeinden geltend … Wenn der Austritt von 14 Personen, welcher auch durch persönliche Einwirkung der Pastoren nicht verhindert werden konnte, uns eine Mahnung sein muß, solche persönlichen Einwirkungen zu ermöglichen, bevor die Entfremdung von der Kirche zu groß wird…“

Wie ging es weiter ?

1899 wird als vierter Friedhof – nach dem historischen Friedhof an der Christuskirche mit dem Schimmelmann Mausoleum, dem Alten Friedhof in der Wandsbeker Allee u. in Tonndorf, Ahrensburger Str. – der Hinschenfelder Friedhof (an der heutigen Walddörferstr.) eingeweiht. Nun brauchten die Gemeindeglieder zu Beerdigungen nicht mehr nach Rahlstedt zu gehen.
Als die Hinschenfelder Schule ein Jubiläum hatte, schrieb Robert Tange: „Uns Kark: Aber Hinschenfelln weer anners worrn. Wi harrn vör Tieden en lütt Kark kregen, de achter dat grote Pastorat stünn, jüst so as sünst die Swienställ achter‘t Huus. Op dat Dack harr se so’n lütten Toorn, von den de Lüud seggen, he worr abends rinnahmen und in en Pappschachtel leggt …“
(In Hochdeutsch: ,,Unsere Kirche: Aber Hinschenfelde ist anders geworden. Wir haben vor Jahren eine kleine Kirche erhalten, die hinter dem großen Pastorat stand, gerade so, wie sonst die Schweineställe hinterm Haus. Auf dem Dach hatte sie so einen kleinen Turm, von dem Leute behaupteten, er würde abends hereingeholt und in eine Pappschachtel gelegt …“)

Volkszählung + Umgemeindung

Nach der Volkszählung am 1.1.1900 hat die Propstei Stormarn = 73.725 Mitglieder in der Landeskirche, Hinschenfelde hat 3.729 Seelen.
Seit dem 1.10.1900 gehört Hinschenfelde verwaltungsmäßig zu Wandsbek.
Am 1.4.1904 wird Hinschenfelde kirchlich aus Alt-Rahlstedt nach Wandsbek umgemeindet.
Schon länger gibt es in Alt-Rahlstedt für die jährliche Statistik eine extra Spalte für Hinschenfelde. Darin stehen für 1903 =

  • 200 Geburten,
  • 177 Taufen,
  • 43 (staatliche) Eheschließungen,
    davon 33 (kirchliche) Trauungen,
  • 86 Konfirmationen,
  • 116 Beerdigungen – davon 18 mit und 98 (!) ohne kirchliche Begleitung (in der gesamten Propstei gab es bei 1.574 Beerdigungen = 763 mit und 811 ohne kirchliche Begleitung).

K o l l e k t e n

In den „vorgeschriebenen“ acht Kirchenkollekten wurden 1903 = 40.53 Mark – im Durchschnitt je Gottesdienst also 5,06 Mark – gesammelt. Außerdem im Klingelbeutel das ganze Jahr über 120,31 Mark, - im Durchschnitt je Gemeindeglied 3,2 Pfennige.

N e u e r   K i r c h b a u

Am 25.9.1910 wird auf Hinschenfelder Gebiet in der Manteuffelstr. (heute Kedenburgstr.) die Kreuzkirche eingeweiht. Damit hat die Hinschenfelder Kapelle als Gottesdienststätte ausgedient, denn im Bericht der Stormarner Propstei-Synode von 1911 heißt es: „Das Pastorat an der Volksdorferstr. (heute Walddörferstr. 300) ist durch Hinzunahme eines Teils der früheren Kapelle wesentlich erweitert und wohnlicher gemacht. Der übrige Teil der Kapelle ist zum Konfirmandensaal eingerichtet …“
1925 beendet Pastor Heyer seinen Dienst in der Gemeinde. Nachfolger wird Pastor Bernhard Bothmann. Er wird 1939 suspendiert, da er sich weigert, sich von seiner christlich getauften jüdischen Frau scheiden zu lassen. 1948 wird Wandsbek in die Christus- und die Kreuzkirchen-Gemeinde geteilt.
1959 wird das Matthias-Claudius-Alten-Heim (als Ersatz für das im Krieg zerstörte Haus „Herberge zur Heimat“) eingeweiht. Träger sind die inzwischen sieben Wandsbeker Kirchengemeinden.
Nach dem Hamburger Kirchentag 1953 bildet sich mit Pastor Fritz Schade eine „Kirchentagsfamilie“.
Später finden in der Tonndorfer Friedhofskapelle 14-tägig Gottesdienste und jeden Sonntag ein Kindergottesdienst (1965 mit 80 – 120 Kindern) statt.
Am 20.6.1965 wird neben dem Hinschenfelder Friedhof in der Walddörferstr. 369 die Emmauskirche eingeweiht und am 1.10.1966 als achte Wandsbeker Gemeinde die „Emausgemeinde Hinschenfelde“ gegründet. - Das 1893 erbaute Pfarrhaus mit dem Saal wird 2011 verkauft und mit dem Erlös die Gemeinde-Gebäude in der Kedenburgstr. saniert.

Zusammengestellt von Werner Wieprecht, Tel: 040 - 66 44 20

Mail: w.wieprecht@t-online.de

Quellen: Protokolle der Propstei-Synoden in Stormarn /
STORMARNSPIEGEL, Informationsblatt des Kirchenkreises Stormarn / Festschrift zum 25. Kirchweihfest d. Emmauskirche / Ein besonderer Dank gilt Helmuth Fricke für Texte aus seinem Archiv u. die beiden Fotos aus WANDSBEK INFORMATIV.