Ruhepausen

Vom Apostel Johannes wird erzählt, dass er im Alter gerne mit einem zarten Rebhuhn spielte. Eines Tages besuchte ihn ein Jäger und wunderte sich,

dass ein so wichtiger Mann wie ein Kind mit einem Vogel spielt. Der Jäger fragte den Apostel: „Du könntest große und wichtige Dinge tun und spielst mit einem Rebhuhn. Warum vertust du die kostbare Zeit mit einem nutzlosen Spiel?“ Johannes schaute den Jäger nachdenklich an und fragte zurück: „Weshalb ist der Bogen auf deinem Rücken nicht gespannt?“ „Der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer eingespannt wäre. Wenn ich ihm beim Jagen brauchte und einen Pfeil abschießen wollte, hätte er keine Kraft mehr.“ Johannes antwortete: „Das Leben ist wie ein Bogen. Es kann nicht immer angespannt sein. Sonst würde es seine Kraft verlieren. Jeder Mensch braucht, um seine Spannkraft zu erhalten, die Phasen der Entspannung. Und wenn er dann wieder gefordert ist, hat er die nötige Kraft zum Handeln und Wirken.“

Diese Geschichte von Apostel Johannes mit dem Bild des gespannten Bogens spricht mich sehr an. Ich stelle fest, dass ich eigentlich permanent angespannt bin und dass aus der Anspannung schnell eine echte Überforderung wird. Immer öfter kann ich die Anspannung nicht aushalten und muss dann zum Beispiel die Nachrichten abschalten. Mich überkommt sonst die Angst und ich kann all das Negative dann einfach nicht mehr aushalten.

Von Jesus wissen wir, dass er sich immer“ wieder zurückgezogen hat von den Menschen, auch von den Jüngern, um in der Ruhe, in der Abgeschiedenheit den Sinn frei zu bekommen für Gott und für das Wesentliche. Immer wieder entzog sich Jesus der Menge, um frei zu bleiben für Gott.

Eben dies sagt er auch seinen Jüngern zu. In Mk 6,31 sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruhet ein wenig.“

Gerade hatten sie von den Enthauptung Johannes des Täufers gehört auf den Wunsch der Frau des Herodes. Johannes hatte auf Jesus hingewiesen. Nachdem Herodes ihn gefangen nehmen ließ, hatte Johannes dem Herodes gesagt, dass es nicht erlaubt ist, dass Herodes die Frau seines Bruders hat. Johannes war aufrecht geblieben, hatte sich nicht brechen lassen und sprach die Wahrheit laut aus, die dann zu seinem Tod führte.

Natürlich waren die Jünger aufgebracht und entsetzt. Wahrscheinlich fürchteten sie auch um ihr eigenes Leben. Jesus hatte sie doch ausgesandt, um zu predigen.Würden sie jetzt auch ins Visier von Herodes kommen?

So kamen sie zu Jesus gelaufen. Wie sollte es weitergehen? War nun alles schon wieder zu Ende, was gerade erst angefangen hatte?

In diese Angst und Anspannung der Jünger hinein spricht Jesus diesen Satz: „Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.“

Jesus weiß, was seine Jünger jetzt brauchen. Er sieht, dass sie die Anspannung kaum noch aushalten können. Was seine Jünger jetzt brauchen, ist Ruhe, Ruhe und Besinnung; Raustreten aus dem, was sie eben erlebt und gehört haben, Heraustreten aus der Angst, die sie überkommen hatte.

Jesus weiß, jetzt helfen keine großen Worte. Die Jünger sind viel zu aufgelöst. Jetzt geht es darum, dass die Seele sich wieder beruhigen kann, dass die Jünger zur Ruhe kommen, Kräfte sammeln und sich dann wieder einfinden in ihre Aufgabe.

Jesus schickt die Jünger gemeinsam an eine einsame Stätte. Denn neben der Ruhe brauchen die Jünger die Gemeinschaft. Niemand darf jetzt allein gelassen werden.

Ich glaube, genau das, was die Jünger brauchten, brauchen auch wir immer wieder mal. Heraustreten aus der Belastung, Heraustreten aus Bedrohlichem und Kräftezehrendem. Zur Ruhe kommen. Damit aber nicht allein gelassen sein, sondern in der Gemeinschaft Kraft tanken.

Gott möchte auch uns Ruhepausen ermöglichen. Gott möchte auch uns Freiräume schaffen der Besinnung, ob allein oder in dem Erleben der Gemeinschaft.Immer öfter hört man von Menschen, die sich eine Auszeit in Klöstern nehmen, sei es für ein Wochenende oder länger. Oder sie gehen einen Pilgerweg, um innerlich wieder frei zu werden.

Die Zeit, die wir uns zur Stille und Ruhe, zum Spielen und Feiern nehmen, ist keine verlorene Zeit. Schöpferische Kräfte wachsen aus der Ruhe. Erschöpfungszustände kommen aus Rastlosigkeit und Hetze, Anspannung und Überforderung. Vielleicht können wir es schaffen, uns solche Momente der Ruhe zu ermöglichen. Die Nachrichten einmal abschalten. Heraustreten aus allem, was auf uns einhämmert und dem wir uns ausgesetzt fühlen.

Die Natur kann zu einem Ruhepol werden, wenn wir aufmerksam durch Gärten oder jegliche andere Natur gehen. Wenn wir genau hingucken, unsere Aufmerksamkeit auf das Wunder der Natur richten. Dann kann alles andere zurückbleiben.

Vielleicht können wir in unseren Häusern und Wohnungen einen Platz einrichten, den wir als Ruhepol nutzen können. Ihn richtig schön einrichten, mit einer schönen Decke zum Einkuscheln, einem Blick auf Bilder, die uns guttun, vielleicht entspannender Musik, in die wir eintauchen. Danach können wir unseren Bogen wieder spannen und sind bereit für die Dinge, die zu tun sind.

Regine Währer

Maria Magdalena am Ostermorgen

Es ist Nacht. Vor zwei Tagen haben sie Jesus gekreuzigt. Seit zwei Tagen ist Jesus tot. Sie haben ihn in eine Grabeshöhle gelegt und diese mit einem Stein verschlossen.

Maria von Magdala findet keine Ruhe. Sie macht sich früh auf zur Grabeshöhle, als es noch finster ist, finster um sie herum und finster in ihr selbst. Sie hält es nicht mehr zuhause. Sie muss Jesus noch einmal sehen. Sie kann noch nicht wahrhaben, dass Jesus wirklich gekreuzigt wurde.

Maria findet den Stein vor der Grabeshöhle weggenommen. Das Herz schlägt Maria bis zum Halse und sie holt Petrus und Johannes, damit sie es sehen. Ja, Jesus ist nicht mehr da. Nur die Leinentücher und das Schweißtuch liegen da.

Als Petrus und Johannes wieder auf den Weg gemacht haben, fängt Maria bitterlich an zu weinen. Der Schmerz ist übergroß. Jetzt kann sie sich nicht mal von Jesus verabschieden. Maria begreift, dass Jesus nicht mehr da ist. Im Weinen finden Schmerz und Verzweiflung Ausdruck, können fließen. Weinen kann helfen zu begreifen.

Maria weint um Jesus, Maria weint um den Verlust ihres „Herrn“. Immer noch nennt Maria Jesus ihren „Herrn“, drei Mal, um zu bekräftigen, dass Jesus immer noch ihr „Herr“ ist.

Die Trauer braucht ihren Raum, aber auch die Klage braucht Raum: „Sie haben meinen Herrn weggenommen“. Da sieht Maria zwei Engel in der Grabeshöhle sitzen. Sie fragt nicht, wer die Engel seien. Sie begreift es intuitiv. Auf die Frage, warum sie weint, darf Maria aussprechen, was ihr großer Schmerz ist.

Ich glaube, die Anwesenheit der Engel löst den Schmerz in ihr. Sie kann Worte finden für ihre Trauer und kann in Bewegung kommen.  Noch erkennt Maria Jesus nicht, als dieser sie anspricht.  Noch ist die Trauer zu groß, die ihr die Sicht nimmt. Da spricht Jesus sie persönlich mit Namen an: „Maria.“ Die Nennung ihres Namens schließt Marias Herz auf. Ich stelle mir vor, dass Jesus Maria liebevoll anspricht, behutsam, um sie nicht zu erschrecken.

Ich lasse Jesus sprechen:

Maria, ich sehe dich. Ich sehe deine Tränen! Du bist traurig, aber weine nicht länger. Siehe, ich bin da, auch jetzt noch. Doch such mich nicht länger. Du kannst meinen Körper nicht mehr berühren. Aber ich bleibe für dich da, auch wenn ich heimkehre zu meinem Vater. Denn mein Vater ist auch dein Vater. Wir bleiben geschwisterlich verbunden über den Tod hinaus. Darum weine nicht mehr.“

„Rabbuni! Mein Meister!“ antwortet Maria. Sie bekennt, wer Jesus ist und wer er für sie war, ihr Meister und Lehrer.

Maria möchte Jesus anfassen, ihn be-greifen, vielleicht sogar ihn festhalten. Anfassen und Begreifen sind unsere menschlichen Weisen des Verstehens. Doch der Auferstandene kann so nicht verstanden werden. Die Auferstehung Jesu geschieht vor den Augen von Maria, doch Maria kann den Auferstandenen nicht festhalten. Auferstehung lässt sich nicht mit Händen greifen.

Die Begegnung zwischen Maria und Jesus ist eine so innige Begegnung, dass sie mich anrührt. Sie zeigt mir, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass die Liebe Gottes so unfassbar groß ist, dass wir nicht aus ihr herausfallen können.

Gott kennt uns mit Namen seit der Taufe. Er will uns nahe sein, ganz persönlich. Jesus will nicht nur Maria trösten, sondern auch uns. Wir dürfen weinen, wie Maria; wir dürfen auch klagen. Doch wie erleichternd ist es, wenn Jesus, wenn die Osterbotschaft uns herausruft aus unserer Trauer und unserem Schmerz.

Jesus würde vielleicht so sprechen: 

„Weine nicht! Ich bin da! Wir bleiben verbunden. Du gehörst zu mir und nichts kann uns trennen. Wir werden vereint sein am Ende der Zeit, in Gottes ewigem Reich. Nichts kann uns trennen. Ich musste diesen Weg gehen, um euch den Weg zu Gott zu bereiten. Gottes Liebe, meine Liebe zu euch ist so groß, dass nicht mehr ausschlaggebend ist, was war und was zwischen uns stand, uns voneinander getrennt hat. Darum seid nicht traurig. Seid fröhlich, denn ich lebe! Und mit mir auch ihr!  Daran haltet fest, bis wir uns wiedersehen am Ende der Zeiten. Ich warte auf euch. Bei Gott seid ihr zuhause.“

So ist Ostern ein Grund zu wahrer Freude, eine Freude, die uns durch die Zeit begleiten kann. Wir können uns im Jahr, so oft wir es brauchen, an das Ostergeschehen erinnern. Gerade wenn wir traurig sind, vielleicht einen lieben Menschen verloren haben, dürfen wir vertrauen auf Jesus, der uns sagt:

„Weine nicht. Ich bin da. Bei mir bist du zuhause. Ich bin nur voraus gegangen. Vertraue darauf, ich habe den Tod überwunden auch für dich.“

 

Gez. Regine Währer

Wer ist der?

„Wer ist dieser?“ – „Wer ist der?“ – „Wer ist das bloß?“ so höre ich die Menschen einander zuraunen in den Straßen von Jerusalem.

Es war ein riesengroßes Durcheinander in Jerusalem, so kurz vorm Passahfest. Die Menschen strömten nach Jerusalem, um sich an den Auszug aus Ägypten zu erinnern und das Passahfest zu feiern. In der Stadt brodelte es. Die Aufregung war sicherlich mit Händen zu greifen. Alle freuten sich auf das große Fest. Dann verbreitete es sich von Mund zu Mund: „Hast du schon gehört?“ – „Da kommt einer, der reitet auf einem jungen Esel!“ – „Was soll das denn?“ – „Ausgerechnet auf einem Esel!“ „Ein Esel, irgendwie armselig!“ – „Aber meint er, er ist etwas Besonderes?“ – „Das müssen wir sehen, da müssen wir hin!“

Die Menschen laufen zusammen. Nah bei Jesus ist die Menge der galiläischen Festpilger, die antworten: „Der, der da kommt, ist der Prophet Jesus von Nazareth in Galiläa.“ Andere können ihre Aufregung nicht mehr zurückhalten. „Hosianna“, rufen sie laut, „hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der im Namen des Herrn kommt! Hosianna!“ Sie sind so überwältigt, dass sie in Jesus den Messias sehen, der rechtmäßige, von Gott eingesetzte König der Juden.

Die römische Besatzungsmacht wird mit Argusaugen darauf geguckt haben, was da passiert. Ich kann mir vorstellen, dass sie alles bereit waren zu tun, um Jesus mundtot zu machen. Es durfte auf keinen Fall einen Aufruhr geben!

Johannes berichtet in seinem Evangelium, dass die Menge anfing, Kleider und Palmwedel vor Jesus auszubreiten. Die Palmzweige fungieren dabei als Ausdruck der Huldigung und als Zeichen für den messianischen Herrscher.

Historisch wird man sich das Geschehen bescheidener vorstellen müssen, als es die Evangelisten berichten. Der Einzug Jesu in Jerusalem wird erzählt, als würde ein Kaiser eine Stadt besuchen und durch einen Triumphbogen einziehen.  M

it dieser überschwänglichen Erzählung des Einzugs in Jerusalem wird Jesus als zukünftigen Königs dargestellt. Aber: Ein König, der auf einem jungen Esel reitet, dem Bild für Sanftmütigkeit und Güte?! Die Evangelisten greifen in ihrer Darstellung auf die Prophezeiungen aus dem Alten Testament zurück, um Jesus als Messias zu legitimieren.

Jesu Einzug in Jerusalem ist wie ein Katalysator für all die Facetten dessen, wer dieser Jesus denn ist. Hier, in Jerusalem, prallt alles aufeinander. Wer ist dieser Jesus? Diese Frage zieht sich von Beginn an wie ein roter Faden durch das Leben von Jesus und über den Tod Jesu hinaus. Erst diese geheimnisvolle Geburt, dann lehrt er als 12-jähriger Junge die Priester im Tempel und erzählt von einem Gott, der die Menschen wie ein Vater liebt und für sie sorgen will. Er heilt Menschen und schenkt ihnen Mut. Er wird für viele zum Hoffnungsträger.  

Die Schriftgelehrten dagegen fühlten sich angegriffen von Jesus und warfen ihm vor, sich nicht an Gottes Weisungen und Gebote zu halten, ja, für sie war er ein Sünder, ein Abtrünniger. Selbst Pontius Pilatus blieb nicht unberührt von diesem Jesus. „ecce homo“ – „seht, welch ein Mensch“ so stellt er Jesus der Menge vor.

Wer ist dieser, wer ist dieser Jesus?  Das fragten sich nicht nur die Menschen damals. Auch wir müssen unsere Antwort finden, wer dieser Jesus für uns ist.

Wir können viel nachlesen in der Bibel und uns so ein Bild von Jesus machen. Das ist dann ein Bild, zusammengesetzt aus Berichten. Aber ein Bild lebt nicht. Ein Bild bleibt abstrakt. Es liegt an uns, dieses Bild mit Leben zu füllen, indem wir die Evangelien nicht wie Nachrichten lesen und dann beiseite tun, sondern dass wir uns berühren lassen von diesem Jesus, indem wir seine Worte auf uns wirken lassen und sie mit Leben füllen. Indem wir unser Handeln und Glauben nach Jesus ausrichten, können wir eine Beziehung zu Jesus aufbauen. Wir können ihn zwar nicht sehen, aber wir können zu ihm sprechen, ihm anvertrauen, was uns auf dem Herzen liegt.

Jesus ist durch den Tod hindurch auferstanden, um für alle Zeit an unserer Seite zu bleiben, um uns weiter ganz nah zu sein und die Beziehung zu Gott zu festigen.

Wir haben den Vorteil, dass wir wissen, wie es weiter ging mit Jesus nach seinem Einzug in Jerusalem. Wir können das Geschehen anders sehen und bewerten von Ostern aus. Das konnten die Menschen damals nicht. Darum lautet die Frage nach Ostern: Wer ist dieser Jesus für mich? Dabei gibt es nicht die eine richtige Antwort. Unsere Antworten können auch variieren, je nachdem, womit wir uns Jesus zuwenden. Ich erinnere an die Geschichte vom brennenden Dornbusch und den Namen Gottes: „Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“  Gott und Jesus lassen sich eben nicht festlegen auf eine Bild, sondern bieten die Fülle für uns.

Gez. Regine Währer

 

 

 

Wo das Glück zu finden ist und wo Gott zu finden ist

Es waren zwei Mönche, die lasen einmal miteinander in einem alten Buch, in welchem die Weisheit und Wahrheit geschrieben stehen: Am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berühren, an dem also das große Glück zu finden ist. Sie beschlossen, diesen Ort zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.  So durchwanderten die beiden die Welt, bestanden Gefahren und durchlebten Entbehrungen. Aber nichts brachte sie von ihrer Suche ab.

Eine Tür sei dort, wo Himmel und Erde sich berühren, hatten sie gelesen. Sie bräuchten nur anzuklopfen. Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür. Bebenden Herzens sahen sie, wie sich die Tür öffnete. Und als sie eintraten und die Augen erhoben, fand sich jeder in seiner Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, wo das große Glück zu finden ist, ja wo Gott begegnet, befindet sich nicht am Ende der Welt, sondern hier auf dieser Erde, an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.

Auf die Frage: Wo ist Gott? würden viele wohl antworten: Gott ist überall.

Aber: Wenn er überall ist, wie begegne ich ihm? Wie kann ich spüren, dass er wirklich da ist? Für mich da ist?

Beim Propheten Jeremia Kap 29, 13-14 steht: «Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich euch.»

Gott bietet sich uns Menschen an. Er will da sein für uns, lädt uns ein, ihn zu beanspruchen, mit ihm zu rechnen. Aber er drängt sich nicht auf. Gott will einen freien Menschen, er braucht keinen Marionetten, die er steuert. Er lässt uns die Wahl, ob wir ihm begegnen wollen.

Ich glaube, Gott kennenzulernen, ist ein Prozess. Das geschieht meist nicht mal eben so. Ich kann damit beginnen, indem ich mir immer wieder Zeit nehme, mein Herz für ihn zu öffnen. Dabei hilft es, ruhig zu werden, anzuhalten aus dem, was uns beansprucht Tag für Tag.

Da waren die beiden Mönche auf dem falschen Weg. Sie haben sich sehr angestrengt. Haben weite Wege auf sich genommen, um Gott zu begegnen. Der Weg war bestimmt mühselig. Aber in allem Tun, in allem sich Bemühen, in aller Anstrengung war ihr Blick und ihr Herz nicht mehr frei, nicht mehr offen. Die Anstrengung hat ihnen die Sicht genommen.

Ich lerne aus dieser Geschichte, dass es nicht um Anstrengung geht, wenn ich Gott begegnen will, und ich mich nicht krampfhaft auf die Suche machen muss. Denn so bin ich mehr offen für Gott. Möglicherweise begegne ich Gott, nehme das aber gar nicht wahr, weil ich so sehr mit Suchen beschäftigt bin.

Angekommen in ihrer Klosterzelle begegnen die beiden Mönche endlich Gott. Sie begegnen ihm bei sich selbst, in ihrer Klosterzelle. Alles Tun, alle Bemühungen haben die Mönche an Gott vorbeilaufen lassen.

Ich kann Gott also hier bei mir begegnen. Gott will sich von mir finden lassen. Das sagt schon sein Name: „Ich bin der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“ So spricht er von sich selbst in Exodus 3,14 in der Geschichte vom brennenden Dornbusch.

Ich formuliere weiter: Ich werde für dich da sein mit meinem ganzen Sein. Ich bin nicht festgelegt auf einen bestimmten Ort, auf eine bestimmte Zeit.

Du musst nicht mit allen Kräften suchen. Ich bin da. Du kannst mich spüren in Begegnungen mit Menschen.

Du kannst mich spüren, wenn es still wird in dir und du all das, was immer zu tun und zu machen ist, beiseitelässt. Du kannst mich spüren, auch wenn du im Augenblick gar nicht damit rechnest.

Der Lärm des Alltages überlagert so viel, oft auch Möglichkeiten der Begegnung mit Gott. Das Wichtigste ist, offen zu sein, sich berühren zu lassen von dem, was geschieht, wie auch immer Gott uns begegnet. Gott hat viele Wege.

„Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“

Legen wir Gott nicht fest. Sein wir offen mit allen Sinnen.  Dann können wir vielleicht sagen mit Psalm 73, 28: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

 

Gez. Regine Währer

Wann beginnt der Tag?

Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ fragte einer der Schüler. „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann?“ fragte ein anderer.„Nein“, sagte der Rabbi. „Aber wann ist es dann?“ fragten die Schüler. „Es ist dann, wenn du das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Diese rabbinische Geschichte finde ich sehr eindrücklich und berührend. Nacht und Tag bekommen eine ganz neue Bedeutung. Es geht nicht mehr um die Abläufe in der Natur, sondern es geht um uns, um mich und dich und uns alle.

Der entscheidende Punkt ist, ins Gesicht irgendeines Menschen zu blicken und darin meine Schwester und meinen Bruder zu entdecken. Der Punkt ist, im Anderen den Menschen zu sehen, der oder die er ist, und: mit dem ich verbunden bin wie mit einem Bruder oder einer Schwester.

Natürlich wissen wir, dass wir biologisch nicht Geschwister sein können. Die geschwisterliche Liebe, die hier gemeint ist, ist eine innere Beziehung, eine sehr enge Verbindung unter uns Menschen.

Die rabbinische Geschichte führt mich weiter zu einem Wort von Jesus. Jesus hat einmal zu seinen Jüngern gesagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch. dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.“ (Johannes 13,34)

Jesus fordert uns geradezu auf, im Nächsten den Bruder oder die Schwester zu entdecken. Er fordert uns auf, aufeinander Acht zu geben und füreinander da zu sein, und zwar in der Liebe Gottes.  Das Neue an diesem Gebot ist eben diese geschwisterliche Liebe, mit der wir untereinander verbunden sein können, die sich nicht richtet nach Nationen und Herkunft, die nicht guckt was du vorzuweisen hast, sondern die dich geschwisterlich auf- und annimmt.

Jesus hat sie uns vorgelebt, an Jesus können wir uns orientieren. „so wie ich euch geliebt habe“, spricht Jesus. Jesus ist die Richtschnur. So wie er uns die Lieb Gottes nahegebracht hat, fordert er uns auf, diese Liebe weiterzutragen, weiterzugeben und zu leben.

Wo uns das nicht gelingt, wo etwas zwischen uns Menschen steht, da herrscht  Nacht. Die Nacht, in der wir uns zurückziehen, der Raum des Ungewissen und der dunklen Seite des Lebens. Wo wir die Liebe Gottes leben, beginnt der Tag, wird es Licht im Leben. Wenn es licht wird in mir, erkenne ich im anderen auch Gottes geliebtes Kind. Und als diese sind wir geschwisterlich miteinander verbunden. Es ist eine Familie im Geist, die da entsteht.  Es zählt nicht mehr die Herkunft, eher, worauf ich lebe.

In der rabbinischen Geschichte hat das Sehen eine besondere Bedeutung. Es ist kein „kurz mal hinschauen“, es ist kein Blick, der schnell wieder abgewendet wird, es ist kein kritisches Abchecken, sondern es ist sehen in dem Sinn, wie er auch in der Bibel verwendet wird im Wort für sehen, das immer mehr heißt: sehen, erkennen und in der Folge auch lieben. Es ist ein Sehen, das meint, untereinander angesehen zu sein, so wie wir sind; ein Sehen frei von Vorurteilen; ein Sehen voller Wertschätzung; ein Sehen auch, dass da ein Mensch ist mit allem Guten und allem Schlechtem, das dem Mensch begegnet ist, und der ein geliebtes Kind Gottes ist.

In Psalm 36, 10 heißt es: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“

Mit Gott als Quelle unseres Lebens sehen wir mit anderen Augen. Sie kennen sicher das Sprichwort: die Welt mit anderen Augen schauen. Das kann bedeuten, liebevoll auf den Anderen zu sehen und wirklich hinzugucken, wie es ihm oder ihr geht. Hinsehen, nicht wegschauen. Hinsehen, und wahrnehmen, was der Andere braucht und für ihn oder sie da sein. Solches Sehen ist gemeint.

In Psalm 119, 05 heißt es: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“

Daran können wir uns halten.  Und dazu an all dem, was Jesus uns vorgelebt hat. Dann können wir „im Gesicht eines Menschen die Schwester oder den Bruder sehen.“

Gez. Regine Währer

 

 

Vom Danken

Kennen Sie das Wort: „Ich muss einen Dank loswerden?“

Da gibt es jemanden, dem oder der ich unbedingt danken muss. Da kann ich den Dank nicht bei mir behalten, da muss ich ihn einfach an den Mann oder an die Frau bringen. Das ist ein Dank, der mich innerlich so in Bewegung bringt, dass er tatsächlich raus muss. Eben dies ist das Besondere des Dankens: Ich kann zwar auch allein für mich danke sagen, doch der Dank wird erst wirklich belebt, wenn er ausgedrückt wird. Dank fordert quasi einen Ausdruck nach sich.

Wenn ich zurückdenke, ist eines der ersten Lieder aus dem Gesangbuch, das ich mir gemerkt habe, ein Lied vom Danken, vielleicht kennen Sie es: „Danke für diesen guten Morgen / danke für jeden neuen Tag / danke dass ich all meine Sorgen / auf dich werfen mag.“ Ich habe es im Kindergottesdienst kennen gelernt, wir singen es aber genauso auch in unseren Sonntagsgottesdiensten.

Das Besondere dieses Liedes ist, dass man ganz persönlich einfügen kann, wofür man danken möchte. Dann heißt die 2. Strophe vielleicht: Danke dass ich Freunde habe / danke ich bin nicht allein / danke ich kann mich frei bewegen hier in diesem Land.“

Es gibt unendlich viel, wofür wir danken können. Manchmal, spontan gefragt, müssen wir noch überlegen, wofür wir danken wollen. Aber oft ist es doch so, dass wenn man anfängt nachzudenken, das eine oder andere in den Sinn kommt, was wir gar nicht mehr so im Kopf hatten, im Alltag irgendwann untergegangen.  

In der Psychologie gibt es eine Übung, die geht so: In der rechten Hosentasche hat man einfach trockene Bohnen. Und jedes Mal am Tag, wenn wir etwas erleben, worüber wir uns freuen und wofür wir vielleicht danken wollen, wandert eine Bohne aus der rechten Seite in die Hosentasche auf der linken Seite. Am Ende des Tages kann man überrascht sein, wie viele Bohnen tatsächlich aus der rechten in die linke Hosentasche gewandert sind. Vielleicht haben wir es gar nicht wahrgenommen, dann die Überraschung: Doch, da war etwas an diesem Tag, darüber habe ich mich gefreut, dafür sage ich danke. Es ist manchmal ganz erstaunlich, was dabei herauskommt.

Danken ist existentiell, macht einen Teil unseres Lebens aus, kann Lebenshaltung sein. Gehe ich dankbar durch die Welt, oder als Kritiker und Zweifler, der alles klein redet. Davon hängt maßgeblich ab, wie wir unser Leben gestalten. Dank zu teilen, kann innerlich reich machen und uns Menschen untereinander verbinden. Darum ist es nicht verwunderlich, dass kaum ein Wort in den Liedern des Gesangbuches so oft vorkommt wie „Danken“ -  in allen Variationen. Beim Singen geben wir dem Dank Raum, lassen ihn klingen, können ihn im Körper spüren. Mit Singen zu danken kann tatsächlich das Herz öffnen.

Oft gesellt sich zum Danken: Singen, Loben und Preisen hinzu. Diese Worte kommen oft zusammen vor, ergänzen und verstärken sich gegenseitig. Bei allen geht es darum, etwas zu tun, einer inneren Bewegung Ausdruck zu verleihen. Es hat eine enorme Kraft gemeinsam zu singen, loben, preisen und danken. Der Dank vervielfältigt sich und gewinnt Raum in uns. Besonders gut geht das im gemeinsamen Singen ob im Chor, in der Gemeinde oder an jedem anderen Ort.

Danken, loben und preisen braucht immer auch einen Adressaten, ein Gegenüber. Anders geht es gar nicht. Alles andere wäre luftleer.

Unser Dank kann an unsere Mitmenschen gehen. Zu Danken gehört zugleich in unsere Grundbeziehung mit Gott. Gott ist unser Gegenüber bei so vielem, was wir tun und denken. An Gott können wir uns ausrichten. Es tut gut, Gott zu danken, diesem Gegenüber, das mich liebevoll ansieht. Es schafft Verbindung zwischen Gott und mir, wenn ich ihm danke. Ich beziehe ihn in mein Leben ein. Er wird Teil meines Lebens.

Viele von uns kennen Tischgebete als Dank für das tägliche Brot. Regelmäßig gebetet, ziehe ich Gott in meinen Alltag hinein. Auch das spontane Dankgebet, wenn wir Hilfe empfangen haben, kann hilfreich sein. Eine Haltung des Dankens schenkt uns eine positive Sicht auf uns und unser Leben. Machen wir sie uns zu eigen und wir entdecken die Welt neu.

Gez. Regine Währer

 

 

 

Gez. Regine Währer

Segen - eine Kraft Gottes

Was ist das eigentlich, Segen? Was passiert beim Segnen? Welche Bedeutung hat Segnen?

Im Griechischen bedeutet das Wort Segen: „jemandem Gutes zusprechen”: Da spricht jemand gute Worte über mich aus oder in mein Leben hinein. Und das sind nicht nur leere Worte, sondern Worte, die etwas bewirken. Die mir Kraft geben, mich anfeuern, mir gut tun.

In der Bibel ist es meistens Gott, der uns segnet. Schon am Tag ihrer Schöpfung sieht er die Menschen an und sagt: “Und siehe, es war sehr gut”. Schon das ist ein Wort des Segens. Und dann heißt es ausdrücklich: “Und Gott segnete sie.”

Dieser Segen ist in der Bibel, wie alle Worte Gottes, nicht nur leeres Gerede. Sondern er bedeutet Gesundheit, Nahrung, Kinder, Wohlergehen, Frieden und gelingende Beziehungen. Solchen handfesten Segen spricht Gott durch die ganze Bibel hindurch Menschen zu.

Besonders bekannt ist der Segen, den die Priester im alten Israel, aber auch Pastoren*innen bis heute am Ende eines Gottesdienstes mit erhobenen Händen über die Menschen aussprechen: “Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr wende dir seinen Blick freundlich zu und gebe dir seinen Frieden”. Dieses Segenswort ist übrigens auch das älteste Stück Bibel, das heute noch erhalten ist. Es wurde 1979 bei Ausgrabungen in Jerusalem in einem alten Grab aus dem 8. Jahrhundert vor Christus gefunden. Der Segensspruch war auf einem kleinen, zusammengerollten Stück Silber eingraviert.  Ein schönes Bild dafür, wie wertvoll solche Worte sind, und wie sie uns im Leben und im Sterben begleiten können.

Segen kann man aber nicht nur empfangen, sondern auch weitergeben: In der Bibel etwa legen Väter ihren Kindern die Hände auf uns segnen sie. Jesus forderte dazu auf, die Feinde zu segnen, anstatt über sie zu fluchen. Und diese Anregung wird in den Briefen der ersten Christen gleich mehrmals wiederholt.

Segen ist wie ein Geschenk, das man gleichzeitig empfangen und weitergeben kann. Gott sagte einmal zu Abraham: “Ich werde dich segnen, und du sollst für andere ein Segen sein”. Das galt für Abraham, das gilt in der Nachfolge aber auch für uns. Auch zu uns spricht Gott „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Auch wir sind geborgen unter dem Segen Gottes.

Gesegnet zu sein bedeutet, Gott ist nahe. Er umgibt uns und begleitet uns. Er sorgt für uns und schenkt Gelingen.

Manchmal merkt man den Segen erst im Nachhinein. Manchmal fühlt sich eine Situation überhaupt nicht gut an. Aber im Nachhinein merkt man: Das war gut! Hier lag Segen drauf!

„Ich will dich segnen!“ - das ist ein Versprechen Gottes, eine echte Verheißung! Eine Verheißung ist etwas, das kommen wird. Ist sie einmal ausgesprochen, dann wird sie kommen. Es mag Umwege geben, Probleme und Hindernisse. Aber irgendwann wird sie eintreffen. Davon können wir ausgehen.

Auf Hebräisch, der Sprache des Alten Testamentes, heißt Segen: barak. Barak heißt auf Deutsch aber nicht nur segnen, sondern auch loben. 
Segnen und Loben sind dasselbe Wort. Segen ist keine Einbahnstraße. Wir loben Gott, und Gott segnet uns – das ist ein und dieselbe Handlung!
Es gehört zusammen.

Segen verbindet uns immer wieder mit Gott.  Oft gehören Segensgesten dazu. In Zeichen wird Segen sichtbar gemacht, etwa wenn dabei das Kreuz am Ende eines Gottesdienstes geschlagen wird oder durch das Auflegen der Hände. Oft singen wir beim Auseinandergehen im Gottesdienst ein Segenslied.

Ich habe nebenstehendes Segenslied heute ausgewählt, die Vertonung eines irischen Reisesegens. Vielleicht kennen Sie es.

Der Refrain lautet: „Und bis wir und wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand;und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“

Ich finde, das hat etwas sehr Tröstliches und passt genau in die Zeit.

 

Ein Grund, ein Fundament für unser Leben

Es gibt ein wichtiges Gesetz beim Bauen eines Hauses: Das Fundament.

So gut, wie das Haus nach oben gebaut werden muss, so fest muss der Grund nach unten gelegt sein. All die schönen Räume, die sich Menschen einrichten, haben keinen Bestand, wenn sie nicht auf solidem Grund, einem tragfähigen Fundament gebaut sind.

Wenn das für einen Hausbau gilt, für einen Turm oder eine Brücke wichtig ist, wieviel wichtiger ist das für unser Leben. Auch im Leben brauchen Grundfesten, auf die wir bauen können. Wenn alles beliebig wäre und schwankend, nichts Bestand hätte, würden wir haltlos durchs Leben trudeln, würden anecken und uns böse Verletzungen holen.

Wir brauchen einen Grund, der uns standfest macht, der unseren Stand fest macht.Einen Grund, an den wir uns halten können und der Orientierung geben kann. Einen Grund, der uns trägt, wenn wir angefochten sind, wenn es uns schlecht geht, wenn wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen.

Menschen gehen da verschiedene Wege, sich zu gründen. Es ist eine individuelle Entscheidung, worauf ich mein Leben aufbauen möchte.  

Für mich ist dieser Grund der Glauben an Gott. Ich glaube, dass Gott da ist für mich; dass Er nicht von meiner Seite weichen wird und dass ich in Ihm geborgen bin. Darauf kann ich bauen und vertrauen.Gott ist das starke Fundament für mein Lebenshaus.

Gottes Worte bieten so viel an Orientierung. All das, was Jesus erzählt hat über Gott zum Beispiel in Gleichnissen kann Orientierung sein, wie er die Liebe Gottes gelebt hat, all das kann Orientierung sein. Das, was Jesus gelehrt hat über Gott, auch Worte aus dem Alten Testament wie die Psalmen können der Grund sein für mein Leben.

Die Bibel benutzt statt Grund für diese Bedeutung eher das Wort Fels. So heißt es in Psalm 31 in Auszügen:

Bei dir, HERR, suche ich Schutz, …Du bist ein gerechter Gott, darum hilf mir und rette mich!  Höre mein Gebet und komm mir schnell zu Hilfe! Bring mich in Sicherheit und beschütze mich wie in einer Burg, die hoch oben auf dem Felsen steht.  Ja, du bist mein schützender Fels, meine sichere Burg. Du wirst mich führen und leiten, um deinem Namen Ehre zu machen!“

Gott als schützender Fels und als sichere Burg; als Fels, auf den wir unser Leben bauen können. Das sind starke Bilder, Burg und Fels, die von Beständigkeit sprechen, von Stärke und Schutz.

Diese Verse hören sich für mich an wie ein kleines Glaubensbekenntnis. Ich würde sie so formulieren: „Auf dich Gott, höre ich. Du bist der Gott, der mir hilft. An dir halte ich fest:“

Wenn ich auf diese Worte baue und vertraue, kann ich mich aufgehoben und geborgen fühlen. Ich werde gesehen von Gott und Gott ist an meiner Seite. Im 1. Korintherbrief 3, 11 schreibt Paulus: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

Jesus bietet uns ein Fundament für unser Leben an. Seine Worte und Verheißungen können uns tragen. Es sind keine leeren Worte, sondern Worte, die Jesus mit Leben gefüllt hat, Worte, die er mit seinem Leiden und Sterben bewiesen hat. Wenn dann die Stürme des Lebens kommen, die Bestandteil unseres Lebens sind,  dann steht unser Lebenshaus fest, ist gegründet und verankert.

Martin Luther hat sich intensiv mit Paulus‘ Worten befasst und vertiefend folgende Worte gefunden: Das Fundament meines Lebens und allen Lebens ist der unbegreiflich gütige und liebende ABBA, von dem Jesus Zeugnis gegeben hat... ein Art von Vater, eine Art von Mutter, deren Kinder Teil ihres Herzens sind: „Ich bin Teil des liebenden Herzens Gottes“ begreift Luther.

Was ist das für eine großartige Erkenntnis: der unbegreiflich gütige und liebend ABBA als Grund für unser Leben! Das berührt mich und ich denke: Ja, das ist es. In diesen Worten ist alles, alle Liebe, aller Glaube, alles Vertrauen. Mehr braucht es nicht.

Wichtig ist, sich immer mal wieder darauf zu besinnen, dass wir diesen Grund in Gott und Jesus Christus haben; Vielleicht in einem Morgen- oder Abendgebet diesen Gott einbeziehen in unser Leben. Im Alltag mag uns manches verloren gehen. Die Zeit ist so schnell, die Anforderungen so groß. Dann einfach mal innehalten, sonntags oder irgendwann, und mich vergewissern, worauf ich mein Leben baue. So kann ich standhaft sein, wenn mir der Wind entgegenweht.

Gez. Regine Währer

Unser Buch des Lebens

Den Begriff „Buch des Lebens“ kennen wir sicher alle. Dahinter steht die Vorstellung, dass wir unser Leben selbst schreiben, selbst gestalten, und Tag für Tag eine Seite hinzufügen, sodass daraus ein Buch wird, das Buch unseres Lebens.

Die Vorstellung von einem Buch des Lebens ist uralt und kommt in allen 3 Weltreligionen vor, im Judentum und im Islam vor allem in der Weisheitsliteratur. In der Bibel wird das „Buch des Lebens“ in der Offenbarung des Johannes namentlich erwähnt.

Ein „Buch des Lebens“ erzählt von unserem Leben, was wir erlebt und gedacht haben, wie wir zu der oder dem geworden sind, die wir sind. Was sind die Dinge, die uns bewegt haben, was hat unser Denken und Handeln geprägt? Gibt es einen roten Faden? Oder finden sich immer wieder Brüche und Neuanfänge?

Manche Seiten unseres Lebens sind erfüllt von Begegnungen, Begegnungen mit Menschen, mit Musik und Kunst, Entdeckungen und neuen Ideen.

Dann gibt es Seiten, die erzählen von Angst und dem Gefühl von Bedrohung, auch von Grenzerfahrungen. Häufig sind das Momente, in denen sich Dinge entscheiden, in denen wir an Weggabelungen kommen, die uns herausfordern und aus der Herausforderung heraus Neues entstehen lassen. Zum Teil haben Sie uns stark werden lassen. Oder haben uns neue Erkenntnisse, neue Sichtweisen gebracht auf uns und unser Leben.

Sicher gibt es auch Seiten, die wir mit Tränen in den Augen geschrieben haben. Sie erzählen von dem Verlust lieber Menschen, Krankheiten von uns selbst oder Menschen, die uns nahestehen. Manchmal hat sich ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit hat sich breit gemacht. Da tauchen Fragen auf nach dem Sinn unseres Lebens und nach dem, was uns eigentlich trägt und hält.

Ein paar Seiten wird es auch geben, die wir gerne herausreißen würden aus unserem Buch des Lebens. Da sind Dinge nicht gut gelaufen und wir sind irgendwie auf Abwege gekommen. Manches hätten wir gerne anders gemacht, im Rückblick erkennen wir, was da in die Irre gegangen ist.  

Das Wunderbare ist, dass wir mit allen Seiten unseres Lebensbuches bei Gott aufgehoben sind. So, wie wir sind, mit all dem, was in unserem Lebensbuch geschrieben ist, sind wir bei Gott aufgehoben und willkommen.

Der Psalm 139 nimmt das in besonderer Weise auf.

Er beginnt mit den Worten: „Herr, du erforscht mich und kennest mich“.

Das ist nicht als Bedrohung oder Überwachung gemeint. Sondern Gott sieht uns an, sieht uns liebevoll an. Er kennt unsere Sehnsüchte und Hoffnungen, unsere Schmerzen und Ängste, unsere Tränen und unsere Freude, was uns im Innersten ausmacht.  Gott weiß um all unsere Seiten in unserem Buch des Lebens, mit allen Seiten sind wir bei Ihm willkommen.

In Vers 5 heißt es:  „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Gott rechnet nicht an, was vielleicht falsch gelaufen. Vielmehr will er uns schützen und bewahren, uns trösten und stärken.

Wir können unser Buch des Lebens getrost Gott anvertrauen.  Mit Gott können wir jeden Tag neu anfangen, jeden Tag neue Schritte wagen, neue Seiten zu unserem Lebensbuch hinzufügen. Ich empfinde das als Geschenk, als geschenkte Zeit, geschenkte Möglichkeiten.

Der christliche Liedermacher

Clemens Bittlinger hat ein Lied komponiert, das genau das aufgreift: Schritte wagen.

Wir sind eingeladen, unserem Lebensbuch neue Seiten beizufügen. Vielleicht entdecken wir heute oder morgen oder irgendwann wunderbare Dinge,vielleicht entdecken oder begegnen wir Gott, im Großen oder im Kleinen, und fügen diese Erfahrungen ein in unser Buch des Lebens.

So wird unser Buch des Lebens bunt aus vielen Farben, Farben des Lebens, in allen Schattierungen.

Gez. Regine Währer

"Deine rechte Hand hält mich"

Ich habe ein Bild vor Augen: ein Kind steht auf einem Pfosten, davor stehen Vater oder Mutter. Das Kind ist noch unsicher und hat ein wenig Angst vor der Höhe des Pfostens. Vater und Mutter sehen die Unsicherheit und einer von beiden sagt:

Spring in meine Arme. Ich bin da. Ich fange dich auf. Ich halte dich. Es gibt Kinder, die das können, die losspringen können im Vertrauen, dass Vater oder Mutter sie auffangen wird. Andere Kinder sind ängstlicher, trauen sich nicht so recht. Da hilft es, dass Vater und Mutter zu dem Kind treten und dem Kind helfen, sich in die Arme der Eltern zu geben.

Das geht nur mit Vertrauen: Vertrauen, aufgefangen zu werden, Vertrauen, gehalten zu sein. Ich muss mein Gegenüber ein Stück weit kennen, um so vertrauen zu können. Oder ich habe schon gute Erfahrungen mit ihm oder ihr gemacht.

Es ist nicht egal, wer mich auffängt. Vertrauen einfach so ist kaum möglich.

In Psalm 63,9 heißt es: Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.“

Unter Seele versteht das Hebräische das Wesen des ganzen Menschen, was ihn oder sie ausmacht, Lebensatem, Empfindungen und das Herz eines Menschen.

Wenn ich mich so von ganzem Herzen und mit ganzer Seele an Gott hänge, dann spricht das für ganz viel Vertrauen, Urvertrauen.

Woher hat der Psalmbeter sein Vertrauen?

Das Volk Israel erfährt sein Geschick als von Gottes Hand verursacht. Die Hand Gottes gründet die Erde und spannt die Himmel aus.  Beim Auszug Israels aus Ägypten geleitet Gott das Volk mit ausgereckter Hand aus der Knechtschaft in die Freiheit etc. 220 Ma kommt die Formulierung von Gottes rechte Hand im Alten Testament vor.

Das ist der Grund, auf dem der Beter diesen Psalm formuliert, auf dem er steht. Diese Erfahrungen mit Gott hat das Volk Israel fest verankert im Gedächtnis und im Glauben. Darauf beruft sich das Volk Israel.

Dabei gibt Gott uns, seinen Menschen, einen Ehrenplatz an seiner rechten Seite. an der rechten Seite, was auf einen Ehrenplatz hinweist. Gott selbst weist uns einen Ehrenplatz zu.

Uns heute streckt Gott in Jesus Christus seine Hand entgegen. Jesus kam in die Welt, mitten hinein in das, was unser Leben ausmacht.

Er kam und ist an unserer Seite geblieben: „Ich bin bei euch alle Tage, bis die Erde endet.“ Unsere Angst und Sorge, Einsamkeit und Not, Schult und Leid sind ihm nicht fremd. Durch Jesus Christus streckt Gott seine rechte Hand zu uns aus.

Ergreife ich die ausgestreckte Hand? Wage ich zu vertrauen? Kann ich so fest an Gott glauben, so sehr an ihm hängen, dass ich quasi losspringe, nicht von einem Pfosten, sondern vielleicht Schritte mache, heraustrete aus dem, was mich hält?

Wir springen nicht von Pfosten, aber an Scheidepunkten, Wegpunkten stellt sich auch uns die Frage: Wage ich neue Schritte, wage ich, wage ich es, Altes hinter mir zu lassen? Kann ich mich verlassen, aufgefangen zu werden und gehalten zu werden?

Zu oft sind uns unsere Zweifel im Weg, auch Ängste oder das Gefühl, einfach keine Kraft mehr zu haben für den nächsten Schritt.

Da wünsche ich mir immer wieder zu sein wie ein Kind. Das nicht die Risiken abwägt, das vertraut und springt in die Arme eines nahen Menschen. Diese kindliche Unbeschwertheit ist ein riesengroßer Schatz.

Doch sind wir nicht alle „Gottes Kinder“? Sprechen wir Gott nicht seit Jesus mit „Vater“ an? Dann können wir uns doch auch in seine Arme werfen in dem kindlichen Vertrauen, dass er uns hält.

Das wünsche ich mir so sehr, so wie ein Kind vertrauen zu können und aufgefangen und gehalten zu sein von Gott.

Vielleich können wir dieses Bild innerlich mitnehmen und in uns tragen.  Mit diesem Bild vor Augen und im Herzen, dass Gott uns auffängt und hält,  können wir getrost in die vor uns liegende Zeit gehen.

Gez. Regine Währer

 

 

 

Foto: pixabay

Zeit zum Leben

Was ist Zeit? Wir sind am Beginn eines neuen Jahres, das Jahr, ein noch kaum beschriebenes Blatt, das vor uns liegt.

Zeit liegt vor uns, Zeit, die wir geschenkt bekommen. Aber irgendwie ist es seltsam mit der Zeit.

Den einen rinnt sie wie Sand durch die Finger. Auf manchen lastet die Zeit tonnenschwer. Andere wieder können nicht abwarten. Wieder andere wollen sie festhalten um jeden Preis. Manche flehen um Zeit. Andere vertreiben sie sinnlos.

Gibt es überhaupt „die“ Zeit? Gottfried Keller, ein Schweizer Dichter und Politiker aus dem 19. Jahrhundert, hat sich Gedanken gemacht zur Zeit und so formuliert:

„Ein Tag kann eine Perle sein, und ein Jahrhundert nichts.“

Diese Formulierung finde ich sehr gelungen. Sie macht die Möglichkeit deutlich, Zeit „kann“ losgelöst erlebt werden von allem technisch messbaren. Zeit bedeutet Möglichkeit. Natürlich ist sie begrenzt und niemand von uns kann seinem Leben eine Spanne hinzufügen, wie der Evangelist Matthäus schreibt (Mt 6,27)

Aber die Zeit, die uns geschenkt ist, beinhaltet Chance zum Leben.

Zeit ist die große Leihgabe an die Menschen.  Sie ist wie ein Gefäß, das sich mit Freude, Liebe und Leben füllen kann oder unter unseren Händen in tausend Scherben zerbricht.

Ich komme zurück zu Gottfried Keller:

„Ein Tag kann eine Perle sein, und ein Jahrhundert nichts.“

Wie kann ich mir das vorstellen: Ein Tag, so kostbar wie eine Perle?

Es gibt sie, diese ganz besonderen Momente im Leben, manchmal nur Augenblicke lang, die so wundervoll und besonders sind, dass wir sie nie vergessen.

Das können große Momente sein wie eine Hochzeit oder das Erreichen eines großen Zieles. Aber es können auch die ganz kleinen Momente sein, wie zum Beispiel Begegnungen, die wir unterwegs machen. Oder wir spüren plötzlich: Hier passiert gerade etwas Besonderes, hier liegt etwas in Luft, das uns aufmerken lässt.

Mir geht es so, dass ich aus solchen Momenten heraus lebe. Sie machen mein Leben reich.

Dazu ist es wichtig, dass ich offen bin und wahrnehme, wenn sich so ein Moment ergibt, damit er nicht unbeachtet an mir vorüber geht.

Entscheidend dazu ist, wie ich Dinge bewerte:  Werte ich von vornherein alles ab, kann ich die Perle gar nicht entdecken, sehe sie gar nicht. Wenn ich aber mit offen Augen schaue und sage: ich gucke, was da kommt, was mir begegnet, dann kann ich sie viel viel eher entdecken, diese Perle, die da vielleicht am Wegesrand liegt und darauf wartet, von mir gefunden zu werden.

Ich wünsche uns allen so sehr, dass wir auch in schwierigen Zeiten offen bleiben für die kleinen Perlen, kleinen Kostbarkeiten des Alltags.

Ich wünsche uns für das vor uns liegende Jahr, dass wir die Perlen entdecken können, die auch für uns passieren können und dass wir offen bleiben, uns von besonderen Momenten berühren zu lassen, die dann zu Perlen werden können.

Unsere Zeit ist uns geschenkt von Gott.  In Psalm 31,16 heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“

Ich möchte dieses neue Jahr dankbar aus Gottes Händen empfangen.

Ich wünsche mir, mit offenen Augen und mit einem offenen Herzen für besondere Momente oder kleine Wunder durch das neue Jahr gehen.

Ich hoffe, dass so der eine oder andere Tag zu einer Perle werden kann.

 

Gez. Regine Währer

Foto: gemeindebrief.evangelisch.de

Gedanken zur Jahreslosung 2021:

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Als ich die Losung für das kommende Jahr das erste Mal las, dachte ich: Ach ja, alles klar, barmherzig sein, das kenne ich ja schon, das ist nichts Neues.

Aber wenn das so wäre, wenn alles so klar wäre, dann wären diese Worte aus dem Lukasevangelium sicher nicht auserwählt worden als Jahreslosung für 2021. Ich überlege: Was hat die Aufforderung, barmherzig zu sein, gerade heute mit mir zu tun? Was soll sie mir heute und natürlich im Blick auf das kommende Jahr sagen?

Das vergangene Jahr hat uns alle an unsere Grenzen gebracht und darüber hinaus. Gerade im Bereich der menschlichen Beziehungen fanden die größten Einschnitte statt. Doch fanden sich oft helfende Hände und Menschen rückten zusammen. Ich habe aber auch erlebt, dass Menschen aus Not und Anspannung heraus aggressiv wurden, nicht wussten wohin mit ihren Sorgen. Sie waren überfordert und ließ Aggressionen entstehen.

Wenn ich so zurückblicke und gleichzeitig voraus blicke, dann erschließt sich mir die Jahreslosung neu. Denn die Jahreslosung lädt mich sein, barmherzig umzugehen mit all dem, was im vergangenen Jahr war; barmherzig mit Verletzungen, barmherzig, wenn nicht alles so lief wie es sollte, barmherzig auch mit mir selber und meinen Vorstellungen, die ich für das vergangene Jahr hatte.Vieles ist nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Manche Dinge ließen sich nicht verwirklichen.

Die Jahreslosung sagt mir: Sei barmherzig mit dem, was war, mit deinen vielleicht verpassten Chancen,mit nicht erfüllten Wünschen, mit Einschränkungen, die manchmal sogar fassungslos machten. Dieser barmherzige Blick auf mich selbst und auf andere macht Barmherzigkeit aus. Wenn ich voller Ärger oder sogar Wut auf meine Umgebung schaue, kann ich nicht barmherzig sein.

Ein liebevoller Blick ist der Ursprung der Barmherzigkeit. So finde ich es auch in der Bibel wieder, insbesondere auch im Bezug auf Gott. Die Bibel spricht davon, dass Gott uns Menschen barmherzig anschaut. Dass er unser Herz anschaut und uns versteht.Mit seinem liebevollen Blick rechnet Gott nicht auf. Er führt mir keine Liste vor, was ich wo und wann alles falsch gemacht habe. Nein, er schaut liebevoll, voll Erbarmen. Dieser liebevolle Blick kann mich frei machen von dem, was nicht gut geworden ist, was auch im vergangenen Jahr nicht gelungen ist. Dieser liebevolle Blick sagt mir: Geh in das neue Jahr, ohne die Lasten des vergangenen immer mit dir zu tragen.

Gott nimmt all das Schwere in seine Hände.Und so, wie Gott dich frei macht und liebevoll anschaut, so schaue auch du deinen Mitmenschen an. Lass nicht zwischen euch stehen, was es an Streit oder Missverständnissen gegeben hat. Rechne deinem nächsten Versäumnisse nicht auf. So wie Gott die liebevoll ansieht, so siehe auch deinen Nächsten an.

Gottes Erbarmen heißt für mich, ich kann hier und heute mit Gott neu anfangen. Und ich kann hier und heute mit meinem nächsten neu anfangen.Ich kann dann meinen Mitmenschen, mein Gegenüber liebevoll anzusehen ohne Vorbedingungen, so wie er oder sie ist hier und heute.Ich kann vorbehaltlos gucken und vorbehaltlos handeln. So wie es beispielsweise auch der Mitternachtsbus, die Tafeln und viele Einrichtungen mehr handhaben: Ohne Anrechnung dessen, was wer mit sich bringt wird geholfen.Es wird nicht gefragt nach dem Warum, es werden keine Vorhaltungen gemacht. Jeder und jede ist so willkommen wie er oder sie ist. Es zählt, hier und jetzt liebevoll auf den Nächsten zu sehen und wahrzunehmen, was er oder sie braucht. Das ist gelebte Barmherzigkeit. Es geht um Sehen und Helfen. Sie gehen ineinander über. Es geht darum, sich anrühren zu lassen und daraus tätig zu werden. 

Die Jahreslosung regt mich zugleich an, nicht nachzulassen mit der Nachbarschaftshilfe, mit der gegenseitigen Unterstützung; nicht müde zu werden, sondern immer weiter füreinander da zu sein, auch abgesehen von der Pandemie. Barmherzigkeit darf nicht beschränkt sein auf gewisse Zeiten der Not. Barmherzigkeit ist eine Herzenshaltung, eine Wesenshaltung, die uns reich machen kann und unsere Gemeinschaft reich macht.  Und wo es mir mal nicht gelingt, barmherzig zu handeln im Alltag, kann ich das vor Gott bringen und es bei ihm ablegen.Gott macht mich durch seinen Erbarmen frei, beim nächsten Mal mit mehr Barmherzigkeit meinem nächsten und auch mir selber zu begegnen.

Das wünsche ich mir so sehr, diesen barmherzigen Blick aufeinander, gespeist aus der Barmherzigkeit, mit der Gott auf uns schaut. Insofern ist diese Jahreslosung immer wieder neu, so wie Barmherzigkeit immer wieder neu eingeübt werden kann. Ich bin dankbar für diese Losung.

Gez. Regine Währer