Unser Lebenselement

Wie können wir uns Gott vorstellen? Eine Frage, die nicht nur die Konfirmanden bewegt, die immer wieder nachfragen, um Gott nahe zu kommen. Doch das ist nicht nur eine Frage für Konfirmanden, sondern für uns alle.

Wirklich beantworten können wir diese Frage nicht. Gott ist der ganz andere und lässt sich nicht in menschliche Maßstäbe zwängen. Aber wir können in Bildern von Gott sprechen, wie wir uns Gott vorstellen können.

Es gibt in der Bibel viele Bilder für Gott: Der gute Hirte, der liebende Vater, Fels, Burg, Schild und ähnliches. In einer Klosterhandschrift findet sich eine Geschichte, die ein Bild von Gott entwirft, das ich bemerkenswert finde.

In der Geschichte sprachen die Fische eines Flusses zueinander: „Man behauptet, dass unser Leben vom Wasser abhängt. Aber wir haben noch niemals Wasser gesehen. Wir wissen nicht, was Wasser ist!“ Da machen sich die Fische auf den Weg zu einem besonders gelehrten Fisch, der im Meer lebt. Ihn wollen sie fragen, was Wasser ist. Sie kamen in das Meer und fragten den Fisch. Als der gelehrte Fisch sie angehört hatte, antwortete er: „Wasser ist euer Element. Im Wasser lebt und bewegt ihr euch. Aus dem Wasser seid ihr gekommen, zum Wasser kehrt ihr auch wieder zurück. Ihr lebt in dem Wasser, aber ihr wisst es nicht.“

Gott als das Wasser, das Element, in dem wir leben. Ein Element, das immer um uns ist, das unsere Lebensgrundlage ist, in dem wir leben. Wir können Gott / das Wasser nicht sehen, weil er keine feste Gestalt ist. Weil wir immer in ihm sind, nehmen wir ihn nicht bewusst wahr. Aber er ist da, selbstverständlich um uns herum.

Wir müssen ihn nicht suchen oder leibhaftig sehen, brauchen keine Beweise. Vielleicht ist es gut, die Augen und alle Sinne offen zu halten für das Element, in dem wir leben. Das Wasser kann uns bewegen, aus dem Wasser stammt in der Evolution alles weitere Leben.  

Das Bild zeigt uns auch, dass Gott nicht greifbar ist, nicht festzulegen. Wasser können wir mit den Händen nicht greifen. Es ist immer in Bewegung, fließend. Auch Gott ist nicht fest oder starr und entzieht sich unseren Händen. Dafür schützt er uns vor Austrocknung, sichert unser Leben. Von Tauchern wissen wir, wie wunderbar die Wasserwelt geschaffen ist. Ich denke da an Corallen und das Great Barrier Reef, die wie wir in und aus dem Wasser / Gott leben.

In der Apostelgeschichte heißt es (Apg 17,28): „Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“

Paulus sagte diesen Satz, als er auf einer Missionsreise in Athen war und dort den Areopag aufsuchte. Der Areopag war der oberste Rat Athens. Er war zunächst für Verwaltungs- und Regierungsaufgaben zuständig. Der Areopag, der sich ursprünglich aus Vertretern des Adels zusammensetzte, war der oberste Gerichtshof und zuständig für schwere Verbrechen und Religionsvergehen.

Paulus war auf den Areopag geführt worden, damit die Athener, was Paulus zu sagen hat, vor allem auf die Frage, wer denn dieser Gott sei, den Paulus predigte. Im Verlaufe dieses Treffens nutzt der Apostel die Gelegenheit, seine Zuhörer behutsam auf ihnen bekannten Wegen zu seiner Botschaft hinzuführen. Diese Reise geht von einer allgemein anerkannten Schöpfergott-Idee, die wohl alle teilten, zur Verkündigung des persönlichen und wahren Gottes, auf den wir Menschen zutiefst bezogen sind, dazu bestimmt, eben diesen Gott zu suchen, denn „in ihm leben, weben und sind wir.“

Paulus benutzt hier ein Zitat aus der griechischen Mythologie. Er scheut sich nicht,  weit draußen anzuknüpfen, um mit den Menschen um ihn herum ins Gespräch zu kommen. Er knüpft daran an, was die Menschen kennen. So kommt er mit ihnen ins Gespräch und sie hören ihm wirklich zu.

Paulus will Bücken bauen und fremde Menschen einladen zum Glauben an diesen Gott. Deshalb erzählt er ihnen von dem Gott, der sich in der Geschichte Israels und der Sendung seines Sohnes deutlich geoffenbart hat. Seine Predigt läuft auf diesen Kernsatz hinaus:

„Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“

In Gott zu leben heißt wörtlich genommen, jetzt schon in Gottes ewigem Reich zu leben. Es geht um das göttliche Leben nicht nur in der Zukunft, sondern schon jetzt Anteil zu haben an Gottes Reich.  

Mit dem, was Luther mit „weben“ übersetzt, ist gemeint, dass wir nicht nur leben in Gottes Reich sondern in ihm auch etwas schaffen. Leben bedeutet nicht Stillstand, sondern leben mit Gott bedeutet auch, unsere Gaben einzusetzen und etwas zu schaffen, was den Menschen dient. Zu Weben war zur Zeit Luthers ein bedeutsames Handwerk zur Hilfe der Menschen, später auch als Kunsthandwerk.

Leben, weben und sein in Gott: dieses Bild greift die Klostergeschichte auf. Es ist nahezu ein Bekenntnis. Gott ist da. Gott ist bei mir und ganz nah. Er ist immer uns herum, ist unser Lebenselement wie das Wasser für die Fische.

Gott ist die Quelle und der Ursprung allen Lebens. Als der ist er uns nah, umfängt uns mit allem, das Leben spendet. Wir brauchen nicht lange suchen, wir dürfen uns verlassen: Gott ist da. Jetzt und immer. Vielleicht können wir mit der Klostergeschichte antworten, wenn wir gefragt werden, wie wir uns Gott vorstellen können und wer dieser Gott denn sei.

Gez. Regine Währer

"Wie der Hirsch lechzt...." Gedanken zu Psalm 42

"Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.“ Mit diesen Worten beginnt der Psalm 42, wie er im Gesangbuch aufgeführt ist unter der Nummer 723.

Wenn ich diese Worte höre, fällt mit sofort die Vertonung von Felix Mendelssohn-Bartholdy ein, der diesen Vers und andere Verse dieses Psalms wunderbar vertont hat.

Hirsche stehen in biblischer Zeit symbolisch als Bild für Schnelligkeit, aber auch für Genügsamkeit und Ausdauer. Hirsche sind außergewöhnlich wegen ihrer ansprechenden Form, ihren graziösen Bewegungen und ihrer großen Gewandtheit. Wenn ich mir einen Hirsch bildlich vorstelle, sehe ich ein kräftiges Tier vor mir mit einem großen Geweih. Mächtig wirkt der Hirsch, fast ein bisschen königlich.

Und doch lechzt der Hirsch nach Wasser. Auch ein Tier, dass so ausdauernd und kraftvoll ist, bleibt abhängig vom Wasser, ist angewiesen auf Speise von außen. So stark der Hirsch auch ist, Wasser ist Geschenk, insbesondere frisches Wasser, das Leben spendet.

Lechzen, das ist mehr als durstig sein. Beim Lechzen schwingt schon Qual mit, quälender Durst in der Hoffnung, dass er bald gestillt wird.

Der Psalmbeter setzt dieses Lechzen des Hirschen nach frischem Wasser uns Menschen gleich mit unserer menschlichen Seele, die dürstet nach Gott:

„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

Wir haben schon von dem Durst nach Leben gehört, mit Gott, der als frische Quelle  Leben spendet. Das hebräische Wort, das hier mit Seele übersetzt wird, bedeutet ursprünglich: Atem und Lebenshauch, wird später sogar mit dem Leben an sich gleichgesetzt. Es beinhaltet all unser „Wünschen“, „Begehren“, „Hoffen“ und „Suchen“.

Der Psalmbeter ruft nach Gott, sehnt sich nach Gottes Nähe, danach, bei Gott geborgen zu sein. Auffallend oft wird in diesem Psalm von der Seele gesprochen.

Zwei Mal, wie in einem Refrain, heißt es: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ Auch das wunderbar vertont von Mendelssohn-Bartholdy.

Ich kenne solche Situationen von mir selbst, wo ich in Unruhe bin, aber nicht weiß, was eigentlich los ist. Ich kann in Angst sein oder aufgewühlt, ohne das in Worte fassen zu können. Aber ich spüre diese Unruhe in mir, die nach Ruhe ruft, nach Frieden, auch inneren Frieden. Den kann ich mir nicht einfach machen. Ich kann etwas für mich tun, das mich beruhigt, doch es gibt eine innere Unruhe, die ich nicht allein beruhigen kann. Ich suche nach Ruhe und Frieden, doch irgendwie erlange ich sie nicht.Dann schreit meine Seele, so wie der Hirsch nach frischem Wasser lechzt.

Der Psalmbeter hat für sich einen Weg gefunden, diese quälende Unruhe zu beruhigen: Das „Sich-Wenden-an-Gott.“ So lautet der Refrain weiter: „Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

Er erinnert sich an das, was er an Gutem mit Gott erfahren hat.  Er erinnert sich an die guten Zeiten, Zeiten der Gemeinschaft, des Dankens und Feierns verbunden mit Gott. Gleichzeitig kennt er dunkle Tage, in denen er sich vergessen und verlassen fühlt. Beides hat er erlebt. Beides macht doch auch unser Leben aus. Nie ist immer nur alles gut, oder alles schlecht. Anfechtungen gehören zu unserem Leben, etwa wenn wir gefragt werden, wo dieser Gott denn sei, dem wir uns anvertrauen?

Erlebt der Psalmbeter Antwort oder Freude und Dank, fühlt er sich verlassen und nagt der Zweifel, dann stimmt er ein in den Refrain: „Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

Man kann fast sagen: Das ist der Refrain seines Lebens. Darin stimmt er immer wieder ein, darauf beruft er sich und darauf baut er sein Leben auf. Auch wenn sich die Erfüllung unserer Gebete nicht schnell einstellt, gilt es, dranzubleiben und nicht aufzugeben, eben zu harren auf diesen Gott.

„Harren“, das beinhaltet eben dieses Warten und Hoffen auf etwas, was sich nicht schnell einstellt. „Harren" meint das Beharren auf einem Gotteswort, meint das Festhalten an einer Zusage, meint das Umgehen mit, das Lernen an, das Sich-Stellen auf Gottes Verheißungen.

Münden tut der Refrain in den Dank: „ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

Bei der Redewendung »das Angesicht Gottes schauen« und »das Angesicht Gottes suchen« geht es darum, die Gegenwart Gottes als seine liebevolle Zuwendung zu erfahren. Der Psalmist vertraut fest darauf, bei Gott letztendlich Hilfe zu bekommen und in ihm aufgehoben und geborgen zu sein. All das Harren wird münden in Gottes ewigem Reich.

Ich möchte mir von dem Psalmbeter eines mitnehmen, und zwar dieses Harren, dieses Festhalten in guten wie in schlechten Zeiten. Vielleicht kann ich auf meine Weise den Refrain in mich aufnehmen, vielleicht, indem ich ihn singe mit der Musik von Mendelssohn-Bartholdy. Aber auch ohne musikalische Untermalung kann ein Lebensrefrain unser Leben bereichern und stärken, er kann Halt geben und Festigkeit.

Gez. Regine Währer

 

Die güldne Sonne voll Freud und Wonne

Gedanken zu einem Lied von Paul Gerhardt "Die güldne Sonne..."

„Die güldne Sonne…“ Gedanken zu einem Lied von Paul Gerhardt

Im Gottesdienst haben wir letzten Sonntag das Lied 449 im Gesangbuch von Paul Gerhardt gesungen. Was ist das für ein wunderbares Lied! Es singt von der herrlichen Natur ebenso wie von uns Menschen, die wir bei Gott gut aufgehoben sind mit allem, was wir mitbringen.

Gleichdie 1. Strophe: „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unseren Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht.“ erfreut tatsächlich mein Herz. Unser Leben ist begrenzt. Immer wieder geraten wir an unsere Grenzen. In diese Grenzerfahrungen hinein bringt die Sonne, von Gott geschaffen, herzerquickendes Licht. Die Grenzen verlieren ihre Last, stattdessen erfahren wir in unseren Grenzen eine Stärkung durch der Sonne (Gottes) herzerquickenden Licht.

Im 2. Teil der 1. Strophe geht es erst hernieder „Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder.“ Die Melodie fällt ab vom hohen C eine Oktave herunter zum tiefen C. Sie bildet diesen Abstieg nach, macht ihn erlebbar. Doch dann geht es wieder hinauf: „aber nun steh ich bin munter und fröhlich.“ Vom tiefen C zum hohen C. Ich kann wieder aufstehen, mein Haupt und meine Glieder erheben, wenn ich den Himmel sehe, offen für mich.

Wenn ich diese erste Strophe singe und lese, fühle ich mich aufgehoben. Ja, ich komme an Grenzen, doch auch da scheint Gottes Licht. Es gibt Zeiten, da bin ich am Boden, niedergeschlagen und kraftlos. Doch der Blick in den Himmel zu Gott hilft mir, wieder aufzustehen, die Sorgen ein Stück weit hinter mir zu lassen und wieder fröhlich zu werden.

Diese 1. Strophe ist wie eine gesungene Kurzpredigt. Mit ihrem schwingenden Dreivierteltakt wiegt die Musik uns wie ein Kind in der Wiege. Wir werden getröstet. Und es ist Gott selbst, der uns wiegt. Gott sorgt für uns. Er wiegt uns und schenkt uns Geborgenheit bei ihm. Wir sollen uns nicht mehr sorgen um Abend und Morgen, die tägliche Sorge soll uns nicht länger drücken.

So heißt es in Strophe 4: „Abend und Morgen / sind seine Sorgen / segnen und mehren / Unglück verwehren / sind seine Werke und Taten allein.“ Gott will, dass es uns gut geht, er segnet uns als seine Kinder, die er vor allem Unglück bewahren möchte. Das gilt am Tag, wenn es hell ist, aber besonders auch in der Nacht, in der die Sonne uns nicht erreicht, und in der Nacht unserer Sorgen. Überall, selbst am finstersten Punkt, umfängt Gott uns mit all seiner Liebe. „Wenn wir uns legen / so ist er zugegen / wenn wir aufstehen / so lässt er aufgehen / über uns seiner Barmherzigkeit Schein.“

Die 5. Strophe nimmt uns Menschen in den Blick, die wir auf Abwege geraten können, die wir auch beizeiten Gottes Wege verlassen und Dinge tun, die nicht dem Guten dienen. Das ist uns allen nicht fremd.  Darum bittet Paul Gerhardt  Gott um Beistand, wenn „Laster und Schande, / des Satans Bande, / Fallen und Tücken“ uns von Gott entfremden. Wenn ich diese Worte nachspreche, Laster und Schande usw. dann klingen diese Worte schon sehr hart und drücken die Härte aus, die von ihnen ausgeht. Es wird spürbar, wie hart, ja hässlich diese Vergehen sind. Da fühlt sich keiner wohl.

Dennoch erleben wir sie. So kann ich gut verstehen, dass Paul Gerhardt Gott um Hilfe bittet, dass wir durch all das hindurch an Gottes Geboten festhalten können und uns weiter an ihm und seine Geboten zu orientieren.

Auch Neid zerstört das Zusammenleben von Menschen, zerstört Gemeinschaft. Wieder malt Paul Gerhardt mit Worten. Da ist von „geizigem Brennen und unchristlichem Rennen“ die Rede und wir wissen alle, was damit gemeint ist. Nein Gott, hilf uns, Neid und Geiz hinauszuwerfen auf unseren Herzen: „das tilge geschwinde / von meinem Herzen und wirf es hinaus.“

Neid und Missgunst sollen nicht mehr zwischen uns stehen. Vielmehr bittet Paul Gerhardt um den Segen „in meines Bruders und nächsten Haus.“ Gottes Barmherzigkeit bewegt und verwandelt uns. Wir können ablegen, was uns beschwert und vor allem, was die Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Nächsten belastet und zerstört.

Im Weiteren singt Paul Gerhadt vom Wesen des Menschen, das vergänglich ist. Dem vergängliche und oft wankelmütige Menschen steht Gott gegenüber, felsenfest,  der „stehet ohn alles Wanken; / seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund.“ Auf Gott und seine Zusagen ist Verlass. Darauf können und dürfen wir bauen. Wo alles Menschliche vergänglich ist, wo ständig so Vieles im Wandel ist, schenkt Gott einen ewigen Grund. Was auch passiert. Gott ist da. Wir werden nie tiefer fallen als in seine Hand.

„Sein Heil und Gnaden / die nehmen nicht Schaden / heilen im Herzen / die tödlichen Schmerzen, / halten uns zeitlich und ewig gesund.“ Wie viele Verletzungen hat unser Herz schon aushalten müssen, wie tief war unser Herz manches Mal verletzt, oder wir waren im Herzen getroffen. Heilung im Herzen, das klingt für mich nach Frieden in mir. Nichts muss mein Herz mehr schwer machen und ich kann aufatmen. Das wünsche ich mir sehnlichst! Seien die Schmerzen auch noch so unerträglich, Gott will auch sie heilen. Wir sollen nicht allein bleiben mit äußerem und innerem Schmerz. Gott sieht uns an und sieht in unser Herz. Er weiß um uns. Frieden im Herzen zu finden, ich atme richtig auf schon bei dem Gedanken.

In der letzten, der zwölften Strophe, knüpft Paul Gerhardt an die Sonne der 1. Strophe und führt sie weiter in Gottes ewiges Reich. Kreuz und Elend werden ein Ende haben und „Merresbrausen und Windessausen“ werden vergehen. Vielmehr wird am Ende der Zeiten in Gottes Reich Freude im Überfluss herrschen und gleichzeitig selige Stille sein. Diese sind uns verheißen, diese werden uns erwarten in Gottes himmlischen Garten. Für Paul Gerhardt hat Gottes Reich einen Gartencharakter, gut möglich, dass er dabei den Garten Eden vor Augen hat, in den der Mensch zurückkehren kann am Ende der Zeit.

Welch ein tröstliches Bild. Ich danke Paul Gerhardt für dieses Lied.

Gez. Regine Währer

Den Nächsten Schritt gehen

Manchmal ist es nicht leicht den nächsten Schritt zu gehen. Irgendetwas hält uns zurück, lässt uns zögern. Wir spüren zwar, etwas ist vergangen, können das aber nicht fassen. Das bringt Verunsicherung. Wir merken, etwas neues steht an, haben aber noch kein Bild davon.

Oder wir sehen genau, welcher Schritt jetzt dran wäre. Wir wissen, was wir tun sollten, in welche Richtung es geht. Aber wir wagen es nicht. Die Sorge, es könnte schief gehen, ist zu groß. Und die Zukunft zu ungewiss. Trauen wir uns zu, was da ansteht, oder geben wir klein bei?

Und manchmal ist es so, dass wir fast schon los gehen wollen, aber wir brauchen noch einen letzten Input, eine letzte Ermutigung, ein „Ja, du schaffst das“ als Bestätigung, dass es richtig ist was wir tun.

Die Bibel erzählt auch von Menschen, die vor einer großen Aufgabe stehen, aber Angst haben, die Aufgabe wirklich bewältigen zu können.  So einer war Josua aus dem Alten Testament. Josua hatte eine sehr große und schwere Aufgabe vor sich hatte. Das Volk Israel war schon eine ganze Weile auf Wanderschaft. Sie waren aus Ägypten geflohen. Dort waren sie als Sklaven behandelt worden. Und Gott hatte ihnen ein neues Zuhause versprochen in einem neuen Land. Sie hatten viele Jahre in Zelten geschlafen, sind auf Wanderschaft gewesen. Nun war es bald so weit. Das neue Land war schon in Sicht. Bis jetzt hatte Mose das Volk geführt. Aber nun war Mose gestorben, und Josua sollte der neue Anführer sein. Die Zelte sollten abgebrochen werden auf dem Weg ins gelobte Land.

Mose hatte Josua das Volk Israel anvertraut vor aller Augen.  Die Verantwortung lag nun bei Josua. Und dann: Auf geht’s!

Josua bekommt es mit der Angst zu tun: „Was wird uns wohl erwarten? Werde ich diese Aufgabe überhaupt schaffen? Wenn doch wenigstens mein Freund Mose da wäre, mit dem ich mich die ganze Zeit so gut verstanden habe. Der könnte mir helfen!“

Ich kann mich gut hineinfühlen in diesen Josua. Die Zukunft ist so ungewiss.Josua zweifelt an seinen Fähigkeiten, kann sich schwer vorstellen, dass er nun der Führer des Volkes Israel sein sollte. Er weiß nicht, wie das werden soll. Gott weiß, dass Josua solche Angst hat. Gott sieht Josua und seine Angst.

Er macht Jousa Mut: „Sei tapfer und entschlossen! Lass dich durch nichts erschrecken und verliere nie den Mut; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!“ (Josua 1,9).

In anderen Worten. „Josua“, sagt Gott, „ich weiß, dass du Angst hast. Ich weiß, du bist traurig, dass du das alles hier zurücklassen musst. Ich weiß, dass du deinen Freund Mose vermisst. Ich weiß, dass das nicht so einfach ist, was jetzt vor dir liegt. Aber ich gebe dir mein großes Versprechen, und du weißt: Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es auch. Du kannst mir vertrauen. Ich bin immer da. Ich bin für dich da. Ich bin bei dir, und ich helfe dir. Das verspreche ich, dein Gott, dessen Name heißt: Ich bin da!“

Und so wie Gott dem Josua damals das Versprechen gegeben hat, für ihn da zu sein und mit ihm zu gehen, so ist er auch da für uns, wenn wir Angst vor der Zukunft haben, wenn die uns anvertrauten Aufgaben uns zu groß erscheinen oder wir einfach keine Kraft mehr haben, etwas Neues anzufangen. Das ist Gottes großes Versprechen auch an uns, der Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Wir müssen kein Volk anführen wie Josua. Es kann auch ganz im Kleinen sein. Jeder und jede von uns hat eigene Aufgaben, eigene Anforderungen, eine eigene Sicht, welche Schritte zu tun sind. Das sollten wir uns nicht untereinander vergleichen. Jeder hat das Seine.

Aber wir können uns zum Vorbild machen, wie Gott Josua stärkt und Mut macht, das Volk Israel ins gelobte Land zu führen. Das, was Gott Josua zusagt, gilt auch für uns, ganz gleich, welche Situation es im Einzelnen ist. Gott sagt uns:

 „Ich bin da, egal wo du hingehst. Ich bin mit dir. Ich freue mich mit dir, wenn du dich freust. Ich tröste dich, wenn du traurig bist. Ich bin da, wenn es zu Hause schwierig wird. Du kannst bei mir geborgen sein wie in einer Burg. Wo immer du bist, was immer du tust. Ich bin bei dir und helfe dir. Ich schütze dich. Ich höre dir zu, wenn du mit mir redest. Ich verstehe dich. Und ich habe dich absolut lieb.“

Gez. Regine Währer

In Einklang kommen

Ob ein Konzert gelingt, hängt von vielen Faktoren ab. Unter anderem davon, wie sauber die Musiker vor der Aufführung ihre Instrumente stimmen.

Der im Jahre 1999 verstorbene brasilianische Bischof Dom Helder Camara, der sich besonders für die Armen eingesetzt hat, war fasziniert von der Kunst eines jeden Instrumentenstimmers. Insbesondere die Fähigkeit, jeden Ton herauszuhören und in jedem Ton die kleinste Unstimmigkeit, um diese dann auszugleichen.

Unstimmigkeiten heraushören und wieder in Einklang bringen. Dieses Bild aus dem Bereich der Musik lässt sich gut übertragen auf uns Menschen. Denn auch wir haben Stimmungen, sind mal schlechter gestimmt, mal besser gestimmt, können auch mal total verstimmt sein.

Helder Camara hatte gelernt, die Misstöne und die Unstimmigkeiten im Zusammenleben der Menschen in seinem Land wahrzunehmen – die Misstöne und die Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Menschen in seinem Land, die Dissonanzen und die Spannungen zwischen Arm und Reich, die unsauberen und die falschen Töne der Mächtigen und Einflussreichen.

Ich glaube, diese Fähigkeit herauszuhören, wo etwas nicht stimmt, ist auch für unseren Umgang untereinander und für unser Zusammenleben wichtig. Es kann dem Frieden dienen und dem Wohlergehen der Menschen, wenn wir Unstimmigkeiten wahrnehmen, bevor sie sich zu großen Konflikten entwickeln. Das gilt im Großen wie im Kleinen.

In der Bibel wird Menschen immer wieder Frieden zugesagt: „Friede sei mit dir.“ Ich glaube, diesen Frieden können wir nur erlangen, wo wir hellhörig werden für unsere Nächsten. Wirklich hinhören, und vor allem hin spüren.

Wo erleben wir Spannungen, die Misstöne erzeugen?  Wo sind falsche Untertöne im Spiel? Was können wir tun, mit unseren Nächsten wieder in einen Einklang zu kommen

Hinhören, Hin-Spüren – Fähigkeiten, die in unseren schnellen Zeiten oft zu kurz kommen. Aber wir können sie wieder erlernen. Oft kann man schon am Klang einer Stimme hören, wie es dem Gegenüber geht. Ist die Stimme aufgeregt und unter Druck, oder seltsam verlangsamt?

Jesus hatte die Gabe, all diese Stimmungen und Schwingungen wahrzunehmen Er hörte hin, was den Menschen auf dem Herzen lag. Er nahm sich die Zeit, hinzuhören. Immer wieder setzte er sich mit den Menschen zusammen, kam in ihre Häuser und wollte hören, wie es ihnen ergeht. Er erspürte die Not der Menschen auch ohne Worte und erkannte, was hinter der äußeren Erscheinung oder Handlung stand, worum es eigentlich ging.

Es kommt aber noch ein anderes hinzu. Was ist mit mir? Wie sieht es in mir selbst aus? Manchmal überlagern eigene Stimmungen unsere Wahrnehmungen und wir hören den Nächsten gar nicht richtig. Unsere eigene Stimmung beeinflusst unser Hören, oft auch unbewusst.

Darum fängt Einklang bei und in uns an. Es ist leichter hinzuhören und sich in Einklang zu bringen mit anderen, wenn ich meinen eigenen Ton, meine eigene Stimme gefunden habe und kenne und mich wohl mit ihm fühle.

So steht es auch im Doppelgebot der Liebe, wie Jesus formulierte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Wie dich selbst - es hilft, wenn wir ein Gefühl für uns selbst entwickeln und mit uns selbst im Einklang leben können:  unsere innersten Bedürfnisse wahrnehmen; für uns sorgen, wo wir merken, da stimmt etwas mit uns nicht; für gute eigene Stimmung sorgen, mit dem, das uns guttut.

In der Musik gibt es einen Ton, nach dem sich die Stimmung eines ganzen Orchesters oder Ensembles orientiert. Das ist der Kammerton a. Dieser Ton gibt die Stimmung für das gesamte Orchester an, zu Gehör gebracht von der Oboe.

Wenn ich in diesem Bild bleibe, frage ich mich: Was kann unser Kammerton sein? Woran kann ich mich orientieren, um in Einklang zu kommen? Was ist der Kern, der Ton, auf den wir uns alle beziehen können?

Für mich ist es das Evangelium. An ihm kann ich mich ausrichten. An Jesus kann ich ablesen, wie Leben gelingen kann. Mit Jesus kann ich Vergebung lernen, um Misstöne auszugleichen. Mit Ihm sehe ich im Anderen meinen Nächsten, dem ich Gutes wünsche  und für den ich da bin. Jesus kann übertragen mein Kammerton A sein.

Durch jeden und jede von uns kommt in der Welt etwas zum Klingen. Jeder und jede von uns hat seinen einzigartigen Klang, seinen einzigartigen Ton. Wenn er allein bleibt, bleibt es bei diesem einen Ton.Aber wenn ich mich einschwinge und einstimme auf meinen Nächsten, entsteht schon ein neuer Klang. So können aus einzelnen Tönen / Klängen ganze Symphonien entstehen.

Ich finde das ein wunderbares Bild. Ich selbst habe das Geschenk bekommen, in einem großen Symphonieorchester mitspielen zu dürfen und Klänge und Einklang im Großen zu erleben. Es muss aber nicht das Große sein. Auch ein Zweiklang, ein Dreiklang kann himmlische Musik sein.

 

Gez. Regine Währer

Wo das Glück zu finden ist und wo Gott zu finden ist

Es waren zwei Mönche, die lasen einmal miteinander in einem alten Buch, in welchem die Weisheit und Wahrheit geschrieben stehen: Am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berühren, an dem also das große Glück zu finden ist. Sie beschlossen, diesen Ort zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.  So durchwanderten die beiden die Welt, bestanden Gefahren und durchlebten Entbehrungen. Aber nichts brachte sie von ihrer Suche ab.

Eine Tür sei dort, wo Himmel und Erde sich berühren, hatten sie gelesen. Sie bräuchten nur anzuklopfen. Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür. Bebenden Herzens sahen sie, wie sich die Tür öffnete. Und als sie eintraten und die Augen erhoben, fand sich jeder in seiner Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, wo das große Glück zu finden ist, ja wo Gott begegnet, befindet sich nicht am Ende der Welt, sondern hier auf dieser Erde, an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.

Auf die Frage: Wo ist Gott? würden viele wohl antworten: Gott ist überall.

Aber: Wenn er überall ist, wie begegne ich ihm? Wie kann ich spüren, dass er wirklich da ist? Für mich da ist?

Beim Propheten Jeremia Kap 29, 13-14 steht: «Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen. Das verspreche ich euch.»

Gott bietet sich uns Menschen an. Er will da sein für uns, lädt uns ein, ihn zu beanspruchen, mit ihm zu rechnen. Aber er drängt sich nicht auf. Gott will einen freien Menschen, er braucht keinen Marionetten, die er steuert. Er lässt uns die Wahl, ob wir ihm begegnen wollen.

Ich glaube, Gott kennenzulernen, ist ein Prozess. Das geschieht meist nicht mal eben so. Ich kann damit beginnen, indem ich mir immer wieder Zeit nehme, mein Herz für ihn zu öffnen. Dabei hilft es, ruhig zu werden, anzuhalten aus dem, was uns beansprucht Tag für Tag.

Da waren die beiden Mönche auf dem falschen Weg. Sie haben sich sehr angestrengt. Haben weite Wege auf sich genommen, um Gott zu begegnen. Der Weg war bestimmt mühselig. Aber in allem Tun, in allem sich Bemühen, in aller Anstrengung war ihr Blick und ihr Herz nicht mehr frei, nicht mehr offen. Die Anstrengung hat ihnen die Sicht genommen.

Ich lerne aus dieser Geschichte, dass es nicht um Anstrengung geht, wenn ich Gott begegnen will, und ich mich nicht krampfhaft auf die Suche machen muss. Denn so bin ich mehr offen für Gott. Möglicherweise begegne ich Gott, nehme das aber gar nicht wahr, weil ich so sehr mit Suchen beschäftigt bin.

Angekommen in ihrer Klosterzelle begegnen die beiden Mönche endlich Gott. Sie begegnen ihm bei sich selbst, in ihrer Klosterzelle. Alles Tun, alle Bemühungen haben die Mönche an Gott vorbeilaufen lassen.

Ich kann Gott also hier bei mir begegnen. Gott will sich von mir finden lassen. Das sagt schon sein Name: „Ich bin der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“ So spricht er von sich selbst in Exodus 3,14 in der Geschichte vom brennenden Dornbusch.

Ich formuliere weiter: Ich werde für dich da sein mit meinem ganzen Sein. Ich bin nicht festgelegt auf einen bestimmten Ort, auf eine bestimmte Zeit.

Du musst nicht mit allen Kräften suchen. Ich bin da. Du kannst mich spüren in Begegnungen mit Menschen.

Du kannst mich spüren, wenn es still wird in dir und du all das, was immer zu tun und zu machen ist, beiseitelässt. Du kannst mich spüren, auch wenn du im Augenblick gar nicht damit rechnest.

Der Lärm des Alltages überlagert so viel, oft auch Möglichkeiten der Begegnung mit Gott. Das Wichtigste ist, offen zu sein, sich berühren zu lassen von dem, was geschieht, wie auch immer Gott uns begegnet. Gott hat viele Wege.

„Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“

Legen wir Gott nicht fest. Sein wir offen mit allen Sinnen.  Dann können wir vielleicht sagen mit Psalm 73, 28: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

 

Gez. Regine Währer

Wann beginnt der Tag?

Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ fragte einer der Schüler. „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann?“ fragte ein anderer.„Nein“, sagte der Rabbi. „Aber wann ist es dann?“ fragten die Schüler. „Es ist dann, wenn du das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Diese rabbinische Geschichte finde ich sehr eindrücklich und berührend. Nacht und Tag bekommen eine ganz neue Bedeutung. Es geht nicht mehr um die Abläufe in der Natur, sondern es geht um uns, um mich und dich und uns alle.

Der entscheidende Punkt ist, ins Gesicht irgendeines Menschen zu blicken und darin meine Schwester und meinen Bruder zu entdecken. Der Punkt ist, im Anderen den Menschen zu sehen, der oder die er ist, und: mit dem ich verbunden bin wie mit einem Bruder oder einer Schwester.

Natürlich wissen wir, dass wir biologisch nicht Geschwister sein können. Die geschwisterliche Liebe, die hier gemeint ist, ist eine innere Beziehung, eine sehr enge Verbindung unter uns Menschen.

Die rabbinische Geschichte führt mich weiter zu einem Wort von Jesus. Jesus hat einmal zu seinen Jüngern gesagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch. dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.“ (Johannes 13,34)

Jesus fordert uns geradezu auf, im Nächsten den Bruder oder die Schwester zu entdecken. Er fordert uns auf, aufeinander Acht zu geben und füreinander da zu sein, und zwar in der Liebe Gottes.  Das Neue an diesem Gebot ist eben diese geschwisterliche Liebe, mit der wir untereinander verbunden sein können, die sich nicht richtet nach Nationen und Herkunft, die nicht guckt was du vorzuweisen hast, sondern die dich geschwisterlich auf- und annimmt.

Jesus hat sie uns vorgelebt, an Jesus können wir uns orientieren. „so wie ich euch geliebt habe“, spricht Jesus. Jesus ist die Richtschnur. So wie er uns die Lieb Gottes nahegebracht hat, fordert er uns auf, diese Liebe weiterzutragen, weiterzugeben und zu leben.

Wo uns das nicht gelingt, wo etwas zwischen uns Menschen steht, da herrscht  Nacht. Die Nacht, in der wir uns zurückziehen, der Raum des Ungewissen und der dunklen Seite des Lebens. Wo wir die Liebe Gottes leben, beginnt der Tag, wird es Licht im Leben. Wenn es licht wird in mir, erkenne ich im anderen auch Gottes geliebtes Kind. Und als diese sind wir geschwisterlich miteinander verbunden. Es ist eine Familie im Geist, die da entsteht.  Es zählt nicht mehr die Herkunft, eher, worauf ich lebe.

In der rabbinischen Geschichte hat das Sehen eine besondere Bedeutung. Es ist kein „kurz mal hinschauen“, es ist kein Blick, der schnell wieder abgewendet wird, es ist kein kritisches Abchecken, sondern es ist sehen in dem Sinn, wie er auch in der Bibel verwendet wird im Wort für sehen, das immer mehr heißt: sehen, erkennen und in der Folge auch lieben. Es ist ein Sehen, das meint, untereinander angesehen zu sein, so wie wir sind; ein Sehen frei von Vorurteilen; ein Sehen voller Wertschätzung; ein Sehen auch, dass da ein Mensch ist mit allem Guten und allem Schlechtem, das dem Mensch begegnet ist, und der ein geliebtes Kind Gottes ist.

In Psalm 36, 10 heißt es: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“

Mit Gott als Quelle unseres Lebens sehen wir mit anderen Augen. Sie kennen sicher das Sprichwort: die Welt mit anderen Augen schauen. Das kann bedeuten, liebevoll auf den Anderen zu sehen und wirklich hinzugucken, wie es ihm oder ihr geht. Hinsehen, nicht wegschauen. Hinsehen, und wahrnehmen, was der Andere braucht und für ihn oder sie da sein. Solches Sehen ist gemeint.

In Psalm 119, 05 heißt es: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“

Daran können wir uns halten.  Und dazu an all dem, was Jesus uns vorgelebt hat. Dann können wir „im Gesicht eines Menschen die Schwester oder den Bruder sehen.“

Gez. Regine Währer