"Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün."

Immer öfter beschleicht mich die Angst, wenn ich sehe oder in den Nachrichten verfolge, was Menschen einander antun. Nicht zuletzt die Kriege rund um den Erdball sind ein Indiz dafür, wieviel Hass, Machtgehabe und Machtbesessenheit das menschliche Tun bestimmen, wieviel Neid und Missgunst menschliche Beziehungen zerstören oder zumindest belasten. Das ist nicht nur zu unserer Zeit so. Wenn wir in die Geschichte zurück blicken, stoßen wir immer wieder auf solches menschenverachtende Verhalten. Sogar Gott selbst musste durch seinen Sohn Jesus Christus erfahren, wohin Hass, Machthunger und Missgunst führen können, nämlich zum Tod. Da frage ich mich: Was kann ich dagegen setzen? Gibt es etwas, das ich dagegen halten kann? Es mag abgedroschen klingen, doch dagegen halten kann ich doch eigentlich nur die Liebe, die so vieles überwinden kann, die Liebe die Dinge möglich macht, die vorher nicht machbar erschienen.

Wenn wir nun in der Passionszeit des Leidensweg Jesu bedenken, erkennen wir Mechanismen und Verhaltensweisen, die damals wie heute lebensfeindlich sind und zum Tod führen können. Doch diese Mechanismen und Verhaltensweisen sind nicht „allmächtig“ und unumstößlich. Ostern sagt uns, dass Gottes Liebe zu uns so groß ist, dass durch die Nacht hindurch neues Leben wachsen kann und der Tod nicht das letzte Wort behält. Gottes Liebe zu uns Menschen überwindet das menschengemachte Leid und lässt uns auferstehen zu einem neuen Morgen.

In unserem Gesangbuch findet sich ein Passionslied, das für mich ein Hoffnungslied ist und mich durch die Zeiten begleitet. Es ist das Lied 98. Dieses Lied malt ein Bild davon, wie wichtig die Perspektive und manchmal ein langer Atem sind. Es ist das Bild vom Korn, das erst in den Acker sinken muss, um sich dort im Verborgenen zu wandeln und schließlich neues Leben entstehen und wachsen zu lassen. „Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“

Auch da, wo wir kaum noch Leben vermuten, wo kein Leben mehr sichtbar ist, wo Finsternis und Kälte herrscht, kann dennoch Neues wachsen und entstehen. Ostern als Zeichen Gottes Liebe zu uns. Mit Seiner Liebe überwindet er, was wir aufgetürmt haben zwischen uns und Ihm. Die Liebe Gottes ist die allumfassende Kraft, die alles zusammenhält. Und wo ich mich geliebt fühle, kann ich Liebe schenken und weitergeben. Dann kann Liebe wachsen wie Weizen auch unter uns und Wurzeln schlagen.                                                                       

Regine Währer