Vom Danken

Kennen Sie das Wort: „Ich muss einen Dank loswerden?“

Da gibt es jemanden, dem oder der ich unbedingt danken muss. Da kann ich den Dank nicht bei mir behalten, da muss ich ihn einfach an den Mann oder an die Frau bringen. Das ist ein Dank, der mich innerlich so in Bewegung bringt, dass er tatsächlich raus muss. Eben dies ist das Besondere des Dankens: Ich kann zwar auch allein für mich danke sagen, doch der Dank wird erst wirklich belebt, wenn er ausgedrückt wird. Dank fordert quasi einen Ausdruck nach sich.

Wenn ich zurückdenke, ist eines der ersten Lieder aus dem Gesangbuch, das ich mir gemerkt habe, ein Lied vom Danken, vielleicht kennen Sie es: „Danke für diesen guten Morgen / danke für jeden neuen Tag / danke dass ich all meine Sorgen / auf dich werfen mag.“ Ich habe es im Kindergottesdienst kennen gelernt, wir singen es aber genauso auch in unseren Sonntagsgottesdiensten.

Das Besondere dieses Liedes ist, dass man ganz persönlich einfügen kann, wofür man danken möchte. Dann heißt die 2. Strophe vielleicht: Danke dass ich Freunde habe / danke ich bin nicht allein / danke ich kann mich frei bewegen hier in diesem Land.“

Es gibt unendlich viel, wofür wir danken können. Manchmal, spontan gefragt, müssen wir noch überlegen, wofür wir danken wollen. Aber oft ist es doch so, dass wenn man anfängt nachzudenken, das eine oder andere in den Sinn kommt, was wir gar nicht mehr so im Kopf hatten, im Alltag irgendwann untergegangen.  

In der Psychologie gibt es eine Übung, die geht so: In der rechten Hosentasche hat man einfach trockene Bohnen. Und jedes Mal am Tag, wenn wir etwas erleben, worüber wir uns freuen und wofür wir vielleicht danken wollen, wandert eine Bohne aus der rechten Seite in die Hosentasche auf der linken Seite. Am Ende des Tages kann man überrascht sein, wie viele Bohnen tatsächlich aus der rechten in die linke Hosentasche gewandert sind. Vielleicht haben wir es gar nicht wahrgenommen, dann die Überraschung: Doch, da war etwas an diesem Tag, darüber habe ich mich gefreut, dafür sage ich danke. Es ist manchmal ganz erstaunlich, was dabei herauskommt.

Danken ist existentiell, macht einen Teil unseres Lebens aus, kann Lebenshaltung sein. Gehe ich dankbar durch die Welt, oder als Kritiker und Zweifler, der alles klein redet. Davon hängt maßgeblich ab, wie wir unser Leben gestalten. Dank zu teilen, kann innerlich reich machen und uns Menschen untereinander verbinden. Darum ist es nicht verwunderlich, dass kaum ein Wort in den Liedern des Gesangbuches so oft vorkommt wie „Danken“ -  in allen Variationen. Beim Singen geben wir dem Dank Raum, lassen ihn klingen, können ihn im Körper spüren. Mit Singen zu danken kann tatsächlich das Herz öffnen.

Oft gesellt sich zum Danken: Singen, Loben und Preisen hinzu. Diese Worte kommen oft zusammen vor, ergänzen und verstärken sich gegenseitig. Bei allen geht es darum, etwas zu tun, einer inneren Bewegung Ausdruck zu verleihen. Es hat eine enorme Kraft gemeinsam zu singen, loben, preisen und danken. Der Dank vervielfältigt sich und gewinnt Raum in uns. Besonders gut geht das im gemeinsamen Singen ob im Chor, in der Gemeinde oder an jedem anderen Ort.

Danken, loben und preisen braucht immer auch einen Adressaten, ein Gegenüber. Anders geht es gar nicht. Alles andere wäre luftleer.

Unser Dank kann an unsere Mitmenschen gehen. Zu Danken gehört zugleich in unsere Grundbeziehung mit Gott. Gott ist unser Gegenüber bei so vielem, was wir tun und denken. An Gott können wir uns ausrichten. Es tut gut, Gott zu danken, diesem Gegenüber, das mich liebevoll ansieht. Es schafft Verbindung zwischen Gott und mir, wenn ich ihm danke. Ich beziehe ihn in mein Leben ein. Er wird Teil meines Lebens.

Viele von uns kennen Tischgebete als Dank für das tägliche Brot. Regelmäßig gebetet, ziehe ich Gott in meinen Alltag hinein. Auch das spontane Dankgebet, wenn wir Hilfe empfangen haben, kann hilfreich sein. Eine Haltung des Dankens schenkt uns eine positive Sicht auf uns und unser Leben. Machen wir sie uns zu eigen und wir entdecken die Welt neu.

Gez. Regine Währer

 

 

 

Gez. Regine Währer

Segen - eine Kraft Gottes

Was ist das eigentlich, Segen? Was passiert beim Segnen? Welche Bedeutung hat Segnen?

Im Griechischen bedeutet das Wort Segen: „jemandem Gutes zusprechen”: Da spricht jemand gute Worte über mich aus oder in mein Leben hinein. Und das sind nicht nur leere Worte, sondern Worte, die etwas bewirken. Die mir Kraft geben, mich anfeuern, mir gut tun.

In der Bibel ist es meistens Gott, der uns segnet. Schon am Tag ihrer Schöpfung sieht er die Menschen an und sagt: “Und siehe, es war sehr gut”. Schon das ist ein Wort des Segens. Und dann heißt es ausdrücklich: “Und Gott segnete sie.”

Dieser Segen ist in der Bibel, wie alle Worte Gottes, nicht nur leeres Gerede. Sondern er bedeutet Gesundheit, Nahrung, Kinder, Wohlergehen, Frieden und gelingende Beziehungen. Solchen handfesten Segen spricht Gott durch die ganze Bibel hindurch Menschen zu.

Besonders bekannt ist der Segen, den die Priester im alten Israel, aber auch Pastoren*innen bis heute am Ende eines Gottesdienstes mit erhobenen Händen über die Menschen aussprechen: “Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr wende dir seinen Blick freundlich zu und gebe dir seinen Frieden”. Dieses Segenswort ist übrigens auch das älteste Stück Bibel, das heute noch erhalten ist. Es wurde 1979 bei Ausgrabungen in Jerusalem in einem alten Grab aus dem 8. Jahrhundert vor Christus gefunden. Der Segensspruch war auf einem kleinen, zusammengerollten Stück Silber eingraviert.  Ein schönes Bild dafür, wie wertvoll solche Worte sind, und wie sie uns im Leben und im Sterben begleiten können.

Segen kann man aber nicht nur empfangen, sondern auch weitergeben: In der Bibel etwa legen Väter ihren Kindern die Hände auf uns segnen sie. Jesus forderte dazu auf, die Feinde zu segnen, anstatt über sie zu fluchen. Und diese Anregung wird in den Briefen der ersten Christen gleich mehrmals wiederholt.

Segen ist wie ein Geschenk, das man gleichzeitig empfangen und weitergeben kann. Gott sagte einmal zu Abraham: “Ich werde dich segnen, und du sollst für andere ein Segen sein”. Das galt für Abraham, das gilt in der Nachfolge aber auch für uns. Auch zu uns spricht Gott „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Auch wir sind geborgen unter dem Segen Gottes.

Gesegnet zu sein bedeutet, Gott ist nahe. Er umgibt uns und begleitet uns. Er sorgt für uns und schenkt Gelingen.

Manchmal merkt man den Segen erst im Nachhinein. Manchmal fühlt sich eine Situation überhaupt nicht gut an. Aber im Nachhinein merkt man: Das war gut! Hier lag Segen drauf!

„Ich will dich segnen!“ - das ist ein Versprechen Gottes, eine echte Verheißung! Eine Verheißung ist etwas, das kommen wird. Ist sie einmal ausgesprochen, dann wird sie kommen. Es mag Umwege geben, Probleme und Hindernisse. Aber irgendwann wird sie eintreffen. Davon können wir ausgehen.

Auf Hebräisch, der Sprache des Alten Testamentes, heißt Segen: barak. Barak heißt auf Deutsch aber nicht nur segnen, sondern auch loben. 
Segnen und Loben sind dasselbe Wort. Segen ist keine Einbahnstraße. Wir loben Gott, und Gott segnet uns – das ist ein und dieselbe Handlung!
Es gehört zusammen.

Segen verbindet uns immer wieder mit Gott.  Oft gehören Segensgesten dazu. In Zeichen wird Segen sichtbar gemacht, etwa wenn dabei das Kreuz am Ende eines Gottesdienstes geschlagen wird oder durch das Auflegen der Hände. Oft singen wir beim Auseinandergehen im Gottesdienst ein Segenslied.

Ich habe nebenstehendes Segenslied heute ausgewählt, die Vertonung eines irischen Reisesegens. Vielleicht kennen Sie es.

Der Refrain lautet: „Und bis wir und wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand;und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“

Ich finde, das hat etwas sehr Tröstliches und passt genau in die Zeit.

 

Ein Grund, ein Fundament für unser Leben

Es gibt ein wichtiges Gesetz beim Bauen eines Hauses: Das Fundament.

So gut, wie das Haus nach oben gebaut werden muss, so fest muss der Grund nach unten gelegt sein. All die schönen Räume, die sich Menschen einrichten, haben keinen Bestand, wenn sie nicht auf solidem Grund, einem tragfähigen Fundament gebaut sind.

Wenn das für einen Hausbau gilt, für einen Turm oder eine Brücke wichtig ist, wieviel wichtiger ist das für unser Leben. Auch im Leben brauchen Grundfesten, auf die wir bauen können. Wenn alles beliebig wäre und schwankend, nichts Bestand hätte, würden wir haltlos durchs Leben trudeln, würden anecken und uns böse Verletzungen holen.

Wir brauchen einen Grund, der uns standfest macht, der unseren Stand fest macht.Einen Grund, an den wir uns halten können und der Orientierung geben kann. Einen Grund, der uns trägt, wenn wir angefochten sind, wenn es uns schlecht geht, wenn wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen.

Menschen gehen da verschiedene Wege, sich zu gründen. Es ist eine individuelle Entscheidung, worauf ich mein Leben aufbauen möchte.  

Für mich ist dieser Grund der Glauben an Gott. Ich glaube, dass Gott da ist für mich; dass Er nicht von meiner Seite weichen wird und dass ich in Ihm geborgen bin. Darauf kann ich bauen und vertrauen.Gott ist das starke Fundament für mein Lebenshaus.

Gottes Worte bieten so viel an Orientierung. All das, was Jesus erzählt hat über Gott zum Beispiel in Gleichnissen kann Orientierung sein, wie er die Liebe Gottes gelebt hat, all das kann Orientierung sein. Das, was Jesus gelehrt hat über Gott, auch Worte aus dem Alten Testament wie die Psalmen können der Grund sein für mein Leben.

Die Bibel benutzt statt Grund für diese Bedeutung eher das Wort Fels. So heißt es in Psalm 31 in Auszügen:

Bei dir, HERR, suche ich Schutz, …Du bist ein gerechter Gott, darum hilf mir und rette mich!  Höre mein Gebet und komm mir schnell zu Hilfe! Bring mich in Sicherheit und beschütze mich wie in einer Burg, die hoch oben auf dem Felsen steht.  Ja, du bist mein schützender Fels, meine sichere Burg. Du wirst mich führen und leiten, um deinem Namen Ehre zu machen!“

Gott als schützender Fels und als sichere Burg; als Fels, auf den wir unser Leben bauen können. Das sind starke Bilder, Burg und Fels, die von Beständigkeit sprechen, von Stärke und Schutz.

Diese Verse hören sich für mich an wie ein kleines Glaubensbekenntnis. Ich würde sie so formulieren: „Auf dich Gott, höre ich. Du bist der Gott, der mir hilft. An dir halte ich fest:“

Wenn ich auf diese Worte baue und vertraue, kann ich mich aufgehoben und geborgen fühlen. Ich werde gesehen von Gott und Gott ist an meiner Seite. Im 1. Korintherbrief 3, 11 schreibt Paulus: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

Jesus bietet uns ein Fundament für unser Leben an. Seine Worte und Verheißungen können uns tragen. Es sind keine leeren Worte, sondern Worte, die Jesus mit Leben gefüllt hat, Worte, die er mit seinem Leiden und Sterben bewiesen hat. Wenn dann die Stürme des Lebens kommen, die Bestandteil unseres Lebens sind,  dann steht unser Lebenshaus fest, ist gegründet und verankert.

Martin Luther hat sich intensiv mit Paulus‘ Worten befasst und vertiefend folgende Worte gefunden: Das Fundament meines Lebens und allen Lebens ist der unbegreiflich gütige und liebende ABBA, von dem Jesus Zeugnis gegeben hat... ein Art von Vater, eine Art von Mutter, deren Kinder Teil ihres Herzens sind: „Ich bin Teil des liebenden Herzens Gottes“ begreift Luther.

Was ist das für eine großartige Erkenntnis: der unbegreiflich gütige und liebend ABBA als Grund für unser Leben! Das berührt mich und ich denke: Ja, das ist es. In diesen Worten ist alles, alle Liebe, aller Glaube, alles Vertrauen. Mehr braucht es nicht.

Wichtig ist, sich immer mal wieder darauf zu besinnen, dass wir diesen Grund in Gott und Jesus Christus haben; Vielleicht in einem Morgen- oder Abendgebet diesen Gott einbeziehen in unser Leben. Im Alltag mag uns manches verloren gehen. Die Zeit ist so schnell, die Anforderungen so groß. Dann einfach mal innehalten, sonntags oder irgendwann, und mich vergewissern, worauf ich mein Leben baue. So kann ich standhaft sein, wenn mir der Wind entgegenweht.

Gez. Regine Währer

Unser Buch des Lebens

Den Begriff „Buch des Lebens“ kennen wir sicher alle. Dahinter steht die Vorstellung, dass wir unser Leben selbst schreiben, selbst gestalten, und Tag für Tag eine Seite hinzufügen, sodass daraus ein Buch wird, das Buch unseres Lebens.

Die Vorstellung von einem Buch des Lebens ist uralt und kommt in allen 3 Weltreligionen vor, im Judentum und im Islam vor allem in der Weisheitsliteratur. In der Bibel wird das „Buch des Lebens“ in der Offenbarung des Johannes namentlich erwähnt.

Ein „Buch des Lebens“ erzählt von unserem Leben, was wir erlebt und gedacht haben, wie wir zu der oder dem geworden sind, die wir sind. Was sind die Dinge, die uns bewegt haben, was hat unser Denken und Handeln geprägt? Gibt es einen roten Faden? Oder finden sich immer wieder Brüche und Neuanfänge?

Manche Seiten unseres Lebens sind erfüllt von Begegnungen, Begegnungen mit Menschen, mit Musik und Kunst, Entdeckungen und neuen Ideen.

Dann gibt es Seiten, die erzählen von Angst und dem Gefühl von Bedrohung, auch von Grenzerfahrungen. Häufig sind das Momente, in denen sich Dinge entscheiden, in denen wir an Weggabelungen kommen, die uns herausfordern und aus der Herausforderung heraus Neues entstehen lassen. Zum Teil haben Sie uns stark werden lassen. Oder haben uns neue Erkenntnisse, neue Sichtweisen gebracht auf uns und unser Leben.

Sicher gibt es auch Seiten, die wir mit Tränen in den Augen geschrieben haben. Sie erzählen von dem Verlust lieber Menschen, Krankheiten von uns selbst oder Menschen, die uns nahestehen. Manchmal hat sich ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit hat sich breit gemacht. Da tauchen Fragen auf nach dem Sinn unseres Lebens und nach dem, was uns eigentlich trägt und hält.

Ein paar Seiten wird es auch geben, die wir gerne herausreißen würden aus unserem Buch des Lebens. Da sind Dinge nicht gut gelaufen und wir sind irgendwie auf Abwege gekommen. Manches hätten wir gerne anders gemacht, im Rückblick erkennen wir, was da in die Irre gegangen ist.  

Das Wunderbare ist, dass wir mit allen Seiten unseres Lebensbuches bei Gott aufgehoben sind. So, wie wir sind, mit all dem, was in unserem Lebensbuch geschrieben ist, sind wir bei Gott aufgehoben und willkommen.

Der Psalm 139 nimmt das in besonderer Weise auf.

Er beginnt mit den Worten: „Herr, du erforscht mich und kennest mich“.

Das ist nicht als Bedrohung oder Überwachung gemeint. Sondern Gott sieht uns an, sieht uns liebevoll an. Er kennt unsere Sehnsüchte und Hoffnungen, unsere Schmerzen und Ängste, unsere Tränen und unsere Freude, was uns im Innersten ausmacht.  Gott weiß um all unsere Seiten in unserem Buch des Lebens, mit allen Seiten sind wir bei Ihm willkommen.

In Vers 5 heißt es:  „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Gott rechnet nicht an, was vielleicht falsch gelaufen. Vielmehr will er uns schützen und bewahren, uns trösten und stärken.

Wir können unser Buch des Lebens getrost Gott anvertrauen.  Mit Gott können wir jeden Tag neu anfangen, jeden Tag neue Schritte wagen, neue Seiten zu unserem Lebensbuch hinzufügen. Ich empfinde das als Geschenk, als geschenkte Zeit, geschenkte Möglichkeiten.

Der christliche Liedermacher

Clemens Bittlinger hat ein Lied komponiert, das genau das aufgreift: Schritte wagen.

Wir sind eingeladen, unserem Lebensbuch neue Seiten beizufügen. Vielleicht entdecken wir heute oder morgen oder irgendwann wunderbare Dinge,vielleicht entdecken oder begegnen wir Gott, im Großen oder im Kleinen, und fügen diese Erfahrungen ein in unser Buch des Lebens.

So wird unser Buch des Lebens bunt aus vielen Farben, Farben des Lebens, in allen Schattierungen.

Gez. Regine Währer

"Deine rechte Hand hält mich"

Ich habe ein Bild vor Augen: ein Kind steht auf einem Pfosten, davor stehen Vater oder Mutter. Das Kind ist noch unsicher und hat ein wenig Angst vor der Höhe des Pfostens. Vater und Mutter sehen die Unsicherheit und einer von beiden sagt:

Spring in meine Arme. Ich bin da. Ich fange dich auf. Ich halte dich. Es gibt Kinder, die das können, die losspringen können im Vertrauen, dass Vater oder Mutter sie auffangen wird. Andere Kinder sind ängstlicher, trauen sich nicht so recht. Da hilft es, dass Vater und Mutter zu dem Kind treten und dem Kind helfen, sich in die Arme der Eltern zu geben.

Das geht nur mit Vertrauen: Vertrauen, aufgefangen zu werden, Vertrauen, gehalten zu sein. Ich muss mein Gegenüber ein Stück weit kennen, um so vertrauen zu können. Oder ich habe schon gute Erfahrungen mit ihm oder ihr gemacht.

Es ist nicht egal, wer mich auffängt. Vertrauen einfach so ist kaum möglich.

In Psalm 63,9 heißt es: Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.“

Unter Seele versteht das Hebräische das Wesen des ganzen Menschen, was ihn oder sie ausmacht, Lebensatem, Empfindungen und das Herz eines Menschen.

Wenn ich mich so von ganzem Herzen und mit ganzer Seele an Gott hänge, dann spricht das für ganz viel Vertrauen, Urvertrauen.

Woher hat der Psalmbeter sein Vertrauen?

Das Volk Israel erfährt sein Geschick als von Gottes Hand verursacht. Die Hand Gottes gründet die Erde und spannt die Himmel aus.  Beim Auszug Israels aus Ägypten geleitet Gott das Volk mit ausgereckter Hand aus der Knechtschaft in die Freiheit etc. 220 Ma kommt die Formulierung von Gottes rechte Hand im Alten Testament vor.

Das ist der Grund, auf dem der Beter diesen Psalm formuliert, auf dem er steht. Diese Erfahrungen mit Gott hat das Volk Israel fest verankert im Gedächtnis und im Glauben. Darauf beruft sich das Volk Israel.

Dabei gibt Gott uns, seinen Menschen, einen Ehrenplatz an seiner rechten Seite. an der rechten Seite, was auf einen Ehrenplatz hinweist. Gott selbst weist uns einen Ehrenplatz zu.

Uns heute streckt Gott in Jesus Christus seine Hand entgegen. Jesus kam in die Welt, mitten hinein in das, was unser Leben ausmacht.

Er kam und ist an unserer Seite geblieben: „Ich bin bei euch alle Tage, bis die Erde endet.“ Unsere Angst und Sorge, Einsamkeit und Not, Schult und Leid sind ihm nicht fremd. Durch Jesus Christus streckt Gott seine rechte Hand zu uns aus.

Ergreife ich die ausgestreckte Hand? Wage ich zu vertrauen? Kann ich so fest an Gott glauben, so sehr an ihm hängen, dass ich quasi losspringe, nicht von einem Pfosten, sondern vielleicht Schritte mache, heraustrete aus dem, was mich hält?

Wir springen nicht von Pfosten, aber an Scheidepunkten, Wegpunkten stellt sich auch uns die Frage: Wage ich neue Schritte, wage ich, wage ich es, Altes hinter mir zu lassen? Kann ich mich verlassen, aufgefangen zu werden und gehalten zu werden?

Zu oft sind uns unsere Zweifel im Weg, auch Ängste oder das Gefühl, einfach keine Kraft mehr zu haben für den nächsten Schritt.

Da wünsche ich mir immer wieder zu sein wie ein Kind. Das nicht die Risiken abwägt, das vertraut und springt in die Arme eines nahen Menschen. Diese kindliche Unbeschwertheit ist ein riesengroßer Schatz.

Doch sind wir nicht alle „Gottes Kinder“? Sprechen wir Gott nicht seit Jesus mit „Vater“ an? Dann können wir uns doch auch in seine Arme werfen in dem kindlichen Vertrauen, dass er uns hält.

Das wünsche ich mir so sehr, so wie ein Kind vertrauen zu können und aufgefangen und gehalten zu sein von Gott.

Vielleich können wir dieses Bild innerlich mitnehmen und in uns tragen.  Mit diesem Bild vor Augen und im Herzen, dass Gott uns auffängt und hält,  können wir getrost in die vor uns liegende Zeit gehen.

Gez. Regine Währer

 

 

 

Foto: pixabay

Zeit zum Leben

Was ist Zeit? Wir sind am Beginn eines neuen Jahres, das Jahr, ein noch kaum beschriebenes Blatt, das vor uns liegt.

Zeit liegt vor uns, Zeit, die wir geschenkt bekommen. Aber irgendwie ist es seltsam mit der Zeit.

Den einen rinnt sie wie Sand durch die Finger. Auf manchen lastet die Zeit tonnenschwer. Andere wieder können nicht abwarten. Wieder andere wollen sie festhalten um jeden Preis. Manche flehen um Zeit. Andere vertreiben sie sinnlos.

Gibt es überhaupt „die“ Zeit? Gottfried Keller, ein Schweizer Dichter und Politiker aus dem 19. Jahrhundert, hat sich Gedanken gemacht zur Zeit und so formuliert:

„Ein Tag kann eine Perle sein, und ein Jahrhundert nichts.“

Diese Formulierung finde ich sehr gelungen. Sie macht die Möglichkeit deutlich, Zeit „kann“ losgelöst erlebt werden von allem technisch messbaren. Zeit bedeutet Möglichkeit. Natürlich ist sie begrenzt und niemand von uns kann seinem Leben eine Spanne hinzufügen, wie der Evangelist Matthäus schreibt (Mt 6,27)

Aber die Zeit, die uns geschenkt ist, beinhaltet Chance zum Leben.

Zeit ist die große Leihgabe an die Menschen.  Sie ist wie ein Gefäß, das sich mit Freude, Liebe und Leben füllen kann oder unter unseren Händen in tausend Scherben zerbricht.

Ich komme zurück zu Gottfried Keller:

„Ein Tag kann eine Perle sein, und ein Jahrhundert nichts.“

Wie kann ich mir das vorstellen: Ein Tag, so kostbar wie eine Perle?

Es gibt sie, diese ganz besonderen Momente im Leben, manchmal nur Augenblicke lang, die so wundervoll und besonders sind, dass wir sie nie vergessen.

Das können große Momente sein wie eine Hochzeit oder das Erreichen eines großen Zieles. Aber es können auch die ganz kleinen Momente sein, wie zum Beispiel Begegnungen, die wir unterwegs machen. Oder wir spüren plötzlich: Hier passiert gerade etwas Besonderes, hier liegt etwas in Luft, das uns aufmerken lässt.

Mir geht es so, dass ich aus solchen Momenten heraus lebe. Sie machen mein Leben reich.

Dazu ist es wichtig, dass ich offen bin und wahrnehme, wenn sich so ein Moment ergibt, damit er nicht unbeachtet an mir vorüber geht.

Entscheidend dazu ist, wie ich Dinge bewerte:  Werte ich von vornherein alles ab, kann ich die Perle gar nicht entdecken, sehe sie gar nicht. Wenn ich aber mit offen Augen schaue und sage: ich gucke, was da kommt, was mir begegnet, dann kann ich sie viel viel eher entdecken, diese Perle, die da vielleicht am Wegesrand liegt und darauf wartet, von mir gefunden zu werden.

Ich wünsche uns allen so sehr, dass wir auch in schwierigen Zeiten offen bleiben für die kleinen Perlen, kleinen Kostbarkeiten des Alltags.

Ich wünsche uns für das vor uns liegende Jahr, dass wir die Perlen entdecken können, die auch für uns passieren können und dass wir offen bleiben, uns von besonderen Momenten berühren zu lassen, die dann zu Perlen werden können.

Unsere Zeit ist uns geschenkt von Gott.  In Psalm 31,16 heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“

Ich möchte dieses neue Jahr dankbar aus Gottes Händen empfangen.

Ich wünsche mir, mit offenen Augen und mit einem offenen Herzen für besondere Momente oder kleine Wunder durch das neue Jahr gehen.

Ich hoffe, dass so der eine oder andere Tag zu einer Perle werden kann.

 

Gez. Regine Währer

Foto: gemeindebrief.evangelisch.de

Gedanken zur Jahreslosung 2021:

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Als ich die Losung für das kommende Jahr das erste Mal las, dachte ich: Ach ja, alles klar, barmherzig sein, das kenne ich ja schon, das ist nichts Neues.

Aber wenn das so wäre, wenn alles so klar wäre, dann wären diese Worte aus dem Lukasevangelium sicher nicht auserwählt worden als Jahreslosung für 2021. Ich überlege: Was hat die Aufforderung, barmherzig zu sein, gerade heute mit mir zu tun? Was soll sie mir heute und natürlich im Blick auf das kommende Jahr sagen?

Das vergangene Jahr hat uns alle an unsere Grenzen gebracht und darüber hinaus. Gerade im Bereich der menschlichen Beziehungen fanden die größten Einschnitte statt. Doch fanden sich oft helfende Hände und Menschen rückten zusammen. Ich habe aber auch erlebt, dass Menschen aus Not und Anspannung heraus aggressiv wurden, nicht wussten wohin mit ihren Sorgen. Sie waren überfordert und ließ Aggressionen entstehen.

Wenn ich so zurückblicke und gleichzeitig voraus blicke, dann erschließt sich mir die Jahreslosung neu. Denn die Jahreslosung lädt mich sein, barmherzig umzugehen mit all dem, was im vergangenen Jahr war; barmherzig mit Verletzungen, barmherzig, wenn nicht alles so lief wie es sollte, barmherzig auch mit mir selber und meinen Vorstellungen, die ich für das vergangene Jahr hatte.Vieles ist nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Manche Dinge ließen sich nicht verwirklichen.

Die Jahreslosung sagt mir: Sei barmherzig mit dem, was war, mit deinen vielleicht verpassten Chancen,mit nicht erfüllten Wünschen, mit Einschränkungen, die manchmal sogar fassungslos machten. Dieser barmherzige Blick auf mich selbst und auf andere macht Barmherzigkeit aus. Wenn ich voller Ärger oder sogar Wut auf meine Umgebung schaue, kann ich nicht barmherzig sein.

Ein liebevoller Blick ist der Ursprung der Barmherzigkeit. So finde ich es auch in der Bibel wieder, insbesondere auch im Bezug auf Gott. Die Bibel spricht davon, dass Gott uns Menschen barmherzig anschaut. Dass er unser Herz anschaut und uns versteht.Mit seinem liebevollen Blick rechnet Gott nicht auf. Er führt mir keine Liste vor, was ich wo und wann alles falsch gemacht habe. Nein, er schaut liebevoll, voll Erbarmen. Dieser liebevolle Blick kann mich frei machen von dem, was nicht gut geworden ist, was auch im vergangenen Jahr nicht gelungen ist. Dieser liebevolle Blick sagt mir: Geh in das neue Jahr, ohne die Lasten des vergangenen immer mit dir zu tragen.

Gott nimmt all das Schwere in seine Hände.Und so, wie Gott dich frei macht und liebevoll anschaut, so schaue auch du deinen Mitmenschen an. Lass nicht zwischen euch stehen, was es an Streit oder Missverständnissen gegeben hat. Rechne deinem nächsten Versäumnisse nicht auf. So wie Gott die liebevoll ansieht, so siehe auch deinen Nächsten an.

Gottes Erbarmen heißt für mich, ich kann hier und heute mit Gott neu anfangen. Und ich kann hier und heute mit meinem nächsten neu anfangen.Ich kann dann meinen Mitmenschen, mein Gegenüber liebevoll anzusehen ohne Vorbedingungen, so wie er oder sie ist hier und heute.Ich kann vorbehaltlos gucken und vorbehaltlos handeln. So wie es beispielsweise auch der Mitternachtsbus, die Tafeln und viele Einrichtungen mehr handhaben: Ohne Anrechnung dessen, was wer mit sich bringt wird geholfen.Es wird nicht gefragt nach dem Warum, es werden keine Vorhaltungen gemacht. Jeder und jede ist so willkommen wie er oder sie ist. Es zählt, hier und jetzt liebevoll auf den Nächsten zu sehen und wahrzunehmen, was er oder sie braucht. Das ist gelebte Barmherzigkeit. Es geht um Sehen und Helfen. Sie gehen ineinander über. Es geht darum, sich anrühren zu lassen und daraus tätig zu werden. 

Die Jahreslosung regt mich zugleich an, nicht nachzulassen mit der Nachbarschaftshilfe, mit der gegenseitigen Unterstützung; nicht müde zu werden, sondern immer weiter füreinander da zu sein, auch abgesehen von der Pandemie. Barmherzigkeit darf nicht beschränkt sein auf gewisse Zeiten der Not. Barmherzigkeit ist eine Herzenshaltung, eine Wesenshaltung, die uns reich machen kann und unsere Gemeinschaft reich macht.  Und wo es mir mal nicht gelingt, barmherzig zu handeln im Alltag, kann ich das vor Gott bringen und es bei ihm ablegen.Gott macht mich durch seinen Erbarmen frei, beim nächsten Mal mit mehr Barmherzigkeit meinem nächsten und auch mir selber zu begegnen.

Das wünsche ich mir so sehr, diesen barmherzigen Blick aufeinander, gespeist aus der Barmherzigkeit, mit der Gott auf uns schaut. Insofern ist diese Jahreslosung immer wieder neu, so wie Barmherzigkeit immer wieder neu eingeübt werden kann. Ich bin dankbar für diese Losung.

Gez. Regine Währer