"Mit anderen Augen sehen"...

„Kirche mit anderen Augen sehen“ – das ist das Motto des Gottesdienstlabors, bei dem wir aufgefordert sind, zu experimentieren, zu analysieren und gemeinsam darüber nachzudenken, was uns am Geschehen des Gottesdienstes wichtig, heilig ist und wie wir diesem Heiligen angemessenen Raum verschaffen.

Die Beteiligung beim ersten Labor war sehr erfreulich, viele ließen sich auf dieses Experiment ein, gaben selbst etwas preis von ihren Erwartungen und Wünschen. Zugegeben, solche Experimente sind nicht neu, schon oft gab es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in unserer Kirchenlandschaft Versuche, den Gottesdienst anders zu gestalten.

Wenn es dabei nur darum geht, alles etwas zeitgemäßer zu machen, veralten diese Innovationen dann ihrerseits sehr schnell. Bei unserem Labor hatte ich trotz großer Leinwand, lässiger Moderation und neuen Liedern den Eindruck, dass es nicht bloß um Innovation von veralteten Traditionen geht, sondern um die gemeinsame Vergewisserung, was uns beim Feiern des Gottesdienstes am Herzen liegt.

Besonders anrührend waren da übrigens die Antworten von der Pastorin unserer afrikanischen Gastgemeinde, die uns daran erinnerte, dass es doch beim Gottesdienst um Feiern gehen soll, um echte Fröhlichkeit, Lust zum Singen und Tanzen. Da können wir sicher einiges von anderen Kulturen lernen, oder eben unsere eigene Tradition mit anderen Augen sehen, die unter der ehrwürdigen und besinnlichen Oberfläche auch viel Sehnsucht nach Fröhlichkeit und Ausgelassenheit verbirgt.

Andererseits sollte auch für die Traurigkeit, für den Blues Raum bleiben im Gottesdienst, sonst passt er nicht zu unserem Leben mit befreienden, aber auch schmerzvollen Erfahrungen. Auch die Botschaft der Passions- und Osterzeit fordert uns seit 2000 Jahren zum Sehen mit anderen Augen auf.

Jesus, erst begeistert gefeiert, dann Opfer von Hass und Gewalt, ist nach seinem Tod von den Jüngerinnen und Jüngern „gesehen worden“ –  so die ältesten Formulierung für die Erfahrung der Auferstehung. Durch diese Erfahrung bekamen die Menschen Kraft, das Entsetzen über den sinnlosen Tod Jesu zu überwinden, weiterzumachen, wie er es beigebracht und vorgemacht hat.

Ein solches österliches „Sehen mit anderen Augen“ wünsche ich uns allen.

Pastor Dr. Detlef Melsbach