9. Brief von Pastor Melsbach an die Gemeinde


Liebe Gemeinde in Klein Borstel

Dieser Sonntag („Rogate“) ist thematisch dem Gebet gewidmet: „Du aber geh zum Beten in deine Kammer, schließ die Tür und bete zu deinem Vater im Verborgenen.“ (Matthäus 6,6). Diese klare Ansage Jesu in seiner berühmten Bergpredigt passt erstaunlich gut zu den Handlungsanweisungen der letzten Wochen und bleibt auch in der momentanen Lockerungsphase wichtig.

Natürlich fehlt uns allen der gewohnte Betrieb des Gemeindelebens, die durch die Kirche gestiftete Gemeinschaft unterschiedet sich da gar nicht von anderen Vereinen und Gruppen. Und wenn sich am 24. 5. wieder einige (wenige) in der Kirche versammeln dürfen, ist das vor allem auch durch die Freude motiviert, Menschen wiederzusehen. Das ist zweifellos erfreulich, aber Jesus erinnert uns daran, dass sich ein wesentlicher Teil der „Religionsausübung“ im Verborgenen ereignet.

Die uns auferlegte Zurückgezogenheit, so lästig sie manchem inzwischen fallen mag, ist, wenn wir Jesus ernst nehmen, geradezu die ideale Voraussetzung für die Begegnung mit Gott, mit uns selbst im Gebet. Als wir uns neulich mit den PastorenkollegInnen austauschten, kam auch zur Sprache, ob das Bemühen um eine möglichst schnell wieder herzustellende Normalität des Gottesdienstgeschehens nicht auch dem pastoralen Bedürfnis nach Selbstdarstellung geschuldet ist.

War die Kraft des Glaubens, die Solidarität und Kreativität in den letzten Wochen nicht gerade auch ohne die Möglichkeit des Gottesdienstes spürbar, war es nicht wunderbar, wie die mündigen Gläubigen sich selbst und anderen zu helfen wussten?

In einem Lied, das wir bei den „Dreharbeiten“ zum Himmelfahrtgottesdienst gesungen haben, heißt es in der letzten Strophe: „Ach, mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar! Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin.“ (Ev. Gesangbuch 504). Diese etwas geschraubte barocke Formulierung von Joachim Neander ging uns beim Singen erst etwas mühsam über die Lippen. Aber dann fanden wir die Worte doch sehr „eindrücklich“: In der staunenden Betrachtung von Gottes wunderbaren Werken, im Gebet können wir den Schöpfer und uns selbst entdecken.

Lassen wir uns beeindrucken!

Ihr/Euer Pastor

Detlef Melsbach