Predigt am 14. Februar - Estomihi von Pastorin Antje Schwartau

Predigttext: Jesaja 58, 1 - 9a

Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Hatten Sie schon mal Lust sich so richtig zu beschweren? Ein Beschwerdeformular auszufüllen und noch einen Anhang dranzuhängen, weil der Platz nicht reicht für die Wut und den Ärger, der sich aufgestaut hat? Mal so richtig die Meinung sagen – „Das kriegen die von mir! So nicht! Nicht mir mir! Jetzt hört es auf!“

Ja, das kann man schon erleben – ein „Generve“, das einem die Laune vermiest. Wenn der Service nicht stimmt, dies oder das ganz anders hätte abgeliefert werden sollen, wenn man warten muss oder die richtigen Informationen oder Termine nicht bekommt. Wenn man sich nicht gesehen, nicht wahrgenommen, schlecht behandelt fühlt. Da kann einem der Kragen platzen – irgendwann geht es einem über die Hutschnur, bringt das letzte bisschen Ignoranz auf der Gegenseite das Fass zum Überlaufen. „Jetzt reicht’s“.

Ja, manchmal reicht es. Und dann muss der Ärger raus. Und manchmal ist es nicht einfach nur Ärger, oft geht es ja auch um echte Ungerechtigkeit, nicht einfach um Nachlässigkeit und versehentliche Fehler, sondern um systematische Ungerechtigkeit, die abgestellt gehört.

Dabei steht natürlich niemand gern auf der anderen Seite: Niemand hört gern Vorwürfe, Anklagen, Beschwerden. Niemand hat gern die Verantwortung für etwas, das nicht gut läuft.

Mancher schaltet dann auf stur, weil er sich persönlich verletzt fühlt. Und es ist ja auch nicht ganz einfach, wenn Ärger im Raum ist – der eine will den Ärger raus lassen. Aber der Ärger verschwindet nicht, sondern wird im Gegenüber angestachelt, das sich kritisiert sieht.

Sich richtig beschweren ist keine leichte Übung. Eine Beschwerde ist nicht unbedingt konstruktives Feedback, sondern oft einfach nur „Dampf ablassen“. Und Mancher nimmt gern kleinste Fehler anderer zum Anlass, um mal jemanden richtig zusammenzufalten.

In England sah ich vor Jahren mal ein Schild in einer Postfiliale und es ist mir nachher noch öfter aufgefallen: „Wir akzeptieren keine missbräuchliche Sprache gegenüber unseren Mitarbeitern. Die Dienststellenleitungen.“ Mit anderen Worten: Beschimpfen Sie unsere Mitarbeiter nicht und lassen sie ihre schlechte Laune nicht an ihnen aus. Ich fand es gut, dass sich der Arbeitgeber so hinter die Mitarbeiter stellt, aber auch schade, dass man darauf extra hinweisen muss.

Manchem, der sich laut schimpfend beschwert, ist wahrscheinlich nicht mal bewusst, was er tut. Wer sich einmal im Recht und den anderen im Unrecht sieht, nimmt das für sich als Freifahrtsschein, verbal mal richtig draufzuhauen. Dass auch Sprache schneiden und verletzen kann, weiß man ja irgendwie – aber anders als Schnitte und blaue Flecken sind die Wunden durch Worte nicht so offensichtlich.

Ich mag es nicht besonders, wenn der Ton laut und scharf wird. Deshalb kommt mir auch das Predigtwort für heute nicht so richtig entgegen: „Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und seine Sünden.“

Jetzt gibt’s Ärger, eine Standpauke. Wer würde nicht lieber weglaufen. Das hört sich erbost an, nicht friedfertig.

Nicht friedfertig – das seid ihr auch! Sagt Gott hier im zornigen Ton. Gerade das ist es ja, was das Verhältnis trübt: Mir gegenüber fasten sie und kleiden sich in Sack und Asche, sie wollen mir nahe sein.

Aber untereinander gibt es Zank, Streit und Gewalt. Das ist falsch – und Gott lässt sich nichts vorspielen: In Sack und Asche gehen, demonstrativ den Kopf hängen lassen wie ein Schilfrohr, aber auf andere eindreschen und sie ausnutzen, sie in ihrer Not sitzen lassen. Nach oben sich bücken und nach unten treten: So ein Fasching, so ein Verkleidungsfest feiert Gott nicht mit.

Jeder will sich gut fühlen, jeder ist gern auf der guten Seite, jeder wäre gern bei Gott. Jeder kehrt gern seine guten Seiten nach außen: Guck doch, ich faste, ich mache mich selbst runter vor Gott, aber Gott sieht ja gar nicht, was ich alles für ihn tue!

Ja, vor Gott will man lieber der ungerecht leidende sein. Niemand ist zwar gern selbst das Opfer, aber wenn es einem den moralischen Vorsprung bringt, kann es sich auch gut anfühlen, sich selbst als unschuldig und ungerecht leidend zu demonstrieren.

Sehr auf sich selbst bezogen ist das: Wie stehe ich da? Welchen Eindruck mache ich? Werde ich richtig gesehen, komme ich auf meine Kosten?

Das, was Gott gefällt, bedeutet, links und rechts die anderen in den Blick zu bekommen. Und das heißt auch in den Blick zu bekommen, wo man sich selbst falsch verhalten hat. Denn eigentlich kann man das ja erkennen, auch ohne, dass einem jemand einen großen Beschwerdebrief geschrieben hat.

„Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn.“

Gott erhebt die Stimme, damit wir wieder auf das Wesentliche achten.

Und es ist doch ernüchternd, wie schlicht das ist. Das Spiel mit der Schuld und der Unschuld, mit dem Opferstatus und den gegenseitigen Anschuldigungen und Beteuerungen hat doch viel mehr „Drama“.

Aber Gott sagt uns: Lasst eure Inszenierungen. Tut einfach das Gute, von dem ihr doch schon wisst, was es sein müsste. „Reiß jedes Joch weg!“ Hört auf, andere selbstsüchtig für euch auszunutzen, gönnt den anderen die Freiheit, die ihr auch für euch selbst in Anspruch nehmt. Seid solidarisch, lindert die Not, wo ihr es könnt.

Es ist schnell gesagt – aber wir hätten damit schon genug zu tun.

Gott will, dass unser Licht hervorbricht, dass unsere Heilung voranschreitet und wir Gerechtigkeit tun und Gerechtigkeit erfahren.

 Vielleicht ist es dafür an der einen oder anderen Stelle gut, einen Beschwerdebrief zu verfassen.

Beschimpfungen, Hasskommentare, Lästern helfen meistens nicht. Der Ärger, die Wut, ist für viele ein schweres Joch. Ärger kann tiefe Gräben ziehen, Wut zu überwinden kann helfen, Gemeinschaft erfahrbar zu machen.

Und so will Gott selbst erfahrbar sein. Da, wo der Friede ist, da ist Gott und er selbst will unseren Blick dahin lenken und unsere Leidenschaft dafür wecken. Deshalb ruft er laut: Kommt her zum Frieden – Siehe, hier bin ich!

Amen.