Predigt am 14. März 2021 - Lätare - von Pastorin Antje Schwartau

Gottesdesdienst mit Musik: Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710 - 1736) (in Teilen)

 

1) Es stand die Mutter mit Schmerzen weinend beim Kreuz, als ihr Sohn dort hing.

4) Sie trauerte und war betrübt, die gute Mutter, als sie die Qualen ihres hehren Sohnes sah.

5) Wer weint da nicht, wenn er Christi Mutter in solcher Not sieht?

6) Sie sieht ihren geliebten Sohn einsam sterben und den Geist aushauchen.

8) Lass mein Herz entbrennen in der Liebe zu Christus, dem Gott, damit ich ihm gefalle.

9) Heilige Mutter, tu dies: Drück die Wunden des Gekreuzigten tief in mein Herz.

12) Wenn der Leib stirbt, dann hilf, dass Dein Sohn der Seele die Herrlichkeit des Paradieses schenke.

 

Predigttext: Johannesevangelium, Kapitel 12, 20 – 24

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.  Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.  Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ein Konzert von dem einen geliebten Star, dem einen großartigen Musiker, ein wundervoller Abend, mit Spannung erwartet, mit Vorfreude und Aufregung herbeigesehnt – und dann auch noch: Plätze in der ersten Reihe, ganz nah dran, ganz vorn.

„Ich habe die Beatles gesehen“, wer kann das schon von sich sagen?

Das ist doch ein bisschen schräg, denn es geht doch um das Hören, oder nicht? Und die Plätze ganz vorn sind doch akustisch nicht mal unbedingt die besten. Aber: Wenn die Verehrung groß ist, dann geht es um mehr, dann möchte man nah dran sein, körperlich nah dran sein, weil sich das richtig anfühlt.

Das, was man als gut und richtig empfindet, dem möchte man sich nähern, und wenn es möglich ist, eben auch ganz in echt, eben nah dran sein, am besten ein persönliches Wort erhaschen, eine Widmung, ein Autogramm.

Ich will sehen, aus der Nähe, live und analog.

In unserem Predigtwort für heute erscheint Jesus wie ein Star, allerdings ohne, dass die Menschen um ihn herum ganz genau wüssten, was sie von ihm erwarten. Ist er Prediger? Heiler? Politischer Aktivist oder gar Aufrührer?

Wir wollen ihn sehen! Das sagen die Griechen, die zum Passahfest nach Jerusalem gekommen sind und wohl vom Hörensagen schon einiges über Jesus wissen.

Jesus hatte Lazarus von den Toten aufgeweckt und diese Auferweckung des Lazarus provoziert endgültig den Entschluss der Hohenpriester und Pharisäer, Jesus zu töten. Denn die Menge, die nach diesem Wunder begeistert zu Jesus kommt, bedeutet Gefahr: Unruhe und Aufruhr, der den Zorn der Römischen Besatzer wecken könnte.

Und jetzt, wo das Passahfest nahe ist, sind ja sowieso schon so viele Menschen in der Stadt, herrscht eine gespannte, gehobene Stimmung, Vorfreude, Gemeinschaft überall.

Und es sind sogar Ausländer in der Stadt, Griechen, die im Ruf stehen, nach Weisheit zu suchen. Jesus, als Prediger, als Prophet – den wollen sie kennenlernen. Wir wollen ihn sehen!

Sie sagen das zu Philippus – es scheint fast so, als würden die Jünger als Manager Jesu fungieren, oder auch als Bodyguards, die ihn abschirmen von den herandrängenden begeisterten Fans. Nicht direkt, sondern nach Rücksprache mit dem Jünger Andreas, kommt die Anfrage zu Jesus.

Jesus‘ Antwort erscheint rätselhaft. Es gibt kein Ja oder Nein. Jesus sagt, was die Stunde geschlagen hat: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Das ist sicher nicht die Antwort, die die Griechen erhofft hatten – eher ein Rätsel.

Sie wollen Jesus sehen – aber Jesus hat vor seinen Augen schon seine Verherrlichung, die ihn für die ganze Welt ganz anders sichtbar machen wird.

Sie hatten sich vielleicht auf ein Interessantes Gespräch gefreut – für Jesus ist die Zeit dafür nicht da, es ist nicht mehr die Zeit für Diskussionen und philosophischen Austausch. Der Stein ist schon ins Rollen gekommen, der Weg zum Kreuz ist schon eingeschlagen und es gibt kein Zurück mehr.

Was wollt ihr noch mit mir plaudern, die Stunde ist da, in der sich erweisen wird, was es mit mir auf sich hat.

Sie haben sich auf eine interessante Reise gefreut und das Treffen mit dieser Berühmtheit Jesus hätte der Reise noch die Sahnehaube aufgesetzt. Sie sind voller Lebensfreude – Jesus spricht vom Tod. Sie wollen Verbindung aufnehmen, er spricht von Verwandlung, vom Sterben.

Es passt nicht zusammen und lässt die Jünger und wohl auch die Griechen verwirrt zurück.

Sie scheinen aneinander vorbeizureden. Es wird deutlich: Verständnis ist nicht selbstverständlich: Menschen treffen aufeinander in unterschiedlichen Lebenslagen, mit unterschiedlichen Gefühlszuständen, Ängsten, Hoffnungen. Und manchmal passt es einfach nicht zusammen, das Bedürfnis des einen mit der Gefühlslage des anderen. Wer kennt das nicht: Man wünscht sich Zuspruch oder Einfühlungsvermögen beim anderen, der nur mit seinen eigenen Themen beschäftigt ist.

Jesus fühlt sich ein, so kennen wir ihn aus vielen Schilderungen der Evangelien, er spürt unmittelbar, was jemand anders braucht und kann darauf richtig reagieren.

Aber es gibt auch immer wieder die anderen Situationen, in denen er sich zurückzieht, sich den Menschen entzieht.

Hier hat sein Weg in den Tod schon begonnen und das lässt ihn konzentriert sein. Für harmlose Gespräche ist er nicht mehr zu haben. Der Tod fokussiert ihn und lässt ihn seine Prioritäten klar verfolgen.

Jesus sieht, dass das Interesse an ihm offensichtlich steigt, je mehr sein Leben gefährdet ist. Die Frucht, die er bringt, vermehrt sich schon dadurch, dass er auf der Todesliste der Hohenpriester steht. Zu den Jüngern kommen mehr und mehr Menschen.

Wie viel mehr Zulauf wird er haben, wenn er tatsächlich gestorben ist? „Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es viel Frucht.“

Jesus ist nicht todesverliebt, das hat er den Menschen in vielen Begegnungen immer wieder gezeigt. Er hat getröstet, geheilt, gegessen, ja es heißt so ja gefressen und gesoffen. Er hat sogar einen Toten wieder auferweckt – er kennt die zerstörerische Macht des Todes und verharmlost den Tod nicht.

Und doch sagt er uns, dass es den Abschied geben muss, damit Neues entstehen kann, dass Neues entstehen kann, nur wenn das Alte sich verwandelt. Dass wir durch die Verwandlung hindurchmüssen, die Abschied und Tod bedeuten, damit das Leben sich entwickeln und entfalten kann.

Wir sehen den Weg Jesu ans Kreuz durch die Augen der Jüngerinnen und Jünger und auch durch die Augen Marias, der Mutter Jesu.

Durch Maria wird deutlich: Jesus ist wirklich Mensch, er ist kein Geist, kein Gespenst, er wurde geboren so wie jeder Mensch geboren wird.

„Meine Seele erhebt Gott“ sagt Maria ganz am Anfang ihrer Schwangerschaft. „Magnificat“ auf Latein – Maria lässt uns sehen, lässt uns erkennen, wie unter einem Vergrößerungsglas, wer Jesus ist.

Am Ende steht sie unter dem Kreuz, in der Situation, in der alle Fans und auch die meisten Jünger nicht mehr hinsehen konnten und weggelaufen sind – da wo niemand mehr in der ersten Reihe stehen wollte.

Maria ist da und ihre Trauer und ihr Schmerz sind echt, so wie die Geburt ihres Sohnes echt und schmerzhaft war.

Geburtlichkeit und Sterblichkeit – beides teilt Jesus mit uns und durch die Frau Maria sehen wir, wie ernst es Gott damit meint. Jesus, Gott mit uns, Immanuel, ist da, auch in allem Schmerz, aller Trauer, in allem Abschiednehmen.

Er will nicht stehenbleiben dabei, das wissen wir mit Blick auf Ostern auch. Gottes Liebe gilt dem Leben – mit allem, was dazugehört - und er lässt das Leben triumphieren über den Tod.

Das ist die Frucht, die Christus mit uns teilt – damit wir leben.

Amen.