Predigt am 2. Sonntag der Passionszeit, Reminiszere von Pastorin Antje Schwartau

Predigttext: Jesaja 5, 1 - 7

 

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ein großer Sehnsuchtsort, ein Ziel, das sich mit wunderschönen Bildern verbindet, mit Träumen und Hoffnungen auf bessere Tage, ein Ort der Stärke und Ermutigung, des Pläneschmiedens und der neu erstarkenden Lebensgeister – so ein Ort ist in unseren Tagen das Gartencenter: Für einige weit weg, für andere um die Ecke, in einigen Bundesländern geöffnet, in anderen wegen Corona noch nicht wieder.

Die Aussicht, sich mit blühenden Pflanzen umgeben zu können, den Garten, den Balkon oder wenigstens die Fensterbank gestalten zu können, motiviert viele, die in diesen Tagen das Gefühl haben, schon viel zu lange vor sich hin gedümpelt zu haben.

Mancher sieht sich schon beherzt zupacken, umgraben, Gewächshäuser bauen, eigenes Gemüse ziehen. Welcher Segen ein eigener Garten sein kann, wird vielen durch die Corona-Beschränkungen bewusst, das eine kleine Stück Natur, Platz zum durchatmen, sich selbst verwurzelt fühlen und gleichzeitig dem Himmel ein Stück näher.

Das Paradies selbst wird als Garten beschrieben, ein friedlicher Ort, an dem man sicher die Freuden das sprießende, volle Leben genießen kann.

Auch der Weinberg, von dem wir im Predigtwort hören, ist ein Ort der Liebe. Von Jerusalem aus sicher eine nahegelegene Zuflucht, um der Enge der Stadt zu entfliehen.

Im Hohenlied der Liebe gibt es viele Erwähnungen des Weinbergs als Ort der Liebe.

„Komm, mein Geliebter“ heißt es dort „lass uns hinausgehen aufs Feld, bei den Hennasträuchern die Nacht verbringen. 13Früh wollen wir uns aufmachen zu den Weinbergen, wollen sehen, ob der Weinstock getrieben hat, die Knospen aufgesprungen, die Granatbäume erblüht sind. Dort will ich dir meine Liebe schenken!“

Der Ort für Liebeslieder, das ist der Weinberg. Und so freut man sich auch auf ein Liebeslied bei den ersten Worten unseres Predigtwortes, dem sogenannten „Weinberglied“ des Jesaja:

„Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.“

 

Der Hörer freut sich auf einen lieblichen Gesang, vielleicht begleitet auf der Harfe oder der Laute. Ja, wohlan, wie schön, sing doch gern, komm wir rücken zusammen am Lagerfeuer und wir hören gern dem schönen Lied zu, das du über deinen Freund gedichtet hast.

 

„Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter.“

 

Wie schön, das beschauliche Leben auf dem Land!

 

Doch dann ändert sich die Stimmung: „Mein Freund wartete darauf, dass der Weinberg gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.“

Huch! Plötzlich Misstöne – und nichts mehr von Lagerfeuerromantik. „Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem zwischen mir und meinem Weinberg!“

 

Ah, es geht gar nicht um einen Freund, sondern um den Sprecher selbst und seinen Weinberg und es bricht die große Unzufriedenheit hervor: „Richtet!“ Kritik ist angesagt, viel mehr noch, ein echtes Strafgewitter:  

 

„Was soll ich denn noch alles machen für diesen Weinberg? Mir reicht’s! Ich sag Euch, was ich machen werde: Zaun wegnehmen! Kahlfressen lassen! Mauern einreißen! Zertreten! Im Chaos liegen lassen und nicht mehr drum kümmern! Keinen Tropfen regen hat dieses Land verdient!“

 

Große Enttäuschung, das Ende der Liebe, Zerstörung, Elend, nichts mehr mit zärtlichem Gesang.

 

Der Weinberg, ja, das war die große Liebe, aber die hat sich offenbar ins Gegenteil verkehrt.

 

Jesaja liefert uns die Deutung: „Gottes Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

 

Gottes Liebe, so viel wird deutlich, ist leidenschaftlich. Er hat erwartet, dass seine Liebe, seine Zuwendung, seine treue Pflege und Unterstützung gute Früchte hervorbringt – und die köstlichste Frucht für Gott ist die Gerechtigkeit, der gute Rechtsspruch, nicht Rechtsbruch und Schlechtigkeit.

 

Die Enttäuschung bekommt hier maßlose Züge. Das passt doch eigentlich gerade nicht zu einem Weingärtner: Dass er alles kaputtmacht und verwüstet. Gerade weil er doch weiß, wie viel Kraft er hineingesteckt hat. Wenn jemand Geduld verkörpert, dann doch wohl ein Gärtner, der nicht aufhört sich zu fragen: Was braucht die Pflanze noch: Mehr Dünger? Weniger Dünger? Licht? Wasser? Lockere Erde?

 

Gott als Gärtner, das ist ein tröstliches Bild, so wie Gott als Hirte.

 

Ein Gärtner, der im Garten quasi ausflippt vor Wut, weil die Früchte nicht so sind, wie er es sich vorgestellt hatte – das ist geradezu bedrohlich. Aber, es wird uns hier vor Augen gestellt: Auch das ist möglich.

 

Gott bleibt nicht cool, wenn wir die Regeln der Gerechtigkeit mit Füßen treten, das trifft ihn in seiner Liebe.

 

Es ist vielleicht einfacher, sich selbst als Gärtner oder Gärtnerin zu sehen, als zupackende Macherin oder Schöpferin von Schönheit und großem Ertrag. Sich selbst als Pflanze zu sehen, auf der Hoffnungen liegen, von der Gott sich gute Früchte sehnlichst wünscht, das ist vielleicht noch schwieriger.

 

Was habe ich nicht alles gemacht, getan, versucht! Manchem fällt sicher ein, was er selbst für andere, für eine Beziehung, für eine Freundschaft, eine Gemeinschaft, für gute Begegnungen und Gemeinsamkeit, getan und investiert hat. So viel Kraft fließt in manche Freundschaft, in manches Projekt, in die Arbeit, in vieles, was gut gedacht und geplant war – und wie groß ist die Enttäuschung, wenn man erleben muss, dass es nicht die erhofften Früchte trägt: Dass Dinge im Sand verlaufen, Freundschaften einschlafen, die Liebe kalt wird, trotz aller Anstrengung, Zeit und Energie, die man aufgebracht hat. Manches liegt nicht in unserer Hand. Und vielleicht tut es gut, zwischendurch das Gestalten-Wollen, die Macher-Haltung mal zu unterbrechen und nicht auf das zu sehen, was wir machen können, sondern darauf wie wir in all unserem Machen selbst werden, zu was uns all unsere Anstrengung macht.

 

Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man an ihnen zieht und wir werden nicht unbedingt besser durch mehr „Action“, mehr Hektik, mehr Wirbeln, sondern indem wir uns klar ausrichten nach dem, was uns an zu Gute kommt, ohne Anstrengung, einfach so.

 

Wenn wir, ohne all die Kraftakte, uns ausrichten nach dem, was Gott uns schenkt, nach seinem Licht, seiner Liebe, seiner Wärme, dann sind wir selbst schon die schönsten Blumen im Garten. Wenn wir auch anderen das Gute gönnen und statt auf uns selbst auf die Gerechtigkeit für alle achten, dann wächst, ganz ohne Arbeitswut, viel Gutes heran.

 

Gott hat eine große Leidenschaft für uns, aber auch viel Geduld – auch, um wieder ganz von vorn anzufangen mit uns.

 

Daran können wir uns ein Beispiel nehmen – als Gärtner und als Gottes geliebte Pflanzen.

Amen.