Predigt am 28. März 2021 - Verabschiedungsgottesdienst für Pastorin Antje Schwartau

Predigttext: Hebräer 11/ 12:

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

(Hebräer 11, 1- 2/ 12, 1 – 3)

 

Evangelium: Johannesevangelium, Kapitel 12, Verse 12 - 19

 

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. 17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Ein Popsong aus dem letzten Jahr heißt „Love to go“ – Liebe zum Mitnehmen. Und obwohl das Musik ist, die auch ein bisschen an Einweggeschirr erinnert, haben sich mir die Worte eingeprägt, die so passend waren und immer noch sind für unsere Zeit.

Vieles geht nicht mehr wie gewohnt, aber einiges geht „to go“, provisorisch, ohne die gewohnte Geselligkeit oder gar Gemütlichkeit. Seit dem letzten Jahr bestimmt uns dieses Provisorische: Vieles geht nicht – aber doch einiges zum Mitnehmen, im Vorbeigehen: Hier bei uns gab es Kinderkirchenwerkstatt zum Mitnehmen oder eben Weltgebetstag „to go“. Kleiner, einfacher, abgespeckt – aber immerhin, wenigstens das: Kleine Zeichen, Wegzehrung.

Bei dem Geschehen, das dem Palmsonntag seinen Namen gibt, bin ich immer wieder fasziniert vom Sieg des Einfachen, Provisorischen, von der Spontaneität, mit der auf einfache Weise von einfachen Menschen etwas Großartiges inszeniert wird. Wie für einen Moment die geballte Macht der Machtlosen eine andere Wirklichkeit aufscheinen lässt: Jesus zieht ein als König. Der, der Lazarus aufgeweckt hat, der die Gesetze der Alternativlosigkeiten aus den Angeln gehoben hat, kommt zu den Menschen und sie kommen ins Laufen, lassen die Erstarrung hinter sich, legen ab, was sie beschwert, fassen Mut, schmecken die Freiheit und greifen… nicht zur Waffe!, sondern zum Palmwedel: Symbol für den Sieg und neu aufbrechendes Leben. Zweige der Dattelpalme, die auf Griechisch „Phönix“ heißt, werden ergriffen von denen, die sich aus dem Staub erheben. Sie schreien „Hosianna“ – „Hilf doch!“, halb Jubel- halb Sehnsuchtsruf.

Jesus geht ein auf dieses freudige und gleichzeitig unendlich ernsthafte Spiel: Auf einem Esel reitet er auf die Menge und auf die Stadt zu und zitiert damit den Propheten Sacharja: „Fürchte dich nicht, Tochter Zion, dein König kommt!“ Fürchte dich nicht – die Furchtlosigkeit ist ansteckend und die Menschenmenge wird zu einer großen, warmen  Wolke, durchwogt von Lebensfreude.

Ich stelle mir vor, wie sie im Flimmern und Flirren der fingrigen Palmwedel wie im Stroboskoplicht anfangen, anders zu sehen:

„Da, wenn ich nur ein bisschen die Augen zukneife, dann ist das da nicht ein einfacher Esel, sondern ein Prachtwagen für den König. Und ja, wir stehen hier nicht verschwitzt in unseren Lumpen, sondern edel gekleidet und mit Respekt angesehen. Sieh hin, es rücken die vom Rand in die Mitte des Bildes. Keiner wird mehr ausgelacht, wir alle jubeln gemeinsam.“

Ja, könnten wir nur immer so sehen - mit so einem Blick.

Mit einem Blick, der aus Krankenhäusern, aus Gefängnissen , aus Notunterkünften Paläste macht, der uns in Sterbebetten Sänften erkennen lässt, der Rollstühle zu Königsthronen macht, Krücken zu Zeptern!

Könnten wir nur immer sehen mit dem Blick hinter den Vorhang der kommenden Welt. Mit dem Blick, der uns gewiss macht, der uns lieben lässt, der uns hoffen lässt, uns glauben lässt, dass wir alle gemeinsam geliebte Königskinder sind!

Ja, manchmal, in wertvollen Momenten, können wir das – aber auf Dauer fällt das schwer. Jesus zwischen den Palmzweigen, das ist ein kurzes Aufscheinen davon, ein Bild, das sich eingeprägt hat und an das sich die Jünger erinnert haben, obwohl sie selbst offensichtlich gar nicht vorn mit dabei waren und mal wieder nicht richtig verstanden hatten.

Es ist ein Hoffnungsbild „to go“ – es ist eingepackt und nicht durchgängig da. Die Begeisterung und Freude war ein kurzes Aufblitzen – die Menge ist nicht bei Jesus geblieben. Viele schreien nur wenig später „Lass ihn kreuzigen!“. Die Menschenmasse mit ihren Palmzweigen, die Menge, in der man sich wohlig geborgen und aufgehoben fühlen konnte, wird sehr dünn unter dem Kreuz.

Jesus geht den Weg bis zu Ende. Der König mit dem Esel erleidet den Tod, um ihn zu überwinden. Keine Dunkelheit, kein Leiden bleibt ihm fremd, er geht zu den Rändern und bis zum bitteren Ende.

Er selbst ist Anfänger und Vollender des Glaubens, im Glauben sind wir mit ihm verbunden, gerade auch in unseren Leidensgeschichten, in unserer Dunkelheit, in unserer Einsamkeit.

Die Wolke der Zeugen geht noch weiter als unsere Massen-Events, sie löst sich nicht auf ab, auch wenn die Begeisterungsstürme, die rauschenden Wellen des Gemeinschaftserlebnisses uns verlassen haben.

Glaube, Hoffnung und Liebe sind „to go“, sie wollen im Herzen getragen werden, nähren sich von inneren Bildern, lassen uns weiter gehen auch in Zeiten, in denen wir vor unseren Augen nicht sehen, wonach wir uns sehnen. Die Wolke der Zeugen begleitet uns, auch wenn der Sturm uns hart ins Gesicht bläst.

Wir selbst sind mit unserer noch so kleinen Kraft aufgerufen, Teil dieser Wolke zu sein, können Zeugen sein auch für andere.

Auf dass wir alle immer mehr ablegen, was uns beschwert,

dass wir laufen mit Geduld,

dass wir aufsehen zu Jesus,

nicht matt werden

und dass wir den Mut nicht sinken lassen.

Amen.