Predigt am 3. Sonntag der Passionszeit - Okuli - 7. März 2021, von Pastorin Antje Schwartau

Predigttext: Epheser 5, 1 – 2; 8 – 9

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts;  die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

„wandeln“ gehört zu den Vokabeln, die einen für sich genommen, d.h. schon beim Hören, in einen besonderen, anderen Zustand versetzen. Denn das „Wandeln“ gehört nun wirklich nicht zu den alltäglichen Worten. Wer nicht gerade „Schlaf-wandelt“, benutzt diesen Begriff eher selten. Wer vom „Lustwandeln“ spricht, versetzt seine Zuhörer auch eher ins 19. Jahrhundert, in verwunschene Schlossgärten, märchenhafte Szenerien – schön, aber eben nichts, was unseren Alltag bestimmt.

Der moderne Mensch geht, läuft, rennt, macht sich auf den Weg, fährt, jettet, hat keine Zeit zu verlieren… Wer wandelt, der macht das schon mal im halben Tempo und vielleicht schwebt er auch ein bisschen über dem Boden, trägt womöglich einen unpraktischen weißen Umhang.

„Wandelt in der Liebe“ ermahnt uns das Predigtwort. Und ja, das ist ein wirklich schönes Bild: In der Liebe wandeln. Als ob man eine Wolke aus Liebe mit sich tragen könnte, die einen nie verlässt, in die man eingehüllt ist und eingehüllt bleibt. Die ganz automatisch alle anderen um uns herum mit einhüllt und mit Liebe quasi „ansteckt“.

Noch ein zweites Mal steht da „wandeln“: „Wandelt als Kinder des Lichts“. Ja, natürlich, alles ist und bleibt hell, wenn man zu den Kindern des Lichts gehört – so ein strahlendes, helles, freundliches Wesen, so ein Leben, wer hätte das nicht gern.

Mir kommen animierte Filmfiguren in den Sinn: Geister, die sich körperlos bewegen, oder Superhelden, die ihre besondere, gute Fähigkeiten nach Bedarf abrufen können wie Superman oder Spiderman.

Was mir schwerfällt: Das in das echte, richtige Leben, in unseren Alltag zu übertragen. Macht nicht der Druck unseres Lebens eher zu scharfen, kantigen, klobigen Wesen, zu Besserwissern, Vordränglern und Nervensägen.  Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit - hören sich diese Begriffe nicht auch schon fast an wie aus dem Museum. In unserer Zeit scheint doch niemand gehört zu werden, der nicht lauthals fordert, kritisiert, streitet, aggressiv sich durchsetzt, kämpft, sich durchboxt.

Wir sind es doch schließlich gewohnt, dass die Dinge zwei Seiten haben, dass es das Helle nicht ohne das Dunkle gibt, oder?

Wir haben am Weltgebetstag die schönen Strände aus Vanuatu uns vor Augen gehalten, weiße Strände unter Palmen, herrliche Natur, mildes Klima – ein Paradies, auf den ersten Blick. Und dann haben wir aber auch gehört von großer Armut, Kriminalität, Gewalt, von Naturkatastrophen, die das beschauliche Leben zerstören, vom Klimawandel, der die Lebensgrundlage zerstört. Und kann einen das nicht auch wieder wütend machen und ärgerlich?

Wandelt in der Liebe, wandelt im Licht. Die liebliche Freundlichkeit unseres Predigtwortes ist mit all all dieser Weichheit auch eine echte Provokation. „Ahmt Gott nach als geliebte Kinder“ – wer kann das schon, wer ist schon wie Gott, möchte ich sagen…

Und doch stehen da diese Worte und hören nicht auf, ihren ganz eigenen Reiz auszuüben. Denn: Vielleicht geht es ja doch, oder nicht? Was hält dich eigentlich davon ab, es mal zu versuchen, ein anderes Leben, einen anderen Lebens-Wandel?

Mal die Aggression, die Wut, die Kämpfernatur, das Durchsetzen-Wollen vergessen, hinter sich lassen. „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“ Dieses Zitat von Ödön von Horvath begleitet seit einigen Jahren die Fastenaktionen des Vereins andere Zeiten.

„Eigentlich“ – eigentlich bin ich ganz anders. Ja, die anderen mögen schräg grinsen – die, die immer die unfreundliche Breitseite abbekommen mögen die Augenbrauen hochziehen… „eigentlich, ja ja…“.

Aber Paulus im Epheserbrief der sagt uns ganz ohne jeglichen zynischen Zweifel dieses „eigentlich“ zu: Eigentlich seid ihr ganz anders! Denn ihr seid doch schon: Geliebte Kinder, Licht in dem Herrn.

Daran zu glauben, ist wohl der schwierigste Glaube und etwas, das mancher wischt das sicher lapidar zur Seite: Ach nein, lass man, ich kenne meine ganzen Schattenseiten, ich weiß ja, wo meine Schwachpunkte liegen, ich bin doch ganz gewiss kein Engel.

Nein, vielleicht keine Engel, aber eben doch: geliebte Kinder des Lichtes. Und dieses Licht soll nicht unter den Scheffel gestellt werden. Wir müssen es nicht erst produzieren, wir müssen es nicht selbst herstellen, es ist der Machtbereich Gottes, in den er uns einlädt. Es ist eine Einladung hereinzukommen und sich anstecken zu lassen von der Liebe Gottes, die er uns schenkt, die einfach da ist und die uns ermutigen soll, es ihm gleich zu tun.

Es ist eine Einladung, sich der Gegenwart zuzuwenden, im Hier und Jetzt zu leben: „Nun“ ist ein Schlüsselwort bei Paulus. Jetzt seid ihr Licht – egal, was ihr wart.

Das, was war, was herunterzieht, uns klein macht, was uns als unverzeihlich erscheint – an uns und anderen, ja, es mag sein, dass mancher Zustand noch auf Gerechtigkeit wartet. Und trotzdem kann das Hier und Jetzt besser werden durch die Liebe und das Licht, das wir der Gegenwart gönnen.

Licht und Liebe, die schweben nicht immer nur auf Wolke 7, Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit brauchen auch uns mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Niemand kann nur von Licht und Liebe leben, aber jeder von uns kann sich immer wieder von Licht und Liebe leiten lassen.

Es ist kein Naturgesetz, dass wir in einer Welt, die wir als hart empfinden, selbst hart werden müssen. Niemand ist gezwungen, selbstsüchtig und egoistisch zu sein. Niemand ist gezwungen, seine schlechte Laune an anderen auszulassen, andere runterzumachen, klein zu machen, den Druck weiterzugeben.

Wir leben in einer Welt, in der an vielen Stellen Profit mehr gilt als Frieden, als Gerechtigkeit und Menschenleben. Vielen ist das bewusst, auch wenn sie nicht das Gefühl haben, viel daran ändern zu können, auch wenn viele sich arrangiert haben mit den Kompromissen, die vielleicht alternativlos scheinen.

Und doch kann unsere Sehnsucht nach Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit die Welt verändern, wenn nicht mit einem Schlag, dann immerhin stückweise.

Und deshalb lohnt es sich, die Bedenken zur Seite zu schieben und uns zu üben, in dem, was uns vielleicht fremd erscheinen mag: Im „Wandeln“. Schon den Druck und das Tempo zu verringern, wäre eine Errungenschaft.

„Wandeln“ als Bewegung unserer Gegenwart, die uns ver-„wandelt“: Lichtwandeln, Liebeswandeln bringt uns schneller an das Ziel, zu dem Gott uns bestimmt hat, wie er uns „eigentlich“ will: Als Menschen, die im Frieden leben.

Amen.