Angedacht

Für Täter um Vergebung bitten?

Aus dem Gemeindebrief 01/2017

Die Passionszeit beginnt in diesem Jahr genau mit dem 1.März. Ab Aschermittwoch denken Christen weltweit in den sieben Wochen vor Ostern an das unschuldige Leiden Jesu Christi und gleichzeitig auch an all die anderen Menschen, die bis heute unter willkürlicher Gewalt und Hass leiden müssen.

In diesem Jahr sind dabei besonders auch die Opfer des Terrors im Blick. Menschen, die auf der Flucht vor dem Islamischen Staat nach Deutschland gekommen sind, aber auch die, die von Terroranschlägen wie dem auf dem Berliner Weihnachtsmarkt betroffen sind.

Das 1577 für den Altar der Kathedrale von Toledo gemalte Bild des Künstlers "El Greco" auf der Vorderseite des Gemeindebriefeszeigt, wie Jesus - umringt von schwer bewaffneten Soldaten aber auch von Schaulustigen - kurz vor seiner Kreuzigung entkleidet wird.

Wie aus einer anderen Welt wirkt Jesus in seinem königlich-karmesinroten Gewand. Den Blick zum Himmel gerichtet und die Hand auf dem Herzen scheint er gerade im Gebet versunken zu sein. Was er wohl mit seinem Vater bespricht?

Im Lukasevangelium sagt Jesus bei seiner Kreuzigung zu seinem Vater: "Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lk 23,34). Allerdings fehlt dieser Satz in verschiedenen wichtigen, alten Handschriften. Warum? Wurde ihm das nachträglich zugeschrieben? Oder erregten diese Worte Anstoß?

In der Tat sehen Jesu Peiniger auf dem Bild nicht so aus, als würden sie nicht wissen, was sie tun. Vielmehr scheinen sie es ganz bewusst und sogar mit Genuss zu tun. Anzügliche Blicke und wie Klauen ausgesteckte Hände bedrängen Jesus von allen Seiten.

"Segnet, die euch verfluchen; bitte für die, die euch beleidigen"(Lk 6,28). Dazu hatte Jesus seine Anhänger aufgerufen. Und jetzt bittet er selbst für die, die ihm Gewalt antun- und stirbt dann durch ihre Hand. Kann es Gottes Wille sein, dass Menschen, die anderen mutwillig Leid zufügen und sie sogar töten, vergeben wird? Vielfach werden Christen dafür kritisiert, wenn sie sich in ihrem Gebet nicht ausschließlich für die Opfer einsetzen, sondern auch für die Täter beten. Dies wird dann so verstanden, als würde die Schuld der Täter verharmlost und das Leid der Opfer relativiert.

Das tut Jesus aber keineswegs. Er vergibt den Tätern mit diesen Worten nicht, sondern betet für sie. In diesem Gebet schwingt die Hoffnung mit, dass auch sie erkennen, wie falsch und menschenverachtend ihre Taten waren und dass der Kreislauf des Hasses durchbrochen wird. - Eine Hoffnung wie aus einer anderen Welt? - Vielleicht.

Als Jesus schließlich gestorben ist, sagt der Hauptmann der Soldaten: "Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!"(Lk 23,47) und das Volk schlägt sich bekräftigend an die Brust und kehrt um. Ostern feiern wir Christen den Sieg des Lebens über den Tod und der Liebe über den Hass. Wenn Menschen die Hoffnung Jesu teilen, wird sie zu einer Osterhoffnung für diese Welt.

Ihre Pastorin Ute Parra