Der Architekt berichtet...

Auf Einladung von Pastorin Birgit Duskova hielt der Architekt Werner Gebauer in der St. Johanniskirche am 5. Juli 2012 einen Vortag, der hier in leicht gekürzter Version wiedergegeben ist. Herr Gebauer war maßgeblich an der Planung der St. Johanniskirche Anfang der 50er Jahre beteiligt.

 

„Ich war völlig überrascht – nach 58 Jahren noch über meine Arbeit an der St. Johanniskirche gefragt zu werden und ich danke für die Einladung, heute vor Ihnen als Architekt zu sprechen. Ich komme dem sehr gerne nach. Ich bin 1925 in Berlin geboren. Schon im Abitur habe ich meinen Berufswunsch Architekt zu werden angegeben. Gleich nach dem Krieg, den ich noch zwei Jahre als Soldat mitgemacht habe, begann mein Architekturstudium an der HFBK in Berlin. Meine Lehrer waren Gropiusschüler vom Bauhaus in Dessau, u.a. Wils Ebert, Max Taut und Hans Scharoun. Vorreiter einer Architektur, die die eklektizistische (auf Stile früherer Epochen zurückgreifend) Bauweise des 19. Jahrhunderts ablöste und zur neuen Sachlichkeit führte. Mir sagte diese neue Architektur sehr zu. Die klaren, schmucklosen Formen, Einfachheit, Sachlichkeit, Ehrlichkeit nach der Devise: Form folgt Funktion waren die neuen Maßstäbe.

Deutschland lag in Trümmern. – Es war die Zeit des Wiederauf-baus. Für die Architektur ein reiches Feld. Schon als Studenten bewunderten wir nationale und international Beispiele moderner Architektur wie das Bauhaus in Dessau, skandinavische Bauten von Arne Jacobsen und Alvar Alto und die bekannte Kirche in Ronchamps von Corbusier in Frankreich.

    Nach meinem Diplomexamen 1950 zog es mich daher nach Hamburg. Dort trat ich meine erste Stellung an der ersten Neubaustelle in Deutschland nach dem Krieg an – den Grindelhochhäusern. Auseinan-dersetzung mit kleinen, wirtschaftlichen, preiswerten Wohneinheiten, mit neuen Materialien, zeitgemäßen Baustoffen und Maschinen. Die Mitarbeit am Wiederaufbau war voll befriedigend.

   Nach eineinhalb Jahren Arbeit an den Grindelhochhäusern kam ich in das kleine Architekturbüro des Harburger Architekten Karl Trahn, der einen Entwurfsarchi-tekten suchte. Dort hatte ich das große Glück, dass mir Herr Trahn die alleinige Bearbeitung des Wettbewerbs für die St. Johanniskirche in Harburg übertrug. Dafür war ich ihm sehr dankbar, und nur über diesen Wettbewerb möchte ich heute hier sprechen.

Es ist etwas ganz besonderes eine Kirche zu planen. Es muss nicht nur ein großer Raum sein, sondern ein sakraler Raum für konzentrierte Sammlung unter dem Kreuz und unter dem Wort. Er muss das Gemeinschaftsgefühl fördern und eine gute Akustik haben.

Ich gesteh, ich hatte mich nie mit Kirchen beschäftigt (außer den Besichtigungen bei Urlaubsreisen). Ich kannte keine theoretischen Abhandlungen, keine kirchlichen Richtlinien, Ordnungen oder Konzepte – nur meine nachkreigszeitliche Ausbildung als Architekt.

Ich war 26 Jahre alt (Herr Trahn über 60). Ich war unbelastet vor dieser großen Aufgabe.

Die St. Johanniskirche war, wie so viele andere, im Krieg zerstört worden. Es war einer der aller ersten Kirchenneubauwettbewerbe nach dem Krieg in Hamburg. Ich hatte keine Vorbilder.

Meine 11 Mitbewerber waren alle erfahrenen Kirchenbauer, wie z.B. Gerhard Langmaack (mehr als 50 Kirchen!), Bernhard Hopp und Rudolf Jäger oder Werner Kallmorgen, die immer wieder von Kirchenvorständen wegen ihrer Erfahrung im Kirchbau herangezogen wurden. Die Entwürfe waren daher immer ähnlich in der Auffassung und konservativ (z. B. Kreuzaltar in der Mitte, symmetrische Betsuhlung, Mittelgang, reiche Ausschmückung).

Die Zeit war eine Chance für einen Neuanfang in Bescheidenheit. Es kam mir gar nicht in den Sinn, die Kirche im alten, gewohnten Stil wieder aufzubauen. Das einzige, wonach ich mich bei der Planung richtete, war eine Din-A4-Seite vom 7. Mai 1951- das Bauprogramm von Pastor Selge. Bei der Prominenz der Konkurrenten rechnete ich mir sowieso keine Chancen aus.

Meine Unvoreingenommenheit war hier sicher von ausschlaggebenden Vorteil. Ich hatte wenige Wochen Zeit zur Bearbeitung des Wettbewerbs. Herr Trahn ließ mir vollkommene Freiheit. (...)

Planung aus städtebaulichen Gesichtspunkten

Der Hauptbau musste auf dem Grundstück teilweise auf den Fundamenten der alten Kirche errichtet werden, möglichst weit abgerückt von der verkehrsreichen Bremer Straße, die teilweise 2,5 Meter unterhalb des Grundstücksniveau entlang führt.

Die geforderten Jugendräume ordnete ich dagegen auf Straßenebene an. Die Verbindung beider in unterschiedlichen Höhen angeordneten Baukörper stellt ein trapezförmiges Vordach her. Im Gegensatz zu den lagernden Bauteilen dient ein freistehender Turm als Vertikaldominante. Als wichtiger städtebaulicher Akzent und auch um deutlich zu machen: Hier steht eine Kirche.

Den Zugang plante ich von der Maretstraße aus auf geschwungenem Weg - wie eine Prozessionsstraße - auf den Eingang zu. Zusätzlich führt eine gerade Treppe direkt von der Bremer Straße zum Eingang hinauf.

Konstruktion und Material

Der ganze Komplex sollte schlicht, sachlich und bescheiden und keineswegs überladen wirken. Mir schwebte also eine einfache Stahlbetonkonstruktion mit leicht geneigtem Flachdach vor, die Stützen aus Sichtbeton mit gestalteten Schalungsstößen. Die dazwischen liegenden Wandflächen sollten mit hellen, gelblichen Verblendsteinen, wie sie schon bei den Grindel-Hochhäusern Verwendung fanden, gestaltet werden. Alles sollte hell und transparent sein.

Den Bogen des Fußweges nimmt im Innern des Hauptbaus eine runde Wand auf und führt die Bogenbewegung weiter durch die asymmetrisch angeordnete Bestuhlung direkt auf das Kreuz zu. Das ist die Hauptidee. Die runde Wand bildet in Verbindung mit der geraden Giebelwand eine sich dem Besucher einladende weit öffnende Eingangssituation.

Diese Idee ist heute nicht mehr erkennbar.

Betritt man durch eine Tür in der runden Wand den eigentlichen Kirchraum hat man sofort die ganze gedankliche Konzeption des Wettbewerb-entwurfes  vor Augen: Es gibt keine Symmetrie bzw. keine Achsialität. Das frei stehende acht Meter hohe Kreuz vor einer schlichten weißen Wand ist der Mittelpunkt. Altar und Kanzel sind getrennt als Gruppe rechts und links vom Kreuz komponiert. Durch ein raumhohes  großes Fenster, das etwas spitzwinklig zur Altarwand angeordnet ist, fällt das Licht der Morgensonne auf die weiße Wand und wirft darauf als einzigen Schmuck den Schatten des Kreuzes.

Die gewünschte Empore ist als Gegenbewegung zum geschwungenen Gang gedacht und soll das Gefühl der umfassenden Geborgenheit in der christlichen Gemeinschaft zum Ausdruck bringen. Die Empore ist als Kragarm aus Stahlbeton konstruiert und schwebt stützfrei im Raum. Heute leider nicht mehr. (Durch die Veränderung der Kirche 1994 ist dies nicht mehr erkennbar.*) Die stützenfrei, schwebende Ausbildung der Empore unterstützt die Leichtigkeit des Raumeindrucks.

Weiterhin wichtig für den gesamten Raumeindruck ist die Lichtführung. Während zur Straßenseite hin die Außenwand wegen des Verkehrslärms geschlossen ist – bis auf die runden Fenster zur Belichtung der Empore – ist im Gegensatz die gegenüberliegende Längswand durch einen voll verglasten Gang aufgelöst, lässt in ganzer Länge Licht einfallen und gibt die Sicht auf die benachbarte grüne Natur frei. Außer dem schon erwähnten großen Altarfenster an der Ostseite gibt es auf der Straßenseite in Höhe der Empore ein weiteres farbig gestaltetes Fenster zur Betonung des Eingangs und der darüber liegenden Orgel.

Die künstliche Beleuch-tung ist bei Kirchräumen ein Problem. Eine ausreichende Helligkeit zum Lesen, zum Beispiel der Gesangbücher, ist erforderlich. Anderer-seits dürfen Beleuch-tungskörper nicht ablenken oder stören. Die geplanten kelch-förmigen Messing-leuchten erfüllen noch heute ihre Aufgabe. (...)

Zur Akustik

Parallele Wände müssen vermieden werden und möglichst dämpfendes Material muss Verwendung finden. Der asymmetrische Grundriss und die einseitige Empore tragen zur guten Akustik bei. Eine glatte Kirchenraumdecke parallel zum harten Fliesenboden wäre nach akustischen Gesichtspunkten nicht gut. Deshalb entwickelte ich zusammen mit einem Akustiker eine Holzdecke aus gegeneinander schräg gestellten Brettern, die mit unterschiedlich großen Löchern perforiert wurden. Dahinter verbirgt sich Gaze und Isoliermaterial, dadurch wird der Schall absorbiert. Dass diese Lösung zu einem sehr guten Erfolg geführt hat, freut mich natürlich sehr.

Eine Holzdecke passt in ihrer Farbwirkung auch gut zur naturholzfarbigen Brüstungsverkleidung der Empore und zu den einfachen hölzernen Kirchenbänken. Die in Sichtbeton belassenen grauen Stützen sind ein ehrliches Zeigen der Konstruktion. Die Gesamtwirkung des Innenraums wird durch  die Proportionen, die schlichte weiße  Altarwand und die  Eigenfarben der wenigen Materialien zusammen mit der Lichtführung mit einzelnen kleinen Farbakzenten in den Glasfenstern bestimmt.

Der 40 Meter hohe und unten viereinhalb Meter breite Turm musste in der  Konzeption und im Material mit dem Hauptbau und dem Gebäude für die Jugend eine architektonische Einheit bilden. Für mich durfte er kein dicker, massiver, rot geklinkerter Turm sein, die man von vielen Kirchen gewohnt war. Der Turm wird gebildet durch zwei senkrechte Betonscheiben, die nur durch  Treppenpodeste ausgesteift sind. Die beiden im Abstand von zweieinhalb Metern stehenden Scheiben sind in der Mitte etwas nach Innen geknickt. Damit wird eine gefälligere Form erzielt, statisch eine bessere Steifigkeit erreicht und durch den unterschiedlichen Lichteinfall eine leicht differenzierte Farbwirkung des Sichtbetons. Die Schall-öffnungen für die oben im Turm untergebrachten Glocken entspre-chen in ihrer runden Form den Fenstern am Hauptbau.

Ich finde toll, dass der Kirchenvorstand St. Johannis (...) damals vor 58 Jahren den neuen Auffassungen folgen konnte und diesen Wett-bewerbsentwurf prämierte und ausführen ließ. (...)

Werner Gebauer, Hamburg 2010