Jugendkanzel


Jonas Mutter macht manchmal Witze über ihren Sohn. „Du wirst bestimmt Pastor“, heißt es dann. Aber Jona sieht das anders. Er ist 13 Jahr alte und predigt – trotz anderer Zukunftspläne – am zweiten Advent in der Dreifaltigkeitskirche Hamm. Er spricht nicht allein zur Gemeinde, sondern bildet mit Jonathan und Leonie ein Prediger-Trio.

Die Idee für die Jugendkanzel hatte Vikarin Tia Pelz. An zwei Sonntagen halten Hauptkonfirmanden und Teamer in der Dreifaltigkeitskirche Hamm die Predigt, am Volkstrauertag und zweiten Advent.

Zweifel an Gottes Anwesenheit

„Was verbindet ihr mit Predigten?“, hat die Vikarin ihre Konfirmanden vor einigen Wochen gefragt. „Lang und langweilig“, lautete die Antwort. Daraufhin bekamen die Konfirmanden die Chance, alles anders zu machen – sechs Jugendliche meldeten sich freiwillig für die Jugendkanzel. Im Konfirmandenunterricht besprechen sie seitdem Gottesdienste, die sie erlebt haben, teilen ihre Beobachtungen über die Authentizität des Predigers. Die Jugendlichen merken, wenn jemand es ernst meint auf der Kanzel und über das spricht, was ihn unbedingt angeht.

„Ich möchte meine eigene Liebe zur Predigt weitergeben“, sagt Vikarin Pelz. „Außerdem gibt es einen großen Bedarf unter den Konfirmanden, über Glaubensthemen zu sprechen.“ Der einwöchige Unterricht reiche für einige nicht aus, um in die Tiefe zu gehen. So entstand die Idee. Nicht nur die Gesichter werden für die Gottesdienstbesucher anders sein, auch die Umsetzung der Predigt ist neu: Die Jugendlichen schreiben Dialoge und Passagen für ihre Predigt und sie werden verschiedene Orte im Kirchraum für das Gespräch mit der Gemeinde nutzen.

Am zweiten Advent geht es um einen Auszug aus Jesaja 62, einen Gerichtstext. „Zuerst wollten sie über den Text gar nicht predigen. Und nach zwei Stunden fanden sie ihn ganz toll“, sagt Tia Pelz. „Es geht um Zweifel an Gott und seiner Anwesenheit“, erzählt Jona. „Ich beschäftige mich mit der Frage, wo Gott ist, wenn wir in die Kirche gehen.

“ Leonie, seine Mitpredigerin, kennt keine Glaubenszweifel. „Man spürt, dass Gott da ist. Wenn ich allein bin oder vom Sport im Dunklen nach Hause komme, fühle ich mich sicher und weiß, dass er da ist“, sagt sie. Von diesen ganz persönlichen Glaubenserfahrungen werden die Jugendlichen sprechen. „Aber wir verraten nichts, was zu privat ist. Wenn es mir unangenehm ist, würde ich es nicht sagen“, ergänzt Teamerin Annika (15).

Sie möchte die Gemeinde zum Nachdenken anregen: über Regeln. „Wir fragen uns, warum wir Regeln brauchen, wie sie entstanden sind, wer entscheidet, ob wir etwas richtig oder falsch machen“, erzählt sie. Und was verlange dann Gott? Schließlich sei es ganz schön viel, was er möchte. In ihrem Text geht es um das Weltgericht, das im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums geschildert wird. Die einen erhalten die ewige Strafe, die Gerechten das ewige Leben.

Sie bereiten sich in 15 Stunden vor

Tia Pelz war von Anfang an beeindruckt von den Jugendlichen. „Sie haben in kurzer Zeit den Text erschlossen, schnell die Hauptthemen und Probleme erkannt“, erzählt sie. Zudem gingen die Schüler sehr ernsthaft mit den Predigttexten um, sie nähmen diese beim Wort. „Sie glätten nicht, sondern nehmen den Text, wie er ist“, hat die Vikarin beobachtet. Die Jugendlichen haben ohne Hilfsmittel gearbeitet, allein in unterschiedlichen Bibel- übersetzungen hätten sie die Texte gelesen.

Etwa 15 Stunden verbringen die Engagierten vor ihrer ersten Predigt in der Deifaltigkeitskirche. Sie üben die Texte, das Stehen, feilen an ihren Gedanken. Aufgeregt werde sie kaum sein, wenn sie zum ersten Mal vor einer Gemeinde predigt, erzählt Leonie. „Ich versuche, es mir nicht anmerken zu lassen. Ich freue mich sehr darauf“, sagt sie.

Auch Annika ist nicht aufgeregt – und das Predigtschreiben fällt ihr nicht schwer. „Ich schreibe für mein Leben gern“, sagt sie, „das ist das, was ich machen möchte.“ Im Gegensatz zu ihren Mitstreitern möchte Annika durchaus Pastorin werden. Und bereitet sich nun bestens vor.

Die Jugendkanzel findet am 19. November und am 10. Dezember jeweils um 9.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche, Horner Weg 5, statt.