Passionsbesinnungen für jeden Tag

„Die alttestamentlichen Texte erzählen nicht den Weg Jesu zum Kreuz. Sie bilden aber den Deutungshorizont, in dem Menschen immer schon nach einem Sinn für diesen Weg gesucht haben. Für mich selber überraschend bilden diese Texte einen roten Faden ab, der durch die Passionszeit hindurch führen kann. Man kann dies als Anregung nehmen, sich Tag für Tag vom Aschermittwoch bis zum Karsamstag geleiten zu lassen. Jeden Tag kann man für sich zu Hause einen Gedanken im Herzen bewegen. Und sehen, wie das zu dem passt, was einem im Alltag begegnet.“

Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

 

Wir nehmen diese Idee aus dem Gemeindedienst der Nordkirche auf und laden dazu ein, die Tage von Aschermittwoch bis Ostern besonders bewusst wahrzunehmen. Für jeden Tag gibt es einen Text zum Nach-Denken, zur Stärkung, zur Vergewisserung, dass unser Leben, was immer auch geschieht, in Gott gegründet ist.

Dorothea Neddermeyer

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Freitag, 26. Februar

Bibeltext: 1. Mose 3,1-24 (Der Sündenfall)

Die Kindheit endet, wenn ein Mensch konfrontiert wird mit den Wahrheiten der Erwachsenen: mit der Härte und Entfremdung der Arbeit, mit Macht und Begehren in der Sexualität, mit dem Sterben-Müssen und dem Tod. Kinder sollen eine Zeit im „Garten“ haben, bis sie groß genug sind, diesen harten existentiellen Wahrheiten standhalten zu können. Und doch drängt es alle irgendwann hinaus – in ein eigenes, erwachsenes Leben. Die Religion der Erwachsenen handelt davon, wie wir auch „jenseits von Eden“ nicht verlassen sind. Wie wir einen Weg finden nach vorn.

© Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

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Archiv

  • Bibeltext: 2. Mose 32,1-20 (Das goldene Kalb)

    Das goldene Kalb – eigentlich ein Stierbild, Sinnbild für Stärke und Macht. Da die Israelitinnen nur wenige Ohrringe hatten, reichte es nur für einen kleinen Stier: ein „Kalb“. Das Gottesbild - eine Projektion der eigenen Wünsche: ein machtloses Völkchen von geflüchteten Sklaven will ein sichtbares Bild von Kraft haben, um sich daran zu stärken und zu orientieren. Die Kraft des Stieres soll sie selber mächtig machen.

    Das goldene Stierbild – ein Machtsymbol: es geht um Fruchtbarkeit und Kraft – und auch um Herrschaft. Die altorientalischen Reiche legitimieren ihre Herrschaftsansprüche mit solchen Götterbildern. „Götzen“ sagt die Bibel dazu – es sind Symbole von versklavenden, gewaltaffinen Gesellschaften.

    Mose zerstört das selbstgefertigte Stierbild. Er pulverisiert das goldene Kalb, und das müssen dann alle mit Wasser zu sich nehmen. Das ist mehr als nur ein Bildersturz – es zeigt einen neuen Weg auf. Und der entspricht dem Weg des bildlosen, befreienden Gottes, der aus dem Sklavenhaus Ägypten heraus geführt hat. Ägypten ist das Land der Götterbilder – und dessen Macht ist zunichte gemacht worden, als die Sklaven einfach durch das Meer hindurch zogen. Dies gilt es zu verinnerlichen: als einen Weg der verwandelten Ohnmacht. Damit man aufhört, immer wieder neue Sklavenhäuser zu bauen.

    Ein Aschekreuz an Aschermittwoch, dazu die Worte: „Vom Staub der Erde bist Du genommen, zu Staub wirst Du wieder werden.“ Aber so, als ein irdenes, zerbrechliches Gefäß, hat Gott Dich heraus gerufen zu seinem Licht. „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.“ (2. Korinther 4,7).

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

  • Bibeltext: 2. Mose 32,1-20 (Das goldene Kalb)

     „Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge…“ (2. Mose 32,9.f) 

    Hier ist die Möglichkeit einer zweiten Sintflut angekündigt: Alle diese Menschen am Fuß des Berges mit ihren goldenen Kälbern und Götzenbildern, mit ihrem Machtgetöse und ihrer zerstörerischen Energie, die würden dann verschwinden. Der Zorn Gottes würde sie der Logik ihrer eigenen Destruktivität überlassen. Sie würden es schaffen, sich selbst abzuschaffen, weil niemand sie mehr vor sich selbst retten würde.

    Und zugleich besteht das Angebot: Es wird eine neue rettende Arche geben. Gott verspricht, aus Mose ein neues Geschlecht der wahrhaft Frommen und Rechtschaffenen zu machen: „Dafür will ich dich zum großen Volk machen.“ (2. Mose 32,10b), sagt Gott zu Mose. Mose, der all dies gesehen hat, der die Gebote anvertraut bekommt, der soll ein Volk der Reinen und Guten begründen. Ist das mal ein verlockendes Angebot? Durch die Geschichte der Religionen, durch das gesamte Christentum hindurch zieht sich die Spur dieser Alternative: Lass die Welt doch zum Teufel gehen – die Frommen sondern sich ab und werden gerettet… Der Heilige Rest, die Abgesonderten, die letzten Getreuen werden das Erbe antreten, wenn die Verdammten vom Erdboden vertilgt sind…

    Und Mose, der denkwürdigerweise diese einmalige Chance verwirft: „Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?“ (Ex. 32,11) Mose, der sich mit Leidenschaft und Klugheit auf die Seite der Menschen stellt, die nicht wegen irgendwelcher Verdienste, sondern um Gottes willen gerettet werden sollen. Mose handelt mit Gott, er versucht, ihn bei seiner Ehre, bei seinem guten Namen zu packen. „Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden?“ (2. Mose 32,12a) Sollen etwa die Ägypter triumphieren und sagen, sie hätten es ja gleich gewusst: Die Hebräer wären besser als Sklaven bei ihnen geblieben als sich so einem wankelmütigen und gewalttätigen Wüstengott anzuvertrauen… 

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche 

  • Bibeltext: 2. Mose 32,1-20 (Das goldene Kalb)

    „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.“ (2. Mose 32,12b). Mose betet so und erreicht das Herz Gottes – „Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.“ (2. Mose 32,14). Es ist ein leidenschaftlicher Gott, der bereut und seine Wildheit in sich selbst zähmt - keiner, der statisch sich gleich bleibt. Und in dieser Umkehr in Gott entsteht etwas gänzlich Neues - obwohl die Geschichte verläuft, wie sie eben verläuft mit all ihren goldenen Stierbildern und Machtidolen, mit Unterdrückungs- und Ausbeutungssystemen – obwohl kein himmlisches Strafgericht mehr dazwischen fährt und alles vertilgt, obwohl keine Reinen und Heiligen sich retten können – trotzdem ist etwas anders. Von da an ist der wilde Schmerz Gottes in der Welt präsent. Von da an leidet Gott in seiner Liebe an dieser Welt, die er nicht mehr vernichtet, um eine bessere zu schaffen, die er ertragen und erleiden muss, um der Gebete willen, die ihn an seine Liebe erinnern. Von da an überwindet sich Gott selbst und kehrt sich immer wieder um und um.

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

  • Bibeltext: 2. Mose 32,1-20 (Das goldene Kalb)

    Die Bibel erzählt so, wie Gott selber den Weg der Machtlosigkeit wählt – weg von den Zornes- und Vernichtungsphantasien. Am Zustand der Welt ist darum Gottes Wirken nicht mehr direkt abzulesen – im Gegenteil: Die Bildlosigkeit, der Gewaltverzicht und der Schmerz der Liebe bringen ihn immer mehr in eine Verborgenheit, in der ihn nur noch das Gebet erreicht. Das machtlose Gebet hat teil am Schmerz der Liebe Gottes. Unsere Ohnmacht bergen wir dabei in dem liebenden Willen Gottes, der seinerseits verzichtet auf alle direkten Erweise strafender Macht. Unsere Angst legen wir Gott in die Hände. Unseren hilflosen Zorn stellen wir seiner Geduld anheim. Unsere Verletzungen geben wir ihm. Unsere Trauer. Unsere Liebe. All das, womit wir an sein Herz rühren können, geben wir hin. Das ist unsere Chance: dass im Beten alles gehalten und verwandelt wird, wenn wir sagen: „Dein Wille geschehe.“ 

    Wenn Jesus sagt: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Matthäus 5,44), dann steht er in der Tradition des Mose, der für sein Volk bittet, das das goldene Kalb umtanzt (2. Mose 32,7-14): Man kann nicht viel tun gegen die Macht-Bilder. Man soll nicht mitmachen beim Kult der Feind-Bilder. Man kann aber beten. Und dies Beten transformiert die Gewaltverhältnisse. Weil in Gott selbst dieser Verwandlungsprozess durch den Schmerz hindurch geschieht. Wir nennen es schließlich: die Macht der Auferstehung in Gott selbst. Die Heilung und Versöhnung der Welt im Prozess des Geistes. Bis Gott alles in allem sein wird.

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

  • Bibeltext: 1. Mose 3,1-24 (Der Sündenfall)

     

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  • Bibeltext: 1. Mose 3,1-24 (Der Sündenfall)

    Der Garten des Anfangs war ein Heiligtum: mit dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in der Mitte. Beide unantastbar, tabu: das ist die ursprüngliche Form des Heiligen in der Religion. Des Heiligen soll sich niemand bemächtigen. Es ist gefährlich, es zerstört den, der danach greift. Und es gibt denen ein gutes, heilvolles Leben, die sich in dieser Ordnung geborgen wissen. Denn das Heilige ist: Gott selbst in unserer Mitte.

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

  • Bibeltext: 1. Mose 3,1-24 (Der Sündenfall)

    Die Bibel benennt keine Ursache dafür, dass die ursprüngliche heilige Ordnung verloren gegangen ist. Sie erzählt eine Geschichte, eine mythische Geschichte von den Grundbedingungen der Existenz. Und das ist die Geschichte einer Verführung zum eigenständigen Denken. Das beginnt mit dem Zweifel: Ist die Welt so, wie sie auf der Oberfläche erscheint, oder ist da Täuschung im Spiel? „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Da beginnt das Misstrauen – und die Idee einer empirischen Überprüfung. Und die träumende Unschuld geht verloren.

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

  • Bibeltext: 1. Mose 3,1-24 (Der Sündenfall)

    Da werden die Augen aufgetan – und die Menschen entdecken das Bewusstsein ihrer selbst – und damit auch die Scham: Schämen kann man sich erst, wenn man sich vorstellen kann, wie man in den Augen eines Anderen aussieht. Und dass dieser Andere einen erkennt auch in der Erbärmlichkeit. Dann muss man sich verstecken und verstellen. Scham ist der Preis für die Entdeckung der Eigenständigkeit – und sie kann nur geheilt werden durch einen liebenden Blick. Ein Blick, der die Eigenständigkeit nicht aufhebt, wohl aber die Notwendigkeit, sich zu verbergen.

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche

  • Bibeltext: 1. Mose 3,1-24 (Der Sündenfall)

    „Wo bist du?“ – Gott sucht den Menschen in der Kühle des Abends. Wie kann man sich vor Gott verstecken? Menschen suchen vielerlei unmögliche Verstecke: die Rechtschaffenheit und das Verbrechen, die Wohlanständigkeit und die Verzweiflung, die Selbstkontrolle wie der Selbstverlust – alles kann ein Versuch sein, vor der Wahrheit zu fliehen, die vor Gott aufgedeckt ist. Gott hört nicht auf zu suchen, die ganze Bibel hindurch erklingt die Frage: „Mensch, wo bist Du?“ Die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt den immer wieder erneuerten Versuch Gottes, die Menschen zu finden, sie zur Wahrheit zu bringen und damit zum Frieden. Nur, dass die meisten Menschen vermuten, dass das nicht zusammen geht: Wahrheit und Frieden.

    © Andreas Wandtke-Grohmann, Gemeindedienst der Nordkirche