"Die im Dunkeln sieht man nicht" "Die im Dunkeln sieht man nicht"

Wartende Menschen vor Suppenküchen, die Lebensmittelausgaben in so genannten ,Tafeln', neue Formen der Tagelöhnerarbeit, Menschen, die schon in der dritten Generation nicht auf einen ,grünen Zweig' kommen, all dies schien noch vor ein paar Jahren der Vergangenheit anzugehören. Die Zahl der Menschen, die auf Hilfsprojekte angewiesen sind, wächst. Das macht sichtbar, so Professor Hans-Jürgen Benedict, dass bei uns etwas nicht stimmt. 

Benedict, Pastor und langjähriger Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg, wies in seinem Eröffnungsvortrag für die Ausstellung ,Die im Dunkeln sieht man nicht' auf die Schattenseiten der Gesellschaft hin. So gibt es immer mehr Menschen, die kaum über die Runden kommen. Sie können sich die Praxisgebühr nicht leisten und wissen nicht, wie sie am Ende des Monats das Nötige zum Essen kaufen sollen. Für viele Familien ist die gleich berechtigte Teilnahme an Bildungschancen nicht erschwinglich. Damit zeichnet sich heute schon ab, dass die Aussicht dieser Kinder, eines Tages in größerem Maß an den gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben zu können, eher bescheiden aussieht. 

Wird es wieder wie vor zweihundert Jahren dunkel um sie werden? Trotz der Fürsorgeeinrichtungen der damaligen Zeit blieb Armut für viele Generationen ein Schicksal, aus dem kaum zu entkommen war. Aufbruch und eine wirkliche Veränderung ihres Lebens war erst möglich, als ihnen – wie in Einrichtungen des Rauhen Hauses – zum ersten Mal Bildungschancen eröffnet wurden. Passend zur Ausstellungseröffnung stand bei dem Vortrag die Frage im Raum, ob das Engagement der vielen, die der neuen alten Armut heute mit ihren Hilfsprojekten begegnen, nicht (auch) nur Flickschusterei ist. 

 

An die Stelle des Rechtsanspruchs und des staatlichen Handelns, so Benedict, würde die private Initiative gesetzt. Dabei sei es Aufgabe des Staates, den Ausgleich zu gestalten. Letztlich führe der Ruf nach dem Abbau von staatlichen Hilfen dazu, dass die alte Vorstellung, ein Mensch sei auch das, was er verdient, wieder zum Tragen kommt. Aber mit 345 Euro im Monat sei kein sozialer Aufstieg zu organisieren. 

Anschließend regt sich bei manchen der anwesenden Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern Widerspruch. Die heutige Praxis sei komplexer, besser und die Projekte gut eingebunden. Ein Ansatzpunkt für die gemeinsame Diskussion.

Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie es in der Region damals darum bestellt war. Zwei Jahre lang hat eine Gruppe von Historikern aus Elmshorn, Tornesch und Norderstedt die Daten und Stücke zusammengetragen. Die Ausstellung kann bis zum 10. Oktober jeweils von 17 – 18 Uhr auf dem Schäferhof besichtigt werden (nach Vereinbarung auch zu anderen Zeiten)

Maren von der Heyde, Diakoniepastorin im Kirchenkreis Pinneberg