Minsk zu Gast in der Hansestadt Die Reise zum letzten Blick auf Hamburg

Sima Margolina aus Minsk, 85, überlebte als einzige ihrer jüdischen Familie die deutsche Besatzungsherrschaft in Belarus (Weißrussland). Ihre Eltern, Großeltern, Schwestern und Tanten wurden ermordet – wie zehntausende Kriegsgefangene und andere Zivilisten auch. Vom 28. Januar bis 31. Januar 2014 hat Sima Margolina auf Einladung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) Dortmund vor Schulklassen und Erwachsenen in Hamburg erzählt, wie sie den Überfall auf ihr Heimatdorf Usda erlebte, welche Erfahrungen sie im Ghetto Minsk machte und was sie über das Vernichtungslager Trostenez wusste.

 

Das letzte, was sie sahen

 

Am Freitag besuchte sie den Ort des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs, von wo aus die Deportationen in den Osten starteten, unter anderem am 8. und 18. November 1941 nach Minsk. „Dies ist der letzte Ort, den die Deportierten sahen, als sie Hamburg verließen“, sagte die Historikerin Dr. Linde Apel. Sie zeigte der belarussischen Dame und ihrer Übersetzerin Svetlana Margolina eine kleine Ausstellung im Container auf dem Lohseplatz. Diese Ausstellung ist Teil einer großen Ausstellung („In den Tod geschickt – die Deportation von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945“), die 2009 im Kunsthaus zu sehen war. Beide wurden von Linde Apel konzipiert und geleitet.

 

Sima Margolina war sichtlich bewegt darüber, wie in Hamburg der Deportierten gedacht wird. „So etwas haben wir nicht. Wir hoffen aber, dass bei uns jetzt nach 70 Jahren eine Gedenkstätte errichtet wird“. Sie meint damit den Plan, eine Gedenkstätte in Trostenez zu bauen. Trostenez ist der größte Vernichtungsort in Belarus während der deutschen Besatzungszeit von 1941 bis 1944. Zwischen 50.000 und 206.500 Menschen wurden dort getötet, verscharrt, später exhumiert und verbrannt. Bisher erinnern an den Vernichtungsort vor den Toren Minks lediglich ein kleiner Gedenkstein und Zettel mit den Namen Ermordeter an den Bäumen ringsum. Der Plan, dort eine Gedenkstätte zu errichten, wird unter anderem von den Städten unterstützt, aus denen Juden ins Minsker Ghetto deportiert wurden, von Bundespräsident Joachim Gauck und auch von den Hamburger Kirchenkreisen.

 

Erinnerung an Hamburger Juden

 

Nach der Besichtigung der Reste des Hannoverschen Bahnhofs in der HafenCity zogen Sima Margolina und ihre Übersetzerin Svetlana Margolina mit Hermann Völker und einer kleinen Gruppe Interessierter durchs Karolinen- und Schanzenviertel. Hermann Völker zeigte der Gruppe Stolpersteine, Fotos und Dokumente, die an seine Verwandten erinnern, die nach Minsk deportiert und dort ermordet wurden. Seine Großmutter, die bis zur Deportation im dritten Stock eines Hauses Ecke Bartels- und Susannenstraße wohnte, überlebte Theresienstadt und konnte nach Hamburg zurückkehren.

 

Beitrag für Verständigung und Versöhnung

 

Sima Margolina ist eine von fünf Zeitzeugen aus dem EU-Nachbarland Belarus, die zum Internationalen Holocaust-Gedenktag (27. Januar) nach Berlin reisten und an den darauf folgenden Tagen bis zum 1. Februar 2014 sechs Städte in Deutschland besuchten. Die Reihe von Zeitzeugengespräche organisierte das IBB Dortmund in Kooperation mit Partnern in Hamburg. „Wir möchten mit diesen Zeitzeugengesprächen einen Beitrag zur Verständigung und Versöhnung leisten“, schildert Peter Junge-Wentrup, Geschäftsführer des IBB Dortmund das Ziel.

 

In Hamburg berichtete Sima Margolina in einem öffentlichen Zeitzeugengespräch im Studienzentrum Neuengamme und im Lise-Meitner-Gymnasium in Groß-Flottbeck. Die Zeitzeugengespräche werden gefördert durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“.

 

Monika Rulfs