Verschwörungsideologien Einfache Erklärungen und absolute Antworten


Dass Menschen in Zeiten großer Verunsicherung Orientierung und Halt suchen, ist verständlich. Einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge bieten da oft Verschwörungsideologien. Unsere Autorin Deliah Cavalli-Ritterhoff sprach mit Jörg Pegelow von der Arbeitsstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Nordkirche über die Gefahren solcher „Theorien“ und wie man Verschwörungsgläubigen am besten begegnet.

Die Corona-Pandemie verschafft sogenannten „Verschwörungstheorien“ einen enormen Schub. Warum?
Pegelow: Viele Menschen sind in der gegenwärtigen Situation sehr verunsichert. Sie suchen nach Möglichkeiten, das alles einzuordnen. Gleichzeitig gibt es seit Jahr und Tag verschwörungsideologische Vorstellungen, die nun durch die sozialen Medien deutlich mehr an Fahrt aufgenommen haben. Diese bieten vermeintliche Erklärungen, die jedoch faktisch nicht belegbar sind. Deshalb sprechen wir auch bewusst nicht von Verschwörungstheorien, sondern von Verschwörungsideologien oder -mythen.

Wie entstehen denn Verschwörungsideologien? Und wer steckt dahinter?
Pegelow: In aller Regel entstehen sie in unübersichtlichen Krisensituationen und multi-komplexen Gesellschaften. Es sind immer wieder ähnliche Versatzstücke, die dabei auftauchen – egal ob bei 9/11 oder der aktuellen Corona-Pandemie. Das Angebot von Verschwörungsideologien ist, eine einfache Antwort auf eine komplexe Situation zu geben. Dahinter steckt ein buntes Spektrum an Bewegungen und einzelner Akteure. Neben durch persönliche Not verzweifelten Menschen gibt es auch immer diejenigen, die aus der Situation politisch Kapital zu schlagen versuchen. Und das sind vor allem Rechtsextremisten, die auf alles aufsatteln, was sich gegen das herrschende System wendet. Aber auch medizinische und wissenschaftliche Außenseiter streben danach, ihre Vorstellungen in der Bevölkerung unterzubringen. Von Linksaußen bis Rechtsaußen nutzen Gruppen den Anti-Corona-Kampf, um für ihre eigene Positionen zu werben.

Und was ist das Gefährliche daran?
Pegelow: Oft brechen die sozialen und familiären Kontakte von verschwörungsideologischen Anhängern zusammen. Denn es ist fast nicht mehr möglich, mit Verschwörungsgläubigen vernünftig ins Gespräch zu kommen und zu diskutieren. Auf gesellschaftlicher Ebene besteht die Gefahr darin, dass diese verschwörungsideologischen Vorstellungen weiter in Bevölkerungskreise einsickern, die davor noch nichts damit zu tun gehabt hatten. Dabei geht ein latenter Antisemitismus mit fast allen Verschwörungsideologien einher. Es heißt dann, dass „Eliten“ – damit sind meist Juden gemeint – die Gesellschaft steuern wollen. Und schließlich ist unsere Demokratie gefährdet, wenn sich immer mehr Menschen vom politischen und gesellschaftlichen Gemeinwesen innerlich verabschieden.

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Manche Verschwörungsideologen sind überzeugt, dass eine geheime "Elite" die Corona-Pandemie steuert.

Gibt es Menschen, die für Verschwörungsideologien besonders leicht empfänglich sind?
Pegelow: Im Prinzip kann es jeden treffen. Es gibt keine Gesellschafts- oder Berufsgruppe, die dafür grundsätzlich nicht empfänglich wäre. Und es hat auch nichts mit Bildung zu tun!

Und wie können wir verschwörungsgläubigen Menschen in unserem Umfeld am besten begegnen?
Pegelow: Das Gespräch mit Menschen, die eine absolute Überzeugung haben, ist nicht einfach. Trotz aller Herausforderungen und Anstrengungen ist es gut, den Dialog mit ihnen aufrecht zu erhalten. Wir können sie beispielsweise fragen „Warum ist es für dich wichtig zu glauben, diese Pandemie wäre gesteuert?“, aber natürlich auch „Woher hast du das?“ und „Wie kannst du das begründen?“. Darüber hinaus gibt es natürlich Beratungsstellen gegen Rechts oder Weltanschauungsbeauftragte wie mich, die auch mit solchen Themenstellungen immer wieder zu tun haben.

Verschwinden denn Verschwörungsideologien wieder, wenn sich das gesellschaftliche Leben weitestgehend normalisiert hat?
Pegelow: Sie verlieren dann ihre Öffentlichkeitswirkung und auch die massive Resonanz in einem Teil der Bevölkerung. Allerdings lehrt uns die Geschichte, dass diese verschwörungsideologischen Versatzstücke einfach wieder in neuem Gewand auftauchen.


Die Diakonie-Hamburg lädt Interessierte und die Fachöffentlichkeit zur Online-Veranstaltung „Verschwörungsgläubige zwischen Weltanschauung und extremer Rechte“ am 3. September von 16-17.30 Uhr ein.