Seelsorge in Corona-Zeiten Geh-Spräche

Diakonin und Sozialpädagogin Ilse Hans bietet "Geh-Spräche" in Sasel und Umgebung an

Viele Menschen leiden unter dem Dauerausnahmezustand in der Corona-Krise. Deshalb sind seelsorgerliche Gespräche in unsicheren Zeiten besonders wichtig, auch wenn sie so explizit selten gewünscht werden. Eine Pastorin und eine Diakonin berichten, wie sie ihren Gemeindemitgliedern Trost und Zuversicht vermitteln.

Seit Oktober letzten Jahres bietet Ilse-Heidrun Hans, Diakonin und Sozialpädagogin an der Kirchengemeinde Sasel, „Geh-Spräche“ an – persönliche Gespräche beim Spazierengehen. „Meine eigene Erfahrung ist: Das Rausgehen in die Natur hilft mir selber total“, sagt Hans. „Dort fühle ich mich Gott sehr verbunden – ich gehe hin mit meinem Ballast und komme oft erleichtert wieder zurück.“ Rund eine Stunde nimmt sich die Diakonin für die Menschen Zeit und hat ein offenes Ohr für sie. Zum Abschied verschenkt sie immer eine kleine Karte mit einem Segensspruch.

Den meisten Personen fällt es nicht leicht zuzugeben, dass es ihnen nicht gut geht. Hans erinnert sich an einen Witwer, der sich bei ihr kurz vor Weihnachten mit dem Wunsch nach einem „Geh-Spräch“ meldete. Sie ist froh, dass sie den Termin damals trotz Regenwetter wahrgenommen hatte und ihm in seiner Trauer beistehen konnte. Die beiden halten inzwischen telefonisch Kontakt und Hans freut sich schon darauf, ihn – sobald es wieder möglich ist – in das Männerkochprojekt der Kirchengemeinde einzuladen.

Gespräche an der Haustüre

Meist macht die Diakonin jedoch den ersten Schritt und fragt Gemeindemitglieder, ob sie Lust auf ein „Geh-Spräch“ haben. Eine Absage hat sie bisher noch nie erhalten. Sie fährt oft zu den Menschen hin und geht mit ihnen dann in ihrem Kiez spazieren oder sie bleibt einfach für einen netten Plausch vor dem Haus stehen. „Ich hole sie da ab, wo sie sind“, sagt Hans – und das meint sie nicht nur im wörtlichen Sinne.

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Ein persönlicher Geburtstagsgruß macht immer Freude

Auch Pastorin Ute Andresen an der Kirchengemeinde Niendorf erlebt das so. „In dieser Zeit tragen wir alle Geburtstagsbriefe selber aus“, berichtet sie. „Da ergeben sich immer wieder gute Gespräche mit Gemeindemitgliedern an der Haustür.“ Oft geht es einfach darum, sich bei ihnen nach ihrem Befinden in der aktuellen Situation zu erkundigen. Und es bietet eine Gelegenheit, praktische Unterstützung z.B. für die Buchung eines Impftermins anzubieten. „Seelsorge bedeutet für mich in erster Linie zu signalisieren: Wir sind für dich, wir sind für sie da!“, sagt Andresen.

Ängste und Einsamkeit haben zugenommen

Die ständige Angst davor sich durch den Kontakt mit anderen anzustecken, hat etwas mit der Gesellschaft gemacht. „Ich erlebe eine große Verunsicherung, auch hier im Stadtteil“, sagt Andresen. Besonders die anhaltenden Kontaktbeschränkungen machen den Menschen zu schaffen. „Sie sind hungrig nach Begegnungen.“ Seit einigen Wochen feiert die Kirchengemeinde Niendorf ihre Gottesdienste auf Zoom. „Da schaut man sich wenigstens an und kann miteinander etwas machen.“ So stellten sie beispielsweise mit einem Schal oder einer Schnur online eine „Segensverbindung“ zwischen den Teilnehmenden her.

Pastorin Andresen und Diakonin Hans sehen beide mit Sorge, dass viele Menschen im Corona-Jahr noch einsamer geworden sind. Eine wichtige Aufgabe von Kirchengemeinden in diesen besonderen Zeiten sei deshalb, Personen miteinander in Kontakt zu bringen. Kirche könne als „Vermittlerin“ einen wertvollen Anstoß geben. Über Briefkontakte, Telefon-Patenschaften oder Hausbesuche entstehen neue, teilweise generationenübergreifende Beziehungen. Denn auch darin sind sie sich einig: Seelsorge geschieht überall da, wo man sich umeinander kümmert, den anderen wertschätzt und annimmt.