Sommerreihe Saftiger Klang im Alten Land


Die Reise zu den Rändern führt dieses Mal auf die andere Elbseite nach Neuenfelde: zur berühmten Arp Schnitger-Orgel, die am Juni nach zweijähriger Restaurierung festlich eingeweiht wurde. Doch die hat erstmal ein Problem

Die Buslinie 150 bringt mich vom Bahnhof Altona fast genau vor die Haustür. Von der Haltestelle „Neuenfelder Kirche“ sind es nur noch wenige Minuten zu Fuß. Die Tür zur Kirche steht offen. Ich bin mit Organist Hilger Kespohl auf der Orgelempore verabredet.

- Copyright: Sabine Henning

Doch erst einmal verweile ich gebannt unter dem gewaltigen Tonnengewölbe. Das überspannt mit 14 Metern das Kirchenschiff in seiner gesamten Breite – schon damals eine beachtliche handwerkliche Leistung. Vor mir die hochbarocke Kanzel-Altarwand, die der Hamburger Schnitzer Christian Precht (1635-1694/95) geschaffen hat, reich verziert mit gedrechselten Säulen, Figuren und Bildern.

Trotz ihrer Imposanz hat die Kirche etwas Heimeliges. Vielleicht liegt das am Wolkenhimmel, der auf das Gewölbe gemalt ist und über den Engel fliegen. Vor rund 330 Jahren haben die Menschen in der „Dritten Meile“ des Alten Landes groß gedacht, allen voran Propst Johann Hinrich von Finckh, der den Neubau von Kirche vorantrieb und den Orgelbauer Arp Schnitger (1648-1619) engagierte. Der wiederum fand während der Arbeiten in Neuenfelde seine große Liebe und hauchte hier seinen letzten Atem.

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Viele Pfeifen sind noch original

Auf der Orgelempore im zweiten Stock erwartet mich Hilger Kespohl (52). Er ist seit 2007 der Organist an St. Pankratius Neuenfelde und lehrt an der Musikhochschule in Bremen. Er hat die Restaurierung der Arp Schnitger-Orgel Neuenfelde geleitet.

Für rund eine Million Euro wurde das Instrument in den vergangenen zwei Jahren erneuert und wieder instand gesetzt. Fast die Hälfte der Pfeifen sind noch im Original erhalten, auch die Bälge für die Luftzufuhr aus weißem Leder und Eichenholz.

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"Da ist nicht genügend Druck drauf"

Kespohl lehnt an dem Holzgerüst, in dem sie befestigt sind. Auch der Boden der Empore musste erneuert werden, weil die tragenden Balken vom Schwamm befallen waren.

Er schaut zerknirscht. Bereits im Urlaub hatte er von seinem Vertreter den Anruf bekommen, dass es ein Problem mit der Orgel gebe. Er schaltet das Instrument an, zieht eins der 34 Register. Ich höre Luft rauschen und wenig Ton. „Da ist nicht genügend Druck drauf“, sagt Kesspohl.

Manchmal falle Putz in die Mechanik, manchmal klemme einfach etwas. Oder – so hat er es in anderen Kirchen erlebt – ein Fledermaus hat sich in einer Pfeife verirrt.

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Und so drückt Kespohl seine Begeisterung erst einmal in Worten aus. Schwärmt von den vielen Klangfarben der Orgel, sogar eine Vogelstimmenpfeife ist dabei. Weil das Instrument mit der Kirche zusammen gebaut wurde, sei der Klang auf allen Plätzen „einmalig“: „Es ist die perfekte Akustik für diese Art von Orgel“.

Eine Ehre für den Meister

Kespohl will jetzt nach der Ursache für das Problem forschen. Wer weiß, vielleicht ist es ja schnell behoben. Ich gehe wieder nach unten und treibe mich noch etwas im Kirchenschiff herum, bevor ich mit Pastorin Miriam Polnau verabredet bin.

In einem Gang links vom Mittelschiff ist eine Gedenkplatte für den berühmten Orgelbauer eingelassen. Begraben ist er unter Bankreihen in der Kirche. Eine Ehre, die normalerweise nur Amtsherren zustand.

Wie sehr er geschätzt wurde, zeigen auch die vier Stühle rechts neben dem Kanzelaltar, die für ihn und seine Familie reserviert waren.

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Was für Facebook

Ich bleibe noch ein bisschen vor dem Altar stehen und sinniere über das Einhorn, das in seinen Behang gewebt ist – dieses Fabelwesen auf facebook anzutreffen ist mir vertraut, aber in einer Kirche?

Inzwischen ist auch Pastorin Miriam Polnau eingetroffen. Sie erklärt mir, dass das Einhorn in der Barockzeit auch als Symbol für Christus stand: "Das Einhorn galt der Legende nach als das stärkste Tier, dass sich nur im Schoß einer Jungfrau fassen lässt – und nicht von Jägern gefangen werden kann."

Polnau ist seit 2011 Pastorin in Neuenfelde und wohnt direkt an der Kirche. Die ist ein beliebtes Ausflugsziel: „Während der Apfelblüte im Frühjahr kommt hier Reisebus nach Reisebus“, sagt sie. Aber auch die Menschen, die hier leben, engagierten sich für die Kirche und die Orgel. Sie übernahmen etwa Pfeifenpatenschaften und trugen unter anderem so dazu bei, dass sie restauriert werden konnte.

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Ein Tusch, sie klingt!

Es sei eine dörfliche Gemeinde, sagt Polnau. Obstbauern wohnten hier, aber auch Beschäftigte des nahegelegenen Airbus Werkes. Die Tatsache, dass die Stadt 2002 67 Häuser für eine geplante Landebahnverlängerung aufkaufte, sorgt bis heute für Unmut – denn etwa die Hälfte steht immer noch leer. Inzwischen gehören sie der SAGA und es gibt einen Sanierungsplan. Pastorin Polnau wirkt an einem „Runden Tisch“ an einer Lösung mit.

Und dann hat die Orgel doch noch ihre großen Auftritt. Kespohl spielt einen Tusch, zieht alle Register, lässt das Instrument jubeln. Ich setze mich in eine der Kirchenbänke, schaue auf das Einhorn unter dem Kreuz und fühle mich der Zeit entrückt. Eine Klappe im Luftkanal hat geklemmt, erklärt mir Kespohl später. Davor ist auch eine frisch geliftete Orgel nicht gefeit.

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So kommen Sie hin und herum

Die St. Pankratius Kirche in Neuenfelde ist täglich geöffnet. Zur Orgelmusik lädt die Gemeinde seit über 50 Jahren jeden ersten Sonntag im Monat für 16.30 Uhr ein. Der Eintritt ist frei.

Anreise: Per Bus 150 oder per Fähre nach Finkenwerder und von dort mit dem Rad weiter. Wer möchte radelt weiter zum Estesperrwerk nach Cranz – dort endet auch die Buslinie.

Tipps zum Einkehren von Pastorin Polnau: Köstlichen selbstgebackenen Kuchen gibt’s im Café Puurtenquast – geöffnet freitags bis sonntags. Das Gartenrestaurant Bundt’s nahe der Kirche bietet auch unter der Woche Mittagstisch.

Und so klingt die Orgel