Rolf-Dieter Seemann, St. Petri in Hamburg Seemanns Trauerfeier

Die Email kommt unerwartet: „Hallo Rolf-Dieter Seemann. Du bist wohl der Pastorenfreund von früher, von dem Klaus* (*alle Namen der Familie und Freunde geändert) erzählt hat. Klaus stirbt gerade, und ich würde gerne um deine Hilfe bitten. Ruf mich doch bitte an. Unbekannte Grüße, Julia.“ Er ist schockiert. Klaus ist ein alter Schulfreund.

 

Wiedersehen beim Klassentreffen

Viele Jahre lang hatten sie keinen Kontakt. Dann haben sie sich wieder gesehen, bei einem Klassentreffen, das jetzt ein dreiviertel Jahr zurückliegt. Klaus war in Bayern Computerfachmann geworden, er in Hamburg Pastor. An dem Abend hat er auch über seine therapeutische Arbeit in der Seelsorge gespochen. Seine Frau würde ebenfalls therapeutisch arbeiten, hatte Klaus erzählt, er sollte mal bei Google nach ihr suchen.

 

In der Email steht eine Telefonnummer. Er ruft sofort an. Am anderen Ende der Leitung eine ziemlich klare und bestimmt auftretende Ehefrau. Klaus liegt seit einer Woche in einem Ingolstädter Hospiz, sagt sie. Er wird bald sterben. Klaus hat Krebs, das würde er, der alte Freund, doch sicher wissen, Endstadium. Er hat nichts davon gewusst, Klaus hatte nichts davon erzählt.

 

Die Kinder wollen ein Grab

Ob er, der Pastor, die Trauerfeier machen würde, fragt Julia. Sie selbst würde eigentlich gerne darauf verzichten. In der Kirche sind sie schon lange nicht mehr, sagt sie. Aber die Kinder wollten unbedingt ein Grab, einen Ort für ihre Erinnerung. Sven, der 22jährige Sohn, bestehe auf einer Feier mit einem Pastor. Paula, die Zwölfjährige, sei Buddhistin. Ihr sei das völlig egal. – Natürlich ist er bereit, die Trauerfeier zu übernehmen.

 

Nach dem Telefonat ist er durcheinander. Klaus ist noch am Leben. Er würde ihn gerne noch einmal sehen. Aber er soll schon über seine Beerdigung nachdenken. Er erinnert sich. Beim Klassentreffen hatte Klaus ausgesehen wie das blühende Leben. Er guckt im Internet nach, findet Julia und ihre Praxis für Psychotherapie: Traumarbeit, Systemische Therapie, Tarot-Beratung, Supervisison, Schamanische Prozessarbeit, Feuertänze, Trommeln – das ganze Repertoire esoterischer Lebensberatung.

 

Als Pastor ist er der Familie fremd

Nach einer Woche wieder ein Anruf von Julia: Klaus ist gestorben. Sie verabreden einen Termin für die Trauerfeier. In Hamburg trifft er sich mit Klaus Eltern und Schwestern. Sie haben ihren Sohn und Bruder die letzten Tage begleitet, ihn gepflegt, abwechselnd bei ihm übernachtet. Sie sind dabei gewesen, als er gestorben ist. So viel Fürsorge und Hingabe, denkt er. Und keine religiöse Sprache. Die Kirche kommt nicht mehr vor in ihrem Alltag. Als Klassenkamerad ist er ihnen vertraut. Als Pastor ist er ihnen fremd. Doch bei der Trauerfeier ausdrücklich erwünscht.

 

Die nächste Email ergibt: es wird keine Trauerfeier in der Kirche geben, sondern in dem katholischen Dorfgemeinschaftshaus. Danach eine Urnenbeisetzung auf dem Friedhof im Nachbardorf. Und einen Leichenschmaus beim Wirt.

 

Zweifel über die Beerdigung

Ein paar Tage später, an einem Freitag, setzt er sich ins Auto. Eine schwierige Fahrt, mehr als 800 Kilometer. Viel Zeit zum Nachdenken. Warum mache ich das eigentlich, fragt er sich. Er ist hin- und hergerissen. In wessen Auftrag komme ich? Was bin ich für diese Frau, die Witwe? Ein Freund, ein Bekannter oder ein Pastor? Er spürt, was ihm sein Beruf bedeutet. Er fühlt sich beauftragt von einer Kirche, die größer ist als die Mitgliedschaft in einer Konfession. Sein Unwohlsein nährt sich aus dem Unbekannten: die Frau, die Kinder, das Haus, die Leute im Dorf hat er nie gesehen. Er spürt auch die Aggression der Witwe, die sich von ihrem toten Mann allein gelassen fühlt mit dieser Trauerfeier. „Meinen Abschied hatte ich“, hatte sie ihm gesagt. „Ich mache das nur für die anderen.“ „Du wirst Dich noch wundern“, denkt er.

 

Als er ankommt, verfliegt seine Unsicherheit. Die erste Begegnung mit Julia: kleine Gestalt, klarer Blick, enorm präsent. Eine Stunde haben der Pastor und die Witwe für sich, bevor die Verwandtschaft anreist und das Haus füllt. Julia erzählt, wie sie im Krematorium von ihrem Mann Abschied genommen hat. Dann geht es um die Trauerfeier. Ein Freund möchte eine Powerpoint-Präsentation zeigen. Zwölf Minuten Bilder aus dem Leben von Klaus, unterlegt mit Musik von Smetana: Die Moldau. Eine Freundin wird ein Flötensolo spielen. Sie selbst möchte ein Gedicht lesen von Jorge Bucay, falls sie Kraft dazu hat, und sich bedanken bei all den Freunden, die geholfen haben. Auf dem Friedhof sollen die Kinder die Urne tragen. Statt eines Grabsteins soll ein kleiner Bergkristall auf das Grab gelegt werden und ein Busch gepflanzt. Die Trauergäste sollen den Busch gemeinsam in die Erde bringen und bunte Gebetsbändchen daran hängen. Bitte keine Kränze, Blumen oder Kerzen. Statt dessen Spenden für das Hospiz. – Dann kommen die ersten Verwandten. Der Pastor geht durch das Haus, nimmt Fühlung auf mit dem gestorbenen Schulkameraden.

 

Er ist verunsichert

Der nächste Morgen. Gemeinsam fahren sie zu dem Dorfgemeinschaftshaus: Stühle stellen, Raum schmücken, Beamer aufstellen, Leinwand aufhängen. Er ist verunsichert. Eine Kirche, jede Kirche ist ein sicherer Ort für einen Pastor. Dort ist er umgeben mit Gewohntem: Altar, Kanzel, Fenster, der Kirchraum. Er ist dort vertraut. Andere sind möglicherweise fremd. Im Dorfhaus ist es umgekehrt.

 

Julia rechnet mit achtzig bis hundert Teilnehmern: ein Drittel erzkatholische Nachbarn, sagt sie, ein weiteres Drittel aus ihrem schamanischen Umfeld, die können mit der Kirche nichts anfangen. Die weiteren: Verwandtschaft, Arbeitskollegen, von denen man spirituell nichts weiss. Das Kruzifix bleibt hängen. Die Leinwand findet daneben Platz.

 

„Wer bist Du eigentlich“, fragt Julia ihn am Mittag, bevor die Trauerfeier beginnt. Den Freund von Klaus könne sie spüren, der Pastor sei ihr fremd. „Aber ich bin beide“, sagt er. Er bittet sie um Vertrauen, sich seiner Regie zu überlassen. Er wird durch das Ritual führen und niemanden vereinnahmen. Die Liturgie wird stark genug sein, um alle zu tragen. Er bittet sie, ihre bewundernswerte Stärke für die Stunde der Beerdigung aufzugeben, einfach die trauernde Ehefrau zu sein. Sie dankt ihm. Und sie schlägt vor, den Stein, der auf das Grab gelegt werden soll, durch die Reihen zu reichen. Jeder könne ihm einen Segenswunsch mitgeben. Die Zeit dafür sei da.

 

Welches Ritual passt?

Zum Glück hat er sich zwei Talare mitgenommen. Der schwarze mit der Hamburger Halskrause geht hier gar nicht. Er zieht seine weiße Albe an, mit einer schönen Stola. Auf dem grünen Hintergrund sind in bunten Farben Wundergeschichten Jesu gestickt. Er fühlt sich wohl in diesem Talar. Er spürt, dass er jetzt selbst ein solches Wunder braucht. In wessen Namen tritt er hier auf? Wer will ihn eigentlich? Wie kann er diese so unterschiedlichen Menschen erreichen? Wie gestaltet er ein Ritual, das den trauernden Menschen angemessen ist und auch ihm, dem Pastor? Wie geht das ohne Kirche, Orgel und Lieder?

 

Er ist sehr früh im Gemeinschaftshaus, um alle zu begrüßen. Wer zuerst da ist, prägt die Atmosphäre, die sich aufbaut, während der Raum sich füllt. Jeder Stuhl ist besetzt. Er begrüßt: „Ich stehe hier als Klassenkamerad von Klaus, und ich bin gleichzeitig der Pastor. Ich grüße Sie und Euch im Namen Gottes, der uns ins Leben holt und zu sich ruft. – Es ist gut“, sagt er weiter, „auf die Stimmen in sich selbst zu hören, die eigenen Bilder, Erinnerungen mit Klaus, auch wenn Tränen kommen. Und es ist gut, auf eine fremde Stimme zu hören, auf Worte, die nicht unsere eigenen sind, sondern von Ewigkeit herkommen.“ Er liest den 90. Psalm. Dann sehen die Menschen die Lebensbilder von Klaus und hören die Musik von Smetana. Sie sind gebannt und berührt, ab und zu ein Lachen, Tränen. Er bittet um ein kurzes Schweigen, hält dann eine kleine Ansprache. Er bitte die Trauergäste, den Stein zu empfangen und weiterzugeben, in Stille oder mit einem gesprochenen Wunsch. Es dauert fast vierzig Minuten, bis der Stein durch alle Hände gegangen ist. Am Ende spricht er den Segen.

 

Auf dem Friedhof geht er voran. Julia und ihre Kinder tragen abwechselnd die Urne. Die Trauergemeinde folgt. Die Sonne scheint. Am Grab das Loch für die Urne, ein Haufen Muttererde, der Busch und eine Schale mit bunten Bändchen. Dort sagt er: „Der Friede Gottes sei mit Euch allen! Das sichtbare Leben von Klaus hat sein Ende gefunden. Wir beerdigen gemeinsam, was vom Menschen übrig bleibt. Die unsichtbare Seite, das Himmlische, geht zu Gott. Er ruft uns durch den Tod zum Leben, wenn seine Zeit gekommen ist.“

 

Bändchen wie ein Gebet

Julia überreicht ihm die Urne. Er legt sie in die Erde. Alle beerdigen die Urne gemeinsam und pflanzen darüber den Busch. Die einen nehmen Erde, andere die Wasserkanne. Fast alle knüpfen ein Bändchen an den Busch - wie ein Gebet. Eine Frau summt eine Melodie. Er würde jetzt gerne das Vaterunser beten, denkt er. Aber er zögert. Da kommt Julia auf ihn zu und bittet ihn darum. „Gott“, sagt er, „Du bist das Geheimnis der Welt, die Mutter und der Vater. Und zu Dir beten wir wie Jesus es uns gelehrt hat.“ Selten hat er das Vaterunser so kräftig gehört. Danach legt er den Stein unter den Busch. Einige Frauen harken das Grab, andere legen Blüten dazu. Dann spricht er den Segen.

 

Wer mag, kann sich von ihm verabschieden. Viele geben ihm die Hand und bedanken sich. Beim Wirt begegnet er fast allen wieder. Die Trauernden kehren ins Leben zurück. Am nächsten Tag fährt er nachhause. Er braucht Zeit, um wieder anzukommen.