Historienfilm zur Reformation "Wir wollten die Kraft der Frauen zeigen"

Ein Paar mit einer Mission: Aylin Tezel und Jan Krauter als Ottilie und Thomas Müntzer

Mord und Totschlag sind ihr Metier als Ermittlerin im Dortmunder Tatort. Jetzt hat Schauspielerin Aylin Tezel der Frau des Revolutionärs Thomas Müntzers, Ottilie von Gersen, Stimme und Gesicht gegeben – für den Historienfilm "Zwischen Himmel und Hölle". Ein Gespräch über die Reformation, den Glauben und die Frauen

Über Ottilie von Gersen ist kaum etwas bekannt. Wie haben Sie sich der Figur genähert?
Einigermaßen sicher ist, dass sie am Kampf für soziale Gerechtigkeit beteiligt war und sich für die Bildung der Ackerbürger einsetzte. Da wir so wenig über die echte Ottilie von Gersen wissen, können wir im Film nur unsere Vorstellung von dieser mutigen jungen Frau darstellen. Wir zeigen sie als emanzipierte Frau. Sie spricht als einzige die Frage aus, wie es wäre, wenn der Glaube auf einer persönlichen Entscheidung beruhte.

Wie realistisch ist es, dass Frauen damals so dachten?
Es gab mit Sicherheit zur Zeit Luthers viele Frauen, die revolutionäre Gedanken hatten. Doch die meisten bleiben historisch unsichtbar. Weil Frauen eine gesellschaftlich unterlegene Stellung hatten, nahmen sie über ihre Männer Einfluss. Der Film geht sogar soweit, Ottilie predigen zu lassen. Für unseren Regisseur Uwe Janson war es essentiell, diesen modernen Ansatz und die Kraft der Frauen zu zeigen.

Als Schauspielerin hauchen sie einer Figur Leben ein. Wie geht das bei einer mittelalterlichen Gestalt?
Ottilie hat eine große Entwicklung. Sie ist im Kloster nicht nur äußerlich sondern auch innerlich gefangen: Es ist ihr nicht erlaubt, ihrer inneren Stimme zu lauschen, geschweige denn sie zu erforschen. Das ändert sich, als sie Thomas Müntzer kennenlernt. Sie macht sich auf den Weg, eine eigenständige Person zu werden. Das Kloster zu verlassen, war zur damaligen Zeit ein sehr mutiger Schritt. Denn sie begab sich durch ihre Flucht in Lebensgefahr. Entlaufene Nonnen galten als vogelfrei.

Hat die Beschäftigung mit der Figur und der Reformation ihren Blick auf unsere Zeit verändert?
Viele der Ideen, die Martin Luther und Thomas Müntzer äußerten, sind auch heute noch aktuell: Es gibt einen tiefen Graben zwischen den Mächtigen und den Ausgebeuteten. Die Menschen damals waren von Kirche und Obrigkeit abhängig. Heute ist die Armut auf der Welt die größte Geißel. Und bis heute gilt: Wir können uns nicht freikaufen, auch nicht durch gute Taten. Im Menschen steckt immer beides – der Wunsch Gutes zu tun und die Gier nach Macht und Ausbreitung. Dafür ist Luther das beste Beispiel. Er war selbst eine zwiespältige Figur.

Ottilie von Gersens Spur verläuft nach der Hinrichtung ihres Mannes im Mai 1525. Historiker gehen davon aus, dass sie und ihre beiden Kinder in Armut und Elend gestorben sind. Wie meinen Sie, ist sie aus dem Leben gegangen – erhobenen Hauptes oder verzweifelt?
Wenn man mit seinen Kindern auf der Straße umkommt, denkt man dann noch darüber nach, ob der Preis nicht zu hoch war? Sie hat mit Sicherheit eine wichtige Energie in die Welt getragen. Zutiefst traurig ist, dass sie so ein schlimmes Ende genommen hat – wie viele Menschen nach ihr, die für soziale Gerechtigkeit gekämpft haben, wie zum Beispiel Martin Luther King, wenn wir an eine historische Figur aus unserer Zeit denken. Und doch brauchen wir die Inspiration von Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen.

Der historische Fernsehfilm "Zwischen Himmel und Hölle" ist am 30. Oktober um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Unter himmelundhoelle.zdf.de ist ein Online-Zusatzangebot geplant.