Kirche für Spontane


Drei Vikare halten in Parks und Cafés kurze Andachten für Menschen, die sich dort aufhalten und ansprechen lassen. Ihre „Popupchurch“ taucht einfach auf und verschwindet dann wieder.

Mittags, kurz nach eins in der Hafencity: Das Café Elbfaire ist voller Menschen, die schnell etwas essen wollen. Am Tresen hat sich eine Schlange gebildet, die Tische sind voll. Stimmengewirr und Besteckklappern erfüllen den Raum. Da steht plötzlich ein junger Mann auf und wendet sich an die Gäste: „Guten Tag, ich möchte einmal kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten“, sagt er. „Wir probieren etwas aus.“

Christian Gründer ist Vikar. Gemeinsam mit seiner Vikars- Kollegin Tia Pelz hat er heute einen Tisch im Café reserviert, um eine Andacht zu halten: kurz, spontan, für alle, die dabei sein wollen. „Wenn Sie Zeit und Lust haben, seien Sie mutig, setzen Sie sich mit uns an den Tisch, und wir freuen uns, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen“, sagt er.

Überraschend geben sie sich zu erkennen

Ihr Konzept nennt sich „Popupchurch“, das bedeutet, dass die Kirche einfach irgendwo für eine kurze Zeit auftaucht, erklärt Gründer. „Verschiedene Orte, verschiedene Zeiten, mitten im Leben“ haben sie die Idee beschrieben. Es gibt kein Konzept und keine Ziele, aber ein Motto: „Kirche ist da, wo du bist.“

Einmal haben sich das Popupchurch- Team bestehend aus Christian Gründer, Tia Pelz und Jonas Goebel bereits im Stadtpark getroffen, Musik gespielt, um die Spaziergänger aufmerksam zu machen und dann begonnen. Jede Andacht dauert zwei bis vier Minuten, im Anschluss kann das Publikum über eine Frage ins Gespräch kommen. Im Stadtpark haben sie danach auch gemeinsam gegessen.

Ein Erkennungszeichen gibt es noch nicht. Die Kirche für Spontane wird erst sichtbar, wenn einer der Vikare dazu einlädt – egal wie viele dann kommen. „Vielleicht hört ja jemand mit halbem Ohr zu und bekommt Lust, beim nächsten Mal zuzuhören oder ist gespannt, was da passiert“, sagt Tia Pelz.

Die Vikare sind in unterschiedlichen Gemeinden eingesetzt, Christian Gründer in der Paul- Gerhardt-Gemeinde in Altona, Tia Pelz in Hamburg-Hamm, Jonas Goebel in Bramfeld. Die „Popupchurch“ ist ein Projekt, das sie übergemeindlich und gemeinschaftlich verfolgen. „Die Idee ist, dass nicht nur jeder an seinem Kirchturm etwas macht“, sagt Gründer, man wolle Kirche gemeinsam mit anderen gestalten und dort sein, wo die Menschen sind und sie sich auch selbst gern aufhalten.

Im Café Elbfaire geht es dieses Mal um das Thema Stress. Das passt zur geschäftigen Atmosphäre der Hafencity in der Mittagspause. Tia Pelz spricht über den alttestamentlichen Propheten Elia, der sich für Gott völlig verausgabt hat. Elia geht es am Ende eines siegreichen Tages dreckig, sagt Tia Pelz, „nicht nur mal ein bisschen schlecht drauf, sondern so richtig mies“. Sie ist schon mitten in ihrem Text, als Gäste an den Tisch kommen, und unterbricht sich kurz, um sie willkommen zu heißen:„Schön, dass Sie da sind!“

Einer ist zufällig an ihrem Tisch gelandet

Einer von ihnen ist Roland Strauß. Er wollte eigentlich nur etwas essen und ist nur am Kirchen- Tisch gelandet, weil alle anderen Plätze belegt waren, aber dann ist er für die kurze Andacht geblieben. Sie hat ihm gut gefallen. „Es ist ja nichts Aufdringliches, es ist angenehm“, sagt er. Er konnte etwas mit dem Thema anfangen und könnte sich gut vorstellen, eine Andacht wie diese auch an einem anderen Ort zu erleben. Strauß ist ohnehin „kirchlich und christlich orientiert“ und singt seit vielen Jahren im Kirchenchor.

Wer die „Popupchurch“ einladen möchte, in seinem Café, Restaurant, oder an einem ganz anderen Ort zu Gast zu sein, kann sich über ihre Website oder die sozialen Medien an die Macher wenden. Gründer und Pelz sind außerdem offen für neue Ideen. Auf www.popupchurch.de werden die nächsten Termine angekündigt, sodass man die Andachten nicht nur erleben kann, wenn man zufällig vor Ort ist, sondern auch gezielt dorthin gehen kann, wo die Kirche das nächste Mal auftauchen wird.