Interview zur Bornplatz-Synagoge Eine Diskussion um Erinnerungskultur

Auf dem Joseph-Carlebach-Platz (Bornplatz) befindet sich seit 1988 ein Mosaik der Künstlerin Margrit Kahl. Sie hat das Deckengewölbe der zerstörten Synagoge im Originalmaßstab auf den Boden projiziert.

Um die Pläne zum Wiederaufbau der Bornplatz-Synagoge ist eine Diskussion entstanden. Worum es im Kern geht, wer hier mit wem diskutiert und welche offenen Fragen es gibt ­– darüber haben wir mit Pastorin Hanna Lehming gesprochen, Referentin für christlich-jüdischen Dialog.

Worum geht es in der Diskussion?
Hanna Lehming:
Es geht um die Pläne der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, die Bornplatz-Synagoge auf dem Joseph-Carlebach-Platz im Grindelviertel wiederaufzubauen. Der prächtige Bau war 1939 von den Nationalsozialisten zerstört worden. Die Jüdische Gemeinde wünscht sich einen originalgetreuen Wiederaufbau exakt an ihrem einstigen Standort. Dort befindet sich jedoch seit 1988 ein Mosaik der Künstlerin Margrit Kahl. Sie hat das Deckengewölbe der zerstörten Synagoge im Originalmaßstab auf den Boden projiziert. Das denkmalgeschützte Kunstwerk erinnert einerseits an die Synagoge und andererseits an ihre böswillige Zerstörung, macht so den Bruch in der Geschichte deutlich.

Die Kritiker der vom Bund und von der Stadt Hamburg mit hohen Förderzusagen unterstützten Wiederaufbaupläne richten sich nicht gegen den Bau einer Synagoge, sondern gegen einen originalgetreuen Wiederaufbau, der aus ihrer Sicht den Bruch der Geschichte überdecken und vergessen machen würde.

Wer diskutiert miteinander?
Miteinander wird bislang gar nicht diskutiert, soweit ich sehe. Beide Positionen und viele Ansichten dazwischen bilden sich seit einigen Wochen in zahlreichen Medien ab. Es gibt Protestbriefe einer ehemaligen Hamburger Jüdin aus New York, kritische Stellungnahmen von Fachleuten wie Denkmalschützern, Historikern, Künstlern und Judaisten, es gibt befürwortende Voten aus der Kirche und von der Politik, und die Initiative für den Wiederaufbau der Synagoge hat mehr als 100.000 Unterstützer gesammelt.

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"Muss man eigentlich in alle Ewigkeit erinnern? Oder darf man auch vergessen?", diese Fragen sind Teil der Diskussion, sagt Pastorin Hanna Lehming.

Und weiter gefragt: Wer darf und sollte mitdiskutieren Ihrer Meinung nach?
Das finde ich eine schwierige Frage. Man könnte zum Beispiel ganz sachlich-juristisch fragen: Wer ist eigentlich der Bauherr? Der hätte wahrscheinlich das gewichtigste Wort in der Frage der Gestaltung. Ich weiß allerdings nicht, wer der Bauherr ist. Geht es ausschließlich um ein Bethaus für die Jüdische Gemeinde in Hamburg? Dann wäre die Gestaltung eine Sache der Jüdischen Gemeinde. Oder geht es auch um die Frage, wie die Stadt Hamburg im Städtebau mit ihrer Geschichte umgeht? Dann sollten sich Mitglieder der Hamburger Zivil-gesellschaft und vor allem Fachleute am Nachdenken und Diskutieren beteiligen, denke ich.

Es scheint viele offene Fragen zu geben. Können Sie diese aus Ihrer Sicht einmal benennen und etwas erläutern?
Ich könnte mir denken, dass es weiterführen würde, wenn die unterschiedlichen Parteien ihre vermutlich unterschiedlichen „Interessen“ einmal klären würden, die Vertreter der Initiative, der Jüdischen Gemeinde, der Politik, der Kulturschaffenden, der Historiker, der Kirche, des Denkmalschutzes usw.

Eine geradezu philosophische Frage, die ich hinter der Diskussion wahrnehme, heißt: Wem gehört die jüdische Geschichte? Den Überlebenden, die die Zerstörung der Bornplatzsynagoge erlebt haben? Den gegenwärtigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde? Gehört sie den Politikern? Gehört sie allen Hamburgerinnen und Hamburgern?

Eine weitere, schwierige Frage ist meines Erachtens: Muss man eigentlich in alle Ewigkeit erinnern? Oder darf man auch vergessen? Und wer entscheidet, was vergessen werden darf, was erinnert werden muss? Das macht sich zum Beispiel fest an der Frage: Darf man Bauwerke abreißen, die unter Denkmalschutz stehen, weil sie die Geschichte der Stadt erinnern – wie den angrenzenden Bunker – oder überbauen – wie das Mosaik von Margrit Kahl?