Interview "Es bestürzt mich, wie oft wir nur an uns denken"

Pröpstin Isa Lübbers predigte für die rund 800 Besucher eines Gottesdienstes

Was sie in Ruanda am meisten beeindruckt hat, erzählt Isa Lübbers. Sie ist Pröpstin in der Propstei  Bramfeld-Volksdorf und für den Bereich Diakonie und Bildung im Kirchenkreis Hamburg-Ost zuständig

Die aktuelle Kampagne von Brot für die Welt dreht sich um das Thema Mangelernährung. Etwa jedes zweite Kind in Ruanda ist davon betroffen. Wie tragen die Projekte, die Sie besichtigt haben, im Kampf dagegen bei?
Entwicklungshilfe hat sich verändert: Wir schicken heute nicht mehr Geld und Menschen in die Länder des Südens, mit der Haltung, dass wir wissen, wie es besser geht. Sondern die Projekte werden vor Ort entwickelt und verantwortet. Wir fördern sie mit unserem Geld.

Was heißt das konkret?
Der Dachverband der Kooperativen UGAMA, bei dem wir zu Gast waren, setzt bei den Bedürfnissen der Menschen vor Ort und ihren speziellen Lebensbedingungen an. Sie lernen beispielsweise, gesundes Gemüse anzubauen, zuzubereiten – und sich nicht nur von Maniok oder Süßkartoffeln zu ernähren, was wesentlich günstiger wäre.

Gibt es auch kritische Punkte?
Die Spendengelder sind gut und durchdacht investiert. In Frage steht für mich eher die begrenzte Förderzeit von drei Jahren für einzelne Projekte. Danach kann ein Partner zwar wieder Mittel beantragen, aber mit anderen Schwerpunkten. Oft brauchen Entwicklungen jedoch einen längeren Atem.

Was nehmen Sie mit nach Hamburg?
Traditionell wird beispielsweise an Heiligabend für Brot für die Welt gesammelt. Viel Geld kommt dabei zusammen. Manche Gemeinden hätten dieses Geld gerne für sich. Ich muss sagen, es bestürzt mich, dass wir oft so sehr nur an uns denken. Nachdem ich gesehen habe, wie es den Menschen in Ruanda geht, umso mehr.

Warum?
Im Gottesdienst in der presbyterianischen Kirche in Remera, östlich von Kigali, haben wir gesehen, wie Menschen nicht nur Geld, sondern auch Eier und Milch gespendet haben. Es war eine Selbstverständlichkeit für andere zu geben, was sie erübrigen konnten. Das andere ist: Die Welt ist ein einziges soziales und ökologisches System. Wie es den Menschen im Süden geht, hat eine Menge mit uns zu tun. Das zeigen nicht zuletzt die vielen Menschen, die zu uns flüchten.

Was sehen Sie als Ihre Aufgabe an?
Es ist wichtig, dass Menschen, die spenden, eine Beziehung haben zu dem, was mit ihrem Geld passiert. Daher werde ich in den Gemeinden über die Reise berichten. Die langfristige Entwicklungshilfe von Brot für die Welt darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Menschen vor Ort sind darauf angewiesen. Unterstützung vom Staat können die Projekte nicht erwarten, das wurde uns klar gesagt.

Was nehmen Sie mit?
Ruanda ist ein wunderschönes Land und nach dem Bürgerkrieg rasant wieder aufgebaut worden. Doch bei allen Verdiensten: Die Regierung ist nicht wirklich demokratisch,  so ist etwa die Pressefreiheit stark eingeschränkt. Doch vielleicht ist Freiheit auch nicht das, wonach sich die Menschen in Ruanda am meisten sehnen. Sie möchten satt sein, Zugang zu Bildung, Wasser, Elektrizität haben, in Frieden zusammenleben.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Versöhnungsarbeit, der Umgang mit Konflikten. Wie selbstverständlich die Menschen Glauben und Leben zusammenbringen. Im Gottesdienst dankten die Eltern Gott für die Geburt ihrer Kinder. Danach legte mir eine Mutter ihr Baby voller Vertrauen in die Arme. Ich sollte es segnen! Das war ein berührender Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Zu Gast bei einer Dorfversammlung
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Blick ins Land der 1000 Hügel
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Ruandas Hauptstadt Kigali
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Rote Beete, Möhren und Kohl bauen die Mitglieder einer kleinen Kooperative an
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Verbrüderung beim selbstgebrauten Bier aus Sorghum, einer Hirseart
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Eine starke Frau: Thérèse Muhawenimana koordiniert die Arbeit der "Peacemaker"
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