Eine Wohnung ist der Anfang Zwischenbilanz in Hamburg zeigt: Housing First funktioniert


Die Großstadt Hamburg zählt zu den traurigen Hochburgen der Obdachlosigkeit. Deutschlandweit stellt sich die Frage: Wie kann die Überwindung der Obdachlosigkeit nachhaltig gelingen? Das Projekt Housing First bietet einen möglichen Lösungansatz. Nun, gut ein Jahr nach dem Start, wird eine Zwischenbilanz gezogen, die optimistisch für die Zukunft macht.

Obdachlosigkeit hat viele Gesichter, viele Geschichten: Menschen, die ihren Job, ihre Wohnung, nicht selten auch ihre Liebsten, verloren haben. Die gerade in den Wintermonaten den Elementen schutzlos ausgeliefert sind. Hierbei zählt die Großstadt Hamburg zu den Hochburgen der Wohnungslosigkeit, wie die Diakonie bereits im September 2022 veröffentlichte: „Fast 19.000 Menschen sind in Hamburg wohnungslos. Das ist ein trauriger Rekord“, so Dirk Ahrens, Landespastor und Leiter des Diakonischen Werkes Hamburg.

Nun gibt es in Hamburg das Modell-Projekt Housing First, dass den auf der Straße lebenden Menschen ein Zuhause geben möchte: Finanziert von der Stadt Hamburg und realisiert von einem Trägerverbund aus Diakonie Hamburg, dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost und der Behrens-Stiftung, zeigt Housing First vielversprechende Ergebnisse nach einem guten Jahr Laufzeit, wie am Donnerstag, 16. November, in einer Pressekonferenz berichtet wurde.

"Wir stoßen überall auf offene Türen und erfahren große Unterstützung"

Nina Behlau, Leiterin des Projekts, ist vom Erfolg von Housing First in diesem Ausmaß überrascht. „Wir waren zuversichtlich, weil wir von diesem Ansatz zur Überwindung der Obdachlosigkeit überzeugt sind. Aber als wir vor etwa einem Jahr den ersten Nutzer ins Projekt aufgenommen haben, hätten wir nicht gedacht, dass wir heute da stehen, wo wir stehen.“ Doch nach gut einem Jahr Laufzeit könne man sagen: „Housing First in Hamburg funktioniert.“

Auch die Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Hilfesystem und anderen wichtigen Vertretern laufe hervorragend: „Wir stoßen überall auf offene Türen und erfahren große Unterstützung für unser Projekt, dafür sind wir sehr dankbar. Es ist beeindruckend, was alles möglich ist, wenn viele an einem Strang ziehen.“

Unterstützt wird das Projekt unter anderem vom Kirchenkreis Hamburg-Ost, der über eine langjährige Expertise in der Wohnungslosenhilfe verfügt. „Seit mehr als 20 Jahren begleiten wir erfolgreich wohnungslose Menschen in ihrem eigenen Wohnraum. Mit Housing First gehen wir einen Schritt weiter: Erst in die Wohnung und dann in die Hilfe. Dieses Hilfeangebot wird von den neuen Mieterinnen und Mietern umfangreich genutzt. Damit kann das eigene Wohnen auf stabile Füße gestellt werden“, so Christian Heine vom Bodelschwingh-Haus, einer Einrichtung für wohnungslose Männer.

Unterstützung und Hilfsangebote – über eine eigene Wohnung hinaus

Das Prinzip hinter dem Ansatz Housing First ist simpel: zuerst eine eigene Wohnung, dann alle weiteren Unterstützungsmaßnahmen. Dabei soll es keine Umwege über befristete Wohnungseinrichtungen geben: Von Beginn an beziehen die Menschen vollwertige Wohnungen, haben dieselben Rechte und Pflichten wie alle anderen auch. Das zeigt Wirkung bei den Bewohner:innen: Man sehe den Menschen sofort eine positive Veränderung an, wenn sie in ihre Wohnung kommen und den Wohnungsschlüssel haben, so Behlau.

Innerhalb von drei Jahren sollen mit dem Modell-Projekt 30 obdachlos lebenden Menschen eine eigene Wohnung vermittelt werden. Darüber hinaus ist es das Ziel, sie dabei zu unterstützen, ihre Lebenssituation in ihrem neuen Zuhause nachhaltig zu stabilisieren – schließlich ergaben sich häufig aus der Obdachlosigkeit heraus Probleme, bei deren Bewältigung externe Unterstützung benötigt wird. 19 Menschen konnten seit Projektbeginn bereits eine eigene Wohnung beziehen.

Auch der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein legt einen wichtigen weiteren Grundstein für das Projekt: Rund um die Hauptkirche St. Trinitatis entsteht im Hamburger Stadtteil Altona das Trinitatis Quartier. Unter anderem ein Gemeindehaus, eine Kindertagesstätte, ein Café – und auch Wohnungen nach dem Ansatz Housing First, die im Frühjahr 2025 bezogen werden können – sind geplant. Richtfest war am 7. November. „Hier entsteht ein Zentrum für Trost, Liebe, Sinnsuche und Gemeinschaft“, beschrieb Pastor Pastor Torsten Morche, Ev.-Luth. Hauptkirchengemeinde St. Trinitatis Altona, das Ziel des Bauprojekts.