Seelsorge-Ausbildung „Seelsorge ist etwas, was wir in unserer Gesellschaft dringend brauchen“


Seelsorge verbinden viele Menschen mit Krankheit und Leid. Dabei gehe es genauso um Lebensbegleitung, Herzenswärme und füreinander da zu sein, erklären die beiden Seelsorge-Ausbilderinnen Melanie Kirschstein und Kirsten Sonnenburg im Interview.

„Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25, 36) Schon die Bibel erzählt viele Geschichten von kranken Menschen – und von ihrer Heilung. Die Seelsorge ist ein fester Bestandteil des christlichen Selbstverständnisses, wobei es hierbei nicht um körperliche Leiden, sondern eher um Sorgen und Seelennot geht. 

Die Diakonin und Sozialpädagogin Kirsten Sonnenburg bietet zusammen mit Pastorin Melanie Kirschstein und einem Team aus beiden Kirchenkreisen Hamburgs eine einjährige interkulturelle und generationsübergreifende Seelsorge-Ausbildung an. Zu ihnen kommen also auch Menschen außerhalb des kirchlichen Kontexts, die sich gegen Einsamkeit und für mehr Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung engagieren wollen.

Was Seelsorge wirklich bedeutet

Der Begriff der Seelsorge weckt in manchen Menschen Erwartungen und Zweifel, insbesondere an sich selbst und ihre Fähigkeiten. Schließlich bräuchten doch vor allem unglückliche Menschen Beistand, Menschen, die alt, gebrechlich oder dem Tod nahe sind – so zumindest die verbreitete Meinung. 

Das stimme so nicht ganz, betont Kirsten Sonnenburg: „Es ist viel mehr als Tod und Trauer, es geht um Lebensbegleitung. Seelsorge meint Herzenswärme, füreinander da zu sein, zuzuhören und Zeit zu schenken. ‚Jeder kann für Jeden jederzeit ein Engel sein‘, heißt es im Gedicht von James Krüss. Allein, weil ein Mensch existiert, kann er für andere Menschen eine seelsorgende Kraft werden.“ 

Letztlich sei Seelsorge nicht nur für das Gegenüber heil- und bedeutsam, sondern auch für einen selbst, erklärt Pastorin Melanie Kirschstein: „Es ist die Möglichkeit für sinnstiftendes Engagement – für mich und andere.“ Bei der Ausbildung würden sich die Teilnehmenden mit ihrer eigenen Biografie auseinandersetzen und lernen, eine andere Perspektive einzunehmen. 

Es ginge auch darum, wieder sprachfähig zu werden bei Themen wie Tod, Trauer, Krankheit und Altern, ergänzt die Pastorin. „Das sind Themen, die uns alle angehen. Dafür Worte zu finden und Sorgen aussprechen zu können, tut gut.“ Auch Spiritualität oder die Frage: „Was hilft mir, was trägt mich eigentlich durch Krisen und schwere Zeiten?“ finden Raum in dieser besonderen Ausbildung, die für alle Interessierten offen ist. 

Stefanie Hanke, aktuell in der Ausbildung für interreligiöse Krankenhausseelsorge für Ehrenamtliche, findet den Begriff „Seelsorge“ wunderschön, denn dabei ginge es um die Ganzheit des Menschen, um einen Teil, der zwar nicht körperlich ist, aber den Menschen dennoch ausmacht. „Für mich heißt Seelsorge, das Göttliche im Menschen zu sehen.“ Besonders gern hat sie die im Kurs vermittelte theologische Definition des Begriffs „Gesundheit“ von Karl Barth in diesem Zusammenhang: „Gesundheit ist die Kraft zum Menschsein.“

„Ihr sehnlichster Wunsch war es, einfach mal wieder spazieren zu gehen und zu reden“

Die Ausbildung verändere die Menschen, das beobachten die Ausbilderinnen Melanie Kirschstein und Kirsten Sonnenburg seit Jahren. Eine vielbeschäftigte Journalistin hat sich nach dem letzten Termin mit Melanie Kirschstein daran gemacht, ein eigenes kleines Seelsorge-Nachbarschaftsprojekt zu gründen. „Wie großartig ist das denn?“, sagt die Pastorin stolz. 

Eine Auszubildende bei Kirsten Sonnenburg hat sich getraut, eine ältere Dame in ihrer Nachbarschaft anzusprechen, die ihr schon oft zuvor aufgefallen war. Inzwischen würden sich beide regelmäßig zum Spazieren und Reden treffen. „Der sehnlichste Wunsch dieser seheingeschränkten Dame war es, einfach mal wieder zu spazieren und zu reden“ – ein Wunsch, der ihr erfüllt wurde.

Seelsorge-Ausbildung: „Alle verbindet das Thema Glauben – auf welche Art auch immer“

Bei der Ausbildung „Miteinander unterwegs“ ist es das Ziel, Menschen auszubilden, die in ihrem Quartier Seelsorge an den Stellen betreiben, an denen sie gebraucht werden. Ein weiterer Ort, der immer Seelsorger*innen gebrauchen kann, ist beispielsweise das Krankenhaus. Hier bietet das Institut für KSA in St. Georg unter der Leitung von Susanne Bertels eine eigene Ausbildung für Ehrenamtliche an. 

Stefanie Hanke, die in ihrer hauptamtlichen Tätigkeit das ServiceCenter Kirche und Diakonie Hamburg leitet, spricht regelmäßig mit Menschen und hilft ihnen, die richtige Ansprechperson für unterschiedlichste Anliegen zu finden. Sie freut sich darauf, Menschen in einer sehr besonderen Lebenssituation zu treffen. Im Krankenhaus werden noch einmal andere, tiefergehende Lebens- und Sinnfragen aufgeworfen werden als an anderen Orten. 

Davor habe sie keine Angst, schließlich gehe es bei der Seelsorge vor allem um das Zuhören, dem, was gerade „auf der Seele liegt“, einen Raum zu geben. Auch der interreligiöse Kurs zeigt die Vielfältigkeit der Seelsorge, in dem Protestant*innen mit Katholik*innen, Muslim*innen und Konfessionslosen zusammensitzen. „Alle Verbindet das Thema Glauben – auf welche Art auch immer.“

„Kirche bietet das Repertoire an Antworten für alle Übergänge des Lebens“

Laut der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) wünschen sich viele der Befragten eine Gemeinschaft und einen Rahmen für andere, um etwas Gutes zu tun – „da sind wir im Kernpunkt dessen, was Menschen sich von der Kirche wünschen, denn wir bieten eine Gemeinschaft und eine stadtweite kleine Seelsorgebewegung, die ständig wächst", sagt Pastorin Melanie Kirschstein. 

„Mein Herz schlägt für die tiefe Mitmenschlichkeit, dass wir zuhören können, unser Gegenüber wirklich ansehen und annehmen können und mehr füreinander da sind.“ Für sie sei Seelsorge eine Übung, sich gegenseitig anzuerkennen, voneinander hören zu wollen und sich nicht nur um das eigene Leben zu sorgen. „Das ist das vielleicht Wichtigste, was es gibt: mitmenschlich unterwegs zu sein.“ 

Kirche habe ein Repertoire an Antworten für alle Übergänge des Lebens, sagt Kirsten Sonnenburg. „Wir können Menschen dabei helfen, das Leben gut zu bewältigen, es mit Freude zu leben, in aller Schwere, die unweigerlich dazugehört.“ 

Die Seelsorge-Ausbildung „Miteinander unterwegs“ ist ein Angebot beider Kirchenkreise Hamburgs. Weitere Informationen zum Kurs und zur Anmeldung finden Sie hier

Die Ausbildung zur ehrenamtlichen Krankenhaus-Seelsorge ist ein Angebot des Instituts für Seelsorge und Supervision im Norden. Weitere Informationen zur Ausbildung finden Sie hier.