Feierliche Stunde zum Advent „Wir geben keinen einzigen Menschen verloren“

In der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen hielt Bischöfin Kirsten eine berührende Rede und dankte den Unzähligen, die seit 20 Monaten bis an die Grenze der Belastbarkeit gegangen sind, sowie Sozialsenatorin Melanie Leonhard für ihre Arbeit.

Bischöfin Kirsten Fehrs warb in der „Feierlichen Stunde zum Advent“ für die Impfung, dafür, Kindern und Jugendlichen mehr Gehör zu schenken sowie für eine gemeinsame Wertebasis und die Fähigkeit zum offenen Dialog in Kirche und Politik, Staat und Zivilgesellschaft.

„Wir geben keinen einzigen Menschen verloren; auch die nicht, deren Meinung wir nicht teilen oder die uns mit ihrer Haltung herausfordern. Wir sind als Kirche in besonderer Weise auch dem Zusammenhalt verpflichtet“, sagte Bischöfin Kirsten Fehrs in der Hauptkirche St. Katharinen vor etwa 300 Gästen, darunter Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, die Zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg Katharina Fegebank und Melanie Leonhard, Sozialsenatorin.  

Außer der Bischöfin sprachen Ulrike Murmann und Präses der Nordkirche Ulrike Hillmann, der Abendsegen kam von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt.

 

Gemeinsame Rituale stiften Zusammenhalt

„Die Integration, das Zusammenkommen und Zusammenbleiben der so Verschiedenen, das leisten Regeln nicht allein. Das schaffen vor allem gemeinsame Rituale. Denn sie sprechen nicht zuvorderst die Vernunft an, sondern erreichen das Herz. Sie berühren Tiefenschichten der Seele und stärken deswegen Gemeinschaft. Genau deshalb halten wir an unseren Gottesdiensten fest oder wenigstens an geöffneten Kirchen, auch in Zeiten hoher Inzidenzwerte. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Auch jetzt und heute. Das ist unser Auftrag“, bekräftigte die Bischöfin. Gerade in diesen Zeiten brauche es Kirche als „Hoffnungsorte der Besonnenheit“, „an denen alle Menschen sich von ihren Nöten und Sorgen entlasten und sich eine ordentliche Portion ‚Fürchte dich nicht‘ abholen können.“

 

 

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Zu den 300 Gästen zählten unter anderem die Zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg Katharina Fegebank.

„Als Kirche ermutigen wir eindeutig zum Impfen"

Darüber hinaus gehöre zu den Aufgaben der Kirche das praktische Handeln überall dort, wo es möglich ist. Nicht umsonst seien viele mobile Impfstationen in Kirchen-, aber auch in Moscheegemeinden eingerichtet worden. Kirsten Fehrs: „Beim Impfen geht es nicht nur um kurze Wege, sondern vor allem um Vertrauen!“

Die Hamburger Bischöfin warb deutlich für die Impfung gegen das Corona-Virus. „Als Kirche ermutigen wir eindeutig zum Impfen. Der nüchterne, an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Verstand spricht sehr klar dafür. Das Risiko einer Impfung ist unendlich viel geringer als das Leid, das umso größer wird, je weniger Menschen sich impfen lassen. Auch deshalb stehen wir auf der Seite der Wissenschaftler, der Ärztinnen, auch der Politik und der Behörden, die auf die klare Einhaltung von Regeln drängen. Weil diese Regeln Menschen schützen und Leben retten.“ Ihr großer Dank galt ausdrücklich den Unzähligen, die seit 20 Monaten bis an die Grenze der Belastbarkeit gegangen sind. Zudem dankte sie ausdrücklich Sozialsenatorin Melanie Leonhard für ihre Arbeit.

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Beeindruckend tiefe Töne kamen vom Tuba-Duett Daniel Rau und Andreas Simon. Außerdem spielte der Bläserkreis des Posaunenwerks Hamburg-Schleswig-Holstein unter Leitung des Posaunenwarts Daniel Rau, an der Orgel Landeskirchenmusikdirektor Hans-Jürgen Wulf.

Kinder und Jugendliche besonders belastet

Darüber hinaus sprach Fehrs darüber, wie stark Kinder und Jugendliche unter den Kontaktbeschränkungen und der Pandemie leiden. „Über 20 Monate Infektionsangst, Furcht, sich und die Familie anzustecken. Diese Angst liegt auf der Seele. Und Wut liegt da auch. Und Verzweiflung, weil die Abbrüche nicht einfach wieder aufzuholen sind und die Einsamkeit schwer auszuhalten ist.“ Es liege auch an uns, Kindern und Jugendlichen besser zuzuhören und sie an Entscheidungen zu beteiligen. „Wir müssen hinhören und wahrnehmen, was diese zwei Jahre die Kinder und die Jugendlichen gekostet haben.“

Angesichts der gesellschaftlichen Spaltungstendenzen im Hinblick auf die Pandemie warb die Bischöfin für eine gemeinsame Wertebasis und die Fähigkeit zum offenen Dialog in Kirche und Politik, Staat und Zivilgesellschaft. „Glaube, Religion, Weltanschauung sind keine Privatsache. Es muss uns politisch und gesellschaftlich beschäftigen, was Menschen bereit sind zu glauben und worauf sie ihr Vertrauen stützen. Denn wir sind angewiesen auf eine gemeinsame Wertebasis und die Fähigkeit zum offenen Dialog! Und deshalb liegt mir so sehr daran, dass wir als Religionsgemeinschaften miteinander im Gespräch bleiben.“

 

Advent als Zeit der Zuversicht und Hoffnung

Für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft brauche es neben der Stimme der Vernunft außerdem die Stimme der Hoffnung, so Fehrs weiter. Dafür stehe der Advent: „Wir erwarten noch etwas. Wir finden uns nicht ab mit dem, was nicht gut ist. Wir bleiben zuversichtlich – allen Verunsicherungen zum Trotz.“