Trauern in Zeiten von Corona Abschiednehmen unter erschwerten Bedingungen

Der Ewigkeitssonttag am letzten Sonntag vor dem Advent ist der Gedenktag für die Verstorbenen

Was macht die Corona-Krise mit unserer Gesellschaft? In einer Reihe wollen wir im Wechsel negative Auswirkungen und positive Begleiterscheinungen aufzeigen. Es geht um die Sollbruchstellen und Lücken, aber auch die Lichtblicke und Brücken, die die gegenwärtige Situation mit sich bringt. Es ist etwas im Wandel, das ist völlig klar. Wir spüren dieser Entwicklung nach. Im vierten Teil geht es um Abschiednehmen und Trauern um geliebte Menschen. Ist Trost ohne Umarmung überhaupt möglich?

Die aktuellen Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Covid-Pandemie erschweren Sterbenden, Trauernden und begleitenden Personen das Abschiednehmen. Auf dem letzten Weg möchte man sich nahe sein. In Schmerz und Trauer spendet eine Umarmung oft mehr Trost als viele Worte. Doch auch in Zeiten von Corona gibt es Hoffnung.

Borris Pietzarka, Diakon und Krankenhaus-Seelsorger, achtet auch im privaten Bereich sehr genau auf die Einhaltung aller Schutzmaßnahmen. Er möchte die Menschen, die er seelsorgerlich im Krankenhaus begleitet, auf keinen Fall gefährden. Aktuell gilt ein Besuchsverbot in den Krankenhäusern. Nur in Ausnahmefällen, wenn der verantwortliche Arzt die Erlaubnis dazu erteilt, können Angehörige Patienten besuchen.

Manche Angehörige fragen Pietzarka, ob er für sie stellvertretend zu den Sterbenden gehen kann, damit diese in ihren letzten Stunden nicht allein sind. Nach Absprache überbringt er ihnen persönliche Wünsche und Gedanken der Angehörigen, liest einen Psalm aus der Bibel und segnet den Kranken. „Ich glaube, dass das bei den Menschen ankommt – sie spüren, dass jemand da war“, berichtet er. Und auch die Angehörigen, die nicht dabei sein konnten, seien sehr dankbar für diesen Moment.

Der Körperkontakt fehlt

Die Gestaltung des letzten Weges ist laut Pietzarka enorm wichtig und kostbar. „Wenn wir es hinbekommen, für eine gute Sterbesituation zu sorgen, werden es die Angehörigen später leichter haben“, ist er überzeugt. Die Trauerbewältigung gelinge oftmals besser, wenn sich Betroffene vorher gut von geliebten Menschen verabschieden konnten. Dazu gehören auch körperliche Berührungen – dem Sterbenden die Hand zu halten, ihn in den Arm zu nehmen oder ihn liebevoll zu streicheln. Durch diese Art der Kontaktaufnahme erhalte man einen letzten Eindruck und könne begreifen, dass jemand verstorben sei. Der unfreiwillige Verzicht darauf sei hingegen für Angehörige oft kaum auszuhalten. Pietzarka betont: „An der jetzigen Situation merken wir erst richtig, wie wichtig die körperliche Berührung ist.“

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Pastorin Gesina Bräunig an der Lutherkirche Wellingsbüttel

„Dass die Menschen jetzt bei der Beerdigung Abstand halten müssen, sich nicht mehr wie früher umarmen können und auch die Trauergemeinden klein gehalten werden müssen, ist ein großes Manko“, sagt Pastorin Gesina Bräunig an der Lutherkirche Wellingsbüttel. Es sei für Trauernde oft sehr bedeutsam, wenn ihnen andere Menschen allein schon durch ihre Anwesenheit bei der Beerdigung beistünden. Sie empfiehlt deshalb, sich Trauernden – vielleicht auch gerade dann, wenn man selbst nicht an der Beerdigung teilhaben konnte – besonders zuzuwenden. „Das erste Jahr der Trauer ist besonders schwer. Da tut es gut, wenn sich jemand meldet und einen zu einem Spaziergang abholt. Die Hürde, sich selbst zu melden, ist bei vielen sehr hoch.“

Hoffnung, die trägt

Bräunig empfindet auch den fehlenden, gemeinsamen Gesang bei Trauerfeiern als großen Verlust. „Singen ist so wohltuend. Es lässt einen aufatmen und man holt in dieser ganzen Trauer noch einmal anders Luft. Das lässt sich nicht ersetzen.“ Manche Familien hoffen darauf, Gedenkgottesdienste oder -feiern in einem größeren Rahmen (z.T. mit Chor oder Orchester) nachzuholen. Doch noch ist nicht abzusehen, wann das wieder möglich sein wird.  Anders als sonst finden in diesem Jahr der Gedenkgottesdienst zum Ewigkeitssonntag sowie eine musikalische Andacht in der Lutherkirche Wellingsbüttel unter strengen Auflagen statt. Gottesdienstbesucher müssen einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten, Mund-Nasen-Schutz tragen und ihre Kontaktdaten hinterlassen.

Trotz aller Einschränkungen betont Bräunig, dass es auch in Zeiten von Corona Grund zur Hoffnung gibt. „Durch die Auferstehung Christi hat der Tod nicht das letzte Wort,“ sagt sie. Sie legt Wert darauf, in ihren Ansprachen das Leben der Verstorbenen zu würdigen und es vor dem Horizont der Hoffnung auf ein ewiges Leben zu betrachten. „Ich glaube, dass unsere christliche Botschaft auch in dieser Zeit genauso trägt. Mein großer Trost ist doch, dass wir unsere Verstorbenen eines Tages wiedersehen.“ 


Chatandacht am Ewigkeitssonntag

Am Ewigkeitssonntag, dem 22. November 2020, um 18.00 Uhr findet auf www.trauernetz.de eine Online-Andacht mit Chat statt. Sie bietet Trauernden, die aktuell nicht an einem Gemeindegottesdienst teilnehmen können, eine Möglichkeit des Gedenkens. Auf dem Portal können Angehörige außerdem Online-Gedenkseiten für Verstorbene anlegen.