04.11.2026
Musikalischer Friedensappell

Brittens „War Requiem“ auf YouTube

Brittens „War Requiem“ auf YouTube

Ein Totenlied für die Lebenden

Am 4. November ist die Aufführung von Benjamin Brittens War Requiem auf YouTube erschienen: Der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein hatte das Werk im Februar 2025 in die Laeiszhalle gebracht. Hinter der Musik steht die Geschichte eines jungen Soldaten, der das Ende des Ersten Weltkriegs um sieben Tage verpasste. 

Das Leid des Krieges

Sieben Tage fehlen bis zum Waffenstillstand von Compiègne, als Wilfred Owen stirbt. Am 4. November 1918 fällt der britische Soldat und Dichter bei Ors in Frankreich. Er ist 25 Jahre alt. In seinen Gedichten hat er festgehalten, was Krieg mit Menschen macht: die Angst, das Sterben, die zerstörten Hoffnungen.

Den Frieden durfte er nicht erleben. Seine Worte aber haben ihn überlebt, unter anderem in einem Werk, das mehr als vier Jahrzehnte später entsteht: Benjamin Brittens War Requiem.

Am 23. Februar 2025 brachte der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein dieses musikalische Mahnmal auf die Bühne der Hamburger Laeiszhalle. Mit der Veröffentlichung der Aufzeichnung auf YouTube sorgen die Kreiskantoren Jonas Kannenberg, Eberhard Kneifel und Finnegan Schulz sowie der Dirigent Frank Löhr nun dafür, dass eine breite Öffentlichkeit digitalen Zugang zum Werk hat.

Der Termin liegt genau einen Monat vor Brittens 50. Todestag: Der Komponist starb am 4. Dezember 1976. Zugleich ist es Owens Todestag. Zwei Lebensgeschichten, die im „War Requiem“ zusammenfinden, berühren sich damit auch im Kalender.

Eine neue Kathedrale, keine Antwort ohne Widerspruch

Die Geschichte des Werks führt nach Coventry. Deutsche Bomben zerstörten dort 1940 die mittelalterliche Kathedrale. Neben der Ruine entstand ein Neubau, verbunden mit dem Anliegen der Versöhnung. Für dessen Einweihung schrieb Britten sein „War Requiem“. Am 30. Mai 1962 wurde es uraufgeführt. Der überzeugte Pazifist schuf keine Siegesmusik, sondern ein Werk über die Verwüstung, die Krieg im Leben von Menschen hinterlässt.

Dafür brachte er zwei sehr unterschiedliche Texte zusammen: die lateinische Totenmesse und neun englischsprachige Gedichte Owens. Auf die überlieferten Gebete antworten die Erfahrungen eines Menschen, der den Krieg selbst erlebt hat. Wo die Liturgie um Ruhe für die Toten bittet, erzählen die Gedichte vom gewaltsamen Sterben. Trost und Widerspruch stehen nebeneinander. Die Musik löst diese Spannung nicht einfach auf.

Auch klanglich hält Britten unterschiedliche Welten auseinander. Dem großen Chor und Orchester stehen die Gesangssolisten mit einem Kammerorchester gegenüber; hinzu kommt ein räumlich entrückter Kinderchor. So wechselt das Werk zwischen gemeinschaftlichem Gebet und einzelnen, verletzlichen Stimmen. Hinter dem Wort „Kriegstote“ werden Menschen hörbar.

Hamburger Chöre tragen die Mahnung weiter

Für die Aufführung in Hamburg kamen nach intensiver Probenarbeit rund 150 Mitwirkende zusammen, darunter zahlreiche Sängerinnen und Sänger aus Kirchengemeinden. Unter der Leitung von Frank Löhr musizierten die Hamburger Camerata, der aus hauptamtlichen Kirchenmusiker*innen des Kirchenkreises bestehende Conventus Cantorum, der Bergedorfer Kammerchor, die Cappella Vocale Blankenese, die Kammerchöre Groß Flottbek und Niendorf sowie der Mädchenchor Hamburg. Die Solopartien übernahmen Johanna Winkel, Michael Connaire und Georg Gädker.

Das Konzert fand am Vorabend des dritten Jahrestags des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine statt. Damit stand Brittens Werk nicht allein als Erinnerung an vergangene Kriege auf dem Programm. Die Aufführung war auch ein Friedensappell aus Hamburg, getragen von Menschen, die ihre Stimmen und ihre musikalische Arbeit dafür zusammenbrachten.

Mit der geplanten Veröffentlichung wird dieser Abend auch für diejenigen zugänglich, die nicht in der Laeiszhalle dabei sein konnten. Wer das Konzert erlebt hat, kann dem Werk erneut begegnen. Es verlangt keine musikwissenschaftlichen Vorkenntnisse, wohl aber die Bereitschaft, sich auf Trauer, Unruhe und die Sehnsucht nach Frieden einzulassen.

Britten stellte seiner Partitur Worte Owens voran: „Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist: warnen.“ Mit dem War Requiem hat er dieser Warnung eine musikalische Form gegeben. Nun ist sie erneut zu hören.

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