„Seit ich das Alte Testament gelesen habe, verstehe ich Netanjahu.“ Mit dieser Bemerkung über den israelischen Premierminister wandte sich nach dem 7. Oktober eine Frau an den Alttestamentler Marcel Krusche. Sie meinte damit, im Alten Testament eine Religion der Rache und Vergeltung zu erkennen – das alte Bild vom „rachsüchtigen Gott“ des Alten Testaments.
Für Krusche zeigt diese Begegnung, wie stark solche Deutungen bis heute nachwirken. Antisemitismus ist in Deutschland wieder sichtbarer geworden – und viele seiner Bilder reichen weit zurück. Ein Gespräch über antijüdische Bibeldeutungen, ihre Wirkungsgeschichte und die Verantwortung der Kirchen heute.
Lale Raun: Herr Krusche, seit dem 7. Oktober wird wieder viel über Antisemitismus gesprochen. Warum tritt er gerade jetzt wieder so sichtbar hervor?
Marcel Krusche: Antisemitismus war nie ganz verschwunden. Seit dem 7. Oktober ist er aber wieder deutlich sichtbarer geworden. Er äußert sich heute nicht zuletzt als radikale Kritik am Staat Israel – und greift dabei zum Teil auf sehr alte antijüdische und antisemitische Stereotype zurück.
„Der christliche Antijudaismus hängt eng mit der Entstehung des Christentums zusammen“
Antisemitismus wird oft vor allem mit dem Nationalsozialismus verbunden. Dabei griff auch er auf viel ältere Feindbilder zurück. Welche Rolle spielt dabei die christliche Tradition?
Viele antisemitische Feindbilder sind deutlich älter als der Nationalsozialismus. Ein wichtiger Teil ihrer Geschichte liegt auch im christlichen Antijudaismus. Damit ist eine religiös begründete Ablehnung von Judentum und Juden gemeint, während Antisemitismus im engeren Sinne eine rassistisch begründete Judenfeindschaft bezeichnet – wobei es zwischen beiden Formen auch fließende Übergänge gibt.
Der christliche Antijudaismus hängt eng mit der Entstehung des Christentums zusammen. Das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen. In diesem Ablösungsprozess entstand auch der Versuch, sich vom Judentum abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln. Für das Christentum war es eine Art narzisstische Kränkung, dass es in Jesus den verheißenen jüdischen Messias gesehen hat, die Mehrheit des Judentums ihn aber nicht als solchen anerkannt hat. In der Folge entstanden Vorwürfe und Stereotype gegenüber Juden, die sich über Jahrhunderte hinweg weitergetragen haben.
„Bereits in der frühen Kirche entstand sogar die Vorstellung, Juden seien als „Christusmörder“ zugleich auch „Gottesmörder““
Rückblickend verdichtet sich dieser Ablösungsprozess in den Ereignissen rund um Karfreitag und Ostern. Welche Rolle hat die Passionsgeschichte später in der Geschichte des Antijudaismus gespielt?
In den Passionsgeschichten finden sich Motive, die später antijüdisch ausgelegt wurden. So heißt es im Matthäusevangelium etwa, Pilatus habe erkannt, dass Jesus „aus Neid“ überliefert worden sei (Mt 27,18).
Auch die Figur des Judas spielt eine große Rolle. Er verrät Jesus für dreißig Silberstücke – und schon durch seinen Namen wurde er später eng mit dem Judentum verbunden. Daraus entwickelte sich auch das stereotype Bild vom verräterischen oder geldgierigen Juden.
Besonders wirkmächtig wurde auch eine andere Stelle: Im Matthäusevangelium ruft die Menge vor Pilatus „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25). In der Wirkungsgeschichte wurde das oft so verstanden, als hätten „die Juden“ selbst die Schuld am Tod Jesu auf sich genommen. Bereits in der frühen Kirche entstand sogar die Vorstellung, Juden seien als „Christusmörder“ zugleich auch „Gottesmörder“.
Wenn man die Passionsgeschichten historisch betrachtet: Was lässt sich über die Umstände von Jesu Hinrichtung tatsächlich sagen?
Man kann hier zunächst auf das Glaubensbekenntnis schauen. Dort heißt es: „gelitten unter Pontius Pilatus“. Diese Formulierung verweist darauf, dass die Verantwortung für Jesu Tod im römischen Machtbereich verortet wird.
Historisch können wir die einzelnen Szenen der Passion nicht exakt rekonstruieren – die Evangelien sind literarische Texte, die Jahrzehnte später entstanden. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass Jesus von den römischen Behörden hingerichtet wurde. Die Kreuzigung war eine römische Hinrichtungsform, die vor allem gegen politische Aufrührer angewendet wurde. Jesus dürfte deshalb als Unruhestifter oder Aufrührer verurteilt worden sein.
In den Texten wird die Rolle der Römer allerdings teilweise heruntergespielt, die jüdische Schuld an Jesu Tod dagegen umso stärker betont. Das hat später zu problematischen Deutungen geführt.
„Die ersten Christen waren selbst jüdische Menschen, die in Jesus den Messias sahen.“
Warum wird in den Evangelien die Rolle der Römer teilweise abgeschwächt – und die Verantwortung stärker auf jüdische Akteure gelegt?
Die Texte sind mehrere Jahrzehnte nach Jesu Tod entstanden. Die frühen Christen lebten als bedrängte Minderheit im Römischen Reich und wollten nicht politisch verdächtig erscheinen – deshalb wurde die römische Verantwortung teilweise zurückhaltender dargestellt.
Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Das Christentum begann als Bewegung innerhalb des Judentums. Die ersten Christen waren selbst jüdische Menschen, die in Jesus den Messias sahen. Gerade aus diesem innerjüdischen Konflikt heraus entstanden später viele der antijudaistischen Deutungen.
„Eine Frau sagte zu mir: „Seit ich das Alte Testament gelesen habe, verstehe ich Netanjahu.““
Wie präsent sind solche Deutungen heute noch?
Ich erinnere mich an eine Begegnung nach dem 7. Oktober im Kontext der folgenden israelischen Angriffe im Gazastreifen. Eine Frau sagte zu mir: „Seit ich das Alte Testament gelesen habe, verstehe ich Netanjahu.“
Sie meinte damit, im Alten Testament eine Religion der Rache und Vergeltung zu erkennen – also das Bild eines zornigen und gewalttätigen Gottes. Das prägt dann angeblich auch das Handeln jüdischer Menschen. Dieses Bild hat in der christlichen Tradition eine lange Geschichte: Man stellte dem angeblich strafenden Gott des Alten Testaments den liebenden Gott des Neuen Testaments gegenüber.
Auch das ist ein klassisches antijüdisches Stereotyp. Denn es beruht auf einer starken Vereinfachung beider Testamente. Auch im Alten Testament ist vielfach von einem barmherzigen, gnädigen und gütigen Gott die Rede. Und umgekehrt kennt auch das Neue Testament durchaus Texte über Gericht und Zorn Gottes. Die Hebräische Bibel als Altes Testament und das Neue Testament sind beide Teile der christlichen Bibel und lassen sich nicht auf diese Weise auseinanderdividieren.
Was bedeutet es für das Christentum, wenn es sich seiner jüdischen Wurzeln bewusst bleibt?
Zunächst einmal bedeutet das anzuerkennen, dass Jesus selbst Jude war und das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist. Diese gemeinsame Herkunft ist zentral für das christliche Selbstverständnis. Ohne unsere jüdischen Wurzeln könnten wir Jesus nicht als Christus bekennen.
Zugleich heißt es, sich bewusst zu machen, dass die Schriften des Alten Testaments ursprünglich zum Judentum gehören. Christen sind nur die zweiten Adressaten dieser Texte. Man kann sie auch christlich deuten – etwa im Blick auf Jesus Christus –, aber im Bewusstsein, dass das nicht die ursprüngliche oder sogar die einzig mögliche Bedeutung, sondern erst eine nachträgliche Lesart der Texte ist.
Wenn man sich dieser jüdischen Wurzeln bewusst bleibt, wird deutlich, wie viel beide Traditionen teilen: gemeinsame Texte, gemeinsame religiöse Begriffe und viele gemeinsame Vorstellungen von Gott und Gerechtigkeit.
„Wer sich zum Christentum bekennt und zugleich Hass gegen Juden schürt, widerspricht den eigenen religiösen Grundlagen“
Dass Christen ihre jüdischen Wurzeln so deutlich wahrnehmen, war lange keine Selbstverständlichkeit. Wann setzte hier ein Umdenken ein?
Die Shoah war eine entscheidende Zäsur. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Kirchen langsam, ihr Verhältnis zum Judentum kritisch zu überdenken. Ein erster Schritt war die Stuttgarter Schulderklärung von 1945, in der die evangelische Kirche erstmals Schuld und Versagen während der NS-Zeit bekannte, wobei die Schoah darin nicht ausdrücklich benannt wurde. Erst Jahre später wurde auch die Mitverantwortung daran reflektiert.
Ein grundlegendes Umdenken geschah nicht von heute auf morgen. Dieser Prozess hat Jahrzehnte gedauert – und ist auch bis heute nicht abgeschlossen.
Was folgt aus dieser Geschichte für christliche Kirchen heute?
Christliche Verantwortung im Blick auf Antisemitismus beginnt zunächst mit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Kirchen müssen offen benennen und bekennen, wo christliche Traditionen zur Verbreitung von Judenfeindschaft beigetragen haben.
Gleichzeitig gilt: Antisemitismus steht sachlich im Widerspruch zum christlichen Glauben. Wer sich zum Christentum bekennt und zugleich Hass gegen Juden schürt, widerspricht den eigenen religiösen Grundlagen – schließlich liegen die Wurzeln des Christentums im Judentum.
Daraus ergibt sich auch eine grundsätzliche Aufgabe: überall dort aufzustehen und zu widersprechen, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion abgewertet oder pauschal verdächtigt werden. Christlicher Glaube beruft sich auf die Nächstenliebe und auf die Vorstellung, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist. Eine rassistische Herabsetzung von Menschen widerspricht diesem Glauben fundamental.
Vielen Dank für das Gespräch!