08.01.2026
Sturmtief Elli

Hamburg im Extrem-Winter: Was Kirche trotz allem leistet

Eine Kirche in Hamburg im Schnee

Auch jetzt ist Kirche da

Sturmtief „Elli“ legt Hamburg lahm. Viele Kitas und alle Schulen bleiben geschlossen, auf den Straßen kämpfen sich Menschen durch Schneeverwehungen. Doch gerade jetzt zeigt sich auch, was Kirche sein kann: ein Ort, der ansprechbar bleibt, wenn draußen vieles stillsteht.

Von Lale Raun, Felix Wienen, Rike Lohmann, Brigitte Könemann, Christian Schierwagen und Marco Tripmaker

Seit Donnerstagmorgen liegt Stille über vielen Hamburger Friedhöfen. Keine Trauergemeinde, keine Sargträger – nur das leise Knirschen unter den Stiefeln eines Friedhofsmitarbeiters, der Absperrbänder kontrolliert. Die Stadt hat entschieden: zu gefährlich. Äste brechen unter der Schneelast, Wege sind vereist. Wer einen Angehörigen beerdigen will, muss gegebenenfalls warten.

Die staatlich getragenen Friedhöfe, darunter Ohlsdorf und Öjendorf, sind seit Donnerstag für den Publikumsverkehr gesperrt, geplante Trauerfeiern dort bis auf Weiteres abgesagt. 

Auch auf kirchlichen Friedhöfen wird derzeit sehr genau geprüft, was verantwortbar ist. Als Friedhofsbeauftragter empfiehlt Daniel Klandt den kirchlichen Friedhöfen, die Anlagen für den allgemeinen Publikumsverkehr zu sperren und die Gefahrenlage vor Ort individuell zu bewerten.

„Wenn es keine Gefahr gibt – etwa durch umstürzende Bäume oder herabfallende Äste – können Trauerfeiern stattfinden“, sagt Klandt. Können Kapellen, Kirchen, Parkplätze oder Grabstätten jedoch nicht sicher erreicht werden, müssten Termine kurzfristig verschoben werden. In manchen Fällen bleibe der Sarg nach der Trauerfeier zunächst in der Kühlung, die eigentliche Beerdigung werde auf einen Tag mit besseren Wetterbedingungen verlegt. Ob Trauerfeier, Beisetzung oder beides verschoben werden, sei immer eine Einzelfallentscheidung – abhängig von der Situation auf dem jeweiligen Friedhof und auch von der Sicherheit der Mitarbeitenden.

Die Kirchengemeinden versuchen in solchen Situationen aufzufangen, was aufzufangen ist – mit Telefonaten, persönlichen Gesprächen und zeigen damit: Wir sind da!
 

Gottesdienste: Gemeinden entscheiden kurzfristig

Kirche Nienstedten im Winter

Ob am Sonntag die Glocken läuten und Gottesdienste stattfinden können, ist vielerorts noch offen. Einige Gemeinden in den beiden Hamburger Kirchenkreisen Ost und West/Schleswig-Holstein haben bereits abgesagt, andere entscheiden kurzfristig. Wer sichergehen will, sollte am Samstagabend noch einmal auf die Website seiner Gemeinde schauen oder kurz anrufen. Wo Gottesdienste stattfinden, wird gestreut und geräumt. Mancher Gottesdienst wird angesichts des Wetters vermutlich nur von wenigen besucht werden – aber er findet statt.

Kitas und Gebäude: Sicherheit geht vor

Friedhof Stellingen im Schnee

Analog zu den Schulen in Hamburg bleiben auch die Kindertagesstätten im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein am Freitag geschlossen. “Bei einem Wetterereignis wie einem Blizzard ist es nicht verantwortbar, den ordnungsgemäßen Kita-Betrieb aufrecht zu erhalten. Wir stehen in Verantwortung gegenüber den Kindern, den Eltern und auch den Mitarbeitenden“, sagt Peer Schmidt-Ohm, Geschäftsführer des KITA-Werkes. Für diesen Schritt bitte er um Verständnis. 

An vielen kirchlichen Gebäuden müssen Wege gesperrt werden. „Wir haben aktuell ein Problem mit Eiszapfen, etwa im Trinitatis-Quartier. Um Passantinnen und Passanten zu schützen, müssen wir Bereiche absperren“, sagt Michael Benthack, Geschäftsführer von bauwerk KIRCHLICHE IMMOBILIEN. Die Schnee- und Eisreinigung sei in den Gemeinden ausgelagert und gut geregelt, doch auch Alltägliches bereite Probleme: eingefrorene Türschlösser oder blockierte Wegpforten. Eine solche Wetterlage kenne er sonst eher aus dem Norwegen-Urlaub.
 

Wärme, wo sie am nötigsten ist

Die Alster im Schnee

Während in den Vorstädten Kinder Schneemänner bauen, geht es wenige Kilometer weiter um Leben und Tod. Für Menschen ohne Obdach kann eine Nacht bei zweistelligen Minusgraden lebensgefährlich sein. Angesichts der aktuellen Wetterlage zeigt sich die Diakonie Hamburg besonders besorgt um die Menschen, die weiterhin auf der Straße schlafen.

„Es ist erfreulich, dass die Auslastung des Hamburger Winternotprogramms bereits bei rund 90 Prozent liegt. Aber wir sorgen uns um diejenigen, die noch draußen sind“, sagt Annika Woydack, Vorstandsvorsitzende und Landespastorin der Diakonie Hamburg. Sie appelliert an alle Hamburgerinnen und Hamburger, hinzusehen und zu handeln: „Es geht um Mitmenschlichkeit. Bitte sehen Sie nicht weg, sprechen Sie Menschen an und holen Sie im Zweifel Hilfe.“

Die Diakonie ruft dazu auf, obdachlose Menschen aktiv anzusprechen, warme Getränke oder etwas zu essen anzubieten und bei akuter Gefahr oder gesundheitlichen Problemen den Rettungsdienst unter 112 zu rufen. Als zusätzliche Maßnahme regt sie an, auch öffentliche Orte als Kälteschutzräume zu öffnen – etwa U- und S-Bahnhöfe.

In der Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie (TAS) in der Bundesstraße sind alle Angebote geöffnet: Essen und Getränke, medizinische Versorgung, Duschen, Wäsche. „Wir machen unsere Arbeit so wie sonst auch, wir sind vor Ort, alle Angebote finden statt“, sagt Frederick Lücking. Zugleich erschwere das Wetter auch den Mitarbeitenden den Weg zur Arbeit.
 

Mitternachtsbus und Straßensozialarbeit

Der Mitternachtsbus der Diakonie im Schnee

Auch der Mitternachtsbus der Diakonie ist weiterhin jede Nacht im Einsatz. Ehrenamtliche fahren zu den Schlafplätzen obdachloser Menschen und versorgen sie mit heißen Getränken, Brot, warmen Decken und Kleidung. Zudem informieren sie über weiterführende Hilfsangebote und freie Plätze im Hamburger Winternotprogramm.

„Für die kalten Nächte haben wir dicke Socken, warme Schuhe und andere Winterbekleidung an Bord, damit sich die Leute nachts so gut es geht warmhalten können“, sagt Sonja Norgall, Leiterin des Mitternachtsbusses. Neben der praktischen Hilfe gehe es vor allem um Zuwendung und darum, Menschen nicht allein zu lassen.

Der Mitternachtsbus wird vollständig aus Spenden finanziert und ist auch bei Schnee und Eis unterwegs.
 

Offene Kirchen, warme Räume

Die St. Pankratius in Ochsenwerder

In vielen Gemeinden bleiben Kirchen und Gemeindezentren geöffnet, wo es sicher möglich ist. In St. Nikolai ist der Kirchraum zugänglich, außerdem findet wie gewohnt die Ausgabe von Lebensmitteln und einer warmen Mahlzeit über die Tafel statt.
In Steilshoop öffnet die Kirchengemeinde Martin-Luther-King täglich Angebote für ältere, alleinstehende und materiell schlecht gestellte Menschen. Im Gemeindezentrum ist es warm, es gibt Essen und Getränke. Auch im Gemeindezentrum neben der Osterkirche Bramfeld kommen tagsüber und abends Menschen zusammen, um sich aufzuwärmen. In Harburg bieten mehrere Gemeinden Wärmeräume an; in der St.-Johanniskirche öffnet das Café Refugio jeden Abend, am Samstag gibt es eine kostenlose Mittagsmahlzeit.

In der Hauptkirchengemeinde St. Trinitatis Altona an der Königstraße ist die Kirche tagsüber geöffnet und im Winter leicht beheizt. In unmittelbarer Nähe befindet sich die Obdachlosentagesstätte MAhL ZEIT, an die im Notfall verwiesen wird. „Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend“, sagt Pastor Morche. Zusätzliche Maßnahmen habe man bislang nicht ergriffen – werde aber reagieren, sollte sich ein Bedarf zeigen.
 

Nähe auch jenseits der Stadt

Auch im ländlichen Raum des Kirchenkreises Hamburg-West/ Südholstein prägt das Wetter das Gemeindeleben. In Haseldorf wurde der Seniorennachmittag abgesagt. Die Gemeindesekretärin rief alle Teilnehmenden persönlich an. „Wir gehen ins Gespräch, kümmern uns und motivieren dazu, dass die Seniorinnen und Senioren untereinander telefonieren“, sagt Pastor Dr. Helmut Nagel. Der Seniorennachmittag sei für viele ein Höhepunkt der Woche.

Der Gottesdienst am Sonntag findet dennoch statt – in der fünf Kilometer entfernten Dorfkirche in Hetlingen. „Die Menschen entscheiden selbst, ob sie kommen wollen. Die Glocken läuten. Ich arbeite mich vorsichtig durch und bin auf jeden Fall da. Und auch wer nicht kommt, weiß: Da sind Menschen, die beten. Es gibt etwas, das bleibt“, so Nagel.
 

Kreative Lösungen und Verantwortung

Das Haus der Kirche in Niendorf

In Norderstedt findet der ökumenische Neujahrsempfang aller Kirchengemeinden trotz Schnee statt – mit weniger Gästen als sonst. Gekocht wird von der Frauen-Geflüchtetengruppe „Mondfrauen“. Da mit wenig Besuch gerechnet wird, soll das Essen später in Geflüchtetenunterkünften verteilt werden. 

Eine besondere Entscheidung hat die Gemeinde ebenfalls getroffen: Wer wegen Schnee und Glätte unsicher ist, bekommt für den Weg zu Gottesdiensten und Veranstaltungen ein Taxi spendiert. 
Auch soziale Beratungsstellen arbeiten weiter. In Harburg und Wilhelmsburg im Kirchenkreis Hamburg Ost unterstützen Mitarbeitende Menschen dabei, einen Platz im Winternotprogramm zu finden. „Viele leben trotz allem noch auf der Straße und brauchen dringend Hilfe“, sagt Richard Luther.

Der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein hat seinen Mitarbeitenden empfohlen, bei der Wetterlage am Freitag aus dem Homeoffice zu arbeiten. „In diesen winterlichen Tagen steht für uns die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vordergrund“, sagt Propst Frie Bräsen.

Aktuelle Informationen zu Absagen und Hilfsangeboten finden Sie auf kirche-hamburg.de oder direkt bei Ihrer Kirchengemeinde vor Ort.

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