11.03.2026
Gewalt an Frauen

Jahrelang Gewalt – und dann? Eine Psychologin im Frauenhaus erzählt

Eine Frau im Wald und betet

Die Arbeit einer Psychologin im Frauenhaus

Mehr als jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben Gewalt – viele halten jahrelang durch, bevor sie gehen. Im Hamburger Frauenhaus „Haus Kumi“ begleitet Psychologin Marie Geppert Frauen, die den Schritt ins Frauenhaus schaffen. Sie erzählt, wie sich Trauma anfühlt, warum psychologische Unterstützung dort die Ausnahme ist – und was es braucht, damit Frauen wirklich neu anfangen können.​

Von Christian Schierwagen

Im Jahr 2024 wurden mehr als 265.000 Menschen Opfer häuslicher Gewalt – 70 Prozent davon waren weiblich. Das Bundeskriminalamt spricht von einem Höchststand. Bei Marie Geppert und ihren Kolleg*innen in einem Hamburger Frauenhaus landen keine Zahlen, sondern Menschen: Frauen, die – so sagt es der Durchschnitt – sieben Jahre brauchten, um sich aus ihrer gewaltvollen Beziehung zu lösen.

Und die mit höchst belastenden psychischen Symptomen zu ihnen kommen. „Wir sehen sehr häufig die Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung“, erklärt die Psychologin im Gespräch. „Das zeigt sich in Albträumen, Flashbacks, einer hohen inneren Anspannung und Schreckhaftigkeit, oft verbunden mit Gefühlen von Schuld und Scham.“

Wer ins „Haus Kumi“ des Diakonischen Werks Hamburg‑West/Südholstein kommt, einem Frauenhaus, das auf die Unterbringung von psychisch erkrankten Frauen spezialisiert ist, hat einen immensen Schritt getan – und steht gleichzeitig oft vor den Trümmern des einstigen Lebens, leidet unter Einsamkeit und dem Wegbrechen des Alltags.​

Eine psychologische Begleitung dieser Menschen in Krisensituationen scheint naheliegend – ist jedoch absolut keine Selbstverständlichkeit: Marie Geppert ist eine der wenigen Psychologinnen, die fest in einem Frauenhaus angestellt sind – nur in München wurden kürzlich zwei weitere Stellen geschaffen. Im Interview sprechen wir mit ihr über Finanzierung, psychische Folgen von Gewalt – und Vergebung.​

So eine psychologische Begleitung ist eigentlich naheliegend

Geppert war sehr überrascht, als sie erfuhr, dass ihre Stelle Teil eines Modellprojekts und kein flächendeckender Standard ist. „So eine Begleitung ist eigentlich wahnsinnig naheliegend.“ Tatsächlich arbeiten auch andere Psycholog*innen in Frauenhäusern – allerdings im Stellenprofil von Sozialarbeiterinnen.​​

„Die Sozialarbeiter*innen leisten großartige Arbeit in der alltäglichen Begleitung der Frauen, von Behördengängen über finanzielle Fragen und Wohnungssuche“, erklärt die Psychologin. Darüber hinaus bietet Geppert den Frauen einen geschützten Raum, in dem Themen wie Angst, Scham und Selbstwert einen Platz haben dürfen. Die psychologische Begleitung ist ein Angebot, das von vielen Frauen dankbar angenommen wird. „Anders als in einer psychotherapeutischen Praxis arbeite ich hier deutlich mehr im Krisenmodus“, beschreibt Geppert ihre Arbeit. „Es geht vor allem um Stabilisierung und Ressourcenaktivierung, darum, Sicherheit und Orientierung zu geben. Weniger um langfristig angelegte Therapieprozesse.“​

Das geschieht unter anderem durch stabilisierende Imaginationsübungen wie den „Inneren sicheren Ort“, bei dem sich die Frauen einen Ort ausmalen, in den sie sich gedanklich hineinversetzen und Sicherheit empfinden können. Eine weitere Methode ist der „imaginäre Tresor“, in dem belastende Bilder, Erfahrungen und Gefühle symbolisch verschlossen werden, um Abstand zu gewinnen. Ziel sei es, so Geppert, die Frauen dabei zu unterstützen, im Hier und Jetzt anzukommen und ihre emotionale Stabilität schrittweise zu stärken.

Ein neutraler Ort – und eine persönliche Glaubensquelle

Dabei ist das Frauenhaus bewusst als neutraler Raum konzipiert worden – dass es sich hierbei um eine diakonische Einrichtung handelt, sei den Frauen in der Regel gar nicht klar, sagt Geppert. „Wir haben viele Frauen mit ganz unterschiedlichen Glaubenshintergründen und das Ziel ist, dass sich hier wirklich alle bei uns willkommen fühlen.“ Für sie persönlich sei ihr christlicher Glaube ein wichtiger Resilienzfaktor im Umgang mit den Belastungen des Arbeitsalltags.​

Im Kontext des christlichen Glaubens sprechen wir auch über Vergebung – und hier ist es der Psychologin sehr wichtig, darauf zu achten, was genau man damit meint. „Für die psychische Genesung ist es nicht hilfreich, Vergebung zu definieren als ein: ‚Ich setze mich dieser Situation wieder aus, weil alles nur halb so wild ist.‘“

Häufig sei das Ausharren oder Zurückkehren in eine gewaltvolle Beziehung auf eine sogenannte Traumabindung zurückzuführen. Dabei entsteht durch das Wechselspiel von Zuwendung und Gewalt eine starke emotionale Bindung an die verletzende Person. Die quälende Frage lautet oft: Wie kann mich die Person, die mich doch eigentlich liebt, so verletzen? „Die Antwort wird leider oft bei sich selbst gesucht: Was habe ich falsch gemacht und was kann ich tun, damit es aufhört?“ Viele Betroffene würden dazu tendieren, die Schuld bei sich selbst zu suchen – obwohl sie klar beim Täter liegt, erklärt die Psychologin. Entlastend könne hingegen die Form von Vergebung sein, bei der man sagt: „Ich lasse jetzt los.“ Dabei gehe es darum, den Täter innerlich zu entmachten und den Fokus auf die Zukunft zu legen.​​

Rufbereitschaft rund um die Uhr – mit begrenzten Mitteln

Mit vier Teilzeitkräften – Geppert ist eine davon – wird im Haus eine 24/7‑Rufbereitschaft abgedeckt. In unserem Gespräch erwähnt sie wenig Schlaf am Wochenende, weil es sehr viele Anrufe gab. „Wir sind immer erreichbar, egal ob es um psychische Krisen geht oder weil eine Frau sich gerade ausgeschlossen hat.“​

Gerade in Urlaubszeiten oder Krankheitsphasen würde sie die steigende Belastung deutlich spüren, gleichzeitig betont sie im Gespräch, wie gut man vergleichsweise mit vier Teilzeitkräften für die Betreuung von elf Frauen aufgestellt sei. Denn auch das ist klar: „Die Qualität der Arbeit ist sehr eng an die finanziellen Ressourcen gekoppelt.“​

Und die sind begrenzt – in diesem wie auch in jedem anderen Frauenhaus. Frauenhäuser sind ein „sicherer Ort für Frauen, Mütter und ihre Kinder“, so beschreibt es die Diakonie Hamburg. Doch dieser Schutzraum ist begrenzt: In ganz Deutschland gibt es rund 400 Frauenhäuser, rund 14.200 Frauen und 16.000 Kinder und Jugendliche suchten 2024 dort Schutz. Platz ist lediglich für rund 7.700 Personen. Laut Istanbul‑Konvention müssten es etwa 21.000 Plätze geben. „Eine verlässliche Finanzierung würde auch bedeuten, mehr Personal, Platz und Zeit zu haben – vielleicht auch mehr Stellen für Psycholog*innen.“​

Gewalt hinterlässt Spuren – bei jeder Dritten

Für Geppert ist klar, dass Frauen diese Fachunterstützung benötigen, da Gewalt immer Spuren hinterlässt. „Es kann nicht oft genug gesagt werden: Jede dritte Frau erfährt in ihrem Leben mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt. Jede Dritte! Wenn es so viele Frauen betrifft, dann betrifft es uns am Ende alle, im privaten Umfeld und Alltag sowie politisch und strukturell.“​

Trotz aller finanziellen und strukturellen Widrigkeiten zieht die Psychologin sehr viel aus ihrem Beruf. „Für mich war schon bei meiner Bewerbung klar, dass das hier eine sinnstiftende und wertvolle Tätigkeit ist, diese Frauen zu begleiten, die schon diesen großen Schritt raus aus der Gewalt ins Frauenhaus gemacht haben.“ Es gebe ihr Kraft und Stärke zu sehen, wie die Frauen Schritt für Schritt neue Stärke erlangen, sich andere Perspektiven eröffnen und ein neues Leben aufbauen. „Und es gibt mir viel, dass ich daran ein stückweit teilhaben darf und sie begleiten kann.“

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