09.05.2026
Anne Arnholz wird neue Pröpstin an St. Katharinen

„Unsere Aufgabe ist es, die Gottesfrage in die Gesellschaft zu tragen“

„Unsere Aufgabe ist es, die Gottesfrage in die Gesellschaft zu tragen“

Ab Juli 2026 wird Anne Arnholz neue Pröpstin an St. Katharinen. Ein Gespräch über Sinnfragen, Macht, gesellschaftlichen Wandel – und darüber, warum Kirche mehr sein muss als bloße Institution.

Von Lale Raun

St. Katharinen ist vieles zugleich: Historischer Ort, gelebter Glaube, Kunst, Kultur, klassische Gottesdienste. Mitten in der Stadt – zwischen Altstadt, Speicherstadt und HafenCity – wird all das ab Sommer, gemeinsam mit einem dreiköpfigen Pastorinnen-Team, auch in den Händen von Anne Arnholz liegen. 

Unmittelbar am Menschen

Als neue gewählte Pröpstin und Hauptpastorin wird Anne Arnholz einerseits verantwortlich sein – „ganz technokratisch“, wie sie selbst sagt – für die strukturelle Leitung der Propstei, also schlicht Dienstvorgesetzte der Pastorinnen und Pastoren in Hamburg-Mitte. Andererseits – und genau darin liegt das Besondere an St. Katharinen – bleibt sie weiterhin unmittelbar in der Gemeindearbeit: „Diese Kombination hat mich sofort angesprochen: Das Amt der Pröpstin fand ich schon lange spannend – aber ich wollte mich nie komplett aus der Gemeindearbeit herauslösen und diese unmittelbare Arbeit mit Menschen aufgeben. Genau diese Verbindung, Leitung und Gemeinde zusammenzudenken, finde ich an St. Katharinen so besonders.“

„Unsere grundsätzliche Aufgabe ist es, die Gottesfrage wachzuhalten“

Gemeindearbeit also: vor Ort bleiben. Gottesdienste feiern, Gespräche führen, Seelsorge, unmittelbare Arbeit mit Menschen. Und das bleibt wichtig – auch vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen. Aber Gemeindearbeit heißt nicht nur Arbeit nach innen. Sondern zugleich auch: in die Gesellschaft weiter hineinzuwirken, um auch mit jenen in Kontakt zu kommen, die mit Kirche kaum noch Berührungspunkte haben. Das Profil von St. Katharinen lebt genau davon schon jetzt: Kunst, Musik, Literatur, Diskussionen, neue Formate, Begegnungen weit über klassische Formen hinaus. Warum das unbedingt dazugehört?

„Weil es wichtig ist, im Dialog zu bleiben.“ Nicht mehr nur von der Kanzel herab sprechen, „wie es Kirche lange praktiziert hat“, sondern zugleich auch zuhören und aufnehmen. Man könne aus ganz unterschiedlichen Bereichen selbst Denkanstöße mitnehmen, sagt Arnholz, zugleich aber auch in gesellschaftliche Diskurse hineinsprechen. „Auch wir haben eine Perspektive einzubringen, die andernorts oftmals nicht da ist.“

Anne Arnholz steht damit – wie die Kirche insgesamt – mitten in tiefgreifenden Veränderungen. Weniger Mitglieder, weniger Bindung, weniger Selbstverständlichkeit. Die eigentliche Frage dahinter: Wie kann Kirche sich so verändern, dass sie weiterhin Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit bleibt – nicht nur als Institution, sondern als Ort, an dem über Sinn, Hoffnung und die Brüche des Lebens gesprochen wird? 

„Unsere grundsätzliche Aufgabe ist es, die Gottesfrage wachzuhalten, indem wir sie mitten in die Gesellschaft und ihre aktuellen Fragen hineintragen.“ „Wir ringen gemeinsam um Gott, es geht nicht um fertige Antworten. Was können wir glauben? Was dürfen wir hoffen?“ 

„Ich begleite ja auch Menschen, die an absoluten Abgründen stehen.“

Ihr eigener Glaube sei dabei vor allem von einem Gedanken geprägt: „Dass es bei Gott immer die Möglichkeit gibt, dass es am Ende gut wird.“ Das mag banal klingen, ein bisschen märchenhaft, aber „daraus ergibt sich auch eine gewisse Widerständigkeit, sich nicht mit den Dingen so abzufinden, wie sie sind, sondern nach besseren Möglichkeiten Ausschau zu halten.“ 

Das kann man gewiss nicht immer. Zu oft zeigt sich das Leben in seinen Brüchen, seiner Härte, seiner ganzen Überforderung. „Ich begleite ja auch Menschen, die an absoluten Abgründen stehen.“ Und dann, sagt sie, müsse man manchmal „stellvertretend für andere glauben“. Wo, wenn nicht in und durch Kirche, bleibt dafür überhaupt noch Raum?

Räume, die im Wandel sind. Denn Menschen suchen, zweifeln, hoffen und glauben unterschiedlich. „Wir kennen es ja von uns selbst“, sagt Arnholz. „Stilistiken und Geschmäcker verändern sich im Laufe des Lebens.“  

Die Zukunft der Kirche müsse deshalb breiter werden: Neben klassischen Gottesdiensten brauche es mehr neue kreative Formate, Räume für Gespräche, Musik, Gemeinschaft. Und trotzdem, sagt Arnholz, sei es ebenso bedeutend, die unterschiedlichsten Menschen immer wieder zusammenzubringen. Das sei auch gesamtgesellschaftlich immens wichtig, weil dort Menschen aufeinandertreffen, die sich außerhalb solcher Räume oft gar nicht mehr begegnen würden. Unterschiedliche Generationen, Lebensrealitäten, Milieus, Frömmigkeiten. In einer Zeit, in der sich vieles immer stärker voneinander trennt, entstehen hier zumindest noch Orte, an denen man gemeinsam an einem Tisch sitzt, singt, spricht. Aber vor allem geht es um das Grundlegendste: „Da zu sein – nicht zweckgebunden im Hinblick auf die eigene Institution, sondern für den anderen, für den Menschen.“

„Wir müssen gut über Macht reden – auch darüber, wie sie in subtilen Formen ausgeübt wird.“

Doch neue Formen entstehen nicht einfach so. Denn Kirche ist eben nicht nur Idee, Gemeinschaft oder Hoffnung – sondern auch eine über Jahrhunderte gewachsene Institution. Ein Stein auf dem anderen. Ein Stein nach dem Nächsten. Manche Strukturen flexibel, andere ausgesprochen robust. Und genau dort beginnt für Arnholz auch die Machtfrage. „Wir müssen gut über Macht reden – auch darüber, wie sie in subtilen Formen ausgeübt wird. Dadurch, dass Menschen lange an bestimmten Orten sind oder Dinge immer schon auf eine bestimmte Weise gemacht wurden, wird oft ganz unterschwellig Macht ausgeübt. Und Menschen, die sich eigentlich gerne einbringen würden, werden ausgebremst“.

Anne Arnholz gehört damit auch zu einer Generation von Theologinnen, die stark von machtkritischen Diskursen geprägt ist. „Vor allem feministische Lektüre hat mich geprägt.“ Das bedeute auch, Machtverhältnisse innerhalb von Kirche und Theologie anders mitzudenken. „Gott teilt Macht letztlich auch mit uns Menschen, legt sie wortwörtlich in unsere Hände.“

Ein bisschen mehr wie Gott in Frankreich

Also liegt nicht alles in den Händen von Anne Arnholz. Pastorin zu sein – und künftig auch Pröpstin – bringt neben den vielen schönen Momenten eben auch Herausforderungen mit sich. „Ich bin eigentlich immer zwischen unterschiedlichen Baustellen unterwegs und hüpfe von einem Ort zum nächsten. Das bringt Freude, Lust, manchmal aber eben auch Belastung mit sich.“

Umso wichtiger seien Ruhe und Rückzug. „Ich genieße Stille. Physische Ruhe. Natur.“ Die mecklenburgische Seenplatte, an der sie aufgewachsen ist, sei für sie bis heute ein Gegenbild zu all der Bewegung und Verdichtung des Alltags geblieben. Und „im Urlaub fahre ich am liebsten kreuz und quer durch Frankreich.“ Ein bisschen weniger Verantwortung, ein bisschen mehr wie Gott in Frankreich eben.

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