Am Sonntag, 31. Mai, stimmen die Hamburgerinnen und Hamburger darüber ab, ob sich die Hansestadt erneut um olympische und paralympische Spiele bewerben soll. Auch in der evangelischen Kirche wird die Debatte geführt – insbesondere Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt, soziale Fragen sowie Inklusion und Teilhabe im Kontext der Paralympics.
Im Gespräch mit Kirche Hamburg erklärt Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, warum sie Olympia für eine große Chance hält – und warum es dabei aus ihrer Sicht um mehr geht als nur um Sport.
„Es ist keine Revolution, sondern eine Evolution.“
Lale Raun: Frau Fegebank, warum sollte Hamburg sich überhaupt für Olympische Spiele bewerben?
Katharina Fegebank: Paralympische und Olympische Spiele sind eine große Chance für die Stadt – für alle Menschen. Aber wir wollen insbesondere, dass es Spiele für alle sind und die Hamburgerinnen und Hamburger davon profitieren. Anders als 2015 setzen wir jetzt auf ein Konzept, bei dem sich die Spiele der Stadt anpassen – und nicht die Stadt irgendwelchen Vorgaben, die gar nicht richtig zu Hamburg passen.
Was wäre diesmal konkret anders als 2015?
2015 setzte das Konzept stark darauf, beispielsweise den Grasbrook komplett olympisch neu zu planen – mit neuen Sportstätten, olympischem Dorf und einem völlig neuen Stadtteil. Jetzt sind es Spiele, die stärker aus der bestehenden Stadt herauswachsen. Wir setzen zum Beispiel zu einem hohen Prozentsatz auf bereits vorhandene Sportstätten. Und wir wollen, dass das, was bleibt, langfristig für die Menschen in der Stadt nutzbar ist. Es ist keine Revolution, sondern eine Evolution.
Wenn Sie von „Evolution statt Revolution“ sprechen: Welche Entwicklungen könnte Olympia beschleunigen?
Dazu gehört auf jeden Fall bestehende Infrastrukturprojekte schneller voranzubringen: den Ausbau des ÖPNV, bessere Bedingungen für Fuß- und Radverkehr oder die Erweiterung des Hauptbahnhofs. Mit Olympischen Spielen hätten wir einen ganz anderen Druck und auch eine andere Verbindlichkeit, solche Projekte tatsächlich umzusetzen.
„Es macht einen Unterschied, ob Olympische Spiele in einer demokratischen Stadt stattfinden“
2015 haben die Hamburgerinnen und Hamburger mehrheitlich gegen Olympia gestimmt – unter anderem aus Sorge vor Kosten, Verdrängung und fehlender Transparenz. Warum sollten diese Argumente heute weniger gelten als damals?
Weil die Konzepte gar nicht richtig miteinander vergleichbar sind. 2015 ging es wie gesagt stärker um einen olympischen Neubau der Stadt. Heute setzen wir auf bestehende Strukturen und auf Entwicklungen, die Hamburg ohnehin vorhat – etwa bei Barrierefreiheit, Klimaschutz oder Stadtentwicklung.
Außerdem gibt es diesmal ein klares Commitment des Bundes. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Spiele 2040 oder 2044 nach Deutschland gehen, ist sehr hoch – sofern wir nicht in einer weltweiten Kriegs- oder Pandemiesituation landen. Diese Chance sollten wir nutzen. Es macht einen Unterschied, ob Olympische Spiele in einer demokratischen Stadt stattfinden, die soziale und ökologische Standards selbst gestalten kann – oder in autoritären Staaten, in denen Menschenrechte oder Arbeitsstandards missachtet werden. Hier hätten wir selbst in der Hand, wie solche Spiele aussehen.
Kritiker und Kritikerinnen befürchten dennoch steigende Kosten und soziale Verdrängung. Können Sie diese Skepsis verstehen?
Natürlich kann ich kritische Fragen verstehen. Aber an vielen Stellen ist es auch ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Wenn zum Beispiel gesagt wird: Dann nehmen wir das Geld lieber für etwas ganz anderes – etwa kostenlose Mittagessen –, funktioniert das so einfach nicht. Wenn paralympische und olympische Spiele nicht kommen, heißt das nicht automatisch, dass plötzlich Milliarden für andere Projekte zur Verfügung stehen.
Es zählt nicht, wen man liebt, wo man herkommt
Großereignisse wie Olympia leben von gemeinsamen Emotionen und dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Kann daraus gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen?
Ich glaube sehr stark an die Kraft solcher Ereignisse. Viele erinnern sich an das „Sommermärchen“ 2006 – diese Stimmung, dieses gesunde Selbstbewusstsein. Und ich glaube, dass Olympia Menschen generationenübergreifend ansprechen kann. Sport ist für mich etwas unglaublich Verbindendes. Da zählt erstmal nicht, wo du herkommst oder wen du liebst. Und daraus kann etwas Gemeinsames entstehen.
Stichwort Gemeinsames: Olympische Spiele wären ohne freiwilliges Engagement kaum denkbar.
Unsere Gesellschaft wäre insgesamt nichts ohne ehrenamtliches Engagement – ob in Kirchen, Sportvereinen oder der Freiwilligen Feuerwehr. Ehrenamt ist der Kitt der Gesellschaft. Und genau das macht Olympia auch interessant: Menschen können nicht nur zuschauen, sondern aktiv mitgestalten.
Ich erlebe gerade in Sportvereinen eine enorme Begeisterung. Da geht es nicht nur um Wettkampf, sondern auch darum, gemeinsam etwas aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Das kann weit über den Sport hinauswirken.
Geschichten von Niederlagen, Freundschaft und Verletzlichkeit
Im Spitzensport entscheiden Sichtbarkeit und Anerkennung oft über maximale Leistung. Aber Menschen lassen sich ja nicht nur über Leistung definieren.
Natürlich geht es bei Olympia um Leistung. Aber die bewegendsten olympischen Momente sind oft andere: das Flüchtlingsteam etwa, in dem Athletinnen und Athleten antreten, die wegen Krieg oder Verfolgung kein eigenes Land vertreten können. Oder Geschichten von Niederlagen, Freundschaft und Verletzlichkeit. Ich denke etwa an Muhammad Ali, der 1996 trotz seiner Krankheit die olympische Flamme entzündet hat. Olympia zeigt deshalb nicht nur sportliche Leistungen, sondern auch, was Menschen darüber hinaus miteinander verbindet.
Woran wird man konkret erkennen können, ob Hamburg durch Olympia tatsächlich langfristig profitiert hat?
Das Gute an festen Deadlines ist – das kennen wir alle aus Schule, Ausbildung, Studium oder dem Job –, dass man Dinge dann auch wirklich erreichen muss. Wir können 2040 oder 2044 nicht einfach sagen: ‚Ups, wir sind leider nicht fertig geworden.‘ Genau daran müsse sich Hamburg messen lassen: an konkreten Fortschritten bei Nachhaltigkeit, Infrastruktur, Mobilitätswende und Barrierefreiheit.
Wie sähe Hamburg fünf Jahre nach den Olympischen Spielen aus?
Vor allem sehe ich eine Stadtgesellschaft, die Lust hat, gemeinsam Dinge zu gestalten und nach vorne zu gehen. Eine aktive und bewegungsfreudige Stadt, in der Menschen sich begegnen.
Und dann sehe ich eine besser vernetzte Stadt mit mehr Barrierefreiheit, besseren Verkehrsverbindungen und neuen Grünflächen. Und ich glaube sehr, dass Olympia ein echter Beschleuniger für Dinge gewesen sein wird, für Dinge, die wir ohnehin erreichen wollen: Klimaneutralität, bessere Mobilität und eine offenere, inklusivere Stadt.
Vielen Dank für das Gespräch!