18.05.2026
Kirche

Zwischen Ponton und Predigt: Die Flussschifferkirche im Hamburger Hafen

Zwischen Ponton und Predigt: Die Flussschifferkirche im Hamburger Hafen

Gotteshaus, Filmkulisse, Veranstaltungsraum

Ein leuchtend blau lackiertes Schiff mit weißem Kreuz, fest vertäut zwischen Elbphilharmonie und Miniaturwunderland: Die Flussschifferkirche ist zugleich Gotteshaus, Filmkulisse, Kulturort – und ein Hamburger Unikat.

Von Rike Fabia Lohmann

Aus der Ferne ist es die leuchtend blaue Lackierung, die ins Auge springt. Nähert man sich der „Hohe Brücke 2“ in der Hamburger Speicherstadt, wird man auch des weißen Kreuzes auf dem Dach gewahr. Und langsam wird deutlich: Dieses Schiff ist keines von vielen. Dieses Schiff ist besonders. 

Fast versteckt im Binnenhafen, schräg gegenüber vom Miniaturwunderland und nur ein paar Schritte vom Shopping-Trubel der Innenstadt entfernt, liegt sie im Wasser: Die Flussschifferkirche. Ein umgebauter Weserleichter aus dem Jahr 1906, 26 Meter lang, sieben Meter breit, auf dessen Rumpf 1952 eine evangelische Kirche erbaut und die am zweiten Advent desselben Jahres geweiht wurde. Sie ist die einzige schwimmende Kirche in Deutschland. 

Diakon Mark Möller geht täglich an Bord

Mark Möller sitzt in der Flussschifferkirche

Eine „Hamburgensie“, wie Mark Möller sagt, „etwas Unverwechselbares, das es so nur in der Hansestadt gibt.“ Der Diakon und Vorsitzende des Fördervereins der Flussschifferkirche geht seit mittlerweile sechs Jahren täglich an Bord. Die Flussschifferkirche ist sein Arbeitsplatz. Angestellt ist er bei der Hauptkirche St. Katharinen, möglich gemacht wurde seine Position durch einen Kooperationsvertrag zwischen Nordkirche, Kirchenkreis und ebenjenem Förderverein.

Insgesamt vier schwimmende Einheiten gehören zu dem außergewöhnlichen Gotteshaus: die Kirche selbst, eine historische Barkasse aus den späten 1930er- oder 1940er-Jahren, ein mittlerer Ponton, der laut Möller im Sommer als „Chillort“ beliebt ist, und ein weiterer Ponton mit Büros, Sanitäranlagen und einem Gemeindesaal. Letzterer ist an drei Seiten verglast. Hier spürt man die Bewegungen des Wassers und blickt zugleich in den Hafen – und auf die Stadt. 

Ein „gerahmter“ Altar, Votivschiffe und Kronleuchter

In den Kirchraum gelangt man über eine kleine Treppe. Unter der weiß gestrichenen Decke spannen sich dunkle Holzbalken, an denen Kronleuchter und Votivschiffe hängen – kleine Modelle, die bei jeder Bewegung des Schiffes sanft mitschaukeln. Für Möller auch nach sechs Jahren jeden Tag aufs Neue berührend: „Ich sehe sie und denke: ‚ach schön, das sind die positiven Schwingungen.‘“ 

Licht fällt von beiden Seiten durch schmale Rundbogenfenster, deren zart getöntes Glas Motive aus Hafen und Stadt zieren. Im Raum stehen einfache Holzstühle, der schlichte Altar an der Vorderseite des Schiffes wird von roten Vorhängen gerahmt und wirkt wie eine kleine Bühne. Über ihm an der Wand und vor ihm auf dem Boden befinden sich Kreuze. Jener gibt bei jedem Schritt einen Hauch nach, als wolle er daran erinnern dass diese Kirche eins ist, mit dem Element Wasser.

Wurzeln in der Binnenschiffermission

Die Flussschifferkirche steht in einer über 150-jährigen Tradition der Binnenschiffermission, die auf Johann Hinrich Wichern zurückgeht. Wichern, geboren und gestorben in Hamburg, war ein evangelischer Theologe und Sozialreformer des 19. Jahrhunderts, der als Begründer der Inneren Mission und der Diakonie gilt. Er setzte sich besonders für arme und ausgegrenzte Menschen ein – seine Idee, die Kirche zu den Menschen zu bringen, legte den Grundstein für die Binnenschiffermission, in deren Tradition die Flussschifferkirche steht. 

Heute sind die, die kommen, allerdings nur selten Binnenschifferinnen und -schiffer. „Wir haben eher ein Drittel feste Gottesdienstbesuchende, dazu viele Hamburger*innen mit Besuch und Tourist*innen, die mal was anderes sehen wollen als eine klassische Kirche“, sagt Möller. Und: Die Flussschifferkirche ist eine Art Pilgerort: Familien mit Kindern, die die Serie „Die Pfefferkörner“ kennen, suchen „ihre“ Kirche aus dem Fernsehen. Einige Folgen der seit Ende der 1990er-Jahre laufenden Hamburger Kinder- und Jugendserie, in der eine Gruppe aufgeweckter Kids Kriminalfälle löst, wurden auf der Flussschifferkirche gedreht.

Und auch Fans des im Jahr 2019 verstorbenen Hamburger Schauspielers Jan-Fedder stehen oft ergriffen am Eingang. Fedder war vor allem durch seine Rolle als Polizist in der Vorabendserie „Großstadtrevier“ bekannt – die Flussschifferkirche diente wiederholt als Drehort.

Kirche und Kulturort

Es ist offensichtlich: Die Flussschifferkirche ist weit mehr als ein sakraler Raum: Sie ist touristisches Ziel und kultureller Ort. Regelmäßig gibt es hier Veranstaltungen, wie etwa Lesungen oder Konzerte; den Gemeindesaal kann jedermann mieten. Gottesdienste finden zweimal im Monat statt – einmal auf hochdeutsch, einmal auf plattdeutsch. „Der plattdeutsche Gottesdienst ist tatsächlich häufig noch einen Ticken voller“, erzählt Möller. „Im Schnitt kommen rund 50 Besucherinnen und Besucher, zu Weihnachten drängen sich bis zu 130 Menschen auf die etwa 100 Plätze.“

Ohne die 50 Ehrenamtlichen geht hier nichts

Was die Flussschifferkirche heute ist, verdankt sie vor allem den Menschen, die hier ihre Zeit einbringen. Rund 50 Ehrenamtliche halten den Betrieb am Laufen – vom Büro über die handwerkliche Arbeit, die Bewirtung von Gästen, die Kirchenöffnung, die Gottesdienstbegleitung bis hin zur Mitentwicklung von Projekten und Kulturformaten. Ehrenamt bedeutet hier nicht nur „mithelfen“, sondern mitgestalten. Viele der Freiwilligen bringen eigene Ideen mit, vom neuen Veranstaltungsformat bis zu ganz praktischen Verbesserungen im Alltag. 

Möller sieht sich als Teil dieser Gruppe und als „Vernetzer“ – intern wie extern. Er sorgt dafür, dass es einen roten Faden gibt, dass Projekte weiterlaufen, die Arbeit sichtbar bleibt und partnerschaftliche Netzwerke, wie etwa mit Seemannsmissionen, Hafenmarketing und Tourismusakteuren wachsen können. „Die eigentliche Arbeit aber machen die Ehrenamtlichen“, betont Möller. „Und ohne sie wäre hier vieles schlichtweg nicht möglich.“

Flussschifferkirche von innen
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