04.06.2026
Armut & Wohnraum

Wenn die Wohnung zu teuer wird: Diakonie rückt Armut ins Bewusstsein

Ilse Rönnfeldt, Rentnerin aus Hamburg, muss umziehen

„Working Poor“ und Wohnungsnot

54 Jahre lebte Ilse Rönnfeldt in derselben Hamburger Wohnung. Jetzt muss die 85-Jährige ausziehen – wie viele andere, für die Miete, Treppen und Bürokratie zur Belastung geworden sind. Die Diakonie Hamburg macht sichtbar, was Wohnungsnot mit älteren Menschen und „Working Poor“ macht – und fordert mehr bezahlbaren Wohnraum und sozialen Wohnungsbau.

Von Hagen Tronje Grützmacher (epd)

Ilse Rönnfeldt ist 85 Jahre alt und nicht mehr so gut zu Fuß, wie sie selbst sagt. Seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt sie in derselben Wohnung in Hamburg. Ihre Kinder sind hier aufgewachsen. Doch jetzt muss sie ausziehen, die Treppen zum zweiten Stock schafft die Rentnerin kaum noch und einen Fahrstuhl gibt es nicht.

„Traurig irgendwie. Ich glaube schon, dass ich nachher anfange zu heulen, wenn das so weit ist.“

Vor gut zwei Jahren starb Ilse Rönnfeldts Mann, seither wohnt sie in der 86-Quadratmeter-Wohnung allein. Der Umzug macht ihr große Sorgen, denn bezahlbarer Wohnraum in der Großstadt ist knapp. Ein Problem, mit dem viele Menschen in ganz Deutschland zu kämpfen haben, sagt Claudia Langholz vom Diakonischen Werk in Hamburg. Neben Rentnerinnen und Rentnern sind auch Arbeitende betroffen.

„Wir sprechen von den 'Working Poor'. Das sind Familien, die eine Arbeit haben, die davon aber nicht leben können. Aber auch Altersarmut ist ein Thema. Manche älteren Menschen müssen sich entscheiden, ob sie Geld für Medikamente oder für das Heizen ausgeben.“

Diakonie will Armut stärker ins Bewusstsein rücken

Die Diakonie Hamburg will das Problem Armut stärker ins Bewusstsein rücken. Gemeinsam mit Betroffenen organisiert sie eine Veranstaltung, bei der Politikerinnen und Politiker mit Menschen ins Gespräch kommen, die von ihren Alltagssorgen berichten. Auch Ilse Rönnfeldt ist dabei.

„Erstmal brauchte ich einen Bewilligungsschein für eine Wohnung. Und es dauerte ein paar Wochen, bis ich da eine Antwort bekam.“ Die sonst so freundliche Rentnerin ist sichtlich ungehalten, als sie von ihren Erlebnissen beim Amt berichtet. „Dann musste ich weitere Unterlagen nachreichen. Wieder hörte ich lange nichts. Und dann hieß es, dass die digitalen Dokumente verschwunden seien.“

Forderung nach mehr sozialem Wohnungsbau

Bezahlbarer Wohnraum ist einer von vier Schwerpunkten, die die Diakonie für die Armutsbekämpfung als besonders wichtig einstuft. Als Ergebnis der Gespräche mit den Betroffenen haben die Organisatoren eine Forderung formuliert: mehr sozialer Wohnungsbau, gefördert vom Staat.

„Das Ziel ist es, Betroffenen eine Stimme zu geben. Sie laut werden zu lassen, um von ihren Armutserlebnissen erzählen zu können“, sagt Claudia Langholz.

Für Ilse Rönnfeldt kam ein weiteres Problem hinzu: In der gemeinsamen Wohnung hatte ihr Mann Holztäfelungen an den Wänden angebracht. Zwei Zimmer sind so gestaltet. Zieht die Rentnerin jetzt aus, hat sie Angst vor den Kosten für den Rückbau.

„Ich weiß das von meiner Nachbarin. Als die ausgezogen ist, musste sie die Wände neu streichen. Die Genossenschaft hat angeboten, da Maler zu schicken. 200 Euro pro Raum.“ Wenn in ihrer Wohnung noch die Vertäfelung abgebaut werden müsse, dann, glaubt Ilse Rönnfeldt, „wird das ganz schön happig“.

Kinder und Enkel wollen mit anpacken

Zumindest bei der Wohnungssuche hatte die Rentnerin jetzt Glück. Nach vielen Anträgen und Behördengängen hat sie eine seniorengerechte Wohnung in Aussicht. In direkter Nachbarschaft zu ihrem bisherigen Zuhause.

„Ich habe die Wohnung schon gesehen. Ich kenne die Einteilung, mit Badezimmer und Küche. Ich bleibe da in meiner Umgebung. Das würde mir sehr gefallen.“

Gut 45 Quadratmeter hätte die neue Wohnung. Genau richtig, findet Ilse Rönnfeldt. Noch ist der Mietvertrag nicht unterschrieben, aber dank der Hilfe eines ehrenamtlichen Unterstützers aus ihrem Viertel sind jetzt zumindest alle Voraussetzungen bei der Behörde erfüllt. Wenn der Umzug ansteht, wollen all ihre Kinder und Enkel mit anpacken. Damit die Rentnerin eine Sorge weniger hat.

Dieser Artikel erschien am Freitag, 29. Mai 2026, bei epd.

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