Auf eine Taste folgt eine ganze Welt
Der Schlüsselmoment: Trier, Konstantin-Basilika. Eine antike Halle aus der Römerzeit, fast schmucklos, monumental, leer genug, damit Klang nicht Beiwerk bleibt, sondern den ganzen Raum beherrscht. Dort erlebt Michael, was dieses Instrument kann. Man drückt eine Taste, sagt sie, und „aus dieser Taste kommt eine ganze Welt heraus“.
Das ist ein Satz, bei dem man stehen bleibt. Eine Taste, eine Welt. Darin liegt die Faszination der Orgel: Aus einer kleinen Bewegung entsteht ein Klang, der den ganzen Raum erreicht. Pfeifen antworten, Register öffnen Klangfarben, der Kirchenraum trägt den Ton weiter. Die Orgel ist nie nur Klangquelle. Sie wird erst im Zusammenspiel lebendig.
Und dazwischen sitzt Anne Michael. Die Orgel ist eben nicht einfach ein Klavier in groß. Wer sie spielt, bedient nicht nur Tasten. Hände, Füße, Körper, Konzentration, Vorstellungskraft. Alles ist beteiligt. Und: Michael muss nicht nur spielen, sondern hören, wie der Raum antwortet.
Besonders deutlich wird das, wenn Michael improvisiert. Eine Kunst, die nicht im freien Fall entsteht, sondern aus Handwerk, Erfahrung und Aufmerksamkeit. Improvisation klingt nach Musik ohne festen Plan, nach willkürlichem Zufall. Gemeint ist aber: ein waches Hören, ein Reagieren auf Raum, Text, Menschen, Atmosphäre. „Du hast zwar einen Klang im Kopf“, erzählt Michael, „aber wenn du ihn spielst, passiert teilweise etwas anderes – auch wenn du ihn noch so gut antizipieren kannst. Der Raum verwandelt diesen Klang und bringt einen dadurch wieder auf neue Ideen. So entsteht etwas Originäres.“
„Eine Orgel ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit“
Dieses Wort ist ihr wichtig: originär. Nicht Kopie. Nicht Wiederholung. Nicht nur Bewahrung. Michael will die Orgel nicht von ihrer Tradition lösen, aber sie will sie auch nicht darin einsperren. „Eine Orgel ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit“, sagt sie. Und wenn das stimmt, dann muss sie auch heute etwas von dieser Zeit hörbar machen können. Genau hier beginnt für Michael ihre eigentliche Arbeit.
In St. Nikolai hilft ihr dabei die sogenannte Hyperorgel. Sie erweitert das klassische Instrument um Möglichkeiten der Klanggestaltung, die weit über das gewohnte Orgelspiel hinausgehen. Der Wind in den Orgelpfeifen lässt sich steuern, Klänge können atmen, brechen, sich verfremden. Der Orgelklang kann über Mikrofone abgenommen und elektronisch weiterverarbeitet werden. So tritt zur klassischen Mechanik der Orgel eine Ebene hinzu, die man eher aus Synthesizern und elektronischer Klanggestaltung kennt: Klang wird formbar. Er kann geschichtet, verfremdet, verändert werden.
Michael erzählt von Projekten mit Livebands, die sonst eher in Clubs auftreten. Von Stummfilmkonzerten, bei denen Bilder den Weg in die Improvisation öffnen – auch für die Sängerinnen und Sänger in der Kantorei St. Nikolai. Für ihren Chor hat sie gerade erst den Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ musikalisch konzipiert und aufgeführt. Das Medium Film helfe, sagt sie, sich freier zu bewegen: „Gerade mit dem Medium Film passiert das wunderbar. Die Schwelle wird niedriger, sich von Noten zu lösen.“ Für viele sei eben das zunächst eine Hürde, wenn Noten nicht mehr vorgeben, wohin die Musik führt. „Aber das Medium Film oder Bild kann Türen öffnen“, sagt Michael. Sie selbst ist über die Begleitung von Stummfilmen im Rahmen ihres Studiums an der Musikhochschule Lübeck zur Improvisation gekommen.
Sie atmet, glitzert, wummert, schwebt und explodiert
Diese Suche nach neuen Zugängen setzt sich auch in der Zukunftswerkstatt im Projekt org_art_Lab fort, einer Kooperation zwischen der Musikhochschule und der Hauptkirche St. Nikolai, das in diesem Jahr im Rahmen des Hamburger Orgelsommers erstmals international stattfindet. Rund 40 Studierende aus verschiedenen europäischen Musikhochschulen kommen nach St. Nikolai, dazu Lehrende und Künstlerinnen und Künstler. Es wird geforscht, ausprobiert, improvisiert: mit Elektronik, Raum, Theologie und Kunst. Die Orgel wird zum Labor. Zu einem Instrument, „das atmen, glitzern, wummern, schweben und explodieren kann.“
Bei all diesen Möglichkeiten der Orgel gerät leicht aus dem Blick, wer sie im Moment zum Klingen bringt. Denn Organistinnen und Organisten bleiben oft verborgen: oben auf der Empore, hinter Pfeifen, Architektur und Klang. Man hört die Orgel – aber man sieht selten die Person, die reagiert und kreiert.
In St. Nikolai steht der Spieltisch deshalb bei Konzerten immer wieder unten im Kirchenschiff und macht sichtbar, was beim Orgelspiel oft unsichtbar bleibt: die künstlerische Arbeit hinter dem Klang. Kirchenmusik ist hier nicht nur Begleitung, sondern Gestaltung – mit Körper, Können und eigener Handschrift.