09.07.2026
Kunst und Kultur

Aus einer Taste kommt eine ganze Welt heraus

Aus einer Taste kommt eine ganze Welt heraus

Die Königin der Instrumente

Anne Michael über die Kunst an der Orgel: ein Instrument, das nicht nur klingt, sondern antwortet, atmet und manchmal sogar fliegt. Und vieles davon: improvisiert.

Von Lale Raun

Improvisation. Elektronische Musik. Sounddesign. Orgel. Was klingt, als hätte sich ein Begriff in die falsche Reihe verirrt, gehört für Anne Michael selbstverständlich zusammen. Die 34-jährige Kantorin der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern arbeitet an einem Instrument, bei dem viele an Bach, Gottesdienst, Hochzeit oder Trauerfeier denken. Bei elektronischer Musik und Sounddesign dagegen eher an Klangflächen, Filter, Schichtung und Verfremdung. Improvisation wiederum steht für eine Musik, die im Moment entsteht: frei, spontan, nicht ganz vorhersehbar. 

Musikalische Tradition. Künstlerischer Experimentierraum

„Die Orgel wird heute oft vor allem als Instrument der Bewahrung und Tradition wahrgenommen, als Instrument, auf dem Werke erklingen, die längst zur Musikgeschichte gehören.“ Lange Traditionen, große Werke; das ist alles andere als falsch – aber es beschreibt nur einen Teil ihrer Möglichkeiten. Für Michael ist die Orgel kein abgeschlossenes Erbe, sondern ein Instrument, das weitergedacht werden kann. „Wie gestalten wir eine neue Sprache?“, fragt Michael und formuliert damit zugleich auch die Leitidee ihrer Arbeit. Denn die Orgel ist nicht nur Trägerin einer langen musikalischen Tradition, sondern ein eigener Klangkosmos, technisch hochkomplex, körperlich erfahrbar – und künstlerisch ein Experimentierraum.

Dass Michael Organistin werden würde, begann früh mit einem grundsätzlichen Gefühl: „Musik hat immer schon eine große Rolle für mich gespielt. In ihr habe ich das Gefühl, dass ich mich viel besser ausdrücken kann als mit Worten.“

Auf eine Taste folgt eine ganze Welt

Der Schlüsselmoment: Trier, Konstantin-Basilika. Eine antike Halle aus der Römerzeit, fast schmucklos, monumental, leer genug, damit Klang nicht Beiwerk bleibt, sondern den ganzen Raum beherrscht. Dort erlebt Michael, was dieses Instrument kann. Man drückt eine Taste, sagt sie, und „aus dieser Taste kommt eine ganze Welt heraus“.

Das ist ein Satz, bei dem man stehen bleibt. Eine Taste, eine Welt. Darin liegt die Faszination der Orgel: Aus einer kleinen Bewegung entsteht ein Klang, der den ganzen Raum erreicht. Pfeifen antworten, Register öffnen Klangfarben, der Kirchenraum trägt den Ton weiter. Die Orgel ist nie nur Klangquelle. Sie wird erst im Zusammenspiel lebendig. 

Und dazwischen sitzt Anne Michael. Die Orgel ist eben nicht einfach ein Klavier in groß. Wer sie spielt, bedient nicht nur Tasten. Hände, Füße, Körper, Konzentration, Vorstellungskraft. Alles ist beteiligt. Und: Michael muss nicht nur spielen, sondern hören, wie der Raum antwortet.

Besonders deutlich wird das, wenn Michael improvisiert. Eine Kunst, die nicht im freien Fall entsteht, sondern aus Handwerk, Erfahrung und Aufmerksamkeit. Improvisation klingt nach Musik ohne festen Plan, nach willkürlichem Zufall. Gemeint ist aber: ein waches Hören, ein Reagieren auf Raum, Text, Menschen, Atmosphäre. „Du hast zwar einen Klang im Kopf“, erzählt Michael, „aber wenn du ihn spielst, passiert teilweise etwas anderes – auch wenn du ihn noch so gut antizipieren kannst. Der Raum verwandelt diesen Klang und bringt einen dadurch wieder auf neue Ideen. So entsteht etwas Originäres.“

„Eine Orgel ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit“

Dieses Wort ist ihr wichtig: originär. Nicht Kopie. Nicht Wiederholung. Nicht nur Bewahrung. Michael will die Orgel nicht von ihrer Tradition lösen, aber sie will sie auch nicht darin einsperren. „Eine Orgel ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit“, sagt sie. Und wenn das stimmt, dann muss sie auch heute etwas von dieser Zeit hörbar machen können. Genau hier beginnt für Michael ihre eigentliche Arbeit.

In St. Nikolai hilft ihr dabei die sogenannte Hyperorgel. Sie erweitert das klassische Instrument um Möglichkeiten der Klanggestaltung, die weit über das gewohnte Orgelspiel hinausgehen. Der Wind in den Orgelpfeifen lässt sich steuern, Klänge können atmen, brechen, sich verfremden. Der Orgelklang kann über Mikrofone abgenommen und elektronisch weiterverarbeitet werden. So tritt zur klassischen Mechanik der Orgel eine Ebene hinzu, die man eher aus Synthesizern und elektronischer Klanggestaltung kennt: Klang wird formbar. Er kann geschichtet, verfremdet, verändert werden.

Michael erzählt von Projekten mit Livebands, die sonst eher in Clubs auftreten. Von Stummfilmkonzerten, bei denen Bilder den Weg in die Improvisation öffnen – auch für die Sängerinnen und Sänger in der Kantorei St. Nikolai. Für ihren Chor hat sie gerade erst den Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ musikalisch konzipiert und aufgeführt. Das Medium Film helfe, sagt sie, sich freier zu bewegen: „Gerade mit dem Medium Film passiert das wunderbar. Die Schwelle wird niedriger, sich von Noten zu lösen.“ Für viele sei eben das zunächst eine Hürde, wenn Noten nicht mehr vorgeben, wohin die Musik führt. „Aber das Medium Film oder Bild kann Türen öffnen“, sagt Michael. Sie selbst ist über die Begleitung von Stummfilmen im Rahmen ihres Studiums an der Musikhochschule Lübeck zur Improvisation gekommen. 

Sie atmet, glitzert, wummert, schwebt und explodiert

Diese Suche nach neuen Zugängen setzt sich auch in der Zukunftswerkstatt im Projekt org_art_Lab fort, einer Kooperation zwischen der Musikhochschule und der Hauptkirche St. Nikolai, das in diesem Jahr im Rahmen des Hamburger Orgelsommers erstmals  international stattfindet. Rund 40 Studierende aus verschiedenen europäischen Musikhochschulen kommen nach St. Nikolai, dazu Lehrende und Künstlerinnen und Künstler. Es wird geforscht, ausprobiert, improvisiert: mit Elektronik, Raum, Theologie und Kunst. Die Orgel wird zum Labor. Zu einem Instrument, „das atmen, glitzern, wummern, schweben und explodieren kann.“

Bei all diesen Möglichkeiten der Orgel gerät leicht aus dem Blick, wer sie im Moment zum Klingen bringt. Denn Organistinnen und Organisten bleiben oft verborgen: oben auf der Empore, hinter Pfeifen, Architektur und Klang. Man hört die Orgel – aber man sieht selten die Person, die reagiert und kreiert.

In St. Nikolai steht der Spieltisch deshalb bei Konzerten immer wieder unten im Kirchenschiff und macht sichtbar, was beim Orgelspiel oft unsichtbar bleibt: die künstlerische Arbeit hinter dem Klang. Kirchenmusik ist hier nicht nur Begleitung, sondern Gestaltung – mit Körper, Können und eigener Handschrift.

Die Orgel in St. Nicolai, beleuchtet, zur Nacht der Kirchen

 „Kunst entsteht nicht nur im Virtuosen, sondern in der Kommunikation.“

Für Michael geht es dabei auch um Vermittlung. „Kunst entsteht nicht nur im Virtuosen, sondern in der Kommunikation.“ Musikerinnen und Musiker müssten, sagt sie, in Auseinandersetzung mit dem Publikum gehen, Räume öffnen, Zugänge schaffen, Resonanz ermöglichen. „Erst dann kann man Menschen berühren und wirklich etwas schaffen.“

Genau das lässt sich beim Hamburger Orgelsommer erleben: die Orgel als vertrautes und zugleich überraschendes Instrument, als Klangkosmos zwischen Tradition, Raum und Experiment.

Man kann viel über die Orgel sprechen. Über Pfeifen, Register, Wind und Technik. Aber was geschieht, wenn der Klang von irgendwoher zu kommen scheint und doch überall ist, lässt sich eben nur begrenzt beschreiben. „Musik bringt etwas in uns in Schwingung, was wir nicht genau artikulieren können“, sagt Michael. Und so gilt auch für die Orgel: Sie erklärt sich nicht vollständig. Sie will gehört werden.

Seit vielen Jahren präsentieren die Hamburger Hauptkirchen und der St. Marien-Dom gemeinsam das Festival „Hamburger Orgelsommer“. Die sechs Kirchen veranstalten in den Monaten Juli, August und September je ein Orgelkonzert pro Woche und bilden dabei ein großes Spektrum der Orgelmusik ab. Weitere Informationen sowie das Programm finden Sie hier.

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