22.07.2026
Kunst & Kultur

Die soziale Architektur der Stadt

Die soziale Architektur der Stadt

„Hier treffen wir uns. Gerade in dieser Körperlichkeit können Klischees zerbrechen“

Öffentliche Räume prägen, wie Menschen sich begegnen und miteinander leben. Ein internationales Kooperationsprojekt auf dem Blankeneser Marktplatz bringt arabische und jüdische Studierende aus Israel mit Studierenden aus verschiedenen Ländern zusammen. Es zeigt, warum Stadtgestaltung weit mehr ist als Architektur – und was sie im besten Fall mit Demokratie und Zusammenhalt zu tun hat. Denn nicht umsonst fürchten Diktaturen öffentliche Plätze als Orte der Versammlung und des Protests.

Öffentliche Räume sind Zeichen der Demokratie. Warum? Weil Menschen sich hier begegnen. Physisch. Man nimmt einander wahr, hört Stimmen oder gerät ins Gespräch. Daraus können Austausch, Neugier und vielleicht auch ein Gefühl von Gemeinsamkeit entstehen. Es ist nicht von ungefähr, dass der Marktplatz – oder ursprünglicher: die Agora – immer wieder mit dem Entstehen der Demokratie assoziiert wird.

Deutsch, israelisch, arabisch: ein internationales Kooperationsprojekt

Aber es gibt auch Marktplätze, die umgeht man lieber. Sie werden außerhalb ihrer traditionell stattfindenden Wochenmärkte kaum besucht, bleiben menschenleer. „Es ist wie in einem leeren Restaurant: Niemand setzt sich dann einfach in die Mitte“, beschreibt es Wolfgang Kühr von der Akademie für Mode und Design (AMD). Gemeinsam mit Frank Engelbrecht, Pastor an der Kirche Blankenese am Markt, initiierte er deshalb das Projekt „Partizipatives, nachhaltiges Stadtdesign“. Mit der GemeindeAkademie Blankenese, der HafenCity Universität Hamburg, dem Markthaus Blankenese und dem Zukunftsforum Blankenese entstand daraus ein internationales deutsch-israelisch-arabisches Kooperationsprojekt. 

Der Anlass ist denkbar konkret: der Blankeneser Marktplatz. Arabische und jüdische Studierende aus Israel entwickeln gemeinsam mit einer internationalen Gruppe Studierender von der HCU und der AMD Ideen für seine Gestaltung. Denn dieser Marktplatz ist einer von jenen, die außerhalb der Markttage ihr Potenzial nicht vollständig entfalten. Die Aufgabe: Wie lassen sich öffentliche Plätze so gestalten, dass Menschen sie nicht nur überqueren, sondern tatsächlich nutzen?

Denken wir an den Arabischen Frühling oder an die Ukraine: Dort wurden öffentliche Plätze zu Orten des Protests“

Ein Marktplatz kann bloße Kulisse des alltäglichen Lebens sein. Aber welche politische Kraft sich auf solchen Plätzen entwickeln kann, zeigt sich in Zeiten des Umbruchs. „Denken wir an den Arabischen Frühling oder an die Ukraine: Dort wurden öffentliche Plätze zu Orten des Protests, der politischen Debatte und der Hoffnung auf demokratische Veränderungen. Und genau deshalb verbieten Diktaturen Menschen oft, sich dort zu versammeln“, sagt Frank Engelbrecht.

Zunächst geht es also darum, den Marktplatz so zu gestalten, dass Menschen ihn nicht nur passieren, sondern bleiben und zusammenkommen. Vielleicht ein wenig wie auf einer italienischen Piazza: Der eine trinkt ein Glas Wein, eine andere sitzt da und schaut dem Treiben zu, irgendwo wird diskutiert oder – ganz im italienischen Temperament – auch einmal laut geflucht. Das ist das eine Ziel.

Verständigung ist kein Programmpunkt

Die gemeinsame Arbeit am Marktplatz setzt dabei noch einen anderen Prozess in Gang: Jüdische und arabische Studierende aus Israel arbeiten hier gemeinsam, zusammen mit weiteren internationalen Studierenden. Der Nahostkonflikt ist nicht das eigentliche Thema des Projekts. Aber er ist natürlich präsent, er betrifft die Lebensrealitäten und Biografien der Beteiligten auf unterschiedliche Weise. Verständigung steht nicht als Aufgabe auf dem Programm.

 „Im täglichen Leben gibt es eine menschliche Ebene, auf der Zusammenarbeit und Empathie möglich sind“, erzählt Anne Cohen-Köhler von der Friedrich-Naumann-Stiftung, die das Projekt finanziell unterstützt. Auch an ihrem Sitz in Israel arbeiten arabische und jüdische Menschen zusammen, koordinieren Projekte, die Dialog fördern und Werte wie Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Pluralismus stärken sollen. „Als liberale Stiftung beschäftigen wir uns mit den Voraussetzungen einer freien und offenen Gesellschaft. Unser Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen sich frei entfalten können.“

Von der Gestaltung in die Begegnung 

Und dabei beobachtet Cohen-Köhler, dass die Gestaltung öffentlicher Räume im Grunde denselben Ansatz verfolgt, oder zumindest verfolgen sollte: Sie sollen so gestaltet sein, dass sie Menschen einladen, sich dort aufzuhalten, einander zu begegnen, miteinander ins Gespräch zu kommen und am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzuhaben. Es geht also nicht nur darum, wie Städte oder Plätze aussehen. Es geht darum, wie Menschen dort leben, wie sie sich begegnen und entfalten können.

Die arabische Studienteilnehmerin Raar setzt an diesem Punkt an: bei den Geschichten, die Menschen voneinander kennen – oder eben nicht. 

„Wenn wir die Geschichten anderer kennenlernen, können wir sie besser verstehen und Wege finden, wie wir gemeinsam leben können. Von dort aus können selbstverständlich Veränderungen entstehen“, sagt sie, während sie gemeinsam mit den weiteren Studierenden Entwürfe für den Marktplatz entwickelt.

„Gerade in dieser Körperlichkeit können Klischees zerbrechen“

Und gerade in Zeiten massiver Digitalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung gewinnt der physische öffentliche Raum an Bedeutung. „Hier treffen wir uns. Gerade in dieser Körperlichkeit können Klischees zerbrechen, weil wir uns sehen, miteinander sprechen und einander zuhören“, sagt Engelbrecht.

Für einen türkischstämmigen Studenten war es alles andere als selbstverständlich, was er an einem der Workshoptage beobachtete: Jüdische und arabische Studierende diskutierten miteinander. Oder, erzählt Engelbrecht, wenn ein Student der Akademie für Mode und Design und ein Studierender aus Tel Aviv über ihre religiösen Traditionen ins Gespräch kommen – der eine kirchlich gebunden, der andere mit jüdischem Hintergrund. Gespräche dieser Art sind nicht als Programmpunkt vorgesehen. Sie ergeben sich aber während der gemeinsamen Arbeit. Engelbrecht spricht deshalb, vorsichtig, von „Völkerverständigung im Kleinen“; von Gesprächen zwischen Menschen, die unterschiedliche religiöse, nationale und kulturelle Prägungen mitbringen.

Ob ein Platz belebt ist oder leer bleibt, ist nicht allein eine Frage der Menschen. Seine Gestaltung spricht eine Einladung aus – oder eben nicht. Deshalb braucht es, so Wolfgang Kühr, „Lebensräume“ – und nicht bloß „Aufenthaltsorte, wie es so oft heißt.“

Menschen gestalten Räume – Räume entfalten Menschen

Lebendige öffentliche Orte entstehen nicht allein durch funktionale Planung: durch verlegte Plattensteine, aufgestellte Bänke und sinnvoll gegliederte Flächen. Menschen gestalten Räume – und die Räume wirken wiederum darauf zurück, wie Menschen sich bewegen, einander begegnen und miteinander umgehen. „Wenn wir Orte bauen, die Kommunikation, Mitmenschlichkeit, Freundlichkeit und Schönheit ermöglichen, dann steigt die Chance, dass Menschen sich tatsächlich treffen und miteinander ins Gespräch kommen“, betont Engelbrecht.

Genauso wie auch Kirchenräume nicht nur rein funktional gestaltet sind. Sie halten in herrlicher Großzügigkeit Raum offen – „man könnte fast sagen in einer gewissen Verschwendung, oder noch besser: in Großzügigkeit, die Gastfreundschaft stiftet“, so Engelbrecht: für Begegnung, für Gemeinschaft und für das, was sich nicht unmittelbar sehen oder messen lässt und unser Leben dennoch ausmacht.

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