16.07.2026
Hamburgs Kirchen

Apostelkirche Eimsbüttel: Aus der Asche – und schöner als zuvor

Pastorin Nina Schumann in der Apostelkirche in Eimsbüttel

Die Apostelkirche Eimsbüttel ist ein Ort, der sich nach einem Brand neu erfunden hat. Ein Interview mit Pastorin Nina Schumann über Yoga und zwölf Apostel, die keine Heiligen sind.

Von Christian Schierwagen

„Manche Krisen sind im Rückblick eine Chance. Sie sind schmerzhaft in dem Moment – aber in ihnen stecken neue Ideen. Die zu packen und zu gestalten, das ist hier ganz konkret in Stahl und Glas passiert." Bei diesen Worten geht es nicht nur um eine Kirche: Pastorin Nina Schumann steht im lichtdurchfluteten Innenraum der Apostelkirche in Eimsbüttel und spricht über den Brand von 1977, der das Gebäude fast vollständig vernichtete. 

Bei ihren Worten geht es um das, was Orte für eine Gemeinschaft sein können, vor allem in Krisenzeiten. Die Apostelkirche an der Grenze zu Harvestehude gehört zu den ungewöhnlichsten Kirchengebäuden Hamburgs und Umgebung. Dazu trägt auch ihre Geschichte bei.

Ein Neubau aus Trümmern

Ein Blick auf das Kirchenfenster in der Apostelkirche Eimsbüttel
Der Brand führte dazu, dass der Kirchraum komplett neu geschaffen wurde.

In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1977 brannte die Apostelkirche fast vollständig aus, der Grund für den Brand ist weiterhin unklar. Noch bis heute erreichen Nina Schumann Erinnerungen der Nachbar*innen, die das Feuer miterlebt haben: „Ich treffe auf Leute, die mir erzählen, wie sie damals den Küster festhalten mussten, der hier noch rein und Gegenstände herausholen wollte und sich dabei in Lebensgefahr brachte.“

Eine Krise für den Stadtteil – die neue Ansätze mit sich brachte, nicht zuletzt durch die Arbeit des Architekten Bernhard Hirche. Denn anstatt das Gebäude schlicht zu rekonstruieren, entschied man sich für etwas Neues, gar Gewagtes: Eine Zwischendecke schuf Platz für ein modernes Gemeindezentrum im Erdgeschoss, der Kirchraum wurde nach oben geöffnet, heller und luftiger als zuvor. Heutzutage öffnen Glasfronten den Blick auf den Platz um das Kirchengebäude.

„Der Kirchraum ist nach oben Richtung Himmel gehoben worden, die Mauern sind aufgebrochen und wir können nach draußen schauen“, sagt Nina Schumann ganz begeistert und verweist auf das viele Licht im Raum. „Das ist alles nur wegen dieses Unfalls möglich geworden.“

Zwölf Vorbilder – und niemand ist heilig

Zwölf Vorbilder – und niemand ist heilig
Sechs Männer und Frauen: Die modernen Apostel*innen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Hebt man die Augen im Raum, sieht man echte Menschen in Schwarz und Weiß – keine Engelschöre oder biblische Szenen. Stattdessen sammeln sich zwölf großformatige Portraitfenster mit Gesichtern des 20. Jahrhunderts, darunter Menschen wie Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und Simone Weil. Ganz bewusst hat man sich für sechs Männer und sechs Frauen aus verschiedenen Kulturen und Kontinenten entschieden, erklärt die Pastorin.

Die Auswahl hat der Kirchengemeinderat in den 1980er-Jahren getroffen und dabei den Blick über den europäischen Tellerrand gezielt gerichtet. „Wer bezeugt christlichen Glauben, auch gegen Widerstände? Wer ist diakonisch aktiv in der Welt?“, seien damals die Kernfragen gewesen, so Schumann.

Die zweite Botschaft der Portraits erkennen manche womöglich erst auf den zweiten Blick: Jedes Fenster zeigt oben ein abgeschnittenes Kinn, unten eine abgeschnittene Stirn. Die Idee dahinter: Die Reihe der Apostel*innen ist nie abgeschlossen, es kommen immer wieder neue Menschen hinzu. Theoretisch kann jeder und jede dort hängen – auch die Person, die das Werk gerade betrachtet.

Unter den Glocken – und mitten im Krieg

Ein Blick auf die Decke in der Apostelkirche Eimsbüttel
Die Decke der Kirche ist einem Zelt nachempfunden.

Der Brand hat auch eine weitere Besonderheit hervorgebracht, denn auch der Kirchturm ist nicht wie die anderen Türme der Stadt: In ihm wurden Büroräume eingerichtet mit wohl einem der schönsten Ausblicke, den unter anderem die Mitarbeitenden der Ritualagentur st. moment genießen können.

Und wer sich ganz nach oben wagt, landet bei den Glocken. In der Corona-Zeit kletterte Nina Schumann hier selbst hinauf, weil sie für einen digitalen Gottesdienst zu Karfreitag genau drei Glockenschläge brauchte und das nur manuell möglich war. Also nahm sie den Klöppel der größten Glocke hier oben selbst in die Hand. „Das war schon Wahnsinn, unter diesen Glocken zu stehen und in ihrem Klang eingehüllt zu sein.“

Und noch einen anderen, ganz besonderen Moment verbindet die Pastorin mit diesem Ort: Als damals der Ukraine-Krieg ausbrach, organisierte eine Vertretungsorganisatin aus Kiew innerhalb weniger Tage ein Benefizkonzert für die Katastrophenhilfe der Diakonie – mit ukrainischen sowie russischen Musiker*innen auf der Bühne. Die Kirche war damals bis zum letzten Platz gefüllt. „Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich nur an diesen Abend denke. Diese jungen Künstler*innen aus beiden Ländern hier zusammenzusehen – diese Solidarität, die Tränen und Dankbarkeit für die Gemeinschaft … Das war und ist sehr berührend für mich.“

Der Stein aus Israel

Der Taufstein im Kirchraum stammt aus der Region, in der Jesus nach biblischen Überlieferungen von Johannes dem Täufer getauft wurde. Das Relief im Boden des Beckens zeigt die Umrisse des Sees Genezareth, wo die meisten der Jesusgeschichten angesiedelt sind. 

„Man ist hier wirklich verbunden in einer Reihe, die ganz weit zurückreicht zu Menschen, die vor uns getauft worden sind“, sagt Schumann.

Yoga, Mittagstisch und eine offene Tür

Die Apostelkirche in Eimsbüttel
Die Apostelkirche Eimsbüttel versteht sich als Ort für alle Menschen.

Feste Bänke und Stühle finden Besuchende in der Apostelkirche vergebens – die wurden schon längst weggeräumt. Sie machten unter anderem Platz für Yogamatten, die dienstagabends auf dem Boden für 30 bis 40 Menschen zwischen 17 und 70 Jahren ausgebreitet werden. Neben Yoga bietet die Gemeinde eine Vielzahl von Angeboten für die Menschen des Stadtteils an, unter anderem einen Gospelchor, Familiengottesdienste, politische Podiumsdiskussionen oder Kooperationen mit der Kulturszene. Erst kürzlich tanzte das Bundesjugendballett im Kirchraum, die Bühne ragte bis direkt an die Unterkante der Apostelfenster, erinnert sich Schumann. 

„Es gibt hier keine feste Zielgruppe. Man hat als Besucher*in nicht das Gefühl, in eine klassische Kirche zu gehen und ich denke, deswegen kommen hier auch Menschen, die vielleicht kirchenferner sind oder Berührungsängste haben.“ 

Die Apostelkirche in Eimsbüttel hat keinen weithin sichtbaren Turm, ragt nicht über die Dächer des Stadtteils. Sie ist – das meint die Pastorin als Kompliment – bescheiden. „Die Kirche bietet einen Anker, strahlt Offenheit und Zugänglichkeit aus. Viele schätzen das Heimelige an ihr.“ 

Mit oder ohne Glauben, ob zum Konzert oder Mittagessen, für Yoga oder Gesellschaft: Die Apostelkirche Eimsbüttel ist ein Ort, der für alle da ist, die kommen möchten. „Das Motto ist hier: Komm an, fahr runter, finde vielleicht sogar deine Gemeinschaft.“

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