28.07.2026
Timmy - Die Hope stirbt zu letzt

Blasphemie? Religiöse Symbole in der Kunst

Blasphemie? Religiöse Symbole in der Kunst

„Subjektiv verletzte Gefühle Einzelner können nicht der Maßstab dafür sein, was Kunst darf.“

Ein Buckelwal strandet. Ein Land fiebert mit. Am Ernst Deutsch Theater wird aus der Geschichte von Timmy, später auch Hope genannt, eine Passion – mit Kreuzigung, Weihrauch und Auferstehung. Regisseur Alexander Klessinger spricht über sein Stück „TIMMY – Die Hope stirbt zuletzt“, über religiöse Symbolik und die Freiheit der Kunst.

Von Lale Raun

Lale Raun: Herr Klessinger, ihr Stück “Timmy - die Hope stirbt zuletzt” hat weit über die Theaterwelt hinaus Aufmerksamkeit erregt. Wie erklären Sie sich diese starke Resonanz?

Alexander Klessinger: Ich glaube, weil das Stück nicht nur die Geschichte eines Wals erzählt, sondern unsere z.T. stark aufgeladenen Reaktionen auf ihn. An Timmy bündelten sich politische Konflikte, spirituelle Sehnsüchte und gesellschaftliche Projektionen. Das Bild der Kreuzigung wurde schließlich selbst zum Gegenstand dieser Auseinandersetzungen und verbreitete sich weit über die Theaterwelt hinaus.

Christliche Sprache, Symbole, Rituale ziehen sich durch das ganze Stück. Warum? 

Weil die christliche Bildsprache bis heute unsere stärksten Bilder für Hoffnung, Opfer und Erlösung bereithält. Genau solche Bedeutungen wurden lange vor unserem Stück bereits auf Timmy projiziert. Die Menschen hatten angefangen, ihn spirituell und religiös zu überhöhen. Man spekulierte darüber, warum er ausgerechnet nach Deutschland gekommen sei, welche Botschaft er für uns habe und was er uns sagen wolle. Diese gesellschaftliche Sinnsuche hat unsere Inszenierung nicht erfunden, sondern sichtbar gemacht.

„Timmy sterben zu lassen, wurde  in manchen Gruppen beinahe wie ein Mord oder eine öffentliche Hinrichtung wahrgenommen.“

Was hat Sie dazu veranlasst, Timmys Geschichte als Passionsgeschichte zu erzählen?

Weil es für mich erstaunlich viele Parallelen zur Passionsgeschichte gab. Als der Staat entschied, Timmy sterben zu lassen, wurde das in manchen Gruppen beinahe wie ein Mord oder eine öffentliche Hinrichtung wahrgenommen. Gleichzeitig entstand diese enorme Energie: Er darf nicht sterben, diese Geschichte braucht ein Happy End.

Hinzu kam, dass Minister Till Backhaus diesen Bezug selbst hergestellt hatte. Kurz vor Ostern sagte er: „Wir stehen vor Ostern und ich bin evangelisch erzogen. Und Sie wissen, was Ostern ist, da ist man in Gottes Hand und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.” Da war für mich klar: Diesen Bezug muss ich aufgreifen.

„Ich provoziere nicht um der Provokation willen.“ 

Christliche Symbole – aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst – können schnell als Provokation wahrgenommen werden. Hat das bei Ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt?

Ich provoziere nicht um der Provokation willen. Das wäre langweilig. Meine Zielrichtung war eine andere als die, die mir teilweise – etwa in katholischen Medien – unterstellt wurde. Mir ging es weder darum, die Kirche lächerlich zu machen, noch darum, christliche Symbole zu verhöhnen.

Was war Ihre eigentliche Zielrichtung?

Mir geht es um die Frage, wie Menschen Hoffnungen und Heilserwartungen auf Figuren projizieren und dabei Sinnstiftung produzieren. Religion ist eine ihrer ältesten Formen. Bei Timmy konnte man plötzlich beobachten, wie sich ähnliche Mechanismen um einen einzelnen Wal herum bildeten. Genau das wollte ich sichtbar machen.
Und wie stark sich kollektive Empathie auf ein einzelnes Wesen bündeln kann, während andere Formen von Leid und struktureller Gewalt kaum vergleichbare Reaktionen auslösen. Darin liegt für mich auch eine politische Dimension: Worauf richten wir unsere Empathie – und wie schnell kann eine solche Aufladung politisch gedeutet oder vereinnahmt werden. Bei den Demonstrationen wurden ja auch Parolen gerufen wie „Wir sind das Volk“.

„Ich halte Blasphemie für einen recht antiquierten Begriff.“ 

Dennoch wurde Ihrer Inszenierung Blasphemie vorgeworfen. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Der Vorwurf wurde vor allem in den sozialen Medien sehr direkt erhoben. Katholisch.de hat es raffinierter formuliert: Vor zehn Jahren hätte man mir wohl noch Blasphemie vorgeworfen. Ich halte Blasphemie für einen recht antiquierten Begriff. Aus einer innerreligiösen Perspektive ergibt er natürlich Sinn. Aber Blasphemie – also Gotteslästerung – setzt voraus, dass man an die Existenz Gottes glaubt. Wer das nicht tut, für den ist das Kreuz ‚nur‘ ein Symbol, das für andere religiös aufgeladen ist.
Mich hat deshalb weniger der Vorwurf überrascht als die Tatsache, dass wir 2026 überhaupt wieder so intensiv über Blasphemie sprechen. Offenbar besitzen religiöse Symbole auch in einer säkularen Gesellschaft noch immer eine besondere kulturelle Sprengkraft.

Und sobald ein Symbol beansprucht, sich der öffentlichen Befragung zu entziehen, wird es erst Recht zum legitimen Gegenstand der Kunst.

Auch die Frage, warum Sie das Christentum und nicht den Islam als Bezugsrahmen gewählt haben, wurde Ihnen gestellt.

Ja, auch diese Frage wurde mir vor allem in den sozialen Medien immer wieder gestellt: Warum mache ich das nicht mit dem Islam? Teilweise verbunden mit dem Vorwurf: „Wir Christen müssen immer alles aushalten.“ Aber darum geht es nicht. Natürlich hätte man grundsätzlich auch mit islamischen Symbolen arbeiten können. Nur wäre das nicht der kulturelle Kontext gewesen. Das Christentum ist aber nun einmal das kulturelle Zeichensystem, in dem wir leben und in dem wir es uns vielleicht auch bequem gemacht haben. Gerade deshalb finde ich, dass Kunst dieses Zeichensystem befragen muss. Kunst beginnt dort, wo gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Dazu gehört auch, religiöse Bilder neu zu betrachten und aus ihren gewohnten Deutungsmustern herauszulösen.

Können Sie dennoch nachvollziehen, dass sich gläubige Christinnen und Christen durch einzelne Bilder verletzt fühlen?

Bis zu einem gewissen Grad. Für gläubige Christinnen und Christen ist das Kreuz nicht irgendein Bild, sondern steht für den Tod des Erlösers. Diese Bedeutung nehme ich ernst. Die Inszenierung richtet sich aber nicht gegen gläubige Menschen und macht sie auch nicht lächerlich. Wenn hier überhaupt jemand der Lächerlichkeit preisgegeben wird, dann sind es die Menschen, die mit einem Wal eine ähnliche Intensität und Tiefe verbinden, wie wir sie aus religiösen Kontexten kennen.

Wenn religiöse Bedürfnisse sich außerhalb von Kirchen Raum suchen

Sie sprechen von einer religiösen Aufladung des Wals: Welche Bedürfnisse zeigen sich für Sie darin?

Schon der Name Hope – also Hoffnung -, unter dem Timmy ja ebenfalls bekannt wurde, ist ja eine Zuschreibung. Dazu kam das Gemeinschaftliche: Es haben sich Gruppen gebildet, in denen für ihn gebetet wurde, es entstanden Rituale bis hin zu Anleitungen, abends Klangschalen ins Mondlicht zu stellen. Und das alles in einer Zeit, die als krisenhaft erlebt wird. Hier scheint mir die Sehnsucht nach Hoffnungsfiguren zu wachsen. Spannend ist doch, obwohl die Kirchen an Bindungskraft verlieren, verschwinden Sehnsüchte nach Hoffnung, Heil, Gemeinschaft und Sinn nicht. Ich glaube, dass das Bedürfnis nach Spiritualität bestehen bleibt. Wenn Menschen sich von traditionellen Institutionen abwenden, suchen sie sich neue Ausdrucksformen.

Wenn das Bedürfnis nach Spiritualität bestehen bleibt – kennen diese Sehnsucht auch von sich selbst?

Ich würde mich zwar nicht als religiös bezeichnen, aber ich glaube, dass wir Menschen eine Sehnsucht nach Transzendenz haben – nach etwas, das über uns hinausweist. Diese Sehnsucht begrüße ich und erlebe sie auch bei mir. Ich bin kein Materialist.

Mit der Kirche bin ich sehr vertraut – mein Verhältnis ist dennoch zwiespältig.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Kirche?

Ich hatte viele Berührungspunkte mit Kirche und habe sie auch von innen kennengelernt. Ich war 15 Jahre lang in der evangelischen Jugendarbeit aktiv, habe u.a. Jugendfreizeiten geleitet. Außerdem war ich mehrere Jahre mit einer Pastorin zusammen; wir führen bis heute sehr spannende Gespräche über Religion. Mit der Kirche bin ich sehr vertraut – mein Verhältnis ist dennoch zwiespältig.

Inwiefern zwiespältig?

Ich habe großen Respekt vor religiösen Gefühlen, vor Religionen und vor Spiritualität überhaupt. Schwierig wird es für mich dort, wo Institutionen über Dogmen und Rituale Wahrheitsansprüche für sich erheben oder festigen. Da halte ich Kritik – gerade aus künstlerischer Sicht – für notwendig. 

Wo verlaufen für Sie die Grenzen künstlerischer Freiheit im Umgang mit Religion?

Zumindest nicht bei subjektiv verletzten Gefühlen Einzelner. Diese können nicht der Maßstab dafür sein, was Kunst darf. Künstlerische Freiheit kann nicht davon abhängen, ob sich eine Weltanschauung missverstanden fühlt. Mein Ziel ist nicht Verletzung. Mein Ziel ist Irritation. Wenn Irritation ausgeschlossen wird, verliert Kunst ihre Fähigkeit, Gewissheiten zu erschüttern, und das muss sie. Kunst sollte aber niemals Menschen persönlich diffamieren oder ihnen ihren Glauben absprechen. Genau dort verläuft für mich die Grenze. Glaubensfreiheit ist ein hohes Gut, aber geistige Bequemlichkeit ist es nicht.

Theater als kleine Tempel: Für Orte der Hoffnung, der Utopie und der Imagination

Welche Aufgabe hat Kunst für Sie?

Kunst muss Macht und Machtansprüche hinterfragen – auch religiöse. Jede Weltanschauung, die Geltung über die eigene subjektive Perspektive hinaus beansprucht, sollte sie radikal befragen. Das ist ja auch ein Sich-Bewähren.
Und das gilt in alle Richtungen. Ich bin durchaus geneigt, mich dabei mit meiner eigenen Blase anzulegen: Wo eine Bubble glaubt, sie habe die Moral gepachtet, sind wir wieder bei Machtstrukturen, bei diskursiver Macht. Auch die muss Kunst zerschlagen dürfen – egal, woher sie kommt.

Zugleich sind Theater für mich kleine Tempel: Orte der Hoffnung, der Utopie und der Imagination. In utopischen Räumen zu forschen, aus dem Ideellen zu schöpfen und dafür Bilder zu finden, die im besten Fall inspirieren – das ist für mich eine fundamentale Aufgabe von Kunst und besonders des Theaters.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Uraufführung war am 11. Juli 2026. Nach der ausverkauften Premiere und  bundesweiter Resonanz wird das Stück am 16. September um 19.30 Uhr im Ernst Deutsch Theater erneut gezeigt. Im Anschluss ist ein neu konzipiertes Podium vorgesehen, bei dem unter anderem die Rolle religiöser Motive in der öffentlichen Aufladung Timmys diskutiert werden soll; die Gäste sind noch nicht bekannt. Zusätzlich ist derzeit eine Aufführung am 11. Oktober geplant.

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