Lale Raun: Herr Klessinger, ihr Stück “Timmy - die Hope stirbt zuletzt” hat weit über die Theaterwelt hinaus Aufmerksamkeit erregt. Wie erklären Sie sich diese starke Resonanz?
Alexander Klessinger: Ich glaube, weil das Stück nicht nur die Geschichte eines Wals erzählt, sondern unsere z.T. stark aufgeladenen Reaktionen auf ihn. An Timmy bündelten sich politische Konflikte, spirituelle Sehnsüchte und gesellschaftliche Projektionen. Das Bild der Kreuzigung wurde schließlich selbst zum Gegenstand dieser Auseinandersetzungen und verbreitete sich weit über die Theaterwelt hinaus.
Christliche Sprache, Symbole, Rituale ziehen sich durch das ganze Stück. Warum?
Weil die christliche Bildsprache bis heute unsere stärksten Bilder für Hoffnung, Opfer und Erlösung bereithält. Genau solche Bedeutungen wurden lange vor unserem Stück bereits auf Timmy projiziert. Die Menschen hatten angefangen, ihn spirituell und religiös zu überhöhen. Man spekulierte darüber, warum er ausgerechnet nach Deutschland gekommen sei, welche Botschaft er für uns habe und was er uns sagen wolle. Diese gesellschaftliche Sinnsuche hat unsere Inszenierung nicht erfunden, sondern sichtbar gemacht.
„Timmy sterben zu lassen, wurde in manchen Gruppen beinahe wie ein Mord oder eine öffentliche Hinrichtung wahrgenommen.“
Was hat Sie dazu veranlasst, Timmys Geschichte als Passionsgeschichte zu erzählen?
Weil es für mich erstaunlich viele Parallelen zur Passionsgeschichte gab. Als der Staat entschied, Timmy sterben zu lassen, wurde das in manchen Gruppen beinahe wie ein Mord oder eine öffentliche Hinrichtung wahrgenommen. Gleichzeitig entstand diese enorme Energie: Er darf nicht sterben, diese Geschichte braucht ein Happy End.
Hinzu kam, dass Minister Till Backhaus diesen Bezug selbst hergestellt hatte. Kurz vor Ostern sagte er: „Wir stehen vor Ostern und ich bin evangelisch erzogen. Und Sie wissen, was Ostern ist, da ist man in Gottes Hand und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.” Da war für mich klar: Diesen Bezug muss ich aufgreifen.
„Ich provoziere nicht um der Provokation willen.“
Christliche Symbole – aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst – können schnell als Provokation wahrgenommen werden. Hat das bei Ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt?
Ich provoziere nicht um der Provokation willen. Das wäre langweilig. Meine Zielrichtung war eine andere als die, die mir teilweise – etwa in katholischen Medien – unterstellt wurde. Mir ging es weder darum, die Kirche lächerlich zu machen, noch darum, christliche Symbole zu verhöhnen.