14.02.2026
Vielfalt leben

„Mein Wert steht nicht zur Disposition“

„Mein Wert steht nicht zur Disposition“

Liebe ist keine Provokation

Ein öffentlicher Heiratsantrag im Stadion, Anfeindungen und Gewalt – und die Frage, warum queere Liebe noch immer verteidigt werden muss.Saša Gunjević ist Christ und bisexuell. Er engagiert sich innerhalb der Nordkirche für queere Sichtbarkeit. Ein Gespräch über rauer werdende Debatten, queere Identität und einen Glauben, der nicht ausgrenzt.

Von Lale Raun

Ein öffentlicher Heiratsantrag im Stadion – unmittelbar darauf: Anfeindungen, falsche Vorwürfe, Ermittlungen. Als der Schiedsrichter Pascal Kaiser im Stadion des 1. FC Köln vor 50.000 Zuschauerinnen und Zuschauern auf die Knie ging, ging es um mehr als einen Heiratsantrag. Es sollte ein sichtbares Zeichen sein – und wurde für manche offenbar zur massiven Provokation. Kurz darauf wurde er körperlich angegriffen. Die Ermittlungen zu den Hintergründen laufen.

„Ein deutliches Zeichen dafür, dass sich der Wind dreht“, sagt Saša Gunjević. „Lange schien es, als würden erkämpfte Rechte selbstverständlich werden.“ Inzwischen spürt er eine Veränderung. „Der Ton ist rauer geworden, die Hemmschwelle niedriger.“ Was über Jahre an Akzeptanz gewachsen ist, wirkt brüchiger. Sichtbarkeit bleibt für viele queere Menschen keine Normalität, sondern eine Mutprobe.

„Selbst körperliche Stärke nimmt nicht die Angst vor Gruppen“

Gunjević kennt diese Spannung aus eigener Erfahrung. Lange führte er ein Doppelleben, verschwieg Beziehungen aus Angst vor Ausgrenzung und Misstrauen. Heute lebt er offen – und wägt dennoch ab. In der U-Bahn. Im Stadion. In größeren Gruppen. „Selbst körperliche Stärke nimmt nicht die Angst vor Gruppen“, sagt der Kampfsportler. Trotz physischer Präsenz bleibt eine Unsicherheit. Manchmal versteckt er seine Bisexualität lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.

Es wirkt absurd: dass etwas so Selbstverständliches wie die Liebe zweier Menschen erklärungsbedürftig bleibt. Dass Nähe Mut erfordert. Dass ein Kuss zur politischen Aussage wird. Und noch immer nicht selbstverständlich in das Raster dessen passt, was gesellschaftlich als „normal“ gilt.

Die Trias: Härte, Stärke, Heterosexualität

Normalität, so Gunjević, entstehe durch Wiederholung. „Wenn etwas regelmäßig vorkommt, verliert es den Ausnahmecharakter.“ Mehr Menschen, die sich zeigen. Mehr Präsenz im Alltag. Gerade im Fußball sei das besonders schwierig. Dort wirke ein enges Ideal von Männlichkeit fort – Härte, Stärke, Heterosexualität. Abweichungen gälten schnell als Angriff auf vertraute Ordnungen. Die Strukturen seien beinahe „religiös“ geprägt; Homosexualität ist in christlicher Tradition lange eindeutig verurteilt worden. Das wirkt bis heute nach.

Religiöse Argumente werden in Debatten um Homosexualität immer wieder ins Feld geführt. Der Satz „Gott liebt den Sünder, aber hasst die Sünde“ gehört zu den bekanntesten Formeln in diesem Zusammenhang. Für Gunjević ist er nicht nur verkürzt, sondern problematisch, wenn damit Ausgrenzung legitimiert wird.

„Erstens: Homosexualität ist keine Sünde“, sagt er deutlich. Und selbst dort, wo Menschen von Sünde sprechen, gehe es nicht um göttlichen Hass. „Gott hasst nicht. Wenn überhaupt, dann leidet er mit den Menschen – er ist bei ihnen.“

Wenn einzelne Bibelverse oder tradierte Formeln genutzt werden, um queere Menschen moralisch herabzusetzen, werde Gottes Wesen verfehlt. „Gottes Wesen ist Liebe, nicht Abwertung.“

Ist Gottes Liebe bedingungslos?

Diese Liebe beschreibt er als ein ihn tragendes Grundgefühl. Aus ihr leitet sich für ihn auch der Wert des Menschen ab: Er hängt nicht von Leistung oder gesellschaftlicher Anerkennung ab. „Mein Wert steht nicht zur Disposition.“ Für Gunjević ist das keine abstrakte Lehre, sondern gelebte Erfahrung. Biblisch formuliert: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Joh 4,16).

Früh hat Gunjević erkannt, dass biblische Texte unterschiedlich gelesen werden – und dass es Auslegungen gibt, die Homosexualität verurteilen. Von diesen Deutungen habe er sich selbstbewusst gelöst. Ein Schuldgefühl im Blick auf seine Sexualität hat er nie entwickelt. Andere jedoch ringen bis heute mit dem Spannungsfeld zwischen religiöser Sozialisation und eigener Identität.

„Gerade weil auch innerhalb kirchlicher Kontexte immer wieder homophobe Tendenzen sichtbar werden, ist Präsenz wichtig.“ Sie macht deutlich: Diskriminierung ist mit dem christlichen Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar.  „Aber wir sind auf einem sehr guten Weg, Sichtbarkeit nicht nur zu fordern, sondern zu leben.“ Und auch in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Ton rauer wird, sei eine klare Haltung wichtig: „Diskriminierung lässt sich mit dem christlichen Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbaren.“

CSD-Truck: Mehr als ein bunter Wagen

Dass die Nordkirche seit Jahren mit einem eigenen Truck beim Christopher Street Day vertreten ist, gibt Gunjević nicht nur Mut – er sagt offen: Er liebt dieses Zeichen. Für ihn ist es keine symbolische Geste, sondern Ausdruck einer Kirche, die sichtbar an der Seite queerer Menschen steht. „Hier gestalten queere Pastor*innen selbst mit. Das ist echte Sichtbarkeit.“

Manche fragten dennoch, warum es diese Sichtbarkeit brauche. Gunjević entgegnet: „Wer nicht selbst erlebt hat, wie mühsam Räume erkämpft wurden, unterschätzt ihre Bedeutung.“

Für viele ist Liebe einfach Liebe. Sie müssen nicht darüber nachdenken, ob ein Kuss irritiert oder Blicke provoziert. Doch diese Selbstverständlichkeit gilt nicht für alle. Das gesellschaftliche Leitbild bleibt das heterosexuelle Paar. Der Valentinstag macht das deutlich: “Noch immer wird Liebe in Werbung und Popkultur vor allem als romantische heterosexuelle Zweierbeziehung inszeniert.”

Gunjević verbringt diesen Tag mit einer Freundin. Nicht aus Rückzug, sondern aus Überzeugung. Neben Eros gibt es auch Philia – die Freundschaft. „Es muss nicht immer die Paarbeziehung sein“, sagt er. „Liebe hat viele Gestalten. Und jede verdient Anerkennung.“

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