15.01.2026
Mystik

Die Sprache der Intensität

Ein Beitrag von "theologisch betrachtet" zum Thema Mystik

„Das Einzige, was uns retten kann, ist göttliche Intervention“ – ein Satz wie aus der Predigt. Nur: Er stammt aus Rosalías neuem Album Lux. Ein Essay über Mystik – über eine verdichtete Erfahrung, offen, intensiv, schwer in Begriffe zu fassen.

Gott näherkommen?

Mystik – da denken viele zuerst an Klöster, Räucherschwaden und Menschen, die stundenlang schweigend beten. Irgendwie schön, aber auch weit weg vom Alltag. Dabei beginnt Mystik oft viel unspektakulärer. Vielleicht sogar dort, wo wir sie gar nicht vermuten: in Momenten, in denen wir ganz da sind.
Mystik ist nicht einfach Flow. Aber wer Flow kennt – oder Staunen, oder Stille –, kennt vielleicht die Richtung: Augenblicke, in denen die Welt näher rückt, als unsere Begriffe hinterherkommen. Konzentrierte Erfahrungen, in denen die gewohnte Distanz zwischen uns und der Welt für einen Moment nachlässt.

Mystik ist keine Geheimlehre für Superfromme – sondern eine Einladung, Gott nicht nur zu denken, sondern zu erfahren. 

Die spanische Ausnahme-Künstlerin Rosalía, eine der prägendsten Stimmen der letzten Jahre, gab neulich ein beeindruckendes Interview zu ihrem neuen Album in der New York Times: Ich wollte Gott näher kommen, sagte sie.

Was meint sie damit?

Göttliche Intervention – ausgerechnet im Pop

Göttliche Intervention – ausgerechnet im Pop

„Das Einzige, was uns retten kann, ist göttliche Intervention.“

Dass der Mensch auf Erlösung angewiesen ist – und zwar nicht nur im abstrakten Sinn, sondern angesichts konkreter Erfahrungen von Leid, Schuld und Ohnmacht –, gehört zum Kern christlichen Glaubens.

Aber dieser Satz - dass das einzige, was uns retten kann, göttliche Intervention ist - stammt nicht aus einer Sammlung theologischer Lehrsätze oder einer Predigt, sondern aus dem jüngst erschienenen Album Lux von Rosalía. In insgesamt dreizehn Sprachen gesungen, voll mit mannigfaltigen religiösen Symbolen,- häufig katholischer Herkunft – entzieht sich die Sängerin einer eindeutigen religiösen Zuordnung. Rosalía richtet sich an einen Gott jenseits klarer konfessioneller Grenzen, an einen Gott, der Menschen aus ihren immerwährenden Kämpfen befreien soll.

Rosalías Album Lux ist dabei kein religiöses Statement im herkömmlichen Sinne. Es geht vielmehr um individuelle Erfahrungen, Hoffnungen. Und wenn man will: Visionen.

„Ich wollte mit diesem Album Gott näherkommen“, sagte Rosalía in einem Interview mit der New York Times. Und das tut sie. Immer wieder kehren dabei auch Bewegungen von Aufstieg und Abstieg, Hingabe und Entzug, Nähe und Distanz zurück. Viele Texte in Lux sind kurz, formelhaft und repetitiv angelegt. Bisweilen mystisch. 

Ihre Art, Gott näher zu kommen, lässt sich also als das lesen, was geistesgeschichtlich – im weitesten Sinne des Wortes – als Mystik bezeichnet wird. Eine Strömung, die sich durch die Geschichte des Christentums zieht und zugleich randständig wie zentral war. 

Randständig und zentral: eine alte Spur im Christentum

Randständig, weil sie immer auch an den Grenzen der verfassten Kirche war, mitunter andere Formen der Gottesbegegnung ausprobierte als auf herkömmlichen Wegen. Mystikerinnen und Mystiker gerieten deshalb nicht selten in den Verdacht der Häresie, der Abweichung von der offiziellen Lehre,– nicht zuletzt, weil sich Erfahrung und Lehre nicht immer deckten.

Zentral deshalb, weil mystische Tradition von den Anfängen bis heute Teil des Christentums sind und somit nicht wegzudenken ist. Viele große Visionäre wie Visionärinnen gingen aus mystischer Tradition hervor; wie zum Beispiel Hildegard von Bingen, auf die sich Rosalía in der ersten Single aus Lux, „Berghain“, bezieht. 

Hildegard von Bingen, Benediktineräbtissin des 12. Jahrhunderts, Visionärin, Dichterin, Musikerin, Denkerin, Naturkundlerin, alles sehr ungewöhnlich für eine Frau im 12. Jahrhundert, drückte ihre Erfahrungen mit Gott auch und vor allem Musik aus. Musik war für Hildegard kein religiöses Beiwerk, sondern ein Medium, in dem sich Gottesnähe ausdrücken konnte.

Ähnlich gilt das für andere Mystikerinnen verschiedenster Traditionen, auf die Rosalía Bezug nimmt: Teresa von Ávila, für die Suffin Rabia al-Adawiyya oder die französische Philosophin, Autorin und Mystikerin Simone Weil

Hören, bevor man versteht

Sie alle richten den Blick auf Erfahrungen des Unmittelbaren: auf Momente, in denen die gewohnte Distanz zwischen Du und Ich, Subjekt und Gegenstand, für einen Augenblick zurücktritt. Wahrnehmung intensiviert sich, ohne sich in Begriffe – also im rationalen Denken - aufzulösen. Erfahrungen werden nicht nach einer Theorie beurteilt, sondern nach ihrem Erleben.  Exzess, Grenzüberschreitung, Hingabe – um nur einige Begriffe zu nennen, die dieses Erleben ausmachen.

Mystische Erfahrungen kann man mit dem Hören eines Musikstücks vergleichen; es braucht keine Musiktheorie, um die gefühlte Stimmigkeit eines Liedes wahrzunehmen und intensiv zu erleben. 

Erfahrungen dieser Art werden häufig als ein ‚Aufgehobensein‘ beschrieben, verbunden mit einem starken Gefühl von Eigentlichkeit: Momente, in denen etwas stimmig erscheint – klarer, wirklicher, näher an einem selbst als der übliche Lärm des Alltags,- ohne unbedingt erklärbar zu sein. Mystik bewegt sich damit in einem weiten und offenen Bereich von Erfahrungen, und nicht zuletzt: von göttlichen Erfahrungen.

Warum Nonnen gerade faszinieren

 „Warum lieben jetzt alle Nonnen?“, fragte kürzlich Die Zeit. Die Antwort hier zielte darauf, dass ein Leben ohne Männer besonders attraktiv an einem Leben als Nonne sei – und dass Klöster, als Orte, an denen Nonnen traditionell leben, genau dies ermöglichen. Doch vielleicht erschöpft sich die Faszination nicht in dieser Erklärung. 

Die Frage ist daher, ob es nicht weniger um das geht, was fehlt – also Männer -, als um das, das hier möglich wird: der Rückzug aus permanenter Verfügbarkeit, Erfahrung statt fortwährendem Selbstentwurf, Hingabe statt ständiger Selbstoptimierung. Beziehungen zu einer Wirklichkeit, die sich nicht vollständig rationalisieren lassen. Verbindung finden zu etwas, das größer sein darf als wir selbst. Und um ein Verstehen, das aus Momenten der Hingabe, Aufmerksamkeit und Erfahrungen rührt.

Wenn Tradition wieder spricht

Der Schriftsteller Navid Kermani hat einmal darauf hingewiesen, dass der Westen nicht nicht religiös sei, sondern dass es ihm an einer Sprache des Glaubens fehle. Die Sehnsucht nach Tiefe, nach Sinn, nach der Überschreitung innerweltlicher Grenzen scheint nicht verschwunden zu sein. 

Rosalía spricht über Gott, indem sie über die Welt spricht – über Körper, Begehren, Gewalt und Hingabe. Und sie spricht über die Welt, indem sie Gott nicht aus ihr herauslöst. „Gott steigt hinab, ich steige hinauf, wir treffen uns in der Mitte“, heißt es an einer Stelle. Das ist kein theologisches Programm, sondern ein Bild. Es beschreibt ein Dazwischen: zwischen Welt und Transzendenz, zwischen Himmel und Erde, die den Himmel ein Stück an die Erde rückt. Auch das ist Mystik.

Aus Rosalías Mund klingt christliche Tradition nicht fern, sondern gegenwärtig und kreativ. Sie verlangt Aufmerksamkeit, wie es die mystische Tradition auch verlangt. Und sie macht dies in einer Sprache, die es vielleicht nach Kermani braucht.

Christliche Mystik ist der Versuch, Gottes Nähe nicht nur zu denken, sondern zu erfahren – als etwas, das den Menschen trifft und verwandelt. Sie lebt von einer Aufmerksamkeit, die sich dem Unverfügbaren aussetzt, statt es erklären zu wollen.

Wer dieser Spur weiter folgen will,  findet in Hamburg Orte, die genau von dieser Art Aufmerksamkeit leben. Insbesondere die Kirche der Stille ist dafür ein guter Anfang.

 

Theologische Referentin Lale Raun

Lale Stella Raun ist Diplom-Theologin und Kommunikationsreferentin für Kirche Hamburg. In “theologisch betrachtet” schreibt sie über Phänomene aus Alltag, Religion und Kultur, die sie aus spirituell-akademischer Perspektive deutet.

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