06.02.2026
Portrait

Zwischen Punk-Rock und Pfarramt

Zwischen Punk-Rock und Pfarramt

„Ohne Stille gibt es keinen Laut. So wie es ohne Licht keinen Schatten gibt.“

Ulf Werner ist Pastor in der Gemeinde Altona-Ost. Ulf Werner ist aber auch Mitglied der Band Rantanplan. Warum seine beiden Welten irgendwie doch nur eine sind und wieso Gegensätze erst das große Ganze bilden.

Von Rike Fabia Lohmann

Hamburg. Ein Club irgendwo auf dem Kiez. Die Luft ist stickig. Die Musik aus den Boxen dröhnend laut.

„Ich und die Nacht, füreinander gemacht
zwei Brüder auf der Flucht vor dem Tag…“

Hunderte Menschen vor der Bühne reißen die Hände in die Höhe. 

„Setz die Sonnenbrille auf, bitte bleib noch!
Setz die Sonnenbrille auf, bitte bleib noch!“

Im Takt der Musik bewegt sich die Menge. Sie tanzt. Sie springt.

„Und in einem Moment war´n wir kurze Zeit eins
mit dem Großen und Ganzen, bitte begreift
dass uns diese Gefühl Stück für Stück aus den Fingern glitscht.“

Längst ist es nicht mehr nur eine Stimme, die singt. All die Männer und die Frauen, die diesen Abend in diesem Club irgendwo auf dem Kiez verbringen, schreien die Lyrics in den stickigen Raum. Die Band und ihre Fans – eine Einheit. Verbunden durch die Kraft der Musik. 

„F*** war das schön!“

Auf der Bühne steht Rantanplan. Eine im Jahr 1995 gegründete Ska-Punk-Band aus Hamburg, die deutschlandweit nicht nur Clubs, sondern auch Hallen füllt. Als Songwriter und Trompeter seit 2009 und natürlich auch an diesem Abend mit dabei ist Ulf Werner. Ein Vollblutmusiker mit dichtem Bart und vielen Tattoos, der es liebt, auf der Bühne zu stehen und das Publikum zu begeistern.

Doch Ulf Werner ist nicht nur Punk-Rock-Star. Ulf Werner ist auch Pastor. Er vereint Welten in sich, die auf den ersten Blick gegensätzlicher kaum sein könnten. Eine extrem laute. Und eine sehr leise. 

„Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch“, sagt Werner. „Ohne Stille gibt es keinen Laut. So wie es ohne Licht keinen Schatten gibt. Beides gehört unweigerlich zusammen.“ 

Jenen Moment in dem Kiez-Club, in dem Band und Fans zu einer Einheit verschmolzen, hat Werner wahrscheinlich als einen „Gottesmoment“ nicht nur tief in sich aufgesogen, sondern gedanklich und emotional auch für immer abgespeichert. 

„Gottes Geist weht wann und wo er will.“

Ohne es zu wollen, hat Werner den Begriff „Gottesmoment“ geprägt. Seit Jahren spricht er von diesen magischen Momenten, die man seiner Aussage nach weder erzwingen noch steuern kann. Er erzählt: „Es gibt in der Musik Situationen, in denen ich mit der Band und mit den Menschen, die vor der Bühne sind, verschmelze. Es ist, als heben wir alle gemeinsam ab, werden eins. Das ist so schön. Wir sind alle verbunden, da ist ein Gefühl von Leichtigkeit.“ Und weiter: „So stelle ich mir das auch nach dem Tod vor – es sind paradiesische Momente. Gottesmomente eben.“

Früher, erzählt er, habe er sie unbedingt festhalten und verlängern wollen. „Mit Partys oder so. Aber das geht nicht. Das ist nicht planbar. Gottesmomente sind Geschenke.“ Lächelnd fügt er an: „Gottes Geist weht halt wann und wo er will.“

Ein Gespräch mit Werner ist wohltuend. Seine Stimme ist sanft, seine Worte sind bedacht. Er erdet und beruhigt – mutmaßlich ohne sich dessen selbst überhaupt bewusst zu sein. Ulf Werner zuzuhören, ist wie durchzuatmen. 

Im Theologie-Studium suchte Werner nach Antworten

Dass der Theologe Werner nach einem Weg voller Gabelungen und Kreuzungen ausgerechnet in der Altonaer Helenenstraße ans Ziel gekommen ist, scheint daher eher Schicksal als Zufall zu sein. In der Helenenstraße, die übrigens nur wenige Kilometer vom Hamburger Kiez und dessen Clubs entfernt liegt, steht eine Kirche, die anders ist, als alle anderen Gotteshäuser in dieser Stadt. Die Kirche der Stille. 

Feste Sitzreihen sucht man vergebens, Stühle gibt es nur vereinzelt. Menschen sitzen meist auf Kissen oder Meditationsbänken. 

Gottesdienste, wie man sie kennt, gibt es hier nicht. Dafür Meditationen, gemeinschaftliches Innehalten, Gebete und Breathwork. 

Gegensätze – sie ziehen sich durch Werners Leben. Aufgewachsen in Süddeutschland mit einer gläubigen Mutter und einem kirchenkritischen Vater. Der junge Ulf – ein Punk und Rebell mit viel Wut im Bauch – landet mit 16 auf einem evangelischen Internat. Die Musik ist seine erste große Liebe. Und vor allem ein Ventil für seine Wut. 

Die Gottesmomente, die er damals allerdings noch nicht so bezeichnete, erlebte er schon als Jugendlicher. 

Ein inneres Ziehen, ein ganz klarer Gedanke

In der Hoffnung, eine Antwort zu finden, was genau hinter diesen magischen, übersinnlichen Erfahrungen steckt, begann er in Tübingen ein Theologie-Studium. Das Examen bestand er nicht, eine Wiederholung war für Werner (vorerst) ausgeschlossen. Er zog nach Hamburg, jobbte als Barkeeper, auf einer Skatebahn, schloss sich Rantanplan an, ging wieder weg aus Hamburg, arbeitete auf einem Bio-Bauernhof bei Kassel. Er hatte sich gerade einen kleinen Bauwagen gekauft und wollte „ein bisschen zurückgezogen leben“, als er eine Art Eingebung hatte. Ein inneres Ziehen, ein ganz klarer Gedanke, der ihm sagte: nimm noch einmal einen zweiten Anlauf, mach das Examen!

Und so beendete Werner sein Eremiten-Dasein noch bevor es richtig begonnen hatte, verließ Hessen und zog zurück in die Hansestadt. Er bestand das Theologie-Examen und begann sein Vikariat. 

Für das allerdings musste er nach Husum. Erneut verließ er also die große, laute, pulsierende Metropole und lebte fortan in einem kleinen, beschaulichen Örtchen an der Nordsee. Im Anschluss aber ging es zurück nach Hamburg. Er heiratete, wurde Vater von Zwillingen und arbeitete in der Gemeinde Meiendorf-Oldenfelde in Volksdorf.

Die Kirche der Stille und die so ganz andere Art Gott nahe zu sein und ihn zu feiern, faszinierte ihn schon während dieser Zeit. „Ich hatte mich dort auch mal auf eine Stelle beworben“ erzählt Werner. „Jedoch habe ich die Bewerbung aus familiären Gründen wieder zurückgezogen – ein Umzug passte zu der Zeit nicht. Meine Kinder waren im Kindergarten, einen Wechsel wollten wir nicht.“

Zufall oder Schicksal? 

Genau dann, als sich die Kindergarten-Zeit seiner Zwillinge dem Ende neigte, kam die Gemeinde Altona Ost – zu der die Kirche der Stille gehört – auf ihn zu und bot ihm eine Stelle an. „Und jetzt bin ich seit rund einem Jahr hier.“ 

Wie jeder andere Pastor, leitet Werner in der Gemeinde auch normale Gottesdienste, tauft, verheiratet und beerdigt. Bei seiner Arbeit als Pastor begegnet Werner mitunter einem Gefühl, das er von seiner Arbeit als Musiker gut kennt: Dem Lampenfieber. 

„Wobei ich das nicht als negativ empfinde“, so Werner. „Das ist eher ein Kribbeln, eine Vorfreude.“ Er wirkt nachdenklich. Hält kurz inne. Dann sagt er: „Unangenehm ist eher eine spezielle Angst. Die vor dem leeren Club.“ Er erklärt: „Natürlich hast du als Musiker – insbesondere in deiner Anfangszeit – Sorge, dass nicht viele Leute kommen, dass die Reihen vor der Bühne leer bleiben. Und ehrlicherweise habe ich diese Sorge manchmal vor Gottesdiensten.“ 

„Wir müssen den Menschen zuhören.“

Es ist Realität. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, immer weniger treten ein. Abfinden will und werde sich Werner damit aber nie. „Es gibt so viele Möglichkeiten, wie wir Kirche attraktiv machen können. Wir müssen den Menschen zuhören. Was wünschen sie sich? Was brauchen sie? Und dann vielleicht auch mal mutig sein und ungewöhnliche Dinge ausprobieren.“ 

Alles andere als gewöhnlich – im positivsten Sinn – ist Ulf Werner, der sich übrigens nebenbei auch noch zum Mediator und zum Sexual- und Körpertherapeuten ausbilden ließ. Und natürlich auch weiterhin mit seiner Band durch Deutschland tourt. 

„Heute Nacht sind wir die, die das Glück gepachtet haben
und ich wünschte, all das würd ewig so weitergeh’n“

Deutschland. Ein Club irgendwo in der Republik. Die Luft ist stickig.  Die Musik aus den Boxen dröhnend laut.

„Zieh die aufgehende Sonne an Fäden zurück
weit unter den Horizont, dem sie entkommt
die Nacht darf nie vergehn!“

Hunderte Menschen vor der Bühne reißen die Hände in die Höhe. Im Takt der Musik bewegt sich die Menge. Sie tanzt. Sie springt.

„Und ich fürchte den faden Geschmack, der entsteht,
wenn die Welt nach uns greift und uns einholt mit ihrer Zeit.“*

 Zum Song *Rantanplan – Fass die Uhr nicht an geht es hier 

Die Kirche der Stille ist ein besonderer Ort für Stille, Meditation und spirituelle Vertiefung. Einen Überblick über spirituelle Themen, Texte und Angebote in Hamburg finden sich hier.

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