Weihnachten

Darum feiern wir dieses Fest

Ein Sternenhimmel mit einem Icon im Vordergrund

Gott kommt in die Welt. Und dann ist Weihnachten.

Weihnachten ist mehr als ein Fest und mehr als eine Erinnerung. Zwischen Geschichte, Erzählung und Gegenwart steht eine Behauptung im Raum: Gott kommt in die Welt. Und das hat Folgen. Teil unserer Reihe „theologisch betrachtet“.

Eine Zeit. Ein Fest. Eine Behauptung.

Weihnachten steht vor der Tür. Die Geschenke sind gekauft, der Kalender ist voll, die Nerven ein wenig dünner. Zwischen Glühwein, Terminen und letzten Erledigungen zeigt sich dabei auch etwas Merkwürdiges: Dieses Fest, das so viel organisiert, konsumiert und getaktet wird, behauptet zugleich, einen religiösen Kern zu haben. Drei Worte bringen diese Behauptung auf den Punkt: Gott wird Mensch. Ein Satz, bei dem man unwillkürlich nach einem Anfang sucht – und schnell merkt, dass es ihn so eindeutig nicht gibt. Also beginnt man dort, wo Anfänge gewöhnlich verortet werden: in der Geschichte. 

Wo man zu beginnen versucht

Alles begann vor etwas mehr als 2025 Jahren. Wenn wir Fünfe gerade sein lassen. Und das sollte genau an Weihnachten auch einmal erlaubt sein. Zumal das Datum mehr Symbol als historischer Fakt ist, denn die Bibel nennt kein Geburtsdatum Jesu. Der 25. Dezember ist eine spätere kirchliche Festlegung, vermutlich nicht zufällig in Nachbarschaft zu römischen Sonnenfesten. Gefeiert wurde damals der Gott Sol Invictus, der „unbesiegbare Sonnengott“, dessen Fest mit der Wintersonnenwende und der Rückkehr des Lichts verbunden war.  Dass die Geburt Jesu auf dieses Datum fiel, zeigt weniger einen unmittelbaren historischen Zusammenhang als eine Verschiebung religiöser Deutung: Bestehende Bilder werden neu erzählt, alte Motive anders gefüllt.

Ein kurzer Blick in die historische Forschung zeigt: Über die Geburt Jesu lässt sich nur sehr grob sprechen. Er wurde zur Zeit des Kaisers Augustus geboren, in einer von römischer Besatzung geprägten Region, vermutlich einige Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Mehr ist historisch kaum zu sichern. 

Nicht nur eine Geschichte

Auffällig ist, dass nur zwei der vier Evangelien überhaupt von der Geburt Jesu erzählen – Matthäus und Lukas. Und sie tun es auf unterschiedliche Weise. Matthäus erzählt von Macht und Bedrohung, von Herodes, Flucht und Gefahr. Lukas richtet den Blick auf das Alltägliche: auf Wege, Herbergen, eine Geburt am Rand der Gesellschaft. Nicht, weil einer der beiden es besser wusste, sondern weil man sehr gezielt erzählen wollte.

Und wenn wir schon historisch genau hinschauen, gehört auch der Stall, der heute als selbstverständlich gilt, nicht zu den gesicherten Fakten – von denen es ohnehin wenige gibt. Er ist das Ergebnis einer Deutungstradition. In der späteren Darstellung ist es vor allem ein vertrauter, anschaulicher Stall, der uns um Weihnachten herum immer wieder begegnet. An seinem biblischen Ursprung markiert er jedoch vor allem einen ungewöhnlichen Ort, weil er nicht zu den vorgesehenen Räumen gehört, in denen man eine Geburt – geschweige denn eine bedeutende – verorten würde.

Mehr als Fakten und worum es wirklich geht

Der Theologe Rudolf Bultmann hat einmal gesagt, das historisch Gesicherte über Jesus passe auf eine Postkarte. Gemeint ist damit keine Abwertung, sondern eine Verschiebung: Der christliche Glaube hängt nicht an möglichst vielen historischen Details, sondern an der Bedeutung dessen, was erzählt wird. Weihnachten setzt nicht auf historische Genauigkeiten. Das leuchtet spätestens beim Weihnachtsmann ein, aber auch darüber hinaus: Zeit wird nicht genutzt, sondern verbracht. Man hält an Praktiken und Ritualen fest, die sich nicht rechnen müssen. Nicht alles braucht einen hinreichenden Grund, um zu gelten.

Genau so setzt der Johannesprolog an. Er verdichtet alles auf einen Satz: „Das Wort ist Fleisch geworden.“

So abstrakt, so gut. Weder zu beweisen noch zu widerlegen. Noch ein kurzer Blick ins Detail: Das griechische sarx, das hier mit „Fleisch“ übersetzt wird, meint nicht nur Körperlichkeit, sondern Endlichkeit, Verletzlichkeit, Sterblichkeit. Leibsein unter Bedingungen von Zeit, Schmerz und Tod. Gott ist nicht nur eine Idee, ein letztes Prinzip: Gott wird Mensch. Mit allem, was dazugehört, könnte man sagen – wobei auch das, ähnlich wie das Geburtsjahr Jesu, ein Streitthema ist. Aber das ist ein Thema für ein anderes Mal. 

Warum es trotzdem einen Anfang gibt

Das Johannesevangelium übersetzt diese Zuspitzung sofort in ein Bild: Licht und Finsternis. „Und das Licht scheint in der Finsternis“.

Das Licht erscheint hier nicht dort, wo ohnehin schon alles erkennbar ist. Gemeint ist kein historischer Sonderfall, kein „damals war es eben besonders finster“, sondern die nüchterne Einsicht, dass das Leben sich nicht unter idealen Voraussetzungen vollzieht. Es vollzieht sich unter Bedingungen von Begrenzung, Verletzlichkeit und Ungewissheit. Das Kommen Gottes in die Welt setzt nicht bei einer heilen Wirklichkeit an, sondern bei einer, die auf sein Kommen angewiesen ist.

Auch der Stall, wie er in der Tradition erzählt wird, ist ja eigentlich kein idyllischer Ort. Er knüpft an dieses Bild der Finsternis an. Er markiert keinen Gegenentwurf, sondern die Grenze dessen, was Wirklichkeit aushält: Einen Ort, an dem das Nötigste gerade noch möglich ist, an dem Leben Platz findet, aber ohne Absicherung, randständig, ohne Idealbedingungen. 

Wo Macht keine Rolle spielt

Und Gott tritt hier nicht als Herrscher auf, sondern als Kind – abhängig, verletzlich, ohne Schutz. Nüchtern betrachtet: keine überzeugende Ausgangslage für religiöse Autorität.

Ein Kind steht für Abhängigkeit und Verletzlichkeit. Wer Gott hier sucht, findet keine Macht und keine letzte Erklärung, sondern eine Gegenwart,  die auf Leben angewiesen ist. Gott zeigt sich nicht nur im Miteinander – und nicht anders.

Wo mehr als einer ist

Ich habe im Laufe meines Studiums viel Zeit damit verbracht, diesen Gedanken verstehen zu wollen – um irgendwann, teils ironisch, teils bitterernst, an den Punkt zu kommen, zu fragen, was „Verstehen“ hier eigentlich heißt. Gott ist Gott, gerade weil er nicht Mensch ist – das macht ja einen Gott zum Gott, oder? Aber als Mensch? Als ein Neugeborenes? Und doch soll sich gerade darin zeigen, wie Gott wirklich ist. Gott nicht als ein Prinzip oder als eine abstrakte Idee. Weihnachten behauptet nicht weniger, als dass Gott sich in der Welt zeigt – und nicht außerhalb von ihr gesucht werden muss. Die Welt ist kein Ort ohne Gott – auch nicht in ihrer Unvollkommenheit.  

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Heute ist Weihnachten längst zu einem Familienfest geworden, das mit hohen Erwartungen aufgeladen ist. Für viele ist das ein Ort von Nähe, für andere von Druck, für manche auch von Ausschluss.

Umso wichtiger ist, noch einmal bewusst darauf zu schauen, worauf dieses Fest eigentlich zielt: nicht auf das Gelingen familiärer Formen, sondern auf Gegenwart. Darauf, dass Leben geteilt wird, auch ohne, dass alles vollkommen ist.  

Weihnachten besteht nicht auf eine bestimmte Ordnung. Es besteht aber darauf, dass Gott bei uns bleibt. Und darum feiern wir dieses Fest. 

theologisch betrachtet

Theologische Referentin Lale Raun

Lale Stella Raun ist Diplom-Theologin und Kommunikationsreferentin für Kirche Hamburg. In “theologisch betrachtet” schreibt sie über Phänomene aus Alltag, Religion und Kultur, die sie aus spirituell-akademischer Perspektive deutet.

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