08.01.2026
Caring Communities

Wie Kirche in Hamburg Seelsorgenetzwerke aufbaut

Pastorin Melanie Kirschstein

Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Wir alle kennen das Gefühl von Einsamkeit, doch nur wenige wissen sich und anderen aktiv zu helfen. Hier setzen „Caring Communities – sorgende Gemeinschaften“ an. Wir sprachen mit Pastorin Melanie Kirschstein, die solche Netzwerke mitaufbaut.

Von Christian Schierwagen

Einsamkeit und seelische Not sind für die meisten Menschen in Deutschland sehr reale Gefühle, wie nicht zuletzt eine Studie aus Baden-Württemberg festgestellt hat – unabhängig davon, ob sie alt oder jung sind. „In meiner Arbeit spüre ich eine große Vereinsamung, eine Art Mutlosigkeit und Ohnmacht – die Seele ist bedrückt“, sagt Pastorin Melanie Kirschstein im Interview. Sie ist Teil des Projekts „MitMenschen unterwegs“, ein Angebot im Rahmen von „ZusammenWir! – Netzwerk Seelsorge Nachbarschaft“ der Evangelischen Kirche in Hamburg. Das Ziel von Melanie Kirschstein und ihren Kolleg*innen: der Aufbau sogenannter „Caring Communities“, also sorgender Gemeinschaften.

Die Idee: Vor Ort wird eine Gruppe von Menschen in einem Seelsorge-Basiskurs ausgebildet und ermutigt, sich füreinander und miteinander zu engagieren. Ein Unterschied zur klassischen Seelsorge: Im Zentrum steht das Etablieren einer sorgenden Nachbarschaft, in der jede Person hilfs- und helfensbedürftig ist. Wir sprachen mit der Pastorin über die Bedeutung solcher Angebote für die Gesellschaft – und warum der Kurs uns alle anspricht.
 

„Immer mehr kommen zu mir, weil sie vor allem eins sind: allein“

Christian Schierwagen: Frau Kirschstein, was motiviert Sie, sich für Caring Communities und seelsorgende Strukturen in Hamburg einzusetzen?

Pastorin Melanie Kirschstein: Einsamkeit ist ein Riesenthema in unserer Gesellschaft: Studien zeigen, dass Einsamkeit nicht nur traurig macht, sondern auch krank. Sie ist ein Schmerz, der unseren Blutdruck steigen lässt, Angst und Schlafstörungen zu Folge hat. Deswegen ist es für uns als Gesellschaft auch existenziell wichtig – seelisch wie körperlich – miteinander „mitmenschlich“ unterwegs zu sein.

Schierwagen: Inwiefern bemerken Sie konkret in Ihrem Arbeitsalltag, dass die Einsamkeit in Hamburg steigt?

Kirschstein: Seit knapp zwei Jahren gibt es das Kompetenznetz Einsamkeit der Bundesregierung (KNE). Da sehen wir, wie weltweit die Einsamkeit wächst – in Europa und Deutschland besonders stark. Ich selbst merke es in meiner Seelsorgearbeit, bei den Gemeinden, den Menschen. Immer mehr kommen zu mir, sowohl in die Fortbildung als auch in die Beratung, die vor allem eins sind: allein.

Schierwagen: Wie erleben Sie in Ihrer Arbeit als Seelsorgerin Trost und welche Erfahrungen prägen Ihre Haltung zu diesem Thema?

Kirschstein: Trost ist eine Spielform der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der Mitmenschlichkeit. Unsere Gesellschaft will von uns als Individuum vor allem, dass wir ein Bild nach außen tragen, nachdem alles super ist und funktioniert. Dass das nicht immer so ist, ist völlig normal: Wir werden krank, unsere lieben werden krank, wir stecken in einer Krise, privat oder beruflich. Trauer, Verletzlichkeit und Brüche gehören zum Leben einfach dazu.

In diesem Kontext heißt Trost für mich, dass man liebevolle Räume hat, in denen man sein darf, wie man ist und nicht so tun muss, als sei alles in Ordnung. Wir merken es doch selbst, wenn andere uns ihr Leid klagen: Dieser Mensch ist auch nicht immer nur gut gelaunt und vielleicht haben wir beide gerade etwas Schweres zu tragen, eine Krise zu bewältigen. Es ist so wertvoll, zu merken: Es geht uns allen so. Jede und jeder braucht mal Trost. Jemanden, der zuhört und mitfühlt und einfach liebevoll und wohlwollend da ist. Und man tröstet sich am besten gegenseitig.
 

„Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt, ist ein urchristliches Gemeindebild“

Schierwagen: Apropos gegenseitiges Trösten: Was unterscheidet „MitMenschen unterwegs“ von klassischer Gemeindeseelsorge?

Kirschstein: Der Fokus liegt auf der Caring Community, also der sorgenden Gemeinschaft. In der klassischen Seelsorge gehen Sie zu einer ausgebildeten Person und haben jemanden, der zuhört. Bei unseren Fortbildungen geht es mehr darum, eine Gemeinschaft aufzubauen, die sich gegenseitig stützt, im Grunde ein urchristliches Gemeindebild. 

Kirche bedeutet nicht, dass da jemand von oben Ansagen macht, weil er es besser weiß – wie früher der Pastor von der Kanzel. Eigentlich geht es um Gemeinschaft. Bei uns finden bis zu 20 Menschen in einem Kurs zusammen. Es wächst so etwas wie „gebildete Mitmenschlichkeit“ und sorgende Gemeinschaft. Wir sprechen hier offen miteinander, tun nicht so, als wäre alles wundervoll, sondern sind ehrlich und authentisch und stehen uns gegenseitig bei.

Schierwagen: Welche besonderen Momente haben Sie im Austausch mit Teilnehmenden erlebt?

Kirschstein: Weil wir in sehr kurzer Zeit sehr offen und persönlich als Gruppe im Gespräch sind, gibt es so viele berührende Momente und Begegnungen. Was mich in meiner Arbeit regelmäßig bestätigt, ist, wenn die Menschen nach ungefähr drei Treffen erstaunt bemerken, wie offen alle miteinander sind, wo man sich kürzlich doch noch so fremd war – als wäre man schon seit Jahren miteinander befreundet. Diese Kultur mitmenschlicher, ehrlicher Nähe – das verwandelt die Stimmung in den Kursen und die Menschen.
 

„Mir ist, als würde mein Herz aufgehen“

Schierwagen: Im Gespräch meinten Sie, es gebe weit mehr Frauen als Männer in Ihren Kursen, haben Sie eine Theorie, warum das so ist?

Kirschstein: Klassische Rollenbilder sind in unserer Gesellschaft noch sehr präsent, Frauen sind demnach emotional und kümmernd. Vielen Männern gelingt es schlechter, mit ihrer weicheren Seite oder mit Lebensbrüchen umzugehen. Das ist im Grunde furchtbar, wenn man beispielsweise in die Politik schaut. Mitgefühl etwa für Schwächere, ein Gespür für Menschenwürde und Verletzlichkeit, Mitmenschlichkeit statt Machtstreben – solche Werte sind wichtig gerade in Umbruchszeiten. 

Ich wünsche mir, dass sich mehr Männer mutig in die Kurse trauen und Mitgefühl nicht den Frauen überlassen. Für Manche ist die Fortbildung eine „Schule des Fühlens“. Einmal meinte ein Teilnehmer der Seelsorgeausbildung zu mir: „Mir ist, als würde mein Herz aufgehen.“ ‚Wie wundervoll ist das?‘

Schierwagen: Welche Botschaft möchten Sie Menschen vermitteln, die auf der Suche nach Trost oder Gemeinschaft sind?

Kirschstein: Nimm dich und deine Emotionen ernst. Nimm dir Zeit darüber nachdenken, wie es dir wirklich geht. Nimm dein Empfinden wahr und schau ehrlich, wonach du dich sehnst – vielleicht kannst du mit der Zeit lernen, offener mit dieser inneren Sehnsucht umzugehen. Geh hinaus damit, nutze die Möglichkeiten. Eine davon ist unser Angebot – um Nähe zu erfahren, zu üben und weiterzugeben.

 

MITEINANDER UNTERWEGS! – Jahreskurs für Menschen, die sich seelsorglich engagieren möchten

MITMENSCHEN UNTERWEGS – Basiskurs im Quartier für alle, die eine sorgende Nachbarschaft stärken wollen

  • Konkrete Termine werden jeweils für einzelne Kursreihen veröffentlicht; die Anmeldung läuft direkt über Pastorin Melanie Kirschstein (Telefon: 0176 2323 8138 / Mail: melanie.kirschstein@kirchenkreis-hhsh.de
  • Wenn im eigenen Sozialraum noch kein Kurs angekündigt ist, können Sie sich trotzdem bei Melanie Kirschstein melden, Interesse signalisieren oder eine „MitMenschen unterwegs“-Community anregen; dann wird ein Kurs gemeinsam vor Ort geplant
  • Weitere Informationen finden Sie unter www.zusammenwir.de
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