08.01.2026
Perspektivwechsel

Wie Geflüchtete in Hamburg zu starken Ehrenamtlichen werden

Aurelius Mercado (r.) mit Freiwilligen in den Boberger Dünen zum Müllsammeln.

Gemeinsam stark

Im WillkommensKulturHaus in Hamburg-Ottensen unterstützt das Projekt „Gemeinsam Stark – Geflüchtete ins Ehrenamt“ Menschen dabei, ihre Erfahrungen und Talente sichtbar zu machen – und verändert so das Bild von Flucht und Engagement.

Von Christian Schierwagen

„Das Narrativ um geflüchtete Menschen stellt sie vor allem als hilfebedürftig dar – das wollen wir hinterfragen“, erklärt Aurelius Mercado im Gespräch. Er leitet das Projekt „Gemeinsam Stark – Geflüchtete ins Ehrenamt“ und will zusammen mit seinen Kolleg*innen im WillkommensKulturHaus (WKH) in Hamburg-Ottensen nicht nur mit Vorurteilen aufräumen. Vor allem, so der gebürtige Nicaraguaner, gehe es darum, mit dem Projekt eine Brücke zu sein, die es den geflüchteten Menschen erlaubt, ihre vielfältigen Talente sichtbar zu machen und einzubringen.

Eine Brücke für die Menschen

„Gesellschaftlich stehen geflüchtete Menschen häufig in der Rolle derjenigen, die etwas brauchen und denen geholfen werden muss“, sagt Mercado, „doch aus der Erfahrung wissen wir, dass sie viele wertvolle Erfahrungen, Kenntnisse und Talente mitbringen, die sie einbringen möchten“.

Doch was viele geflüchtete Menschen vor allem erleben, wenn sie in Deutschland ankommen, sind Hürden: sprachliche Barrieren, ein fehlendes soziales Umfeld, ein komplexes System, vor dem sie oft alleinstehen. „Viele kennen weder Organisationen noch Personen, die sich mit den Systemen in Deutschland und speziell Hamburg auskennen“.

Auch hier setzt das Projekt sowie das gesamte WKH mit seinen über 100 ehrenamtlichen Mitarbeitenden an: In Deutschkursen und dem Sprech-Café vermitteln die Ehrenamtlichen nicht nur Grammatik, sondern auch viel über die Kultur und den Alltag in Deutschland; sie liefern die „Theorie“, wie der Leiter umschreibt. Im Ehrenamt können die Menschen dann ihre Deutschkenntnisse und ihr Wissen praktisch anwenden und aus der Rolle der Lernenden in die Rolle aktiver Nachbar*innen wechseln.

Wenn Talente endlich gesehen werden

Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten, denn allzu oft werden die Stärken und Talente sowie vorhandene Expertise geflüchteter Menschen nicht genutzt, geschweige denn gesehen – eine Erfahrung, die auch Mercado machen musste. „Nach meiner Ankunft in Deutschland war es sehr schwierig für mich, die erste Zeit war von Depressionen geprägt. Ich habe über 20 Jahre Berufserfahrung in internationalen Organisationen, in Deutschland saß ich dann in einem Camp und hatte das Gefühl, mir bleibt außer abzuwarten nicht viel“.

Der Wunsch nach Zugehörigkeit, das Ausbrechen aus dem passiven Asylsystem – ebenso wie der Erwerb von Referenzen für den eigenen Lebenslauf – sind für viele geflüchtete Menschen im WKH die Motivation für ein Ehrenamt. Und das Projekt funktioniert, wie die Geschichte einer Frau aus Syrien zeigt: Sie fiel im Haus auf, weil sie sich stark bei den wöchentlichen Veranstaltungen engagierte. Im Gespräch mit Mercado stellte sich heraus, dass sie umfangreiche Erfahrungen in internationalen Organisationen sowie mehrere Studienabschlüsse hatte. Nun ist sie im Vorstand eines Flüchtlingsrats. „So eine Geschichte zeigt mir, wie wichtig unsere Arbeit hier ist“.

Begegnungsort, Begleitung – und ein Zuhause

Das Projekt „Gemeinsam stark“ läuft im ersten Jahr, Mercado und sein Team sind noch dabei, wichtige Prozesse festzulegen. „Unser Ziel ist es, eine Begleitung anzubieten, bei der geflüchtete Menschen die Systeme in Hamburg besser verstehen, bürokratische Prozesse bewältigen und Unterstützung im Umgang mit ihrer individuellen Situation erhalten“.

Interessierte an ehrenamtlichen Tätigkeiten sind jederzeit im WKH willkommen. Der erste Kontakt ergibt sich entweder über die Deutschkurse, das Sprech-Café, eine der vielen anderen offenen Angebote oder ganz direkt per E-Mail und Telefon. Auch über eine WhatsApp-Gruppe wird aktiv kommuniziert, damit das Team des WKH auf möglichst vielen Wegen erreichbar ist.

„Begegnung, Empowerment, Zuhause – das sind für mich die drei Worte, die das WillkommensKulturHaus am besten beschreiben. Hier entsteht etwas, was das Leben aller positiv verändert – egal, aus welchem Land man kommt“.

Das Projekt „Gemeinsam Stark“ wird mit freundlicher finanzieller Unterstützung der Deutschen Fernsehlotterie sowie weiterer Organisationen ermöglicht.

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