21.01.2026
Stille

Kirche der Stille in Altona: Ein Raum, der atmen lässt

Die Kirche der Stille in Altona

„Ich gehe hier verändert raus“

Mitten in Altona öffnet sich ein Raum, in dem es still wird – außen wie innen. In der Kirche der Stille können Menschen Schuhe und Alltag ablegen, weinen, schweigen, atmen. Hier finden sie einen Ort, an dem Fragen, Sehnsucht und Glaube Platz haben.

Von Christian Schierwagen

Wer an der Max-Brauer-Allee steht, mag sich kaum vorstellen, dass keine drei Fußminuten entfernt ein Ort der Ruhe auf Hamburger*innen wartet. Beim Einbiegen in den Helenenstieg wird es mit jedem Schritt zum gelb-roten Ziegelbau stiller. Man kommt an. Man atmet.

Auf den ersten Blick sieht die Kirche der Stille in Hamburg-Altona aus wie viele andere Kirchen der Stadt – doch kaum durchschreitet man die Tür, zeigen sich die ersten Unterschiede. Links steht ein schlichtes Holzregal mit abgestellten Schuhen – die stille Botschaft: Schuhe bitte hier ausziehen. In der Garderobe daneben hängen Jacken, Wertgegenstände kommen in Spinde.

Wer den nächsten Raum betritt, läuft erst einmal vor eine Wand. „Diese Wand wurde gezogen, damit Menschen nicht direkt im Raum landen, sondern bewusst um sie herumgehen und den Alltag draußen lassen“, erklärt Pastorin Laura Koch-Pauka.
 

Vom Kirchraum zur Kirche der Stille

Vor gut 20 Jahren sah es hier noch aus wie in vielen anderen evangelisch-lutherischen Kirchen – früher hieß der Bau Christophoruskirche. Die damalige Pastorin Irmgard Nauck und eine Gruppe engagierter Frauen entwickelten die Idee, den Ort grundlegend neu zu gestalten.

Es gibt keine festen Reihen, Stühle kommen und gehen, meist sitzen die Menschen auf Kissen oder Meditationsbänken. Die Wände sind bewusst schlicht und weiß, die Kirchenfenster abgehangen: Nichts soll ablenken, alles in dem Raum soll ins Innere führen. In der Raummitte liegt ein Oktogon, unter einer Metallhalterung sind Segenssprüche gesammelt. „Als der Umbauprozess abgeschlossen war, haben alle, die an der Grundsteinlegung der Kirche der Stille beteiligt waren, einen Segensspruch für diesen Ort aufgeschrieben“, sagt die Pastorin. 

Jeder Mensch, der hier wirkt, ist eingeladen, es ihnen gleichzutun – so auch Laura Koch-Pauka und ihr Kollege, Pastor Ulf Werner. Die beiden zeigen mit sichtbarem Stolz den Raum – und erzählen von einer Gesellschaft, die sich nach etwas sehnt, das Konsum und Selbstoptimierung nicht geben können.
 

Sehnsucht nach Langsamkeit und Beziehung

Pastorin Laura Koch-Pauka in der Kirche der Stille

Beide füllen das pastorale Amt mit je einer halben Stelle. Und beide wissen darum, welche enorme Kraft stille Momente im Leben haben können. „Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Langsamkeit, sie wollen aus diesem Strudel ihres Alltags ausbrechen und einfach mal zur Ruhe kommen“, beschreibt Pastorin Koch-Pauka ihre Erfahrungen mit Besuchenden der Kirche. „Gleichzeitig wünschen sie sich Beziehungen“, ergänzt Pastor Werner. „Das betrifft nicht nur Beziehungen in Partnerschaften, sondern auch die Beziehung zu sich selbst, diesem Wunsch begegnen wir häufig in Seelsorgegesprächen.“

In einer schnellen, reizvollen Welt scheint oft wenig Zeit für Einkehr, Ruhe und Mitmenschlichkeit zu bleiben. „Die Menschen kommen rein und spüren, dass hier ein Ort ist, wo sie ihre Emotionen ausleben dürfen. Wo sie weinen dürfen“, sagt Pastor Werner. Koch-Pauka erinnert sich: „Einmal blieb eine Person nach einer Meditation einfach bei jemandem sitzen, der vor Trauer nicht mehr aufstehen konnte und bitterlich weinte. Irgendwann merkte ich: Die beiden kannten sich gar nicht. Ein Mensch blieb einfach, weil er sah, dass hier jemand gebraucht wird.“

Ein sicherer Raum für starke Gefühle

Die Kirche der Stille ist ein Raum, in dem jeder Mensch mit seinen Emotionen sein darf. Viele Besuchende erleben ihn als geschützten Ort, als eine Art sicherer Raum.

Manchmal komme es sogar vor, dass sich die Menschen beim Verlassen noch einmal verneigen – nicht etwa vor den pastoralen Personen, sondern explizit vor dem Raum. „Ihnen ist dieser Raum in irgendeiner Form in diesem Moment heilig – und das finde ich wundervoll“, sagt Pastor Werner.

„Wenn die Menschen den Raum nach einer Veranstaltung wieder verlassen, nachdem sie vielleicht zum ersten Mal hier waren, dann berührt es mich, wenn sie mir sagen: ‚Ich gehe hier verändert raus.‘ Das ist das Schönste, was passieren kann“, ergänzt seine Kollegin. 
 

Interspirituelle Gemeinschaft in der Stille

Pastor Ulf Werner in der Kirche der Stille

Gemeinsames Schweigen, Meditation, Klangschalen, Konzerte und Lesungen – die Veranstaltungen in der Kirche der Stille sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie besuchen. „Man kann es auch interspirituellen Dialog nennen: Hierher kommen auch Menschen, die vielleicht gar nichts mit Kirche am Hut haben, aber die Sehnsucht nach den großen Fragen des Lebens spüren und genauso willkommen sind wie Hochverbundene“, sagt Ulf Werner.

Das Wichtigste ist, dass alles, was hier getan wird, gemeinsam getan wird. „Wir sind alle Teil eines Ganzen und das trägt auch zu dem Gefühl bei, das die Menschen hier verspüren“, erklärt der Pastor. „Dieser Ort hier ist die Essenz dessen, was die Evangelische Kirche ausmacht. Wir sind hier alle auf Augenhöhe, hier spricht niemand von der Kanzel, wir alle erfahren gemeinsam göttliche Momente.“ 

Stille lernen – Schritt für Schritt

Stille wird nicht von allen positiv bewertet, manche halten sie kaum aus – gerade diesen Menschen raten beide, zumindest das kurze Meditationsformat in der Kirche der Stille auszuprobieren. „Natürlich kommt es bei jedem Menschen auf Ort und Zeit an, wir sind nicht immer in der Verfassung für Stille und Einkehr. Aber wer sagt: ‚Ich habe keine Zeit‘, kann einmal ehrlich schauen, wie viel Zeit für Instagram, Netflix und Co. draufgeht“, sagt die Pastorin. Es sei eben auch eine Sache der Priorität – und der Übung.

Denn Stille lässt sich wie vieles andere lernen, sagen die beiden. „Es ist okay, wenn es schwerfällt, vor allem zu Anfang. Das geht allen so“, sagt Ulf Werner. 

Kirche der Stille in Hamburg-Altona

  • Adresse: Kirche der Stille, Helenenstraße 14 A, 22765 Hamburg-Altona.
  • Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag, 12–18 Uhr (offener Raum der Stille).
  • Tägliches Angebot: „Atempause vor dem Abend“ – angeleitete stille Zeit von 18–18:30 Uhr (werktags).
  • Angebote (Auswahl): Meditation, Zen – Sitzen in Kraft und Stille, Herzensgebet, Soul Motio und Tage der Stille.
  • Mehr Infos und alle Termine: auf der Webseite der Kirche der Stille.
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