09.03.2026
theologisch betrachtet

Eva: nicht als Frau geboren – sondern dazu gemacht

Eva: nicht als Frau geboren – sondern dazu gemacht

Die Bibel erzählt vom Anfang der Menschheit. Doch die Geschichte von Eva, wie wir sie kennen, entstand erst in ihrer Auslegung. Ein Blick darauf, wie aus einer kurzen Szene ein kulturelles Bild von Weiblichkeit wurde. 

„Man wird nicht als Frau geboren – man wird dazu gemacht.“ Dieser Satz, von der französischen Philosophin Simone de Beauvoir gehört zu den wirkungsmächtigsten Sätzen moderner Geschlechterdebatten. Die zentrale These: Weiblichkeit ist nicht nur Natur, sondern auch und vor allem ein kulturelles Projekt. Frausein also, ist nicht etwas unveränderliches, biologisch Festgelegtes, sondern bestimmt durch Erwartungen, Zuschreibungen, Erziehung. Und über solche Erwartungen und Zuschreibungen wird gestritten.

Man sieht es im Kalender: Weltfrauentag, Equal Pay Day oder der Weltgebetstag.

Unterschiedliche Anlässe, die ein gemeinsamer Impuls eint: Frauen sichtbar zu machen und Gleichstellung zwischen Mann und Frau einzufordern. Dabei könnte man meinen, dass diese Gleichheit längst festgeschrieben ist. Denn folgt man einem der wirkmächtigsten kulturellen Dokumente – der Bibel – so steht dort, gleich zu Beginn: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (Gen 1,27). Also: Gleichursprünglich, gleichwertig, ebenbürtig.

Doch die Realität zeigt sich häufig anders. Also nochmals zurück zu den Anfängen. 

Der Anfang, den niemand erinnert

Wie es mit Anfängen ist: Sie entziehen sich oft der genauen Erinnerung. Man versuche nur einmal, sich an die ersten Jahre des eigenen Lebens zu erinnern. Wie war der erste Atemzug? Wer war ich, bevor ich zu dem geworden bin, der ich heute bin? Bevor Erwartungen, Erziehung und Zuschreibungen begannen, eine Gestalt aus mir zu formen?

Weil wir unsere eigenen Anfänge nicht erinnern können, erzählen Kulturen Geschichten davon, um zu erzählen, woher wir kommen und wer wir sind. Die biblischen Schöpfungserzählungen gehören zu den bekanntesten dieser Ursprungsnarrative.

Überschrift: Von der Kunst, Anfänge zu erzählen

Anfänge zu erzählen ist ein ambitioniertes Unternehmen – so ambitioniert, dass eine einzige Geschichte offenbar nicht ausreicht. Und so haben wir in der Bibel auch gleich zwei Erzählungen zur Schöpfung. Heißt es im ersten Schöpfungsbericht noch, dass Mann und Frau im selben Moment geschaffen wurden, erzählt die zweite Erzählung anders – und wird kulturgeschichtlich deutlich prägender, zumindest wenn es um das Verhältnis von Mann und Frau geht.

Gott lässt erst den Mann zum Menschsein erwachen, und lässt dann die Frau – aus seiner Rippe – entstehen. Kurz ist man noch gemeinsam in paradiesartigen Zuständen, verbringt im Garten gemeinsame Zeit. Dann beginnt, was bis heute anhält.

Die Erfindung von Eva

„Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß“ (Gen 3,6).

Wir alle kennen das Bild: die Schlange, die Frau, der Apfel. Eine der prägendsten Szenen der westlichen Kulturgeschichte. Die Frau greift nach der Frucht – und reicht sie an den Mann weiter. Auch er isst. Die Wirkungsgeschichte verdichtet diese Szene zu einer klaren Rollenverteilung: Die Frau ist verführbar, sündigt, verführt Der Mann erscheint dagegen als der Getäuschte. Ihm werden – trotz seiner eigenen Beteiligung – Vernunft und geistige Stärke zugeschrieben, ihr Begehren, Schwäche und moralische Verführbarkeit.

Hier beginnt die Verschiebung zwischen Text und Auslegung. Im ‚Paradiesbericht‘ ist weder ausdrücklich von „Sünde“ die Rede – erst beim Brudermord Kains an Abel fällt dieser Begriff – und noch weniger davon, dass der Mann klüger oder die Frau moralisch schwächer sei. Beide essen von der Frucht. Beide erkennen ihre Nacktheit. Beide müssen den Garten verlassen. Doch nur eine trägt im Nachhinein die Last. 

Es kommt, wie wir es bis heute durchaus noch kennen: Weibliche Sexualität wird besonders misstrauisch betrachtet, Frauen wird häufiger Autorität abgesprochen, und ihre Rolle wird stärker auf Gehorsam, Häuslichkeit und moralische Zurückhaltung festgelegt. In der Auslegungsgeschichte dauerte es nicht lange, bis die „Verführung“ als sexuelle Verführung gelesen wurde. Die Frau erschien nun als besonders empfänglich für das Böse – zugleich als Verführbare und Verführerin.

So entsteht die Figur der Eva – und mit ihr ein ganzes Geflecht von Vorstellungen über Weiblichkeit, Begehren und Schuld. Aus einer kurzen Szene wird eine weitreichende Deutung.

Die Geburt der Erbsünde

Eine der folgenreichsten Deutungen stammt von Augustinus von Hippo (4./5. Jahrhundert). Für ihn wurde die Szene im Garten zum Ursprung der Erbsünde – einer Schuld, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. In seiner Deutung trägt Eva die Verantwortung für diesen ersten Fall, und mit ihm beginnt eine Geschichte, in der menschliche Sexualität zunehmend unter Verdacht gerät.

Die Erbsündenlehre Augustins prägte die christliche Tradition tiefgreifend. Der sexuelle Akt galt selbst in der Ehe als problematisch, weil er von Lust begleitet ist und sich der vollständigen Kontrolle des Willens entzieht. Er konnte nur gerechtfertigt werden, wenn nicht die Lust, sondern der Zweck der Ehe im Vordergrund stand: die Fortpflanzung. Diese Sichtweise blieb nicht ohne Folgen. In abgeschwächter Form prägt sie die kirchliche Sexualmoral bis heute. Sexualität und Sünde rückten eng zusammen, während Liebe und körperliches Begehren voneinander getrennt wurden

Auch Eva wurde nicht einfach geboren – sie wurde gemacht.

Doch zurück zu den Anfängen. Die Geschichte vom sogenannten Sündenfall hat in der christlichen Auslegung viel Unheil über die Frauen gebracht. Dabei gibt es andere Lesarten: Feministische Interpretationen ebenso wie eine nüchterne historische Betrachtung machen darauf aufmerksam, wie groß der Abstand zwischen dem biblischen Text und seiner späteren Deutung ist. Vielleicht lohnt es sich, den Blick noch einmal auf das zu richten, was sonst noch erzählt wird: die Lust an der Erkenntnis, auf menschliche Neugier und auf die Erfahrung, dass Wissen Folgen hat.

Menschen überschreiten Grenzen. Menschen lernen. Menschen müssen mit den Konsequenzen leben. Die entscheidende Frage der Geschichte ist dann nicht mehr: Wer ist schuld? Sondern: wie  können Menschen  mit dem leben, was sie erkannt haben? Denn Erkenntnis verändert den Blick auf sich selbst – und manchmal wird sie damit auch zur Last. Biblische Erzählungen versuchen genau solchen Fragen nachzugehen. Ein ambitioniertes Unternehmen.

Jede Auslegung bleibt dabei eine Übersetzung – eine Übertragung nicht nur von einer Sprache in eine andere, sondern auch von einer Denktradition in eine neue Zeit. Die Paradiesgeschichte bleibt ein literarisches Meisterwerk, das versucht, Ursprünge zu erzählen und menschliche Erfahrungen zu deuten. Kaum eine andere Erzählung hat die westliche Kultur so nachhaltig geprägt.

Und deshalb gilt bis heute: Auch Eva wurde nicht einfach geboren – sie wurde gemacht.

 

Theologische Referentin Lale Raun

Lale Stella Raun ist Diplom-Theologin und Kommunikationsreferentin für Kirche Hamburg. In “theologisch betrachtet” schreibt sie über Phänomene aus Alltag, Religion und Kultur, die sie aus spirituell-akademischer Perspektive deutet.

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